Einleitung zur Galgenpoesie: Unterschied zwischen den Versionen
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=== S. 598 === | Der folgende Text ist eine Zusammenfassung und Neuformulierung eines Textes von Maurice Cureau in [[SA Band III Humoristische Lyrik]], S. 598-621 mit Hilfe von KI und redaktioneller Nachbearbeitung. Cureau ist Herausgeber dieses Bandes. | ||
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Morgenstern schrieb Galgenlieder von 1895 bis in seine letzten Lebensjahre. Er selbst sah darin drei Bücher: die {{Kap|[[Galgenlieder]]}}, den {{Kap|Gingganz}} und den {{Kap|[[Palmström]]}}. Diesen Büchern entsprechen drei Schaffensperioden. Die erste beginnt 1895 mit dem Galgenbund in Berlin, die zweite im November 1905 mit dem mystischen Erlebnis im Sanatorium Birkenwerder, die dritte im August 1908 mit der Begegnung mit Margareta Gosebruch. Die ersten Abschnitte schildern, wie die Sammlungen entstanden und erschienen. Der letzte beschreibt, wie sich die Galgenpoesie inhaltlich veränderte. | |||
== Entstehung der ersten Galgenliedersammlung == | |||
=== Der Galgenbund === | |||
Morgensterns erstes Buch, {{Kap|[[In Phantas Schloss]]}}, ist von der Welt der Berge geprägt. {{Kap|[[Horatius travestitus]]}} und die ersten Galgenlieder sind in Berlin entstanden. Im {{Kap|Horatius travestitus}} mischt sich die genussfrohe Stimmung des Berliner Lebens mit dem Epikureertum und dem Tiefsinn des Horaz. Den ersten Galgenliedern fehlt jede Berliner Lokalfarbe. Trotzdem sind sie ohne die Berliner Boheme nicht denkbar, ohne ihr anregendes geistiges Klima und ihre Mischung aus französischem Esprit, derbem Witz und trockenem märkischem Humor. | |||
[[Der Galgenbund]] war wie der "Orden" eine Runde junger Künstler und Dichter aus dieser Boheme, die ihren Reichtum an Geist und Jugend miteinander teilten und ebenso ihre Armut. Den Orden gab es seit Dezember 1894, der Galgenbund entstand später. Vom Herbst 1895 an bestanden beide nebeneinander. Morgenstern, Fritz Beblo und Georg Hirschfeld gehörten beiden an. Im Orden waren auch Frauen, der Galgenbund bestand nur aus Männern. Das erklärt vielleicht sein eigenes Gepräge, das grausig-spaßige Spiel mit dem Tod. | |||
Wie der Bund zu seinem Namen kam, erklärte Morgenstern Anfang 1912 in einem Briefentwurf: | |||
''Die ersten "Galgenlieder" entstanden vor kaum wohl mehr als 15 Jahren für einen kleinen lustigen Kreis, der sich auf einem Ausflug nach Werder bei Potsdam, allwo noch heute ein sogenannter "Galgenberg" gezeigt wird, wie das so die Laune gibt, mit diesem Namen schmücken zu müssen meinte.'' ({{TBl|1911-12|124}}) | |||
Aus dem Namen ergab sich alles Weitere. Nach dem Ausflug trafen sich die Freunde jede Woche, wahrscheinlich donnerstags, in der Wohnung von Friedrich Kayssler oder Julius Hirschfeld oder in einer Kneipe. Dort feierten sie einen seltsamen Kult, zu dem eine spaßhaft inszenierte, schaurige Hinrichtung gehörte. Julius Hirschfeld, der sich zwei Jahre später das Leben nahm, spielte den Gehenkten. Ausführlich schildert den Kult Jeremias Mueller, der pedantische Kommentator, den Morgenstern für die Galgenlieder erfand, im {{Kap|[[Versuch einer Einleitung (Galgenlieder)|Versuch einer Einleitung]]}}. | |||
Jeder Galgenbruder trug einen schaurigen Bundesnamen. Anfangs waren es sechs: | |||
* Christian Morgenstern: Rabenaas | |||
* Julius Hirschfeld: Schuhu | |||
* Friedrich Kayssler: Gurgeljochem | |||
* Georg Hirschfeld: Verreckerle | |||
* Fritz Beblo: Stummer Hannes oder der Büchner | |||
* Franz Schäfer: Veitstanz oder der Glöckner | |||
Ende Januar 1896 kamen zwei hinzu: | |||
* Robert Wernicke: Faherrügghh oder der Unselm | |||
* Paul Körner: Galgenbruder Gespenst, Spinna oder Zöbner | |||
Die Treffen fielen in zwei Zeiträume. Der erste reichte etwa von Ende April bis Ende Juni 1895, der zweite, längere von Ende Oktober 1895 bis Ende Juni 1896. | |||
=== Lieder für das Ritual === | |||
Zum Ritual gehörten liturgische Gesänge, und aus ihnen gingen die Galgenlieder hervor. Nach dem Zeugnis von Franz Schäfer schloss anfangs ein einziges Lied die Feier ab. Später vertonte Julius Hirschfeld mehrere Texte, die Morgenstern ihm auf Zetteln brachte. Davon berichtete Georg Hirschfeld am 4. Mai 1928 in einem Artikel der ''[https://zefys.staatsbibliothek-berlin.de/kalender/auswahl/date/1928-5-4/27112366/ Vossischen Zeitung]''. Morgenstern und Julius Hirschfeld bildeten die Pole des Bundes. Von Hirschfeld ging eine rätselhafte, unheimliche Wirkung aus, der sich der empfindsame Dichter nicht entziehen konnte. | |||
Zu den Requisiten gehörten ein Kinderskelett, rote Wollschnur, Wachskerzen, ein schwarzes Tischtuch und eine alte Klinge, deren Blutrost Georg Hirschfeld für zweifelhaft hielt. Das seltsamste Stück ist ein Hufeisen, das sich im Nachlass erhalten hat. Es umschließt wie ein Kästchen einen Stapel Blätter aus Ölpapier, auf denen die geweihten Texte stehen. Ein Totenkopf aus schwarzer Pappe deckt es ab, und die Blätter darunter haben dieselbe Form. Sie tragen verdächtig rote Flecken und sind oben rechts angesengt, als wären sie einer Kerzenflamme zu nahe gekommen. | |||
In der Blütezeit des Bundes lagen im Hufeisen acht Lieder, so viele, wie der Bund Mitglieder hatte. Heute sind es sieben. Jeder Galgenbruder besaß außerdem ein "Galgenalbum" mit denselben Texten. Mit Hilfe dieser Alben lässt sich das fehlende Lied bestimmen, es ist {{Kap|[[Das Weiblein mit der Kunkel]]}}. | |||
Die ursprüngliche Reihenfolge im Hufeisen lässt sich rekonstruieren. Das älteste Stück war höchstwahrscheinlich das Bundeslied. | |||
# {{Kap|[[Bundeslied der Galgenbrüder|Bundeslied]]}}, zuerst {{Kap|Das Galgenlied}} | |||
# {{Kap|[[Galgenbruders Lied an Sophie]]}}, zuerst {{Kap|Sophie}} | |||
# {{Kap|[[Nein!]]}} | |||
# {{Kap|[[Das Geburtslied]]}}, zuerst {{Kap|Die Wehenacht}} | |||
# {{Kap|[[Die Beichte des Wurms]]}} | |||
# {{Kap|[[Schlachtgesang]]}}, zuerst {{Kap|Das Kniebein}} | |||
# {{Kap|[[So hängen wir]]}} | |||
{{Kap|Das Weiblein mit der Kunkel}} stand wahrscheinlich vor oder nach {{Kap|Die Beichte des Wurms}}. | |||
Zur Liturgie gehörten noch weitere Lieder, die der {{Kap|Versuch einer Einleitung}} erwähnt, darunter {{Kap|[[Fisches Nachtgesang]]}}, {{Kap|[[Das große Lalulā]]}}, {{Kap|[[Das Simmaleins]]}} und {{Kap|[[Das Gebet]]}}. Gegen Ende Juni 1896 gab es 15 Galgenlieder, wenn man das Motto mitzählt. | |||
=== Vom Bund zum Buchplan === | |||
Ende Juni 1896 löste sich der Galgenbund auf. Bis dahin waren die Lieder in einer ausgelassenen Runde entstanden, manche wie {{Kap|Nein!}} tragen Spuren gemeinsamer Erfindung. Nun schrieb Morgenstern allein, und die Lieder veränderten ihren Charakter. | |||
Am 24. Januar 1897 hatte er 17 humoristische Gedichte beisammen. Er dachte schon an eine Veröffentlichung als Galgenberg-Album, das Beblo ausstatten sollte. An Marie Goettling schrieb er: | |||
''Seine Künstlerhand soll uns jedoch zu einem Galgenberg-Album, dessen Kernpunkt unsere siebzehn Lieder (Texte und Musik) sein sollen, nicht entgehen.'' | |||
Im November 1897 schlug er Beblo einen gemeinsamen Kalender vor: ''Zwölf Blätter zum Umklappen, Du Bild, ich Text. Vielleicht humoristisch. Vielleicht direkt Galgenlieder mit Musik und Zeichnungen.'' | |||
Am 8. Mai 1898 reiste Morgenstern nach Norwegen, um für die Übersetzung von Ibsens Werken die Sprache gründlich zu lernen. In Nordstrand bei Christiania, dem heutigen Oslo, verliebte er sich in Dagny Fett, ein Mädchen aus kleinbürgerlicher Familie. Die von Anfang an aussichtslose Liebe klingt in mehreren Galgenliedern dieser Zeit nach. | |||
