Einleitung zur Galgenpoesie: Unterschied zwischen den Versionen

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moristischen Schöpfungen bewußt. Seine anfängliche ''naive Künstlerjugendlaune'' war ''nach und nach reifer, bewußter und'' <nowiki>[...]</nowiki> ''literaturfähiger'' geworden ({{TBl|1911-12|158}} und ({{TBl|1911-12|140}}). In bezug auf die Galgenlieder notierte1 Morgenstern im Winter 1912/13: ''Mit der Zeit aber wuchs ihr Leserkreis, ihre Anzahl, ihr künstlerischer Ernst'' ({{TBl|1912-13-II|20}}). Die in unserer Ausgabe zum erstenmal vorgenommene Datierung der Gedichte müßte dem Leser ermöglichen, fast lückenlos diesen Reifungsprozeß zu verfolgen.
moristischen Schöpfungen bewußt. Seine anfängliche ''naive Künstlerjugendlaune'' war ''nach und nach reifer, bewußter und'' <nowiki>[...]</nowiki> ''literaturfähiger'' geworden ({{TBl|1911-12|158}} und ({{TBl|1911-12|140}}). In bezug auf die Galgenlieder notierte1 Morgenstern im Winter 1912/13: ''Mit der Zeit aber wuchs ihr Leserkreis, ihre Anzahl, ihr künstlerischer Ernst'' ({{TBl|1912-13-II|20}}). Die in unserer Ausgabe zum erstenmal vorgenommene Datierung der Gedichte müßte dem Leser ermöglichen, fast lückenlos diesen Reifungsprozeß zu verfolgen.
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Version vom 10. September 2026, 11:03 Uhr

Morgenstern schrieb Galgenlieder von 1895 bis in seine letzten Lebensjahre. Er selbst sah darin drei Bücher: die Galgenlieder, den Gingganz und den Palmström. Diesen Büchern entsprechen drei Schaffensperioden. Die erste beginnt 1895 mit dem Galgenbund in Berlin, die zweite im November 1905 mit dem mystischen Erlebnis im Sanatorium Birkenwerder, die dritte im August 1908 mit der Begegnung mit Margareta Gosebruch. Die ersten Abschnitte schildern, wie die Sammlungen entstanden und erschienen. Der letzte beschreibt, wie sich die Galgenpoesie inhaltlich veränderte.

Entstehung der ersten Galgenliedersammlung

Der Galgenbund

Morgensterns erstes Buch, In Phantas Schloss, ist von der Welt der Berge geprägt. Horatius travestitus und die ersten Galgenlieder sind in Berlin entstanden. Im Horatius travestitus mischt sich die genussfrohe Stimmung des Berliner Lebens mit dem Epikureertum und dem Tiefsinn des Horaz. Den ersten Galgenliedern fehlt jede Berliner Lokalfarbe. Trotzdem sind sie ohne die Berliner Boheme nicht denkbar, ohne ihr anregendes geistiges Klima und ihre Mischung aus französischem Esprit, derbem Witz und trockenem märkischem Humor.

Der Galgenbund war wie der "Orden" eine Runde junger Künstler und Dichter aus dieser Boheme, die ihren Reichtum an Geist und Jugend miteinander teilten und ebenso ihre Armut. Den Orden gab es seit Dezember 1894, der Galgenbund entstand später. Vom Herbst 1895 an bestanden beide nebeneinander. Morgenstern, Fritz Beblo und Georg Hirschfeld gehörten beiden an. Im Orden waren auch Frauen, der Galgenbund bestand nur aus Männern. Das erklärt vielleicht sein eigenes Gepräge, das grausig-spaßige Spiel mit dem Tod.

Wie der Bund zu seinem Namen kam, erklärte Morgenstern Anfang 1912 in einem Briefentwurf:

Die ersten "Galgenlieder" entstanden vor kaum wohl mehr als 15 Jahren für einen kleinen lustigen Kreis, der sich auf einem Ausflug nach Werder bei Potsdam, allwo noch heute ein sogenannter "Galgenberg" gezeigt wird, wie das so die Laune gibt, mit diesem Namen schmücken zu müssen meinte. ( T 1911-12, Bl. 124)

Aus dem Namen ergab sich alles Weitere. Nach dem Ausflug trafen sich die Freunde jede Woche, wahrscheinlich donnerstags, in der Wohnung von Friedrich Kayssler oder Julius Hirschfeld oder in einer Kneipe. Dort feierten sie einen seltsamen Kult, zu dem eine spaßhaft inszenierte, schaurige Hinrichtung gehörte. Julius Hirschfeld, der sich zwei Jahre später das Leben nahm, spielte den Gehenkten. Ausführlich schildert den Kult Jeremias Mueller, der pedantische Kommentator, den Morgenstern für die Galgenlieder erfand, im Versuch einer Einleitung.

Jeder Galgenbruder trug einen schaurigen Bundesnamen. Anfangs waren es sechs:

  • Christian Morgenstern: Rabenaas
  • Julius Hirschfeld: Schuhu
  • Friedrich Kayssler: Gurgeljochem
  • Georg Hirschfeld: Verreckerie
  • Fritz Beblo: Stummer Hannes oder der Büchner
  • Franz Schäfer: Veitstanz oder der Glöckner

Ende Januar 1895 kamen zwei hinzu:

  • Robert Wernicke: Faherrügghh oder der Unselm
  • Paul Körner: Galgenbruder Gespenst, Spinna oder Zöbner

Die Treffen fielen in zwei Zeiträume. Der erste reichte etwa von Ende April bis Ende Juni 1895, der zweite, längere von Ende Oktober 1895 bis Ende Juni 1896.

Lieder für das Ritual

Zum Ritual gehörten liturgische Gesänge, und aus ihnen gingen die Galgenlieder hervor. Nach dem Zeugnis von Franz Schäfer schloss anfangs ein einziges Lied die Feier ab. Später vertonte Julius Hirschfeld mehrere Texte, die Morgenstern ihm auf Zetteln brachte. Davon berichtete Georg Hirschfeld am 4. Mai 1928 in einem Artikel der Vossischen Zeitung. Morgenstern und Julius Hirschfeld bildeten die Pole des Bundes. Von Hirschfeld ging eine rätselhafte, unheimliche Wirkung aus, der sich der empfindsame Dichter nicht entziehen konnte.

