Der einsame Turm: Unterschied zwischen den Versionen

Aus CMO

Keine Bearbeitungszusammenfassung
Keine Bearbeitungszusammenfassung
Zeile 97: Zeile 97:
| Rezeptionen_wissenschaftlich =  
| Rezeptionen_wissenschaftlich =  
| Rezeptionen_Buchausgaben =  
| Rezeptionen_Buchausgaben =  
| Rezeptionen_weiteres =  
| Rezeptionen_weiteres
| Kommentar_eigen =  
| ID = LYR-SA-01-03-0052
| ID = LYR-SA-01-03-0052
}}
}}


[[Kategorie:Gedicht]]
[[Kategorie:Gedicht]]

Version vom 6. April 2026, 01:19 Uhr

Wer laut von diesem längst verlassnen Turm
der Tannen Ringwald überrufen wollte,
und trüge, was er riefe, stärkster Sturm,
er ahnte, daß es nie ein Ziel errollte.
5 So einsam steigt der alte Bau empor;
er fühlte Fürsten einst auf seinen Stufen,
bis, dunkler Taten schauerlich verrufen,
sein stiller Reiz der Menschen Gunst verlor.

10 Nur daß von Jägern sich zuweilen wer
vorbei verirrt, von wanderfrohen Seele,
von Bettelpack, und wer die Kreuz und Quer
den Forst durchschleicht, sich Holz undWild zu stehlen:
nur daß an seinem Fuß zuweilen sich,
15 wie heut, Zigeunervolk sein Reisig schichtet
und mit der Bogen wehmutwildem Strich
sein Weltweh in den fremden Frieden dichtet.

In allen Kronen hängt noch goldner Glanz...
Die Sonne säumt noch, ihren Tag zu enden...
20 Der Söllerblöcke halb zerfallnen Kranz
umlodert noch ihr scheidendes Verschwenden...
Und aus dem Purpur schwillt es wie ein Born,
ein Strom von Tönen -: Abends erst Erschauern
erregt des Turms uraltes Äolshorn,
25 der Sonne nachzujauchzen, nachzutrauern.

Die Heimatlosen drunten horchen auf-.
Und einer nimmt die Geige von den Knien
und strebt mit manchem jähen Sprung und Lauf
des Winds Gesang phantastisch zu durchziehen...
30 Und wie so Wind und Seele sich verweben,
erwachen mehr und mehr der treuen Geigen...
Ein aller Leidenschaften schluchzend Leben
erstürmt des Himmels immer tiefres Schweigen.

Gefangen folgt zuletzt die ganze Schar
35 der Windposaune wunderlichen Launen...
Nun rast es tollkühn, unberechenbar...
Nun stockt es wie in fragendem Erstaunen...
Oh Sonne! Sonne! Mutter! Mutter! flehen,
verzweifeln, weinen, drohen all die Stimmen
40 und dröhn undflehn in immer bangren Wehen,
je mehr des Tages Brände rings verglimmen.

Doch droben - seht ihr? die Zigeunerin!
Entstahl sie sich dem Kreis der braunen Söhne?
Wo kam sie her, das Weib? Wie kam sie hin?
45 Wie wächst sie hoch in schattenhafter Schöne!
Und hört ihr - hört! wie ihre Lippen singen -
ein Lied, das endlich alles überwindet,
in sich die andren Stimmen alle bindet,
damit Natur und Menschheit sie umklingen.

50 Es ist das tiefe Lied der Einsamkeit,
das Königslied der großen Ungekrönten,
das Klagelied der würdelosen Zeit,
das Trutzlied aller nur mit sich Versöhnten,
und ist der Weisheit gütiger Gesang,
55 des Willens jugendewiges "Es werde!",
der Liebe Durst und Pein und Überschwang,
es ist das Schicksals-Hohelied der Erde.