Ende 1898 zog Morgenstern Bilanz über die Arbeit des Jahres. Einer der letzten Einträge lautet ''Zusammenstellung der Galgenlieder'' ({{TBl|1898-99-I|129}}). Die Sammlung umfasste nun etwa dreißig Lieder, und Morgenstern ordnete sie zum ersten Mal, offenbar mit Blick auf eine Veröffentlichung. Für ein eigenes Buch war sie noch zu schmal. Er wollte sie deshalb in ein größeres Werk einfügen, dem er den Titel {{Kap|Das lustige Buch}} geben wollte ({{TBl|1898-99-I|111}}). Die Idee dazu reichte bis ins erste Vierteljahr 1895 zurück. Drei Vorreden hatte er schon im November 1896 in der ''[[Jugend (Zeitschrift)|Jugend]]'' veröffentlicht ([[SA Band VI Kritische Schriften]], S. 196 f.). Einen Verleger fand er nicht. Bondi lehnte ab, danach Schuster und Loeffler. Das bestärkte Morgensterns eigene Zweifel an diesen bizarren Gedichten, und in einer mutlosen Stunde wollte er sie verbrennen. Friedrich Kayssler erinnerte ihn am 18. Dezember 1900 daran: "Du wolltest ja auch die Galgenlieder verbrennen und jetzt sind sie in Ehren, gebunden bei Wolzogen." | |||
=== Bühne und Verlag === | |||
Dass die Galgenlieder überlebten, verdanken sie Ernst von Wolzogen, dem Gründer der Berliner Kleinkunstbühne "Überbrettl", und Friedrich Kayssler, der damals schon ein erfolgreicher Schauspieler war. Kayssler las sie im November oder Dezember 1898 im Kabarett "Die Brille" zum ersten Mal vor. Als er 1901 mit Max Reinhardt und Louise Dumont die Bühne "Schall und Rauch" gründete, nahm er Morgensterns Grotesken in sein Programm. Wolzogen hatte Morgenstern schon im September 1900 um die d'Annunzio-Parodie {{Kap|[[Il pranzo (Das Mittagsmahl)]]}} gebeten. Im November fragte er nach Galgenliedern. Er wollte sie mit Schattenspielen und einer schaurigen Inszenierung grotesk zur Wirkung bringen. Morgenstern werde dann fast jeden Abend auf dem Programm stehen und eine nennenswerte Einnahmequelle gewinnen (Brief vom 16. November 1900). Für den meist mittellosen Dichter zählte dieses Argument. So wurden Wolzogen und Kayssler die ersten, die Galgenlieder in Deutschland regelmäßig vor Publikum brachten. | |||
Im September 1899 war Morgenstern aus Norwegen nach Berlin zurückgekehrt. Zwischen 1900 und 1902 scheiterten zwei weitere Pläne. Albert Langen lehnte die Galgenlieder trotz Wolzogens Fürsprache ab, weil er den Verfasser "zu wenig derb" fand (Morgenstern an Jacobsohn, 13. Januar 1907). Auch der Plan von Kayssler und Reinhardt, Morgensterns Grotesken als "Schall- und Rauchbücher" herauszubringen, kam nicht zustande. Aus dieser Zeit stammt wahrscheinlich der Entwurf einer Vorrede, dessen pedantischer, pseudowissenschaftlicher Stil den {{Kap|Versuch einer Einleitung}} vorwegnimmt. | |||
Gleich nach seiner Rückkehr aus Italien Anfang Mai 1903 nahm Morgenstern wieder Kontakt zu "Schall und Rauch" auf. Im einzigen Tagebuch aus dieser Zeit steht: ''In Berlin eine Reihe Galgenberg-Abende veranstaltet. Gegurgelte Lieder zu vieren'' ({{TBl|1903|70}}). | |||
Für das letzte Vierteljahr 1903 und die erste Hälfte 1904 fehlen verlässliche Zeugnisse. Wie die Sammlung in dieser Zeit reifte und wann Cassirer sich zum Druck bereit erklärte, ist nicht bekannt. Im Sommer 1904 dachte Morgenstern daran, die Galgenlieder von dem Grafiker Heinrich Wolff illustrieren zu lassen. Daraus wurde nichts, weil Karl Walser, der Bruder von Robert Walser, den Umschlag übernahm. Der Plan zeigt aber, dass die Sammlung damals kurz vor dem Abschluss stand. In einem undatierten Brief, wohl aus dem Herbst 1904, drängte Morgenstern den Verleger: | |||
''Ich glaube, Sie verscherzen viele Käufer, wenn die Sache nicht spätestens 1. XII. erscheint. "Wenn schon, denn schon", nicht?'' | |||
Das Buch war also vor Ende des Herbstes 1904 druckfertig. Gedruckt wurde es erst Ende Februar 1905. | |||
== Datierung der frühen Galgenlieder (1895-1905) == | |||
Zwischen dem ersten und dem letzten Galgenlied der ersten Sammlung liegen fast zehn Jahre. In dieser Zeit wandelte sich der Geist der Lieder. Die ausgelassene Poesie des Galgenbunds hat mit der eher düsteren Gedankenlyrik der sogenannten skeptischen Periode von 1900 bis 1904 nichts gemein. Auch die Menge nahm ab. Anfangs schrieb Morgenstern humoristische Gedichte in großer Zahl, später nur noch vereinzelt. Vermutlich entstand der größte Teil der ersten Sammlung vor März 1899. | |||
Das zu belegen ist schwierig, weil Morgenstern nur wenige Gedichte datiert hat. Bei den übrigen sind zwei Fälle zu unterscheiden. Steht die Urfassung in einem Tagebuch oder unter den Nachlassschriften, lässt sich die Entstehungszeit recht leicht bestimmen. Der Zeitraum des Tagebuchs ist bekannt, und die Stelle des Gedichts darin gibt weiteren Aufschluss. Häufiger ist nur eine Abschrift erhalten. Dann lässt sich nur die Abschrift datieren und damit ein Zeitpunkt, vor dem das Gedicht schon existierte. Gedichte ohne Spuren im Nachlass bleiben hier außer Betracht. | |||
Für die Datierung der Abschriften gibt es mehrere Anhaltspunkte: | |||
* die Handschrift, die sich im Lauf der Jahre veränderte | |||
* Beschaffenheit und Sorte des Papiers | |||
* die Farbe der Nummern, mit denen manche Texte versehen sind | |||
* Großbuchstaben am Versanfang, ein besonders aufschlussreiches Merkmal. Angeregt durch Otto Erich Hartleben nahm sich Morgenstern schon 1895 vor, darauf zu verzichten. Konsequent tat er es erst ab August 1897, diesmal nach dem Vorbild Dehmels. | |||
* die Form des Buchstabens z, ein noch ergiebigeres Merkmal. Zwischen Dezember 1902 und März 1905 ging Morgensterns Schrift vom kurzen zum langen z über. | |||
Weitere Hilfen bietet die literarische Untersuchung der Texte. Sie deckt Verbindungen zwischen der ernsten Lyrik und der humoristischen Dichtung auf. Vor allem braucht es aber eine genaue Kenntnis der Biografie. Oft helfen Ortsangaben und zeitgebundene Motive in den Texten. So teilt das ernste Gedicht {{Kap|[[Eine bitterböse Unke]]}} von 1896 mit dem Galgenlied {{Kap|[[Des Galgenbruders Gebet und Erhörung]]}} das Motiv der Unke, die die Nachtruhe stört. Dazu kommt, dass sich Morgenstern im Juli 1896 in Friedrichshagen unmittelbar am See aufhielt. Beides zusammen macht die Datierung des Galgenlieds recht sicher. Auch postume Gedichte, die an ein Zeitereignis anknüpfen, lassen sich ohne große Mühe datieren, etwa {{Kap|[[Vom Steinplatz zu Charlottenburg]]}}. | |||
Eine weitere Datierungshilfe, sind die zwei Zeiträume der o.g. Treffen des Galgenbundes: | |||
# etwa von Ende April bis Ende Juni 1895, | |||
# von Ende Oktober 1895 bis Ende Juni 1896. | |||
Die SA datiert die humoristischen Gedichte zum ersten Mal. Methoden und Ergebnisse stammen größtenteils aus der Habilitationsschrift von Maurice Cureau, ''Christian Morgenstern humoriste. La création poétique dans {{Kap|In Phantas Schloss}} et les {{Kap|Galgenlieder}}''. | |||
== Die weiteren Ausgaben der Galgenlieder == | |||
=== Birkenwerder und Meran === | |||
Anfang November 1905 kam Morgenstern in das Sanatorium Birkenwerder. Dort wurde der Skeptiker der letzten Berliner Jahre durch eine Art Erleuchtung zum Mystiker. Dieses Erlebnis gab auch dem Humoristen neuen Antrieb. In den sechs Monaten in Birkenwerder entstanden fast so viele Galgenlieder wie in den neun oder zehn Jahren davor. Auch in Meran-Obermais, wo er sich am 7. September 1906 niederließ, fand er den festen Ort, den er zum Arbeiten brauchte. Die meisten Galgenlieder der Jahre 1905 bis 1908 stehen in erster Fassung in den Tagebüchern, ihre Datierung ist deshalb nur selten unklar. | |||
=== Der Streit um eine neue Sammlung === | |||
Zwischen Oktober 1905 und Ende April 1908 schrieb Morgenstern über hundert neue Galgenlieder. Zu seinen Lebzeiten erschien davon nur ein kleiner Teil. Die zweite Ausgabe der {{Kap|Galgenlieder}} von 1906 war bis auf wenige Änderungen ein Nachdruck der ersten. Die dritte von 1908 strich ein Dutzend Gedichte und brachte nur 25 neue. Das lag vor allem an Cassirer. | |||
Über zwei Jahre bemühte sich Morgenstern, ihn für eine ganz neue Sammlung zu gewinnen. Zum ersten Mal nennt er ihren Titel am 8. Dezember 1905 in einem Brief an [[Julius Bab]]: ''Was sagen Sie übrigens zu dem Titel meiner übernächsten Sammlung: der Gingganz?'' Am 18. April 1906 kündigte er Cassirer die baldige Zusendung des ''abgeschlossenen Bandes der neuen Galgenlieder'' an. Im Juli bestand er auf dem Titel, ''Sie dürfen mir diesen Titel nicht frisieren'', und lehnte eine bloße Wiederholung der alten Sammlung ab. Er gab Hinweise zu Druck und Umschlag und rechnete damit, dass das Buch als ''Weihnachtsgabe für 1907'' erscheinen könne. Alle diese Vorschläge scheiterten an dem, was Margareta Morgenstern nach dem Tod des Dichters in einem verärgerten Briefentwurf an Cassirer die "Interesselosigkeit der Verleger" nannte. | |||
