Der zeitunglesende Faun: Unterschied zwischen den Versionen

Aus CMO

Die Seite wurde neu angelegt: „<poem> Auf einem Eichenstrunk, die Ziegenbeine behaglich überschlagen, sitzt ein Faun und liest in einem alten Zeitungsblatt, das er im Walde irgendwo gefunden. {{Zeile|5}} Ein Feuilleton 'Die Presse, ihre Macht und heilige Mission' beschäftigt ihn. "Die Presse" liest er "ist das Fundament der heutigen Kultur, der stärkste Hebel geistigen Fortschritts, höherer Gesittung. {{Zeile|10}} Sie ist die Lehrerin, Erzieherin und Richterin der Völker! Nichts…“
 
Keine Bearbeitungszusammenfassung
 
Zeile 69: Zeile 69:
| Rezeptionen_wissenschaftlich =
| Rezeptionen_wissenschaftlich =
| Rezeptionen_Buchausgaben =
| Rezeptionen_Buchausgaben =
| Rezeptionen_weiteres =
| Rezeptionen_weiteres =
| Kommentar_eigen =  
| ID = LYR-SA-01-03-0040
| ID = LYR-SA-01-03-0040
}}
}}


[[Kategorie:Gedicht]]
[[Kategorie:Gedicht]]

Aktuelle Version vom 6. April 2026, 01:08 Uhr

Auf einem Eichenstrunk, die Ziegenbeine
behaglich überschlagen, sitzt ein Faun
und liest in einem alten Zeitungsblatt,
das er im Walde irgendwo gefunden.
5 Ein Feuilleton 'Die Presse, ihre Macht
und heilige Mission' beschäftigt ihn.

"Die Presse" liest er "ist das Fundament
der heutigen Kultur, der stärkste Hebel
geistigen Fortschritts, höherer Gesittung.
10 Sie ist die Lehrerin, Erzieherin
und Richterin der Völker! Nichts entzieht sich
der Allmacht ihrer Kritiker: Sie prüft.
beleuchtet alles, was du denkst und tust,
sie ist die vornehmste, stets wachsame
15 und drum so wichtige Vertreterin
 der öffentlichen Meinung. Papst und Kaiser
umbuhlen sie. Und bis herab zum Bettler
sieht alle Stände, alle Klassen man
ihr unterworfen und gezwungen, sie
20 zu respektieren. Und noch mehr, noch mehr!
 Sie ist das unentbehrlich-wichtigste
Verkehrs- und Bildungsmittel unsrer Zeit:
Bezieht ein großer Teil der Menschheit doch
heut sein gesamtes Wissen aus der Zeitung!
25 Denn mehr und mehr verdrängt die Tagespresse
der langen Bücher zweifelhaften Wert:
Der Menschen Kraft, Bedürfnis nehmen heut
die Zeitungen und Zeitschriften in Anspruch,
so daß der Sammlung fordernden Lektüre
30 kein Raum mehr bleibt. Die für den Tag geschriebnen
und mit dem Tag vergehnden Zeitungen,
sie wirken eben rascher als die dicken,
gedankenschweren Bücher, ja noch mehr!
In ihren Händen liegt das Schicksal aller
35 schriftstellerisch- und dichterischen Werke!"

Mit breitem Grinsen liest es der Panisk,
und seine Flöte an die Lippen langend,
erhebt er sich und trabt vergnügt waldein.
Ein Wiesel raschelt unterm Stamm hervor;
40 die hohen Eichen flüstern hell im Wind;
und das Papierchen tanzt in eine Pfütze.


Lyrik | Auf vielen Wegen
Meinem Freunde Friedrich Kayssler

Träume: Hirt Ahasver | Die Irrlichter | Mensch und Möwe | Der Schuß | Der gläserne Sarg | Der Stern | Der Besuch | Das Bild | Malererbe | Das Äpfelchen | Rosen im Zimmer | Kinderglaube
Vom Tagwerk des Todes: Der Säemann | Vöglein Schwermut | Der Tod und das Kind | Der Tod und der Müde | Der Tod und der einsame Trinker | Der fremde Bauer | Der Tod in der Granate | Im Nebel | Am Ziel | Die Gedächtnistafel | Am Moor | Im Fieber
Eine Großstadt-Wanderung: Eine lange Gasse war mein Nachtweg oT | Und ich sah, erstarrt oT | Und ich ging die lange Gasse oT | Und mich zog die lange Gasse oT | Und ich floh die trübe Gasse oT | Und ich wanderte mechanisch oT | Und ich setzte meine Schritte oT
Vier Elementarphantasien: Meeresbrandung | Erdriese | Der Sturm | Die Flamme
Gedichte vermischten Inhalts: Kleine Geschichte | Das Häuschen an der Bahn | Amor der Zweite | Der zeitunglesende Faun | Goldfuchs, Schürz’ und Flasche | Die Brücke | Der Tag und die Nacht | Der Schlaf | Pflügerin Sorge | Legende | Die apokalyptischen Reiter | Parabel | Das Ende | Der Born | Der Urton | Der einsame Turm
Waldluft: Aufforderung | Krähen bei Sonnenaufgang | Das Häslein | Mittag-Stille | Der alte Steinbruch | Beim Mausbarbier | Elbenreigen | "Ur-Ur" | Geier Nord
Zwischenstück: Fusch-Leberbrünnl | Vor einem Gebirgsbach | Dunkel von schweigenden Bergen oT | Hinaus in Nebel und Regen oT | Spät von Goethe und andrem Wein oT | Morgen | Und doch! | Schwerer Nebel dunkle Lasten oT | Vor zurückgeschickten Versen | Schlechte Wittrung trägt sich gut oT | Möcht’ es wohl hier oben wagen oT | Abendliche Wolkenbildung | Wer doch den trüben Wahn oT | Abendbeleuchtung | "Dichter"? | Briefe | Vor einem Wasserfall | "Leberbrünnl"-Schlucht | Freundin Phanta hat unzweiflich oT | Natur spricht | Ich antworte | Nebel ums Haus | Zum Abschied, an F.-L.
Anmutiger Vertrag | Die beiden Nonnen | Am See | Auf dem Strome | Frage | Sehnsucht | Friede | Bestimmung
Neue Gedichte der 2. Auflage (1911): Bergziegen | Mattenrast | Nebel im Gebirge | Sommernacht im Hochwald | Der vergessene Donner
Zur Textgestalt der Stuttgarter Ausgabe | Auf vielen Wegen - Ich und die Welt - Eine Einführung


Werkgruppe Lyrik
Werkbereich Auf vielen Wegen
Zyklus Gedichte vermischten Inhalts
Zyklusnummer
Titel Der zeitunglesende Faun
Textanfang Auf einem Eichenstrunk, die Ziegenbeine
Zitiert aus SA Band I Lyrik 1887-1905, S. 154, 155
Kommentar aus SA Band I Lyrik 1887-1905, S. 826
Überlieferung
Datierung
Erstdruck Auf vielen Wegen (1897), S. 76f
Gemeinfrei ja
Rezeptionen: künstlerisch
Rezeptionen: wissenschaftlich
Rezeptionen: Buchausgaben
Rezeptionen: weiteres
Kommentar
Volltexterfassung siehe Unterseite
ID LYR-SA-01-03-0040