Zu den Requisiten gehörten ein Kinderskelett, rote Wollschnur, Wachskerzen, ein schwarzes Tischtuch und eine alte Klinge, deren Blutrost Georg Hirschfeld für zweifelhaft hielt. Das seltsamste Stück ist ein Hufeisen, das sich im Nachlass erhalten hat. Es umschließt wie ein Kästchen einen Stapel Blätter aus Ölpapier, auf denen die geweihten Texte stehen. Ein Totenkopf aus schwarzer Pappe deckt es ab, und die Blätter darunter haben dieselbe Form. Sie tragen verdächtig rote Flecken und sind oben rechts angesengt, als wären sie einer Kerzenflamme zu nahe gekommen.

In der Blütezeit des Bundes lagen im Hufeisen acht Lieder, so viele, wie der Bund Mitglieder hatte. Heute sind es sieben. Jeder Galgenbruder besaß außerdem ein "Galgenalbum" mit denselben Texten. Mit Hilfe dieser Alben lässt sich das fehlende Lied bestimmen, es ist Das Weiblein mit der Kunkel.

Die ursprüngliche Reihenfolge im Hufeisen lässt sich rekonstruieren. Das älteste Stück war höchstwahrscheinlich das Bundeslied.

  1. Bundeslied, zuerst Das Galgenlied
  2. Galgenbruders Lied an Sophie, zuerst Sophie
  3. Nein!
  4. Das Geburtslied, zuerst Die Wehenacht
  5. Die Beichte des Wurms
  6. Schlachtgesang, zuerst Das Kniebein
  7. So hängen wir

Das Weiblein mit der Kunkel stand wahrscheinlich vor oder nach Die Beichte des Wurms.

Zur Liturgie gehörten noch weitere Lieder, die der Versuch einer Einleitung erwähnt, darunter Fisches Nachtgesang, Das große Lalulā, Das Simmaleins und Das Gebet. Gegen Ende Juni 1896 gab es 15 Galgenlieder, wenn man das Motto mitzählt.

Vom Bund zum Buchplan

Ende Juni 1896 löste sich der Galgenbund auf. Bis dahin waren die Lieder in einer ausgelassenen Runde entstanden, manche wie Nein! tragen Spuren gemeinsamer Erfindung. Nun schrieb Morgenstern allein, und die Lieder veränderten ihren Charakter.

Am 24. Januar 1897 hatte er 17 humoristische Gedichte beisammen. Er dachte schon an eine Veröffentlichung als Galgenberg-Album, das Beblo ausstatten sollte. An Marie Goettling schrieb er:

Seine Künstlerhand soll uns jedoch zu einem Galgenberg-Album, dessen Kernpunkt unsere siebzehn Lieder (Texte und Musik) sein sollen, nicht entgehen.

Im November 1897 schlug er Beblo einen gemeinsamen Kalender vor: Zwölf Blätter zum Umklappen, Du Bild, ich Text. Vielleicht humoristisch. Vielleicht direkt Galgenlieder mit Musik und Zeichnungen.

Am 8. Mai 1898 reiste Morgenstern nach Norwegen, um für die Übersetzung von Ibsens Werken die Sprache gründlich zu lernen. In Nordstrand bei Christiania, dem heutigen Oslo, verliebte er sich in Dagny Fett, ein Mädchen aus kleinbürgerlicher Familie. Die von Anfang an aussichtslose Liebe klingt in mehreren Galgenliedern dieser Zeit nach.

Ende 1898 zog Morgenstern Bilanz über die Arbeit des Jahres. Einer der letzten Einträge lautet Zusammenstellung der Galgenlieder ( T 1898-99-I, Bl. 129). Die Sammlung umfasste nun etwa dreißig Lieder, und Morgenstern ordnete sie zum ersten Mal, offenbar mit Blick auf eine Veröffentlichung. Für ein eigenes Buch war sie noch zu schmal. Er wollte sie deshalb in ein größeres Werk einfügen, dem er den Titel Das lustige Buch geben wollte ( T 1898-99-I, Bl. 111). Die Idee dazu reichte bis ins erste Vierteljahr 1895 zurück. Drei Vorreden hatte er schon im November 1896 in der Jugend veröffentlicht (SA Band VI Kritische Schriften, S. 196 f.). Einen Verleger fand er nicht. Bondi lehnte ab, danach Schuster und Loeffler. Das bestärkte Morgensterns eigene Zweifel an diesen bizarren Gedichten, und in einer mutlosen Stunde wollte er sie verbrennen. Friedrich Kayssler erinnerte ihn am 18. Dezember 1900 daran: "Du wolltest ja auch die Galgenlieder verbrennen und jetzt sind sie in Ehren, gebunden bei Wolzogen."

Bühne und Verlag

Dass die Galgenlieder überlebten, verdanken sie Ernst von Wolzogen, dem Gründer der Berliner Kleinkunstbühne "Überbrettl", und Friedrich Kayssler, der damals schon ein erfolgreicher Schauspieler war. Kayssler las sie im November oder Dezember 1898 im Kabarett "Die Brille" zum ersten Mal vor. Als er 1901 mit Max Reinhardt und Louise Dumont die Bühne "Schall und Rauch" gründete, nahm er Morgensterns Grotesken in sein Programm. Wolzogen hatte Morgenstern schon im September 1900 um die d'Annunzio-Parodie Il pranzo (Das Mittagsmahl) gebeten. Im November fragte er nach Galgenliedern. Er wollte sie mit Schattenspielen und einer schaurigen Inszenierung grotesk zur Wirkung bringen. Morgenstern werde dann fast jeden Abend auf dem Programm stehen und eine nennenswerte Einnahmequelle gewinnen (Brief vom 16. November 1900). Für den meist mittellosen Dichter zählte dieses Argument. So wurden Wolzogen und Kayssler die ersten, die Galgenlieder in Deutschland regelmäßig vor Publikum brachten.

Im September 1899 war Morgenstern aus Norwegen nach Berlin zurückgekehrt. Zwischen 1900 und 1902 scheiterten zwei weitere Pläne. Albert Langen lehnte die Galgenlieder trotz Wolzogens Fürsprache ab, weil er den Verfasser "zu wenig derb" fand (Morgenstern an Jacobsohn, 13. Januar 1907). Auch der Plan von Kayssler und Reinhardt, Morgensterns Grotesken als "Schall- und Rauchbücher" herauszubringen, kam nicht zustande. Aus dieser Zeit stammt wahrscheinlich der Entwurf einer Vorrede, dessen pedantischer, pseudowissenschaftlicher Stil den Versuch einer Einleitung vorwegnimmt.