Am 19. Februar 1907 schickte Morgenstern Cassirer per Einschreiben 22 neue Galgenlieder, offenbar als Grundstock der geplanten Sammlung. Er war zu allen Zugeständnissen bereit und hätte notfalls sogar auf den Titel {{Kap|Der Gingganz}} verzichtet, an dem ihm viel lag. Cassirer schwieg, und dass Morgenstern die Gründe nicht kannte, machte das Schweigen noch kränkender. Am 19. Mai 1907 bat er um freie Hand, ''weil ich fürchte, daß Ihr Verhalten, selbst bei mir frömmstem Lamm, schließlich zur Blutvergiftung führen möchte''. | |||
Erst Ende 1907 kam eine Antwort. Cassirer hielt das Vorhaben für ein Wagnis und neigte zu einem bloßen Neudruck. Morgenstern protestierte: ''Gegen einfachen Neudruck protestiere ich mit H[and] und F[uß]'' (18. Dezember 1907). In einem undatierten Brief, vermutlich ebenfalls vom Dezember 1907, begründete er seinen Widerstand: | |||
''Ich bestehe aber nicht nur auf irgendeinem Schein, sondern ich handle im höchsten Maße auch zu {{Gesperrt|Ihrem}} Vorteil, wenn ich das Buch aus einer bloßen Ulk-Sache zu einem wirklichen Buch mache, das in dieser seiner neuen Gestalt in der Literatur - und nicht nur in Kneipen und Kliniken - seinen Platz beanspruchen darf.'' | |||
=== Der Kompromiss von 1908 === | |||
Die dritte Ausgabe der {{Kap|Galgenlieder}} erschien Anfang April 1908 als "Dritte veränderte und durch den 'Gingganz' und anderes ums Doppelte vermehrte Auflage". Die geplante eigene Sammlung war ganz in den Galgenliedern aufgegangen. Am deutlichsten sagt das Morgensterns Brief an Cassirer vom 15. April 1908: | |||
''Aber daß ich Ihnen mit dem {{Kap|Gingganz}} zu dem alten ein neues kleines Buch gab, bleibt doch nun wohl einmal Tatsache. Sie haben sich zwei Jahre lang gegen dies neue Büchlein, das, selbstständig, unschwer doppelt so dick hätte werden und überall seinen guten Preis hätte erzielen können, gewehrt, sodaß ich schließlich im Unwillen gegen diese Knebelung (denn ich sollte es ja auch nicht anderswo erscheinen lassen) die Gelegenheit der 3. Auflage der "Galgenlieder" ergriff, eine Anzahl der neuen Gedichte vor die Öffentlichkeit zu bringen.'' | |||
Im selben Brief verlangte er für die ''25 neuen und sorgfältig ausgewählten opuscula'' eine angemessene Vergütung. | |||
Kaum war der Gingganz erledigt, drängte Morgenstern auf einen zweiten Band humoristischer Gedichte unter dem Titel {{Kap|St. Expeditus}}. Die Liste der 38 geplanten Gedichte schickte er Cassirer ebenfalls am 15. April 1908. Auch dieser Plan scheiterte am Verleger, ebenso das Projekt {{Kap|Anmerkungen}}. Erst im September 1909 entschloss sich Cassirer, den der Erfolg der Galgenlieder inzwischen doch beeindruckt hatte, zu dem lange ersehnten zweiten Band. {{Kap|Palmström}} erschien im Mai 1910. | |||
Ab April 1908 geht die Entstehungsgeschichte der Galgenlieder in der der Palmström-Sammlung auf. Die meisten Gedichte, die zwischen 1908 und Morgensterns Tod entstanden und nicht in den {{Kap|Palmström}} kamen, blieben im Nachlass, bis Margareta Morgenstern sie in den postumen Ausgaben veröffentlichte. | |||
Die dritte Ausgabe von 1908 hatte Aufbau und Charakter der ursprünglichen Sammlung grundlegend verändert. Die späteren Auflagen änderten nur noch wenig, teils durch Morgenstern, teils durch Cassirer. Die Ausgabe letzter Hand unterscheidet sich von der Auflage von 1908 nur durch drei Gedichte, die vermutlich vor 1908 entstanden sind. | |||
== Entstehung der Palmström-Sammlung == | |||
=== Der erste Palmström === | |||
Im August 1908 lernte Morgenstern Margareta Gosebruch kennen, die im März 1910 seine Frau wurde. Im Winter 1908/09 entdeckte er die theosophischen Lehren Rudolf Steiners, des Begründers der Anthroposophie. Beide Ereignisse regten die humoristische Dichtung ebenso an wie 1905 das Erlebnis in Birkenwerder. Die meisten Palmström-Gedichte entstanden 1910. In den Jahren 1911 und 1912 waren es weniger. Ab 1913 ließ die Schaffenskraft des schwer kranken Dichters nach. | |||
Von den über hundert Gedichten der Jahre 1909 bis 1914 fand nur die Hälfte Platz in den Palmström-Ausgaben, die zu Morgensterns Lebzeiten erschienen. Wie bei den Galgenliedern scheiterte sein Eifer am Desinteresse des Verlegers. | |||
Palmström war zuerst nur ein Kauz, der einem Galgenlied von 1906 seinen Namen gab. Ende September 1909 wurde er mit Cassirers Zustimmung zum Titelhelden einer ganzen Sammlung. Als Titel kamen {{Kap|Palmström}} oder {{Kap|Die Oste}} in Frage, die Wahl überließ Morgenstern dem Verleger (Brief vom 28. September 1909). Am 13. Januar 1910 schickte er das Manuskript: | |||
''Hier also ist "Palmström", der hoffentlich die "Galgenlieder" nach und nach etwas überschatten wird.'' [...] ''Mit Palmström und Korf übrigens habe ich, wie Sie bemerken werden, ein neues Feld gefunden, das ich noch viel und oft anzubaun gedenke.'' | |||
Von da an ging es zwischen Dichter und Verleger hin und her, bis zur 5. und 6. Auflage. Cassirer wollte bei der Zusammenstellung überall mitreden und verlangte mal Änderungen, mal Streichungen. Morgenstern fügte sich oder wehrte sich mit Händen und Füßen. Manche Eingriffe Cassirers sind fragwürdig, ebenso Morgensterns Anhänglichkeit an einige schwächere Gedichte. Ob Cassirer {{Kap|[[Die Brillen]]}} zu Recht streichen wollte und ob Morgensterns beharrliche Vorliebe für {{Kap|[[Die Lämmerwolke]]}} berechtigt war, bleibt offen. | |||
In einem Punkt wirkte Cassirer eindeutig günstig. Er bremste Morgensterns Phantasie dort, wo sie die Sammlung gefährdete. Am 24. Januar 1910 schlug Morgenstern vor, die Palmström-Gedichte in Spiegelschrift zu drucken: ''Mit einem beigegebenen kleinen Spiegel (oder auch ohne das).'' Er versprach sich davon Käufer, weil solche Bücher als Kuriosität gefragt wären, und für die Autoren eine neue Art von Distanz, ''so wie man früher Latein schrieb, wenn man nicht gleich alles allen preisgeben mochte''. | |||
=== Erweiterung statt zweiter Sammlung === | |||
Anfang Mai 1910 erschien die erste Palmström-Ausgabe, ein Nachdruck folgte rasch, wahrscheinlich im Juli. Schon damals plante Morgenstern eine dritte, erweiterte Ausgabe (an Cassirer, 28. Juli 1910). Sie verzögerte sich, teils durch Cassirers Gleichgültigkeit, teils durch Morgensterns schwere Erkrankung in Taormina. Auf neue Palmström-Gedichte reagierte Cassirer monatelang nicht. Aus dem Sanatorium in Arosa schrieb Morgenstern: ''Warum versenken Sie meine Palmströmsendung so in Schweigen? Ich liege hier im Schnee und warte...'' (Postkarte vom 12. April 1911). Am 19. Juli 1911 schickte er zehn neue Gedichte. Als wieder keine Antwort kam, mahnte er am 24. September: ''er sollte in seiner neuen "dicken" Gestalt durchaus noch die Weihnachtsmesse erreichen!'' Die dritte Ausgabe erschien Ende Oktober oder Anfang November 1911. | |||
Inzwischen verfolgte Morgenstern einen neuen Plan. Wie Jahre zuvor mit dem Gingganz wollte er nun eine zweite Palmström-Sammlung durchsetzen. Am 19. Juli 1911 schrieb er: ''Für Sie habe ich noch einen Faust - wollte sagen Palmström II. Teil vor''. Ende September wurde er deutlicher. Der bisherige {{Kap|Palmström}} sollte auf zwei Bücher erweitert werden, {{Kap|Palmström}} und {{Kap|Die Oste}}, jedes etwa so umfangreich wie der bisherige Band. Für einen gemischten Band wie die Oste habe er vieles liegen, und falls Cassirer ablehne, wolle er daraus einen Band für Piper machen (26. September 1911). Wenige Tage später, vermutlich am 1. Oktober 1911, legte er nach: | |||
