V,17
Gestern sah ich den letzten Gott,
der in Tibur gewohnt, wandern mit Hut und Stab.
Und indem ich noch sinnend stand:
wohin wandert er wohl? kam er auch langsam schon
5 auf mein kleines Sabinum zu.
Sei Herberge gewährt, sprach er, die letzte Nacht
einem scheidenden Menschenfreund.
Lange hielt ich es aus; erst, wie du weißt, in Rom,
dann, als Rom mir zur Hölle ward,
10hier in Tibur; umsonst; denn dieses Tibur auch
steht im 'Zeichen' nun 'des Verkehrs'.
Und er hob seinen Stab: - Hörst du die Hupe dort?
Justament an mein Tempelchen
hat dies rasende Volk, 'Halteplatz' hingemalt;
15 und da tobt es nun Tag und Nacht,
und kein Mensch und kein Gott kommt mehr zu Schlaf und Ruh.
Ganz verloren erschien sein Blick...
Nach Germanien nun, schloß er, begeb ich mich.
Dort haust, mein' ich, ein andrer Schlag,
20Dichter, Träumer, wie du, find sie dort allzumal.
Und so zog er beim Morgengraun
wirklich fort in dies Land, wo, wie er sagte, die
Menschen Dichter und Denker sind;
und so zog er denn, traun! fort nach - Utopia.
Anmerkungen
V,17 - Der letzte Gott. - Versmaß: I. Asklepiadeische Strophe.
| Humoristische Lyrik | Horatius travestitus |
| Titelseite (Horatius travestitus) I,1 | I,9 | I,11 | I,20 | I,22 | I,23 | I,27 | I,32 | I,33 | II,3 | II,19 | III,9 | III,12 | III,21 | III,22 | III,25 | III,26 | III,30 |
| Werkgruppe | Humoristische Lyrik |
| Werkbereich | Horatius travestitus |
| Zyklus | Aus dem Nachlaß des Horaz |
| Zyklusnummer | – |
| Titel | V,17 |
| Textanfang | Gestern sah ich den letzten Gott |
| Zitiert aus | SA Band III Humoristische Lyrik, S. 41-42 |
| Kommentar aus | SA Band III Humoristische Lyrik, S. 589 |
| Überlieferung | – |
| Datierung | Entstanden während eines Sizilienaufenthalts vom 3. Oktober 1910 bis 3. März 1911. |
| Druck | Jugend (1911), Nr. 23, S. 596. Horatius travestitus (1911), S. 75-76. |
| Gemeinfrei | ja |
| Volltexterfassung | siehe Unterseite |
| ID | HUM-SA-03-01-0025 |