Gleich nach seiner Rückkehr aus Italien Anfang Mai 1903 nahm Morgenstern wieder Kontakt zu "Schall und Rauch" auf. Im einzigen Tagebuch aus dieser Zeit steht: In Berlin eine Reihe Galgenberg-Abende veranstaltet. Gegurgelte Lieder zu vieren ( T 1903, Bl. 70).

Für das letzte Vierteljahr 1903 und die erste Hälfte 1904 fehlen verlässliche Zeugnisse. Wie die Sammlung in dieser Zeit reifte und wann Cassirer sich zum Druck bereit erklärte, ist nicht bekannt. Im Sommer 1904 dachte Morgenstern daran, die Galgenlieder von dem Grafiker Heinrich Wolff illustrieren zu lassen. Daraus wurde nichts, weil Karl Walser, der Bruder von Robert Walser, den Umschlag übernahm. Der Plan zeigt aber, dass die Sammlung damals kurz vor dem Abschluss stand. In einem undatierten Brief, wohl aus dem Herbst 1904, drängte Morgenstern den Verleger:

Ich glaube, Sie verscherzen viele Käufer, wenn die Sache nicht spätestens 1. XII. erscheint. "Wenn schon, denn schon", nicht?

Das Buch war also vor Ende des Herbstes 1904 druckfertig. Gedruckt wurde es erst Ende Februar 1905.

Datierung der frühen Galgenlieder (1895-1905)

Zwischen dem ersten und dem letzten Galgenlied der ersten Sammlung liegen fast zehn Jahre. In dieser Zeit wandelte sich der Geist der Lieder. Die ausgelassene Poesie des Galgenbunds hat mit der eher düsteren Gedankenlyrik der sogenannten skeptischen Periode von 1900 bis 1904 nichts gemein. Auch die Menge nahm ab. Anfangs schrieb Morgenstern humoristische Gedichte in großer Zahl, später nur noch vereinzelt. Vermutlich entstand der größte Teil der ersten Sammlung vor März 1899.

Das zu belegen ist schwierig, weil Morgenstern nur wenige Gedichte datiert hat. Bei den übrigen sind zwei Fälle zu unterscheiden. Steht die Urfassung in einem Tagebuch oder unter den Nachlassschriften, lässt sich die Entstehungszeit recht leicht bestimmen. Der Zeitraum des Tagebuchs ist bekannt, und die Stelle des Gedichts darin gibt weiteren Aufschluss. Häufiger ist nur eine Abschrift erhalten. Dann lässt sich nur die Abschrift datieren und damit ein Zeitpunkt, vor dem das Gedicht schon existierte. Gedichte ohne Spuren im Nachlass bleiben hier außer Betracht.

Für die Datierung der Abschriften gibt es mehrere Anhaltspunkte:

  • die Handschrift, die sich im Lauf der Jahre veränderte
  • Beschaffenheit und Sorte des Papiers
  • die Farbe der Nummern, mit denen manche Texte versehen sind
  • Großbuchstaben am Versanfang, ein besonders aufschlussreiches Merkmal. Angeregt durch Otto Erich Hartleben nahm sich Morgenstern schon 1895 vor, darauf zu verzichten. Konsequent tat er es erst ab August 1897, diesmal nach dem Vorbild Dehmels.
  • die Form des Buchstabens z, ein noch ergiebigeres Merkmal. Zwischen Dezember 1902 und März 1905 ging Morgensterns Schrift vom kurzen zum langen z über.

Weitere Hilfen bietet die literarische Untersuchung der Texte. Sie deckt Verbindungen zwischen der ernsten Lyrik und der humoristischen Dichtung auf. Vor allem braucht es aber eine genaue Kenntnis der Biografie. Oft helfen Ortsangaben und zeitgebundene Motive in den Texten. So teilt das ernste Gedicht Eine bitterböse Unke von 1896 mit dem Galgenlied Des Galgenbruders Gebet und Erhörung das Motiv der Unke, die die Nachtruhe stört. Dazu kommt, dass sich Morgenstern im Juli 1896 in Friedrichshagen unmittelbar am See aufhielt. Beides zusammen macht die Datierung des Galgenlieds recht sicher. Auch postume Gedichte, die an ein Zeitereignis anknüpfen, lassen sich ohne große Mühe datieren, etwa Vom Steinplatz zu Charlottenburg.

Die SA datiert die humoristischen Gedichte zum ersten Mal. Methoden und Ergebnisse stammen größtenteils aus der Habilitationsschrift von Maurice Cureau, Christian Morgenstern humoriste. La création poétique dans In Phantas Schloss et les Galgenlieder.

Die weiteren Ausgaben der Galgenlieder

Birkenwerder und Meran

Anfang November 1905 kam Morgenstern in das Sanatorium Birkenwerder. Dort wurde der Skeptiker der letzten Berliner Jahre durch eine Art Erleuchtung zum Mystiker. Dieses Erlebnis gab auch dem Humoristen neuen Antrieb. In den sechs Monaten in Birkenwerder entstanden fast so viele Galgenlieder wie in den neun oder zehn Jahren davor. Auch in Meran-Obermais, wo er sich am 7. September 1906 niederließ, fand er den festen Ort, den er zum Arbeiten brauchte. Die meisten Galgenlieder der Jahre 1905 bis 1908 stehen in erster Fassung in den Tagebüchern, ihre Datierung ist deshalb nur selten unklar.

Der Streit um eine neue Sammlung

Zwischen Oktober 1905 und Ende April 1908 schrieb Morgenstern über hundert neue Galgenlieder. Zu seinen Lebzeiten erschien davon nur ein kleiner Teil. Die zweite Ausgabe der Galgenlieder von 1906 war bis auf wenige Änderungen ein Nachdruck der ersten. Die dritte von 1908 strich ein Dutzend Gedichte und brachte nur 25 neue. Das lag vor allem an Cassirer.

Über zwei Jahre bemühte sich Morgenstern, ihn für eine ganz neue Sammlung zu gewinnen. Zum ersten Mal nennt er ihren Titel am 8. Dezember 1905 in einem Brief an Julius Bab: Was sagen Sie übrigens zu dem Titel meiner übernächsten Sammlung: der Gingganz? Am 18. April 1906 kündigte er Cassirer die baldige Zusendung des abgeschlossenen Bandes der neuen Galgenlieder an. Im Juli bestand er auf dem Titel, Sie dürfen mir diesen Titel nicht frisieren, und lehnte eine bloße Wiederholung der alten Sammlung ab. Er gab Hinweise zu Druck und Umschlag und rechnete damit, dass das Buch als Weihnachtsgabe für 1907 erscheinen könne. Alle diese Vorschläge scheiterten an dem, was Margareta Morgenstern nach dem Tod des Dichters in einem verärgerten Briefentwurf an Cassirer die "Interesselosigkeit der Verleger" nannte.