''Die Qualität wird ja eben dadurch erhöht, daß jedes {{Gesperrt|einheitlicher}} wird. Jedes wird in {{Gesperrt|seiner}} Art gewinnen.'' [...] ''Sie glauben ja nicht, wie es einen lebhaften Menschen wie mich hemmt, wenn er überall verrammelte Türen sieht und wie er auftaut und produktiv wird, wenn man ihm nur Möglichkeiten bietet.'' (Briefentwurf, {{TBl|1911|129}} f.) | |||
Cassirer meinte mit der erweiterten Auflage genug getan zu haben. Bis 1913 musste sich Morgenstern damit begnügen, die eine Palmström-Sammlung um neue Gedichte zu ergänzen und weiter an ihr zu feilen. Im November 1912 dachte er noch an ein drittes Buch um die rätselhafte Gestalt der Palma Kunkel, teilte Cassirer das aber nur zögernd mit: ''Im Übrigen bahnt sich langsam etwas Drittes an, mit Muhme Kunkel im Mittelpunkt und dem entsprechenden Menschen- und Tierkreis'' (27. November 1912). Aus dieser Zeit stammt eine Skizze mit dem Stammbaum der Familie Kunkel. Sie brachte die Witwe des Dichters zumindest auf den Titel der 1916 erschienenen Sammlung {{Kap|[[Palma Kunkel]]}}. Auch dieses letzte Projekt verlief im Sand. In den zu Lebzeiten gedruckten Werken hinterließ es nur eine Spur, das Gedicht {{Kap|[[Muhme Kunkel]]}}. | |||
== Wesen und Entwicklung der Galgenpoesie == | |||
1910 beschrieb Morgenstern in einem Brief an eine Freundin Margaretas selbst drei Phasen ({{Kap|[[Briefe. Auswahl]]}} (1952), S. 407): | |||
''Im Übrigen würdest Du bei näherem Zusehen leicht die Entwickelungslinie entdecken, die durch die drei Bücher geht (denn es sind eigentlich drei).'' | |||
* ''Erstens: Die Galgenlieder.'' | |||
* ''Zweitens: Der Gingganz nebst dem darauf Folgenden.'' | |||
* ''Drittens: Palmström.'' | |||
''Die eigentlichen {{Kap|Galgenlieder}} waren, wie ja auch die Vorrede durch alle Verschnörkelung hindurch erraten läßt, für einen kleinen Kreis jugendlich ausgelassener Freunde bestimmt, wo sie gemeinsam gesungen und mit einer Art von heiter-gruseligen Zeremonien mehr oder weniger dargestellt wurden.'' | |||
''Der zweite Teil: {{Kap|Der Gingganz}} breitet sich denn schon viel freier und unabhängiger von dem ursprünglich angeschlagenen Thema aus. Und im {{Kap|Palmström}} ist jene Anfangsstimmung ganz verschwunden und die Bahn frei für jederlei Stoff und Absicht.'' | |||
Nimmt man zur ersten Palmström-Sammlung die Gedichte der folgenden drei oder vier Jahre hinzu, ergeben sich drei Schaffensperioden, die genau Morgensterns eigener Einteilung entsprechen: | |||
* Die erste beginnt im April oder Mai 1895 mit der Gründung des Galgenbunds in Berlin und endet im November 1905 mit der Ankunft in Birkenwerder. | |||
* Die zweite reicht von November 1905 bis August 1908. In ihr entstehen alle Galgenlieder, die Morgenstern als Gingganz-Gedichte bezeichnete. | |||
* Die dritte beginnt im August 1908 und umfasst die letzten Lebensjahre. | |||
Am Übergang steht jeweils ein Erlebnis von großer Tragweite. Im November 1905 ist es das mystische Erlebnis in Birkenwerder, im August 1908 die Begegnung mit Margareta Gosebruch, die Morgenstern bald darauf mit dem Denken Rudolf Steiners bekannt machte. | |||
Von Periode zu Periode veränderte sich das Bild der Galgenwelt. Morgenstern räumte selbst ein: ''Was im Laufe der ersten Auflagen dann noch hinzutrat, hatte natürlich mit dem Anfangsthema nicht mehr viel gemein'' ({{TBl|1911-12|135}}). | |||
=== Erste Schaffensperiode (1895-1905) === | |||
Die ersten Galgenlieder waren Gelegenheitsgedichte, makabre Gesellschaftsspiele im Ritual des Galgenbunds. Diese Herkunft gab ihnen bis etwa 1897 ihre schaurige Stimmung. Die frühe Galgenwelt ist nächtlich und gespenstisch, wie aus einem Albtraum. Hinter dem heiter-gruseligen Ulk lauerte wohl die Angst des früh vom Tod gezeichneten Dichters. Schon 1899 notierte er: ''Der mächtigste Dichter ist die Furcht'' ({{TBl|1898-99-I|122}}). Aus dieser Angst gingen, wie in der ernsten Lyrik derselben Jahre, Bilder des Grauens und des Todes hervor: der Mond, der Wind, die zwölf Schläge der Mitternacht und die Silbergäule. Sie tragen schon in {{Kap|[[Auffahrt]]}} aus {{Kap|In Phantas Schloss}} Schwarz und Silber, die Farben des Todes. Vermutlich geht auch das Gewimmel der Tiere um den Galgenberg auf diese Angst zurück. Sie prägt sogar die Namen von Ungeheuern wie ''Mondschaf'', ''Zwölf-Elf'' oder ''Mitternachtsmaus''. In diesen grotesken Zusammensetzungen stammt der erste Teil jeweils aus dem Umkreis des Todes. | |||
Die Menagerie kann auch literarische Wurzeln haben. Alfred Liede (''Dichtung als Spiel'', Bd. 1) verweist auf Nietzsches ''Zarathustra'', den Morgenstern 1895 immer wieder las und dessen Sprache und Bilder sich ihm tief einprägten. Schon als Gymnasiast hatte Morgenstern mit Sprache gespielt, Nietzsche bestärkte diese Neigung. Wenige Dichter haben die ''Umwortung aller Worte'' so radikal betrieben wie er. | |||
Das Sprachspiel der ältesten Galgenlieder ist fast ausnahmslos lautlich. Morgenstern jongliert mit dem Klang der Wörter, und der Wechsel von dunklen u-Lauten und hellen i-Lauten ruft die nächtliche Galgenwelt mit ihren huschenden Schatten und Lichtern hervor. Leo Spitzer sagt über {{Kap|[[Liebeserklärung des Raben Ralf]]}}, Morgenstern "onomatopoetisiert" die Wörter (''Die groteske Gestaltungs- und Sprachkunst Morgensterns'', S. 85). In {{Kap|[[Das Hemmed]]}} tritt die Lautmalerei an die Stelle verständlicher Sprache. In {{Kap|Das Gebet}} führt ein Kalauer die naive Frömmigkeit der Rehlein ad absurdum. Am weitesten geht {{Kap|Das große Lalulā}}. Dort häuft Morgenstern "Lautgrimassen" (Spitzer, S. 57), und die Sprache befreit sich von dem Zwang, etwas zu bedeuten. Sie ist autonom geworden. Gedichte wie dieses und {{Kap|Schlachtgesang}} haben Kritiker veranlasst, den Ursprung aller Galgenlieder in der Sprache selbst zu suchen. | |||
Neben diese Deutung der Galgenpoesie als "Sprachspielwelt" (Leo Spitzer, Jürgen Walter) stellte Morgenstern selbst eine andere. Er verstand sie als Erlebnisdichtung, bei der ''jedes einzelne Gedicht'' [...] ''durchaus als "Gelegenheitsgedicht" in Goetheschem Sinne aufgefaßt werden darf'' ({{TBl|1911-12|140}}). So gelesen gewinnen die Galgenlieder einen unerwarteten Sinn. Die humoristische Lyrik wird zum Zerrspiegel, in dem die inneren Spannungen, Hemmungen und Ängste des Dichters erscheinen. Der Humor schützt, indem er die lyrische Sprache karikiert und ihre Gefühlswirkung zerstört. Eine wesentliche Triebfeder der frühen Galgenpoesie ist der Kampf mit dem Affekt. | |||
Nirgends zeigt sich das vielleicht so deutlich wie in den Galgenliedern, die 1898 und 1899 in Norwegen entstanden. Sie bringen neue Motive: das schmachtende Liebespaar ({{Kap|[[Die beiden Flaschen]]}}), die Hochzeit ({{Kap|[[Die Hochzeit der Dinge]]}}), die Ehe ({{Kap|[[Die beiden Esel]]}}) und die Familie ({{Kap|[[Der Nachtschelm und das Siebenschwein]]}}). Etwa ein Dutzend Galgenlieder aus Norwegen oder aus der Zeit danach kreisen um Heirat und verratene Liebe, so {{Kap|[[Igel und Agel]]}} und {{Kap|[[Bim, Bam, Bum]]}}. Sie sind bittere Zeugnisse der gescheiterten Liebe zu Dagny Fett, Bruchstücke eines maskierten Bekenntnisses. | |||
In den folgenden Jahren verloren die Galgenlieder diesen Bekenntnischarakter, und Morgenstern schrieb deutlich weniger. Aus der Erlebnisdichtung wurde Gedankenlyrik, die meist von einer pessimistischen Sicht auf das Leben ausging. Morgensterns Weltbild hatte sich verdüstert. {{Kap|[[Das Lied vom blonden Korken]]}} und das rätselhafte, an Schopenhauer erinnernde {{Kap|[[Wer denn?]]}} sind wohl Früchte von Skepsis und Nihilismus. In {{Kap|[[Die Weste]]}} und {{Kap|[[Der Purzelbaum]]}} spiegelt sich die innere Verwirrung eines Menschen, der den Halt seines jugendlichen Idealismus verloren hatte. | |||
=== Zweite Schaffensperiode (1905-1908) === | |||