Der Wald ward still. Kein Hauch im Wipfelschweigen.
Der Sterne Chor bewegt sich klar herauf...
60 Und schlanke Leiber, edle Häupter zeigen
sich hoch vom Turme seinem ernsten Lauf...
Die überall Verstoßenen, sie wohnen
in der Unendlichkeit azurnem Zelt -:
Um ihre Stirnen brennen bleiche Kronen,
und ihre Seelen sind der Sinn der Welt


Lyrik | Auf vielen Wegen
Meinem Freunde Friedrich Kayssler

Träume: Hirt Ahasver | Die Irrlichter | Mensch und Möwe | Der Schuß | Der gläserne Sarg | Der Stern | Der Besuch | Das Bild | Malererbe | Das Äpfelchen | Rosen im Zimmer | Kinderglaube
Vom Tagwerk des Todes: Der Säemann | Vöglein Schwermut | Der Tod und das Kind | Der Tod und der Müde | Der Tod und der einsame Trinker | Der fremde Bauer | Der Tod in der Granate | Im Nebel | Am Ziel | Die Gedächtnistafel | Am Moor | Im Fieber
Eine Großstadt-Wanderung: Eine lange Gasse war mein Nachtweg oT | Und ich sah, erstarrt oT | Und ich ging die lange Gasse oT | Und mich zog die lange Gasse oT | Und ich floh die trübe Gasse oT | Und ich wanderte mechanisch oT | Und ich setzte meine Schritte oT
Vier Elementarphantasien: Meeresbrandung | Erdriese | Der Sturm | Die Flamme
Gedichte vermischten Inhalts: Kleine Geschichte | Das Häuschen an der Bahn | Amor der Zweite | Der zeitunglesende Faun | Goldfuchs, Schürz’ und Flasche | Die Brücke | Der Tag und die Nacht | Der Schlaf | Pflügerin Sorge | Legende | Die apokalyptischen Reiter | Parabel | Das Ende | Der Born | Der Urton | Der einsame Turm
Waldluft: Aufforderung | Krähen bei Sonnenaufgang | Das Häslein | Mittag-Stille | Der alte Steinbruch | Beim Mausbarbier | Elbenreigen | "Ur-Ur" | Geier Nord
Zwischenstück: Fusch-Leberbrünnl | Vor einem Gebirgsbach | Dunkel von schweigenden Bergen oT | Hinaus in Nebel und Regen oT | Spät von Goethe und andrem Wein oT | Morgen | Und doch! | Schwerer Nebel dunkle Lasten oT | Vor zurückgeschickten Versen | Schlechte Wittrung trägt sich gut oT | Möcht’ es wohl hier oben wagen oT | Abendliche Wolkenbildung | Wer doch den trüben Wahn oT | Abendbeleuchtung | "Dichter"? | Briefe | Vor einem Wasserfall | "Leberbrünnl"-Schlucht | Freundin Phanta hat unzweiflich oT | Natur spricht | Ich antworte | Nebel ums Haus | Zum Abschied, an F.-L.
Anmutiger Vertrag | Die beiden Nonnen | Am See | Auf dem Strome | Frage | Sehnsucht | Friede | Bestimmung
Neue Gedichte der 2. Auflage (1911): Bergziegen | Mattenrast | Nebel im Gebirge | Sommernacht im Hochwald | Der vergessene Donner
Zur Textgestalt der Stuttgarter Ausgabe | Auf vielen Wegen - Ich und die Welt - Eine Einführung


Werkgruppe Lyrik
Werkbereich Auf vielen Wegen
Zyklus Gedichte vermischten Inhalts
Zyklusnummer
Titel Der einsame Turm
Textanfang Wer laut von diesem längst verlassnen Turm
Zitiert aus SA Band I Lyrik 1887-1905, S. 166, 167, 168
Kommentar aus SA Band I Lyrik 1887-1905, S. 828, 829
Überlieferung Drei Einzelblätter, handschriftlich, im Nachlaß
Datierung
Erstdruck Auf vielen Wegen (1897) S. 92f, Auf vielen Wegen(1911) S. 43
Gemeinfrei ja
Rezeptionen: künstlerisch
Rezeptionen: wissenschaftlich
Rezeptionen: Buchausgaben
Rezeptionen: weiteres
Kommentar
Volltexterfassung siehe Unterseite
ID LYR-SA-01-03-0052