Am 19. Februar 1907 schickte Morgenstern Cassirer per Einschreiben 22 neue Galgenlieder, offenbar als Grundstock der geplanten Sammlung. Er war zu allen Zugeständnissen bereit und hätte notfalls sogar auf den Titel Der Gingganz verzichtet, an dem ihm viel lag. Cassirer schwieg, und dass Morgenstern die Gründe nicht kannte, machte das Schweigen noch kränkender. Am 19. Mai 1907 bat er um freie Hand, weil ich fürchte, daß Ihr Verhalten, selbst bei mir frömmstem Lamm, schließlich zur Blutvergiftung führen möchte.

Erst Ende 1907 kam eine Antwort. Cassirer hielt das Vorhaben für ein Wagnis und neigte zu einem bloßen Neudruck. Morgenstern protestierte: Gegen einfachen Neudruck protestiere ich mit H[and] und F[uß] (18. Dezember 1907). In einem undatierten Brief, vermutlich ebenfalls vom Dezember 1907, begründete er seinen Widerstand:

Ich bestehe aber nicht nur auf irgendeinem Schein, sondern ich handle im höchsten Maße auch zu Ihrem Vorteil, wenn ich das Buch aus einer bloßen Ulk-Sache zu einem wirklichen Buch mache, das in dieser seiner neuen Gestalt in der Literatur - und nicht nur in Kneipen und Kliniken - seinen Platz beanspruchen darf.

Der Kompromiss von 1908

Die dritte Ausgabe der Galgenlieder erschien Anfang April 1908 als "Dritte veränderte und durch den 'Gingganz' und anderes ums Doppelte vermehrte Auflage". Die geplante eigene Sammlung war ganz in den Galgenliedern aufgegangen. Am deutlichsten sagt das Morgensterns Brief an Cassirer vom 15. April 1908:

Aber daß ich Ihnen mit dem Gingganz zu dem alten ein neues kleines Buch gab, bleibt doch nun wohl einmal Tatsache. Sie haben sich zwei Jahre lang gegen dies neue Büchlein, das, selbstständig, unschwer doppelt so dick hätte werden und überall seinen guten Preis hätte erzielen können, gewehrt, sodaß ich schließlich im Unwillen gegen diese Knebelung (denn ich sollte es ja auch nicht anderswo erscheinen lassen) die Gelegenheit der 3. Auflage der "Galgenlieder" ergriff, eine Anzahl der neuen Gedichte vor die Öffentlichkeit zu bringen.

Im selben Brief verlangte er für die 25 neuen und sorgfältig ausgewählten opuscula eine angemessene Vergütung.

Kaum war der Gingganz erledigt, drängte Morgenstern auf einen zweiten Band humoristischer Gedichte unter dem Titel St. Expeditus. Die Liste der 38 geplanten Gedichte schickte er Cassirer ebenfalls am 15. April 1908. Auch dieser Plan scheiterte am Verleger, ebenso das Projekt Anmerkungen. Erst im September 1909 entschloss sich Cassirer, den der Erfolg der Galgenlieder inzwischen doch beeindruckt hatte, zu dem lange ersehnten zweiten Band. Palmström erschien im Mai 1910.

Ab April 1908 geht die Entstehungsgeschichte der Galgenlieder in der der Palmström-Sammlung auf. Die meisten Gedichte, die zwischen 1908 und Morgensterns Tod entstanden und nicht in den Palmström kamen, blieben im Nachlass, bis Margareta Morgenstern sie in den postumen Ausgaben veröffentlichte.

Die dritte Ausgabe von 1908 hatte Aufbau und Charakter der ursprünglichen Sammlung grundlegend verändert. Die späteren Auflagen änderten nur noch wenig, teils durch Morgenstern, teils durch Cassirer. Die Ausgabe letzter Hand unterscheidet sich von der Auflage von 1908 nur durch drei Gedichte, die vermutlich vor 1908 entstanden sind.

Entstehung der Palmström-Sammlung

Der erste Palmström

Im August 1908 lernte Morgenstern Margareta Gosebruch kennen, die im März 1910 seine Frau wurde. Im Winter 1908/09 entdeckte er die theosophischen Lehren Rudolf Steiners, des Begründers der Anthroposophie. Beide Ereignisse regten die humoristische Dichtung ebenso an wie 1905 das Erlebnis in Birkenwerder. Die meisten Palmström-Gedichte entstanden 1910. In den Jahren 1911 und 1912 waren es weniger. Ab 1913 ließ die Schaffenskraft des schwer kranken Dichters nach.

Von den über hundert Gedichten der Jahre 1909 bis 1914 fand nur die Hälfte Platz in den Palmström-Ausgaben, die zu Morgensterns Lebzeiten erschienen. Wie bei den Galgenliedern scheiterte sein Eifer am Desinteresse des Verlegers.

Palmström war zuerst nur ein Kauz, der einem Galgenlied von 1906 seinen Namen gab. Ende September 1909 wurde er mit Cassirers Zustimmung zum Titelhelden einer ganzen Sammlung. Als Titel kamen Palmström oder Die Oste in Frage, die Wahl überließ Morgenstern dem Verleger (Brief vom 28. September 1909). Am 13. Januar 1910 schickte er das Manuskript:

Hier also ist "Palmström", der hoffentlich die "Galgenlieder" nach und nach etwas überschatten wird. [...] Mit Palmström und Korf übrigens habe ich, wie Sie bemerken werden, ein neues Feld gefunden, das ich noch viel und oft anzubaun gedenke.

Von da an ging es zwischen Dichter und Verleger hin und her, bis zur 5. und 6. Auflage. Cassirer wollte bei der Zusammenstellung überall mitreden und verlangte mal Änderungen, mal Streichungen. Morgenstern fügte sich oder wehrte sich mit Händen und Füßen. Manche Eingriffe Cassirers sind fragwürdig, ebenso Morgensterns Anhänglichkeit an einige schwächere Gedichte. Ob Cassirer Die Brillen zu Recht streichen wollte und ob Morgensterns beharrliche Vorliebe für Die Lämmerwolke berechtigt war, bleibt offen.