Anfang November 1905 überwand Morgenstern diese Zeit des Grübelns und Zweifelns. Als Mystiker erkannte er die Einheit von Gott und Welt und von Gott und Mensch. In den folgenden Jahren ließ er diesen ''ungeheuren Gedanken'' reifen (an Kayssler, 14. September 1906) und entwickelte eine "theomonistische" Auffassung des Alls, die im Pantheismus seiner Jugend schon angelegt war. Seine neue Haltung nannte er ''heitere Skepsis'' (an Luise Dernburg, 23. Februar 1906). Damit meinte er etwas ganz anderes als den Nihilismus der vorangegangenen Jahre, nämlich den ''Geist des Allumfassens, Alldurchdringens, des Glaubens an nichts und alles, und zwar zugleich an restlos nichts und an restlos alles.'' In einem Aphorismus heißt es: ''Alles wesentlich, alles unwesentlich'' ([[SA Band V Aphorismen]], Nr. 1560). | |||
Vom Standpunkt des Unendlichen ist der Tod eines endlichen Geschöpfs eine lächerlich unbedeutende Episode, und entsprechend unbedeutend kann seine Ursache sein, so in {{Kap|[[Der zarte Greis]]}}. Die Angst vor dem Tod war gewichen, und die Galgenwelt veränderte ihr Gesicht. Tageslicht dringt ein und vertreibt Gespenster und Ungeheuer. Wo Tiermotive noch auftauchen, haben sie mit Angst nichts mehr zu tun. Sie dienen der Satire wie in {{Kap|[[Der Hecht]]}} und {{Kap|[[Das Huhn]]}} oder schmücken als groteske Ornamente einen tieferen Sinn. | |||
Das Erlebnis von Birkenwerder musste sich in den Galgenliedern niederschlagen. Eine groteske Darstellung seiner Bekehrung findet sich höchstens in {{Kap|[[Der Konvertit]]}} und {{Kap|[[Der Gingganz]]}}. Meist klingt die philosophische und religiöse Besinnung nur nach. So tauchen Motive aus der Bibel auf, besonders aus dem Johannes-Evangelium, etwa die Sintflut in {{Kap|[[Der Sündfloh]]}} oder das Wunder in {{Kap|Der Hecht}} und {{Kap|[[St. Expeditus]]}}. In Anlehnung an Kant und Schopenhauer umspielen die Lieder metaphysische Fragen, das Ding an sich in {{Kap|[[Der Meilenstein]]}} und {{Kap|[[Das Grab des Hunds]]}}, das Böse in {{Kap|[[Das Löwenreh]]}}. Den Aphorismus ''Anthropomorph ist und muß "alles" bleiben'' ({{TBl|1907-08|5}}, [[SA Band V Aphorismen]], Nr. 1598) greift {{Kap|[[Der Würfel]]}} auf. In dem surrealistisch wirkenden {{Kap|[[Drei Hasen]]}} scheint die Überzeugung des Mystikers durch, dass Individualität reine Fiktion ist. Der herkömmlichen Philosophie traute Morgenstern wenig, der Wissenschaft und besonders den Akademikern noch weniger. Daher rührt die satirische Färbung von Gedichten wie {{Kap|[[Kronprätendenten]]}}, {{Kap|[[Der neue Vokal]]}} und {{Kap|[[Der Gaul]]}}. | |||
Seit Leo Spitzer haben Kommentatoren Morgensterns Interesse an der Sprache immer wieder mit Fritz Mauthners dreibändigen ''Beiträgen zu einer Kritik der Sprache'' verbunden und dabei den Einfluss des Sprachphilosophen vielleicht überschätzt. Morgenstern lernte die ''Beiträge'' erst im Dezember 1906 kennen und las höchstwahrscheinlich nur den ersten Band. Sicher gelesen hat er Mauthners ''Die Sprache'', eine Spinoza-Monographie, die Mauthner 1907 veröffentlichte, und mehrere seiner Romane. Seine Begeisterung ließ aber schnell nach. Schon im März 1907 notierte er: ''Kritik der Sprache ist zuletzt auch nur ein Gesellschaftsspiel. Es gibt nämlich kein Wort, das außerhalb der Sprache noch irgendwelchen Sinn ergäbe. Wer sich außerhalb der Sprache setzen möchte, findet keinen Stuhl mehr'' ([[SA Band V Aphorismen]], Nr. 654). Im Januar 1908 hielt er Mauthner in einem Gedicht vor: ''Du bist kein schöpferischer Geist'' ({{TBl|1907-08|155}}, [[SA Band II Lyrik 1906-1914]]). Manche Parallelen, die Spitzer und seine Nachfolger gezogen haben, sind deshalb mit Vorsicht zu betrachten, zumal die genaue Datierung der Gedichte sie noch fragwürdiger macht (dazu Cureau, S. 578 ff.). | |||
Mit Wörtern gespielt hatte Morgenstern lange vor der Begegnung mit Mauthners Werk, schon als Gymnasiast. In den frühen Galgenliedern war das Sprachspiel aber nur groteske Verzierung. In der zweiten Periode wurde es zum entscheidenden Anstoß und zum Kern mancher Gedichte. Oft steckt es schon in der Überschrift, etwa in {{Kap|[[Anto-logie]]}}, {{Kap|Der Sündfloh}} und {{Kap|[[Die wiederhergestellte Ruhe]]}}. Vor 1905 spielte Morgenstern mit dem Klang der Wörter, danach mit ihrer Bedeutung. Er nutzte die Doppeldeutigkeit der Sprache, und der geistreiche Witz verdrängte den Kalauer. Wo die Sprache bildlich spricht, nahm er sie beim Wort, so in {{Kap|[[Tertius gaudens]]}}, {{Kap|[[Die Probe]]}} und {{Kap|[[Der Glaube]]}}. So wuchs aus der Sprache eine eigene, unsinnige und phantastische Welt (dazu Spitzer und Walter). Scheinbare Etymologien lieferten den Stoff für witzige Fabeln wie {{Kap|Anto-logie}} oder {{Kap|[[Der Werwolf]]}}. In {{Kap|[[Naturspiel]]}}, {{Kap|[[Die drei Winkel]]}} und {{Kap|[[Im Reich der Interpunktionen]]}} verbindet sich die Wortgaukelei mit einem virtuosen Spiel aus Farben und Formen, in dem sich Morgensterns Vorliebe für Fotomontagen und optische Täuschungen zeigt. | |||
Mauthner wollte zeigen, dass die menschliche Sprache als Werkzeug der Welterkenntnis nicht taugt. Morgenstern dachte dagegen über Macht und Ohnmacht des Wortes nach, über die Fähigkeit der Sprache, das Unwirkliche, das Virtuelle, das Unmögliche und das Sinnlose auszudrücken. "Heißen" und "sein" können dasselbe bedeuten. Manche Wörter wirken wie Etiketten auf leeren Fläschchen, vor allem solche für Beziehungsbegriffe. Sie übten auf Morgenstern eine eigene Faszination aus, wie {{Kap|[[Die Westküsten]]}} und {{Kap|[[Der Saal]]}} zeigen. | |||
Anfang 1908 ließ die sprachphilosophische Richtung nach, und ein frischerer Ton kam in die Galgenpoesie. Morgenstern beschäftigte sich damals mit Volksmärchen, bearbeitete den ''Rübezahl'' von Musäus und schrieb Kindergedichte. In den fünf {{Kap|[[Teufelslegendchen]]}} übertrug er den schlichten, naiven Stil mittelalterlicher Holzschnitte in Verse. Das Motto der ersten Galgenliedersammlung, ''Dem Kinde im Manne'', bekam neues Gewicht. | |||
=== Dritte Schaffensperiode (August 1908 bis Anfang 1914) === | |||
Die beiden großen Ereignisse dieser Periode, die Begegnung mit Margareta Gosebruch im August 1908 und bald darauf mit Rudolf Steiner, veränderten die Galgenpoesie in ihrer Substanz. Einige Gedichte tragen unmittelbar die Spur der Liebe, so {{Kap|[[Scholastikerproblem II]]}}, {{Kap|[[Die zwei Parallelen]]}} und vielleicht {{Kap|[[Historische Bildung]]}}. Das Eheleben brachte neue Motive in die humoristische Lyrik: Möbel und Kleider, das Klavier, denn Margareta Morgenstern spielte gut Klavier, und schließlich das Dienstmädchen. | |||
Die Begegnung mit Margareta wirkte aber noch tiefer. Die Entdeckung der Frau und der Liebe beschleunigte den Zusammenbruch der monistischen Weltanschauung, zu der Morgenstern in den Jahren zuvor gelangt war, und führte ihn zu einer dualistischen Sicht. Vielleicht ist das Zwillingspaar Palmström und v. Korf eine burleske Verkörperung dieser neuen Einsicht. | |||
Rudolf Steiner bot dem Dichter eine optimistische Lehre, die auf dem Glauben an Reinkarnation und Karma beruht, das selbstgeschaffene Schicksal. Sie durchdrang Morgensterns ganzes Werk, die ernste Lyrik ebenso wie die humoristische. Die Reinkarnationslehre schimmert allerdings nur in wenigen Gedichten durch, etwa in {{Kap|[[Palmström wünscht sich manchmal]]}}, {{Kap|[[Denkmalswunsch]]}} und {{Kap|[[Das Einhorn]]}}. Entscheidend ist die geistige Atmosphäre, die Palmström und v. Korf umgibt. Am 27. Januar 1912 schrieb Morgenstern über Palmströms Persönlichkeit: | |||
''Deren Wert aber liegt fast gar nicht, wie manche annehmen, in irgendeinem "Typischen", sondern fast ganz nur in der Art von Geistigkeit, die sich in ihr zu offenbaren strebt, und die vor allem von jenem stumpfen Ernst befreien zu können scheint, von jenem Zustande des "Ganzdrinnenseins" in der Welt der Erscheinung, die den Menschen von heute in so hohem Maße gefangen und geknebelt hält'' ({{Kap|Briefe. Auswahl}} (1952), S. 426). | |||
Steiner verdanken die Galgenlieder, was man ihre vierte Dimension nennen könnte. Palmström und v. Korf sind Geister und wetteifern miteinander in ihrer Unkörperlichkeit. Palmström ist unverwundbar ({{Kap|[[Die unmögliche Tatsache]]}}) und wechselt nach Belieben seine leibliche Hülle ({{Kap|[[Im Tierkostüm]]}}). Korf entgeht der Schwere der Körper ({{Kap|[[Die Waage]]}}) und kann sich unsichtbar machen ({{Kap|[[Korf geht mitten durch die Wachen]]}}). Diese geistige Dimension gipfelt in den Motiven des Schweigens und des Unsichtbaren, die um 1911 und 1912 in der verhaltenen kleinen Welt der Palma Kunkel gediehen. | |||
