Der vergessene Donner
Ein Gewitter, im Vergehn,
ließ einst einen Donner stehn.
Schwarz in einer Felsenscharte
stand der Donner da und harrte -
5 scharrte dumpf mit Hals und Hufe,
daß man ihn nach Hause rufe.
Doch das dunkle Donnerfohlen -
niemand kam’s nach Haus zu holen.
Sein Gewölk, im Arm des Windes,
10 dachte nimmer seines Kindes -
flog dahin zum Erdensaum
und verschwand dort wie ein Traum.
Grollend und ins Herz getroffen,
läßt der Donner Wunsch und Hoffen,
15 richtet sich im Felsgestein
wie ein Bergzentaure ein.
Als die nächste Frühe blaut,
ist sein pechschwarz Fell ergraut.
Traurig sieht er sich im See
20 fahl, wie alten Gletscherschnee.
Stumm verkriecht er sich, verhärmt;
nur wenn Menschheit kommt und lärmt,
äfft er schaurig ihren Schall,
bringt Geröll und Schutt zu Fall...
25 Mancher Hirt und mancher Hund
schläft zu Füßen ihm im Schrund.
| Werkgruppe | Lyrik |
| Werkbereich | Auf vielen Wegen |
| Zyklus | Neue Gedichte der 2. Auflage (1911) |
| Zyklusnummer | – |
| Titel | Der vergessene Donner |
| Textanfang | Ein Gewitter, im Vergehn |
| Zitiert aus | SA Band I Lyrik 1887-1905, S. 192 |
| Kommentar aus | SA Band I Lyrik 1887-1905, S. 838, 839 |
| Überlieferung | T 1908-II, Bl. 18 |
| Datierung | 8. September 1908 |
| Erstdruck | Die Schaubühne 5 (1909) Bd. I, S. 501. Auf vielen Wegen (1911) S. 61 |
| Gemeinfrei | ja |
| Rezeptionen: künstlerisch | – |
| Rezeptionen: wissenschaftlich | – |
| Rezeptionen: Buchausgaben | – |
| Rezeptionen: weiteres | – |
| Kommentar | – |
| Volltexterfassung | siehe Unterseite |
| ID | LYR-SA-01-03-0097 |