In einem Punkt wirkte Cassirer eindeutig günstig. Er bremste Morgensterns Phantasie dort, wo sie die Sammlung gefährdete. Am 24. Januar 1910 schlug Morgenstern vor, die Palmström-Gedichte in Spiegelschrift zu drucken: Mit einem beigegebenen kleinen Spiegel (oder auch ohne das). Er versprach sich davon Käufer, weil solche Bücher als Kuriosität gefragt wären, und für die Autoren eine neue Art von Distanz, so wie man früher Latein schrieb, wenn man nicht gleich alles allen preisgeben mochte.

Erweiterung statt zweiter Sammlung

Anfang Mai 1910 erschien die erste Palmström-Ausgabe, ein Nachdruck folgte rasch, wahrscheinlich im Juli. Schon damals plante Morgenstern eine dritte, erweiterte Ausgabe (an Cassirer, 28. Juli 1910). Sie verzögerte sich, teils durch Cassirers Gleichgültigkeit, teils durch Morgensterns schwere Erkrankung in Taormina. Auf neue Palmström-Gedichte reagierte Cassirer monatelang nicht. Aus dem Sanatorium in Arosa schrieb Morgenstern: Warum versenken Sie meine Palmströmsendung so in Schweigen? Ich liege hier im Schnee und warte... (Postkarte vom 12. April 1911). Am 19. Juli 1911 schickte er zehn neue Gedichte. Als wieder keine Antwort kam, mahnte er am 24. September: er sollte in seiner neuen "dicken" Gestalt durchaus noch die Weihnachtsmesse erreichen! Die dritte Ausgabe erschien Ende Oktober oder Anfang November 1911.

Inzwischen verfolgte Morgenstern einen neuen Plan. Wie Jahre zuvor mit dem Gingganz wollte er nun eine zweite Palmström-Sammlung durchsetzen. Am 19. Juli 1911 schrieb er: Für Sie habe ich noch einen Faust - wollte sagen Palmström II. Teil vor. Ende September wurde er deutlicher. Der bisherige Palmström sollte auf zwei Bücher erweitert werden, Palmström und Die Oste, jedes etwa so umfangreich wie der bisherige Band. Für einen gemischten Band wie die Oste habe er vieles liegen, und falls Cassirer ablehne, wolle er daraus einen Band für Piper machen (26. September 1911). Wenige Tage später, vermutlich am 1. Oktober 1911, legte er nach:

Die Qualität wird ja eben dadurch erhöht, daß jedes einheitlicher wird. Jedes wird in seiner Art gewinnen. [...] Sie glauben ja nicht, wie es einen lebhaften Menschen wie mich hemmt, wenn er überall verrammelte Türen sieht und wie er auftaut und produktiv wird, wenn man ihm nur Möglichkeiten bietet. (Briefentwurf, T 1911, Bl. 129 f.)

Cassirer meinte mit der erweiterten Auflage genug getan zu haben. Bis 1913 musste sich Morgenstern damit begnügen, die eine Palmström-Sammlung um neue Gedichte zu ergänzen und weiter an ihr zu feilen. Im November 1912 dachte er noch an ein drittes Buch um die rätselhafte Gestalt der Palma Kunkel, teilte Cassirer das aber nur zögernd mit: Im Übrigen bahnt sich langsam etwas Drittes an, mit Muhme Kunkel im Mittelpunkt und dem entsprechenden Menschen- und Tierkreis (27. November 1912). Aus dieser Zeit stammt eine Skizze mit dem Stammbaum der Familie Kunkel. Sie brachte die Witwe des Dichters zumindest auf den Titel der 1916 erschienenen Sammlung Palma Kunkel. Auch dieses letzte Projekt verlief im Sand. In den zu Lebzeiten gedruckten Werken hinterließ es nur eine Spur, das Gedicht Muhme Kunkel.

Wesen und Entwicklung der Galgenpoesie

1910 beschrieb Morgenstern in einem Brief an eine Freundin Margaretas selbst drei Phasen (Briefe. Auswahl (1952), S. 407):

Im Übrigen würdest Du bei näherem Zusehen leicht die Entwickelungslinie entdecken, die durch die drei Bücher geht (denn es sind eigentlich drei).

  • Erstens: Die Galgenlieder.
  • Zweitens: Der Gingganz nebst dem darauf Folgenden.
  • Drittens: Palmström.

Die eigentlichen Galgenlieder waren, wie ja auch die Vorrede durch alle Verschnörkelung hindurch erraten läßt, für einen kleinen Kreis jugendlich ausgelassener Freunde bestimmt, wo sie gemeinsam gesungen und mit einer Art von heiter-gruseligen Zeremonien mehr oder weniger dargestellt wurden.

Der zweite Teil: Der Gingganz breitet sich denn schon viel freier und unabhängiger von dem ursprünglich angeschlagenen Thema aus. Und im Palmström ist jene Anfangsstimmung ganz verschwunden und die Bahn frei für jederlei Stoff und Absicht.

Nimmt man zur ersten Palmström-Sammlung die Gedichte der folgenden drei oder vier Jahre hinzu, ergeben sich drei Schaffensperioden, die genau Morgensterns eigener Einteilung entsprechen:

  • Die erste beginnt im April oder Mai 1895 mit der Gründung des Galgenbunds in Berlin und endet im November 1905 mit der Ankunft in Birkenwerder.
  • Die zweite reicht von November 1905 bis August 1908. In ihr entstehen alle Galgenlieder, die Morgenstern als Gingganz-Gedichte bezeichnete.
  • Die dritte beginnt im August 1908 und umfasst die letzten Lebensjahre.

Am Übergang steht jeweils ein Erlebnis von großer Tragweite. Im November 1905 ist es das mystische Erlebnis in Birkenwerder, im August 1908 die Begegnung mit Margareta Gosebruch, die Morgenstern bald darauf mit dem Denken Rudolf Steiners bekannt machte.

Von Periode zu Periode veränderte sich das Bild der Galgenwelt. Morgenstern räumte selbst ein: Was im Laufe der ersten Auflagen dann noch hinzutrat, hatte natürlich mit dem Anfangsthema nicht mehr viel gemein ( T 1911-12, Bl. 135).