Morgensterns Nähe zu Steiner konnte auch verhüllt polemisch werden. Mehrere Galgenlieder verspotten materialistische Philosophen des 19. Jahrhunderts, die das Leben auf rein physikalisch-chemische Vorgänge zurückführten. Erst von hier aus erschließt sich wohl der verborgene Sinn von {{Kap|[[Der durchgesetzte Baum]]}} und {{Kap|[[Das Butterbrotpapier]]}}. | |||
Die Anthroposophie lenkte Morgensterns Blick verstärkt auf die Gegenwart, weil nach ihrer Lehre das Handeln auf der Erde die späteren Wiedergeburten bestimmt. Die wilhelminische Zeit zeigte ihm dabei mehr Schatten als Licht, und das Nachdenken darüber führte zu scharfer Kritik. Als reine Geister stehen Palmström und v. Korf gegen die Materie, als freie Geister gegen die wilhelminische Gesellschaft, deren ''Servilismus und Grobheit'' Morgenstern schon 1905 angeprangert hatte (an Maximilian Harden, 28. Oktober 1905). Er verspottete den Bildungsphilister, den obrigkeitshörigen Bürger und vor allem die Bürokratie, am treffendsten in {{Kap|[[Die Behörde]]}}. Hinzu kam beißende Satire auf die Kriegspolitik Wilhelms II., am grimmigsten in {{Kap|[[Die Schwestern]]}}, wo Morgenstern das widernatürliche Bündnis von Glocke und Kanone anprangert. Die Galgenpoesie wurde zur Tribüne, auf der er pazifistische Reden hielt, die moderne Wissenschaft in Frage stellte und, der modernen Ökologie vorgreifend, vor den Gefahren von Maschinenwesen und Technik warnte, etwa in {{Kap|[[Zukunftssorgen]]}}. | |||
Seine Spiellust verlor Morgenstern darüber nicht. Die anthroposophische Haltung gab ihm die innere Freiheit, sich ganz dem Spiel zu überlassen. In keiner Sammlung ist der homo ludens so gegenwärtig wie im {{Kap|Palmström}}. Ihr Reiz liegt in einer eigenartigen Mischung aus Geistigkeit und Kindlichkeit. Palmström und v. Korf sind geistige Wesen und zugleich große Kinder mit grenzenloser Phantasie. Sie tun auf der Erde nichts anderes als erfinden, und Erfinden und Spielen fallen bei ihnen zusammen, weil ihre Erfindungen zwecklos oder ihre Mittel illusorisch sind. Ihre Erfindungen bestehen nur durch die Gnade des Wortes. | |||
Das Sprachspiel ist in der dritten Periode so wichtig wie in der zweiten, und die Verfahren bleiben ähnlich. Wörter und Redensarten werden aus ihrem gewohnten Zusammenhang gelöst, übertragen oder abstrakt Gemeintes wird wörtlich und konkret genommen. Den verborgenen Widersinn bildlicher Wendungen wie "Fersengeld geben" oder "die Flinte ins Korn werfen" deckt Morgenstern auf und nutzt ihn spaßhaft aus ({{Kap|[[LebensLauf]]}}, {{Kap|[[Die weggeworfene Flinte]]}}). Manchmal spinnt er einen Wortwitz über mehrere Gedichte weiter. So entstand die Folge {{Kap|[[Die Elster]]}}, {{Kap|[[Anfrage]]}}, {{Kap|[[Antwort i. A.]]}} und {{Kap|[[Entwurf zu einem Trauerspiel]]}}. | |||
Neu ist in der letzten Periode vor allem die betont ästhetische Ausrichtung. Morgenstern verwendet Verfahren, die ihn in die Nähe der französischen Symbolisten und ihrer deutschen Nachfolger rücken. Die Synästhesie, ein häufiges Mittel der Symbolisten, liefert den Stoff zu {{Kap|[[Die Geruchsorgel]]}} und {{Kap|[[Der Aromat]]}}. Moderne Kunstformen werden travestiert ({{Kap|[[Bildhauerisches]]}}), die Auswüchse der gegenstandslosen Malerei verspottet ({{Kap|[[Bilder]]}}) und die "geistige" Kunst, von der Stefan George träumte, ironisiert ({{Kap|[[L'art pour l'art]]}}, {{Kap|[[Der Ästhet]]}}). | |||
Bei mehreren Gedichten liegt der Reiz weniger in der Parodie als in der Kunstfertigkeit. Morgenstern zaubert musikalische Arabesken ({{Kap|[[Korfs Verzauberung]]}}) und setzt den Rhythmus ein, um Handlungen ({{Kap|[[Der Rock]]}}, {{Kap|Das Butterbrotpapier}}) oder ganze Pantomimen ({{Kap|[[Kurhauskonzertbierterrassenereignis]]}}) in Szene zu setzen. Als Musterbeispiel kann {{Kap|[[Die Priesterin]]}} gelten, nach Morgensterns Angabe ''eine Übersetzung aus dem Chinesischen'' ({{TBl|1910-I|17}}). In dieser Form- und Klangvirtuosität sehen Kommentatoren wie Alfred Liede die eigentliche Bedeutung der Galgenlieder. | |||
Morgenstern war sich bewusst, dass seine humoristischen Gedichte literarisch reifer wurden. Seine anfängliche ''naive Künstlerjugendlaune'' sei ''nach und nach reifer, bewußter und'' [...] ''literaturfähiger'' geworden ({{TBl|1911-12|158}} und {{TBl|1911-12|140}}). Im Winter 1912/13 notierte er über die Galgenlieder: ''Mit der Zeit aber wuchs ihr Leserkreis, ihre Anzahl, ihr künstlerischer Ernst'' ({{TBl|1912-13-II|20}}). | |||
[[Kategorie:Wissenschaftliche Rezeption]] | |||
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== Zur Entstehung der ersten Galgenliedersammlung == | == Zur Entstehung der ersten Galgenliedersammlung == | ||
Im Gegensatz zu Morgensterns Erstlingswerk {{Kap||In Phantas Schloss}}, das frische Bergluft umweht, sind {{Kap|Horatius travestitus}} und die ersten Galgenlieder echte Großstadtkinder. Sie sind es aber auf unterschiedliche Weise. In {{Kap|Horatius travestitus}} ist die Bonvivant-Atmosphäre, die heitersinnliche Stimmung des Berliner Lebens mit horazischem Epikureertum und Tiefsinn durchsetzt. In den ersten Galgenliedern dagegen erscheint das Berliner Element unvermischt, in purem Zustand, ungreifbar (hier fehlt die Berliner Lokalfarbe gänzlich), aber wesenhaft. Denn ohne die belebende, geistanregende Atmosphäre Berlins, ohne das Klima zerebraler Erregung und schöpferischer Stimmung, das die Berliner Boheme schuf, ohne die dort heimische Mischung von gallischem Esprit, grobem Witz und trockenem märkischem Humor, ohne dies alles wäre der Galgenbund nicht entstanden. | Im Gegensatz zu Morgensterns Erstlingswerk {{Kap||In Phantas Schloss}}, das frische Bergluft umweht, sind {{Kap|Horatius travestitus}} und die ersten Galgenlieder echte Großstadtkinder. Sie sind es aber auf unterschiedliche Weise. In {{Kap|Horatius travestitus}} ist die Bonvivant-Atmosphäre, die heitersinnliche Stimmung des Berliner Lebens mit horazischem Epikureertum und Tiefsinn durchsetzt. In den ersten Galgenliedern dagegen erscheint das Berliner Element unvermischt, in purem Zustand, ungreifbar (hier fehlt die Berliner Lokalfarbe gänzlich), aber wesenhaft. Denn ohne die belebende, geistanregende Atmosphäre Berlins, ohne das Klima zerebraler Erregung und schöpferischer Stimmung, das die Berliner Boheme schuf, ohne die dort heimische Mischung von gallischem Esprit, grobem Witz und trockenem märkischem Humor, ohne dies alles wäre der Galgenbund nicht entstanden. | ||
Was aber war der Galgenbund? Wie der "Orden", s. S.823 f., war der | Was aber war der Galgenbund? Wie der "Orden", s. S.823 f., war der Galgenbund ein Produkt des geselligen Lebens der Boheme. Beide waren Vereinigungen von jungen Künstlern und Mansardendichtern, die ihre Reichtümer an Geist und Jugend teilten, wohl aber auch ihre Armut. Der "Orden" war im Dezember 1894, d.h. früher entstanden als der Galgenbund. Aber beide Gruppen führten in Berlin vorn Herbst 1895 an eine parallele Existenz, so daß Mitglieder des "Ordens" wie Morgenstern, Fritz Beblo und Georg Hirschfeld gleichzeitig Ordensbrüder und Galgenbrüder waren. Jede Gruppe besaß ihr eigenes Gepräge. Das mochte1 wohl damit Zusammenhängen, daß das weibliche Element im Orden vertreten war, während es im Galgenbund völlig fehlte. Das grausig-spaßige Spiel mit dem Tode bei den Versammlungen des Vereins scheint eine männliche Spezialität zu sein. Uber den Ursprung des Galgenbunds schreibt Morgenstern Anfang 1912: | ||
Galgenbund ein Produkt des geselligen Lebens der Boheme. Beide waren | |||
Vereinigungen von jungen Künstlern und Mansardendichtern, die ihre | |||
Reichtümer an Geist und Jugend teilten, wohl aber auch ihre Armut. Der | |||
