Auf vielen Wegen - Ich und die Welt - Eine Einführung

Aus CMO

Editorische Einleitung

Dieser Text ist eine Verdichtung und Ordnung der originalen Einführung in den Kommentaren der Stuttgarter Ausgabe.

Einheit und Stellung im Werk

Die Gedichtbände Auf vielen Wegen (1897) und Ich und die Welt (1898) bilden trotz ihres gegenüber dem Erstling In Phantas Schloss deutlich veränderten Charakters eine in sich geschlossene Einheit. Morgenstern selbst hat diesen Zusammenhang mehrfach betont, unter anderem durch Planungen zu einer einbändigen Neuausgabe sowie durch die 1911 erschienene Auswahl unter dem Titel Auf vielen Wegen. Beide Bücher dokumentieren im wesentlichen die lyrische Produktion der ersten Berliner Jahre.

Form und Aufbau

Im Gegensatz zur zyklisch geschlossenen Phanta-Dichtung enthalten beide Bände überwiegend Einzelgedichte. Dennoch lassen sich thematisch zusammengehörige Gruppen und kleinere Zyklen erkennen (u. a. Träume, Vom Tagwerk des Todes, Großstadtwanderung, Vier Elementarphantasien). Die großen dithyrambischen Formen treten zurück; der Ton wird schlichter, liedhafter. Morgenstern wendet sich verstärkt lyrischen Kleinformen zu, darunter erstmals auch Epigrammen und Sprüchen.

Thematische Vielfalt

Die Themenbreite ist außerordentlich groß. Neben Jugendstil-Anmutungen, Neu- und Nachromantik, Volksliedimitationen und Gelegenheitsgedichten stehen philosophische Reflexion, Selbstbefragung, Traumbilder, kosmische Visionen, apokalyptische Motive, Naturbilder und Großstadt-Impressionen. Erste groteske Züge erscheinen als Vorformen der späteren Galgenlieder. Eigenständiges steht neben Zeittypischem und Nachgeformtem.

Zeitgenössische Aufnahme und Selbstkritik

Die zeitgenössische Resonanz war geteilt. Während etwa Otto Julius Bierbaum die Bücher wegen sprachlicher Freigebigkeit, Grübelneigung und mangelnder Geschlossenheit kritisch sah, äußerten sich andere, darunter Max Reinhardt, sehr anerkennend. Morgenstern selbst distanzierte sich später deutlich, besonders von Auf vielen Wegen, das er rückblickend als Gesellenstücke bezeichnete. Ich und die Welt nannte er hingegen sein richtiges Jugendbuch. Die Distanz erklärt sich aus wachsender Reife und Ablehnung einer vielfach jugendlich-negativen Grundhaltung.

Biographischer Hintergrund

Nach dem Umzug nach Berlin 1894 und dem Bruch mit dem Vater mußte Morgenstern sein Studium abbrechen und eine freie literarische Existenz aufbauen. Diese war von wirtschaftlicher Unsicherheit, gesundheitlicher Anfälligkeit, aber auch von geistiger Freiheit und bohemehafter Unabhängigkeit geprägt. Das Berliner Kunst- und Theaterleben – insbesondere die Freundschaften mit Max Reinhardt, Friedrich Kayssler und anderen – wirkte stark anregend. Der Kreis verstand sich als eine idealistisch geprägte Boheme, deren Lebensgefühl Morgenstern dichterisch aufnahm.

Publizistische Tätigkeit

Die wirtschaftliche Notwendigkeit führte zu intensiver publizistischer Arbeit. Morgenstern schrieb Rezensionen, Glossen und Gedichte für zahlreiche Zeitschriften. Ein Teil dieser Arbeiten ist erst durch die kritische Ausgabe wieder zugänglich geworden.

Formale Entwicklung

In beiden Bänden übernimmt Morgenstern die von Dehmel geprägte Kleinschreibung am Versanfang und macht sie von nun an zu einem festen Prinzip seines lyrischen Stils. Die Bücher markieren damit auch einen formalen Einschnitt gegenüber dem Erstling.

Veröffentlichung und spätere Redaktion

Beide Bände erschienen bei Schuster & Loeffler, wurden jedoch in ihrer ursprünglichen Gestalt nicht wieder aufgelegt. 1911 veröffentlichte Morgenstern bei Piper eine stark reduzierte Auswahl unter dem Titel Auf vielen Wegen, mit veränderten Überschriften und zusätzlichen Gedichten. Die kritische Ausgabe bringt die ursprünglichen Fassungen und dokumentiert spätere Änderungen im Kommentar. Die zusätzlichen Gedichte schließen sich an Auf vielen Wegen (1897) an.