Erste Schaffensperiode (1895-1905)

Die ersten Galgenlieder waren Gelegenheitsgedichte, makabre Gesellschaftsspiele im Ritual des Galgenbunds. Diese Herkunft gab ihnen bis etwa 1897 ihre schaurige Stimmung. Die frühe Galgenwelt ist nächtlich und gespenstisch, wie aus einem Albtraum. Hinter dem heiter-gruseligen Ulk lauerte wohl die Angst des früh vom Tod gezeichneten Dichters. Schon 1899 notierte er: Der mächtigste Dichter ist die Furcht ( T 1898-99-I, Bl. 122). Aus dieser Angst gingen, wie in der ernsten Lyrik derselben Jahre, Bilder des Grauens und des Todes hervor: der Mond, der Wind, die zwölf Schläge der Mitternacht und die Silbergäule. Sie tragen schon in Auffahrt aus In Phantas Schloss Schwarz und Silber, die Farben des Todes. Vermutlich geht auch das Gewimmel der Tiere um den Galgenberg auf diese Angst zurück. Sie prägt sogar die Namen von Ungeheuern wie Mondschaf, Zwölf-Elf oder Mitternachtsmaus. In diesen grotesken Zusammensetzungen stammt der erste Teil jeweils aus dem Umkreis des Todes.

Die Menagerie kann auch literarische Wurzeln haben. Alfred Liede (Dichtung als Spiel, Bd. 1) verweist auf Nietzsches Zarathustra, den Morgenstern 1895 immer wieder las und dessen Sprache und Bilder sich ihm tief einprägten. Schon als Gymnasiast hatte Morgenstern mit Sprache gespielt, Nietzsche bestärkte diese Neigung. Wenige Dichter haben die Umwortung aller Worte so radikal betrieben wie er.

Das Sprachspiel der ältesten Galgenlieder ist fast ausnahmslos lautlich. Morgenstern jongliert mit dem Klang der Wörter, und der Wechsel von dunklen u-Lauten und hellen i-Lauten ruft die nächtliche Galgenwelt mit ihren huschenden Schatten und Lichtern hervor. Leo Spitzer sagt über Liebeserklärung des Raben Ralf, Morgenstern "onomatopoetisiert" die Wörter (Die groteske Gestaltungs- und Sprachkunst Morgensterns, S. 85). In Das Hemmed tritt die Lautmalerei an die Stelle verständlicher Sprache. In Das Gebet führt ein Kalauer die naive Frömmigkeit der Rehlein ad absurdum. Am weitesten geht Das große Lalulā. Dort häuft Morgenstern "Lautgrimassen" (Spitzer, S. 57), und die Sprache befreit sich von dem Zwang, etwas zu bedeuten. Sie ist autonom geworden. Gedichte wie dieses und Schlachtgesang haben Kritiker veranlasst, den Ursprung aller Galgenlieder in der Sprache selbst zu suchen.

Neben diese Deutung der Galgenpoesie als "Sprachspielwelt" (Leo Spitzer, Jürgen Walter) stellte Morgenstern selbst eine andere. Er verstand sie als Erlebnisdichtung, bei der jedes einzelne Gedicht [...] durchaus als "Gelegenheitsgedicht" in Goetheschem Sinne aufgefaßt werden darf ( T 1911-12, Bl. 140). So gelesen gewinnen die Galgenlieder einen unerwarteten Sinn. Die humoristische Lyrik wird zum Zerrspiegel, in dem die inneren Spannungen, Hemmungen und Ängste des Dichters erscheinen. Der Humor schützt, indem er die lyrische Sprache karikiert und ihre Gefühlswirkung zerstört. Eine wesentliche Triebfeder der frühen Galgenpoesie ist der Kampf mit dem Affekt.

Nirgends zeigt sich das vielleicht so deutlich wie in den Galgenliedern, die 1898 und 1899 in Norwegen entstanden. Sie bringen neue Motive: das schmachtende Liebespaar (Die beiden Flaschen), die Hochzeit (Die Hochzeit der Dinge), die Ehe (Die beiden Esel) und die Familie (Der Nachtschelm und das Siebenschwein). Etwa ein Dutzend Galgenlieder aus Norwegen oder aus der Zeit danach kreisen um Heirat und verratene Liebe, so Igel und Agel und Bim, Bam, Bum. Sie sind bittere Zeugnisse der gescheiterten Liebe zu Dagny Fett, Bruchstücke eines maskierten Bekenntnisses.

In den folgenden Jahren verloren die Galgenlieder diesen Bekenntnischarakter, und Morgenstern schrieb deutlich weniger. Aus der Erlebnisdichtung wurde Gedankenlyrik, die meist von einer pessimistischen Sicht auf das Leben ausging. Morgensterns Weltbild hatte sich verdüstert. Das Lied vom blonden Korken und das rätselhafte, an Schopenhauer erinnernde Wer denn? sind wohl Früchte von Skepsis und Nihilismus. In Die Weste und Der Purzelbaum spiegelt sich die innere Verwirrung eines Menschen, der den Halt seines jugendlichen Idealismus verloren hatte.

Zweite Schaffensperiode (1905-1908)

Anfang November 1905 überwand Morgenstern diese Zeit des Grübelns und Zweifelns. Als Mystiker erkannte er die Einheit von Gott und Welt und von Gott und Mensch. In den folgenden Jahren ließ er diesen ungeheuren Gedanken reifen (an Kayssler, 14. September 1906) und entwickelte eine "theomonistische" Auffassung des Alls, die im Pantheismus seiner Jugend schon angelegt war. Seine neue Haltung nannte er heitere Skepsis (an Luise Dernburg, 23. Februar 1906). Damit meinte er etwas ganz anderes als den Nihilismus der vorangegangenen Jahre, nämlich den Geist des Allumfassens, Alldurchdringens, des Glaubens an nichts und alles, und zwar zugleich an restlos nichts und an restlos alles. In einem Aphorismus heißt es: Alles wesentlich, alles unwesentlich (SA Band V Aphorismen, Nr. 1560).

Vom Standpunkt des Unendlichen ist der Tod eines endlichen Geschöpfs eine lächerlich unbedeutende Episode, und entsprechend unbedeutend kann seine Ursache sein, so in Der zarte Greis. Die Angst vor dem Tod war gewichen, und die Galgenwelt veränderte ihr Gesicht. Tageslicht dringt ein und vertreibt Gespenster und Ungeheuer. Wo Tiermotive noch auftauchen, haben sie mit Angst nichts mehr zu tun. Sie dienen der Satire wie in Der Hecht und Das Huhn oder schmücken als groteske Ornamente einen tieferen Sinn.