"Orden" war im Dezember 1894, d.h. früher entstanden als der Galgenbund. Aber beide Gruppen führten in Berlin vorn Herbst 1895 an eine parallele Existenz, so daß Mitglieder des "Ordens" wie Morgenstern, Fritz Beblo und Georg Hirschfeld gleichzeitig Ordensbrüder und Galgenbrüder waren. Jede Gruppe besaß ihr eigenes Gepräge. Das mochte1 wohl damit Zusammenhängen, daß das weibliche Element im Orden vertreten war, während es im Galgenbund völlig fehlte. Das grausig-spaßige Spiel mit dem Tode bei den Versammlungen des Vereins scheint eine männliche Spezialität zu sein. Uber den Ursprung des Galgenbunds schreibt Morgenstern Anfang 1912: | |||
''Die ersten "Galgenlieder" entstanden vor kaum wohl mehrals 15 Jahrenfür einen kleinen lustigen Kreis, der sich auf einem Ausflug nach Werder bei Potsdam, allwo noch heute ein sogenannter "Galgenberg"gezeigt wird, wie das so die Launegibt, mit diesem Namen schmücken zu müssen meinte. Aus dem Namen erwuchs alsdann das Weitere, denn man wollte sich doch, war man schon nun einmal eine so benannte Vereinigung, auch das Gehörige dazu denken und vorstellen'' (Briefentwurf, {{TBl|1911-12|124}}). | ''Die ersten "Galgenlieder" entstanden vor kaum wohl mehrals 15 Jahrenfür einen kleinen lustigen Kreis, der sich auf einem Ausflug nach Werder bei Potsdam, allwo noch heute ein sogenannter "Galgenberg"gezeigt wird, wie das so die Launegibt, mit diesem Namen schmücken zu müssen meinte. Aus dem Namen erwuchs alsdann das Weitere, denn man wollte sich doch, war man schon nun einmal eine so benannte Vereinigung, auch das Gehörige dazu denken und vorstellen'' (Briefentwurf, {{TBl|1911-12|124}}). | ||
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In den auf den Ausflug folgenden Tagen pflegten Morgenstern und seine | In den auf den Ausflug folgenden Tagen pflegten Morgenstern und seine Freunde sich jede Woche, wahrscheinlich jeden Donnerstag, in der "Bude" von Kayssler oder Julius Hirschfeld oder in einer Kneipe zu versammeln. Dort wurde ein sonderbarer Kult gefeiert, den Jeremias Mueller, der von Morgenstern erfundene pedantische Kommentator der Galgenlieder, in dem Versuch einer Einleitung ausführlich schildert (s. S.57). Eine gruselige Urteilsvollstreckung wurde spaßhaft inszeniert. Merkwürdigerweise spielte Julius Hirschfeld, der zwei Jahre später Selbstmord begehen sollte, die Rolle des Erhängten. | ||
Freunde sich jede Woche, wahrscheinlich jeden Donnerstag, in der | |||
"Bude" von Kayssler oder Julius Hirschfeld oder in einer Kneipe zu versammeln. Dort wurde ein sonderbarer Kult gefeiert, den Jeremias Mueller, der von Morgenstern erfundene pedantische Kommentator der Galgenlieder, in dem Versuch einer Einleitung ausführlich schildert (s. S.57). Eine gruselige Urteilsvollstreckung wurde spaßhaft inszeniert. Merkwürdigerweise spielte Julius Hirschfeld, der zwei Jahre später Selbstmord begehen sollte, die Rolle des Erhängten. | |||
Die Galgenbrüder trugen alle schauerlich schöne Namen. Anfangs waren | Die Galgenbrüder trugen alle schauerlich schöne Namen. Anfangs waren es ihrer sechs: Morgenstern (Rabenaas), Julius Hirschfeld (Schuhu), Friedrich Kayssler (Gurgeljochem), Georg Hirschfeld (Verreckerie), Fritz Beblo (Stummer Hannes oder der Büchner), Franz Schäfer (Veitstanz oder der Glöckner). Ende Januar 1895 kamen zwei neue hinzu: Robert Wernicke (Faherrügghh oder der Unselm) und Paul Körner (Galgenbruder Gespenst oder Spinna, oder Zöbner) (Näheres s. S. 624 f.). | ||
es ihrer sechs: Morgenstern (Rabenaas), Julius Hirschfeld (Schuhu), | |||
Friedrich Kayssler (Gurgeljochem), Georg Hirschfeld (Verreckerie), Fritz Beblo (Stummer Hannes oder der Büchner), Franz Schäfer (Veitstanz oder der Glöckner). Ende Januar 1895 kamen zwei neue hinzu: Robert Wernicke (Faherrügghh oder der Unselm) und Paul Körner (Galgenbruder Gespenst oder Spinna, oder Zöbner) (Näheres s. S. 624 f.). | |||
Die ersten Versammlungen fanden ungefähr zwischen Ende April und | Die ersten Versammlungen fanden ungefähr zwischen Ende April und Ende Juni 1895 statt. Eine zweite, längere Periode lag zwischen Ende Oktober 1895 und Ende Juni 1896. Der seltsame Kult der Galgenbrüder erforderte ein kompliziertes Ritual. Zu diesem Ritual gehörten liturgische Gesänge. Ursprünglich waren die Galgenlieder solche liturgische Gesänge. Nach dem Zeugnis des Galgenbruders Franz Schäfer beschloß anfangs ein einziger Gesang die weihevolle Handlung. Später, so berichtete Georg Hirschfeld in einem Artikel der [https://zefys.staatsbibliothek-berlin.de/kalender/auswahl/date/1928-5-4/27112366/ "Vossischen Zeitung" (4.5. 1928)], komponierte Julius Hirschfeld in "kongenialer" Stimmung mehrere Lieder, deren Texte ihm Morgenstern "auf Zettel gekritzelt" brachte. Christian Morgenstern und Julius Hirschfeld waren die eigentlichen Pole dieser Vereinigungen. Von Julius ging eine rätselhafte, unheimliche Aura aus, der die feinnervige Natur des Dichters nicht gleichgültig bleiben | ||
Ende Juni 1895 statt. Eine zweite, längere Periode lag zwischen Ende | |||
Oktober 1895 und Ende Juni 1896. Der seltsame Kult der Galgenbrüder | |||
erforderte ein kompliziertes Ritual. Zu diesem Ritual gehörten liturgische Gesänge. Ursprünglich waren die Galgenlieder solche liturgische Gesänge. Nach dem Zeugnis des Galgenbruders Franz Schäfer beschloß anfangs ein einziger Gesang die weihevolle Handlung. Später, so berichtete Georg Hirschfeld in einem Artikel der [https://zefys.staatsbibliothek-berlin.de/kalender/auswahl/date/1928-5-4/27112366/ "Vossischen Zeitung" (4.5. 1928)], komponierte Julius Hirschfeld in "kongenialer" Stimmung mehrere Lieder, deren Texte ihm Morgenstern "auf Zettel gekritzelt" brachte. Christian Morgenstern und Julius Hirschfeld waren die eigentlichen Pole dieser Vereinigungen. Von Julius ging eine rätselhafte, unheimliche Aura | |||
aus, der die feinnervige Natur des Dichters nicht gleichgültig bleiben | |||
konnte. | konnte. | ||
Unter den ungewohnten Utensilien, die bei den schaurigen Zeremonien | Unter den ungewohnten Utensilien, die bei den schaurigen Zeremonien des Galgenbundes dienten — dazu gehörten ein Kinderskelett, rote Wollschnur, Wachskerzen, ein schwarzes Tischtuch, ein uraltes Seitengewehr oder eine "Schwertklinge, die Blutrost von zweifelhafter Echtheit trug" (ebd.) — befand sich ein merkwürdiger Gegenstand, ein Hufeisen. Dieses Hufeisen umschloß wie ein Kästchen aufeinandergeschichtete Blätter Ölpapier, worauf die geweihten Texte des Galgenbunds geschrieben standen. Dieses eigenartige Reliquiar, das sich noch | ||
des Galgenbundes dienten — dazu gehörten ein Kinderskelett, rote Wollschnur, Wachskerzen, ein schwarzes Tischtuch, ein uraltes Seitengewehr oder eine "Schwertklinge, die Blutrost von zweifelhafter Echtheit trug" (ebd.) — befand sich ein merkwürdiger Gegenstand, ein Hufeisen. Dieses Hufeisen umschloß wie ein Kästchen aufeinandergeschichtete Blätter Ölpapier, worauf die geweihten Texte des Galgenbunds geschrieben standen. Dieses eigenartige Reliquiar, das sich noch | |||
=== S.600 === | ==== S.600 ==== | ||
im Nachlaß befindet, ist mit einem Totenkopf aus schwarzer Pappe bedeckt. Darunter nehmen die pergamentartigen Biälter die Form dieses | im Nachlaß befindet, ist mit einem Totenkopf aus schwarzer Pappe bedeckt. Darunter nehmen die pergamentartigen Biälter die Form dieses Totenkopfes an. Sie tragen Flecken von verdächtig roter Farbe und sind rechts oben angebrannt, als wären sie von der Flamme einer Wachskerze berührt worden. W ährend der Blütezeit des Vereins enthielt das I lufeisen acht Lieder, d.h. genauso viel, wie der Bund Mitglieder zählte. Heutzutage faßt der sonderbare Behälter nur noch sieben Gesänge. Jeder Galgenbruder besaß übrigens ein sogenanntes "Galgenalbum", dessen Inhalt dem des Hufeisens entsprach. Dank dem Vorhandensein solcher Alben läßt sich das im Hufeisen fehlende Gedicht identifizieren. Es handelt sich um {{Kap|Das Weiblein mit der Kunkel}}. | ||
Totenkopfes an. Sie tragen Flecken von verdächtig roter Farbe und sind | |||