Das Erlebnis von Birkenwerder musste sich in den Galgenliedern niederschlagen. Eine groteske Darstellung seiner Bekehrung findet sich höchstens in Der Konvertit und Der Gingganz. Meist klingt die philosophische und religiöse Besinnung nur nach. So tauchen Motive aus der Bibel auf, besonders aus dem Johannes-Evangelium, etwa die Sintflut in Der Sündfloh oder das Wunder in Der Hecht und St. Expeditus. In Anlehnung an Kant und Schopenhauer umspielen die Lieder metaphysische Fragen, das Ding an sich in Der Meilenstein und Das Grab des Hunds, das Böse in Das Löwenreh. Den Aphorismus Anthropomorph ist und muß "alles" bleiben ( T 1907-08, Bl. 5, SA Band V Aphorismen, Nr. 1598) greift Der Würfel auf. In dem surrealistisch wirkenden Drei Hasen scheint die Überzeugung des Mystikers durch, dass Individualität reine Fiktion ist. Der herkömmlichen Philosophie traute Morgenstern wenig, der Wissenschaft und besonders den Akademikern noch weniger. Daher rührt die satirische Färbung von Gedichten wie Kronprätendenten, Der neue Vokal und Der Gaul.

Seit Leo Spitzer haben Kommentatoren Morgensterns Interesse an der Sprache immer wieder mit Fritz Mauthners dreibändigen Beiträgen zu einer Kritik der Sprache verbunden und dabei den Einfluss des Sprachphilosophen vielleicht überschätzt. Morgenstern lernte die Beiträge erst im Dezember 1906 kennen und las höchstwahrscheinlich nur den ersten Band. Sicher gelesen hat er Mauthners Die Sprache, eine Spinoza-Monographie, die Mauthner 1907 veröffentlichte, und mehrere seiner Romane. Seine Begeisterung ließ aber schnell nach. Schon im März 1907 notierte er: Kritik der Sprache ist zuletzt auch nur ein Gesellschaftsspiel. Es gibt nämlich kein Wort, das außerhalb der Sprache noch irgendwelchen Sinn ergäbe. Wer sich außerhalb der Sprache setzen möchte, findet keinen Stuhl mehr (SA Band V Aphorismen, Nr. 654). Im Januar 1908 hielt er Mauthner in einem Gedicht vor: Du bist kein schöpferischer Geist ( T 1907-08, Bl. 155, SA Band II Lyrik 1906-1914). Manche Parallelen, die Spitzer und seine Nachfolger gezogen haben, sind deshalb mit Vorsicht zu betrachten, zumal die genaue Datierung der Gedichte sie noch fragwürdiger macht (dazu Cureau, S. 578 ff.).

Mit Wörtern gespielt hatte Morgenstern lange vor der Begegnung mit Mauthners Werk, schon als Gymnasiast. In den frühen Galgenliedern war das Sprachspiel aber nur groteske Verzierung. In der zweiten Periode wurde es zum entscheidenden Anstoß und zum Kern mancher Gedichte. Oft steckt es schon in der Überschrift, etwa in Anto-logie, Der Sündfloh und Die wiederhergestellte Ruhe. Vor 1905 spielte Morgenstern mit dem Klang der Wörter, danach mit ihrer Bedeutung. Er nutzte die Doppeldeutigkeit der Sprache, und der geistreiche Witz verdrängte den Kalauer. Wo die Sprache bildlich spricht, nahm er sie beim Wort, so in Tertius gaudens, Die Probe und Der Glaube. So wuchs aus der Sprache eine eigene, unsinnige und phantastische Welt (dazu Spitzer und Walter). Scheinbare Etymologien lieferten den Stoff für witzige Fabeln wie Anto-logie oder Der Werwolf. In Naturspiel, Die drei Winkel und Im Reich der Interpunktionen verbindet sich die Wortgaukelei mit einem virtuosen Spiel aus Farben und Formen, in dem sich Morgensterns Vorliebe für Fotomontagen und optische Täuschungen zeigt.

Mauthner wollte zeigen, dass die menschliche Sprache als Werkzeug der Welterkenntnis nicht taugt. Morgenstern dachte dagegen über Macht und Ohnmacht des Wortes nach, über die Fähigkeit der Sprache, das Unwirkliche, das Virtuelle, das Unmögliche und das Sinnlose auszudrücken. "Heißen" und "sein" können dasselbe bedeuten. Manche Wörter wirken wie Etiketten auf leeren Fläschchen, vor allem solche für Beziehungsbegriffe. Sie übten auf Morgenstern eine eigene Faszination aus, wie Die Westküsten und Der Saal zeigen.

Anfang 1908 ließ die sprachphilosophische Richtung nach, und ein frischerer Ton kam in die Galgenpoesie. Morgenstern beschäftigte sich damals mit Volksmärchen, bearbeitete den Rübezahl von Musäus und schrieb Kindergedichte. In den fünf Teufelslegendchen übertrug er den schlichten, naiven Stil mittelalterlicher Holzschnitte in Verse. Das Motto der ersten Galgenliedersammlung, Dem Kinde im Manne, bekam neues Gewicht.

Dritte Schaffensperiode (August 1908 bis Anfang 1914)

Die beiden großen Ereignisse dieser Periode, die Begegnung mit Margareta Gosebruch im August 1908 und bald darauf mit Rudolf Steiner, veränderten die Galgenpoesie in ihrer Substanz. Einige Gedichte tragen unmittelbar die Spur der Liebe, so Scholastikerproblem II, Die zwei Parallelen und vielleicht Historische Bildung. Das Eheleben brachte neue Motive in die humoristische Lyrik: Möbel und Kleider, das Klavier, denn Margareta Morgenstern spielte gut Klavier, und schließlich das Dienstmädchen.

Die Begegnung mit Margareta wirkte aber noch tiefer. Die Entdeckung der Frau und der Liebe beschleunigte den Zusammenbruch der monistischen Weltanschauung, zu der Morgenstern in den Jahren zuvor gelangt war, und führte ihn zu einer dualistischen Sicht. Vielleicht ist das Zwillingspaar Palmström und v. Korf eine burleske Verkörperung dieser neuen Einsicht.

Rudolf Steiner bot dem Dichter eine optimistische Lehre, die auf dem Glauben an Reinkarnation und Karma beruht, das selbstgeschaffene Schicksal. Sie durchdrang Morgensterns ganzes Werk, die ernste Lyrik ebenso wie die humoristische. Die Reinkarnationslehre schimmert allerdings nur in wenigen Gedichten durch, etwa in Palmström wünscht sich manchmal, Denkmalswunsch und Das Einhorn. Entscheidend ist die geistige Atmosphäre, die Palmström und v. Korf umgibt. Am 27. Januar 1912 schrieb Morgenstern über Palmströms Persönlichkeit:

Deren Wert aber liegt fast gar nicht, wie manche annehmen, in irgendeinem "Typischen", sondern fast ganz nur in der Art von Geistigkeit, die sich in ihr zu offenbaren strebt, und die vor allem von jenem stumpfen Ernst befreien zu können scheint, von jenem Zustande des "Ganzdrinnenseins" in der Welt der Erscheinung, die den Menschen von heute in so hohem Maße gefangen und geknebelt hält (Briefe. Auswahl (1952), S. 426).

Steiner verdanken die Galgenlieder, was man ihre vierte Dimension nennen könnte. Palmström und v. Korf sind Geister und wetteifern miteinander in ihrer Unkörperlichkeit. Palmström ist unverwundbar (Die unmögliche Tatsache) und wechselt nach Belieben seine leibliche Hülle (Im Tierkostüm). Korf entgeht der Schwere der Körper (Die Waage) und kann sich unsichtbar machen (Korf geht mitten durch die Wachen). Diese geistige Dimension gipfelt in den Motiven des Schweigens und des Unsichtbaren, die um 1911 und 1912 in der verhaltenen kleinen Welt der Palma Kunkel gediehen.

Morgensterns Nähe zu Steiner konnte auch verhüllt polemisch werden. Mehrere Galgenlieder verspotten materialistische Philosophen des 19. Jahrhunderts, die das Leben auf rein physikalisch-chemische Vorgänge zurückführten. Erst von hier aus erschließt sich wohl der verborgene Sinn von Der durchgesetzte Baum und Das Butterbrotpapier.

Die Anthroposophie lenkte Morgensterns Blick verstärkt auf die Gegenwart, weil nach ihrer Lehre das Handeln auf der Erde die späteren Wiedergeburten bestimmt. Die wilhelminische Zeit zeigte ihm dabei mehr Schatten als Licht, und das Nachdenken darüber führte zu scharfer Kritik. Als reine Geister stehen Palmström und v. Korf gegen die Materie, als freie Geister gegen die wilhelminische Gesellschaft, deren Servilismus und Grobheit Morgenstern schon 1905 angeprangert hatte (an Maximilian Harden, 28. Oktober 1905). Er verspottete den Bildungsphilister, den obrigkeitshörigen Bürger und vor allem die Bürokratie, am treffendsten in Die Behörde. Hinzu kam beißende Satire auf die Kriegspolitik Wilhelms II., am grimmigsten in Die Schwestern, wo Morgenstern das widernatürliche Bündnis von Glocke und Kanone anprangert. Die Galgenpoesie wurde zur Tribüne, auf der er pazifistische Reden hielt, die moderne Wissenschaft in Frage stellte und, der modernen Ökologie vorgreifend, vor den Gefahren von Maschinenwesen und Technik warnte, etwa in Zukunftssorgen.

Seine Spiellust verlor Morgenstern darüber nicht. Die anthroposophische Haltung gab ihm die innere Freiheit, sich ganz dem Spiel zu überlassen. In keiner Sammlung ist der homo ludens so gegenwärtig wie im Palmström. Ihr Reiz liegt in einer eigenartigen Mischung aus Geistigkeit und Kindlichkeit. Palmström und v. Korf sind geistige Wesen und zugleich große Kinder mit grenzenloser Phantasie. Sie tun auf der Erde nichts anderes als erfinden, und Erfinden und Spielen fallen bei ihnen zusammen, weil ihre Erfindungen zwecklos oder ihre Mittel illusorisch sind. Ihre Erfindungen bestehen nur durch die Gnade des Wortes.

Das Sprachspiel ist in der dritten Periode so wichtig wie in der zweiten, und die Verfahren bleiben ähnlich. Wörter und Redensarten werden aus ihrem gewohnten Zusammenhang gelöst, übertragen oder abstrakt Gemeintes wird wörtlich und konkret genommen. Den verborgenen Widersinn bildlicher Wendungen wie "Fersengeld geben" oder "die Flinte ins Korn werfen" deckt Morgenstern auf und nutzt ihn spaßhaft aus (LebensLauf, Die weggeworfene Flinte). Manchmal spinnt er einen Wortwitz über mehrere Gedichte weiter. So entstand die Folge Die Elster, Anfrage, Antwort i. A. und Entwurf zu einem Trauerspiel.

Neu ist in der letzten Periode vor allem die betont ästhetische Ausrichtung. Morgenstern verwendet Verfahren, die ihn in die Nähe der französischen Symbolisten und ihrer deutschen Nachfolger rücken. Die Synästhesie, ein häufiges Mittel der Symbolisten, liefert den Stoff zu Die Geruchsorgel und Der Aromat. Moderne Kunstformen werden travestiert (Bildhauerisches), die Auswüchse der gegenstandslosen Malerei verspottet (Bilder) und die "geistige" Kunst, von der Stefan George träumte, ironisiert (L'art pour l'art, Der Ästhet).

Bei mehreren Gedichten liegt der Reiz weniger in der Parodie als in der Kunstfertigkeit. Morgenstern zaubert musikalische Arabesken (Korfs Verzauberung) und setzt den Rhythmus ein, um Handlungen (Der Rock, Das Butterbrotpapier) oder ganze Pantomimen (Kurhauskonzertbierterrassenereignis) in Szene zu setzen. Als Musterbeispiel kann Die Priesterin gelten, nach Morgensterns Angabe eine Übersetzung aus dem Chinesischen ( T 1910-I, Bl. 17). In dieser Form- und Klangvirtuosität sehen Kommentatoren wie Alfred Liede die eigentliche Bedeutung der Galgenlieder.

Morgenstern war sich bewusst, dass seine humoristischen Gedichte literarisch reifer wurden. Seine anfängliche naive Künstlerjugendlaune sei nach und nach reifer, bewußter und [...] literaturfähiger geworden ( T 1911-12, Bl. 158 und T 1911-12, Bl. 140). Im Winter 1912/13 notierte er über die Galgenlieder: Mit der Zeit aber wuchs ihr Leserkreis, ihre Anzahl, ihr künstlerischer Ernst ( T 1912-13-II, Bl. 20).

Grundlage

Dieser Text gibt den Kommentar in SA Band III Humoristische Lyrik, S. 598-621, gekürzt und in eigener Formulierung wieder.