rechts oben angebrannt, als wären sie von der Flamme einer | |||
berührt worden. W ährend der Blütezeit des Vereins enthielt das I lufeisen acht Lieder, d.h. genauso viel, wie der Bund Mitglieder zählte. Heutzutage faßt der sonderbare Behälter nur noch sieben Gesänge. Jeder Galgenbruder besaß übrigens ein sogenanntes "Galgenalbum", dessen Inhalt dem des Hufeisens entsprach. Dank dem Vorhandensein solcher Alben läßt sich das im Hufeisen fehlende Gedicht identifizieren. Es handelt sich um {{Kap|Das Weiblein mit der Kunkel}}. | |||
Hier ist eine abbildung zu sehen, deswegen der große Abstand. | Hier ist eine abbildung zu sehen, deswegen der große Abstand. | ||
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Es ist möglich, die ursprüngliche Anordnung der Gedichte im Hufeisen | Es ist möglich, die ursprüngliche Anordnung der Gedichte im Hufeisen zu rekonstruieren. Prototyp und ältestes Stück der Sammlung war höchstwahrscheinlich das {{Kap|Bundeslied}}, dessen erster Titel übrigens {{Kap|Das Galgenlied}} lautete. Es folgten dann | ||
zu rekonstruieren. Prototyp und ältestes Stück der Sammlung war höchstwahrscheinlich das {{Kap|Bundeslied}}, dessen erster Titel übrigens {{Kap|Das Galgenlied}} lautete. Es folgten dann | |||
2. {{Kap|Galgenbruders Lied an Sophie}} (ursprünglicher Titel: Sophie) | * 2. {{Kap|Galgenbruders Lied an Sophie}} (ursprünglicher Titel: Sophie) | ||
3. {{Kap|Nein!}} | * 3. {{Kap|Nein!}} | ||
4. {{Kap|Das Geburtslied}} (ursprünglicher Titel: {{Kap|Die Wehenacht}}) | * 4. {{Kap|Das Geburtslied}} (ursprünglicher Titel: {{Kap|Die Wehenacht}}) | ||
5. {{Kap|Die Beichte des Wurms}} | * 5. {{Kap|Die Beichte des Wurms}} | ||
6. {{Kap|Schlachtgesang}} (ursprünglicher Titel: {{Kap|Das Kniebein}}) | * 6. {{Kap|Schlachtgesang}} (ursprünglicher Titel: {{Kap|Das Kniebein}}) | ||
7. {{Kap|So hängen wir}} | * 7. {{Kap|So hängen wir}} | ||
Bei dieser Aufeinanderfolge mochte wohl Das {{Kap|Weiblein mit der Kunkel}} vor oder nach dem Gedicht {{Kap|Die Beichte des Wurms}} gestanden haben. Zu der Liturgie des seltsamen Konventikels gehörten auch andere Lieder, die von Morgenstern in dem {{Kap|Versuch einer Einleitung (s. S. 57) erwähnt werden: U.a. {{Kap|Fisches Nachtgesang}}, {{Kap|Das grosse Lalula}}, {{Kap|Das Simmaleins}}, {{Kap|Das Gebet}}. 15 Galgenlieder (wenn man auch das Motto dazurechnet) existierten schon gegen Ende Juni 1896. | Bei dieser Aufeinanderfolge mochte wohl Das {{Kap|Weiblein mit der Kunkel}} vor oder nach dem Gedicht {{Kap|Die Beichte des Wurms}} gestanden haben. Zu der Liturgie des seltsamen Konventikels gehörten auch andere Lieder, die von Morgenstern in dem {{Kap|Versuch einer Einleitung (s. S. 57) erwähnt werden: U.a. {{Kap|Fisches Nachtgesang}}, {{Kap|Das grosse Lalula}}, {{Kap|Das Simmaleins}}, {{Kap|Das Gebet}}. 15 Galgenlieder (wenn man auch das Motto dazurechnet) existierten schon gegen Ende Juni 1896. | ||
Zu diesem Zeitpunkt löste sich der Galgenbund auf. Bisher waren die | Zu diesem Zeitpunkt löste sich der Galgenbund auf. Bisher waren die Galgenlieder im Schoß einer fröhlichen, ausgelassenen Gesellschaft entstanden. Einige wie zum Beispiel {{Kap|Nein!}0 trugen sogar die Spuren einer kollektiven Eingebung. Nun aber war Morgenstern allein. Die Natur der Lieder wechselte. Ein an Marie Goettling gerichteter Brief zeigt, daß der Dichter am 24. Januar 1897 über 17 humoristische Gedichte verfügte: ''Von Bembo'' <nowiki>[</nowiki>= Beblo<nowiki>]</nowiki> ''hab ich natürlich wenige, wenn keine Nachricht'' <nowiki>[</nowiki>...<nowiki>]</nowiki>. ''Seine Künstlerhand soll uns jedoch zu einem Galgenberg-Album, dessen Kernpunkt unsere siebzehn Lieder (Texte und Musik) sein sollen, nicht entgehen. Es wäre wirklich labend, wenn dieses Humoristikum ans Licht treten würde, etwa des Mottos: Es gibt keine Kinder mehr?'' | ||
Galgenlieder im Schoß einer fröhlichen, ausgelassenen Gesellschaft entstanden. Einige wie zum Beispiel {{Kap|Nein!}0 trugen sogar die Spuren einer kollektiven Eingebung. Nun aber war Morgenstern allein. Die Natur der Lieder wechselte. Ein an Marie Goettling gerichteter Brief zeigt, daß der Dichter am 24. Januar 1897 über 17 humoristische Gedichte verfügte: ''Von Bembo'' <nowiki>[</nowiki>= Beblo<nowiki>]</nowiki> ''hab ich natürlich wenige, wenn keine Nachricht'' <nowiki>[</nowiki>...<nowiki>]</nowiki>. ''Seine Künstlerhand soll uns jedoch zu einem Galgenberg-Album, dessen Kernpunkt unsere siebzehn Lieder (Texte und Musik) sein sollen, nicht entgehen. Es wäre wirklich labend, wenn dieses Humoristikum ans Licht treten würde, etwa des Mottos: Es gibt keine Kinder mehr?'' | |||
Damals dachte Morgenstern also schon daran, die Galgenlieder in Form | Damals dachte Morgenstern also schon daran, die Galgenlieder in Form eines Galgenberg-Albums zu veröffentlichen. Beblo, nochmals Beblo, schlug er im November 1897 vor, mit ihm zusammen einen humoristischen Almanach zu schaffen: <nowiki>[</nowiki>...] einen gemeinsamen Zwölfmonats-Kalender [...<nowiki>]</nowiki>. ''Zwölf Blätter zum Umklappen, Du Bild, ich Text. Vielleicht humoristisch. Vielleicht direkt Galgenlieder mit Musik und Zeichnungen.'' | ||
eines Galgenberg-Albums zu veröffentlichen. Beblo, nochmals Beblo, | |||
schlug er im November 1897 vor, mit ihm zusammen einen humoristischen Almanach zu schaffen: <nowiki>[</nowiki>...] einen gemeinsamen Zwölfmonats-Kalender [...<nowiki>]</nowiki>. ''Zwölf Blätter zum Umklappen, Du Bild, ich Text. Vielleicht humoristisch. Vielleicht direkt Galgenlieder mit Musik und Zeichnungen.'' | |||
Am 8. Mai 1898 schiffte sich Morgenstern nach Norwegen ein. Zur Übersetzung von Ibsens Werken war eine gründliche Kenntnis der norwegischen Sprache erforderlich. In Nordstrand, nahe bei Christiania (heutzu- | Am 8. Mai 1898 schiffte sich Morgenstern nach Norwegen ein. Zur Übersetzung von Ibsens Werken war eine gründliche Kenntnis der norwegischen Sprache erforderlich. In Nordstrand, nahe bei Christiania (heutzu- | ||
=== S. 602 === | ==== S. 602 ==== | ||
tage Oslo), verliebte sich der Dichter in ein Mädchen aus einer kleinbürgerlichen Familie, Dagny Fett. In mehreren Galgenliedern der Zeit läßt sich das Echo jenes von vornherein zum Scheitern verurteilten Liebesidylls vernehmen. | tage Oslo), verliebte sich der Dichter in ein Mädchen aus einer kleinbürgerlichen Familie, Dagny Fett. In mehreren Galgenliedern der Zeit läßt sich das Echo jenes von vornherein zum Scheitern verurteilten Liebesidylls vernehmen. | ||
Gegen Ende 1898 stellte Morgenstern eine Art Bilanz der im Verlauf des | Gegen Ende 1898 stellte Morgenstern eine Art Bilanz der im Verlauf des Jahres ausgeführten Arbeiten auf. ''Zusammenstellung der Galgenlieder'' lautete eine der letzten Eintragungen in {{TBl|1898-99-I|129}}. Der Bestand der Galgenlieder hatte sich dermaßen vermehrt, daß der Dichter eine erste Klassifizierung der Gedichte vornehmen konnte, mit der offensichtlichen Absicht, sie zu publizieren. Jedoch war die ungefähr dreißig Lieder umfassende Sammlung noch zu dünn, um ein selbständiges Buch abzugeben. Deshalb hatte der Dichter vor, sie einem umfangreicheren Werk einzugliedern, das er Das lustige Buch betiteln wollte ({{TBl|1898-99_I|111}}). Drei Vorreden zu diesem Buch, dessen Idee auf das erste Vierteljahr 1895 zurückging, hatte er schon im November 1896 in der Zeitschrift [[Jugend (Zeitschrift)|"Jugend"}} veröffentlicht (Abt. Kritische Schriften S. 196 f.). Jedoch suchte | ||
Jahres ausgeführten Arbeiten auf. Zusammenstellung der Galgenlieder | der Dichter vergebens nach einem Verleger. Bondi zuerst, dann Schuster und Loeffler, lehnten ab. Ein solches Verhalten konnte nur die Zweifel verstärken, die Morgenstern schon selbst gegen seine bizarren Schöpfungen hegte. Darum ist es leicht zu verstehen, daß er in einer mutlosen Stunde auf den Gedanken kam, die Galgenlieder zu verbrennen. Dies bezeugt Kaysslers Brief vom 18.Dezember 1900: "Du wolltest ja auch die Galgenlieder verbrennen und jetzt sind sie in Ehren, gebunden bei Wolzogen." | ||
lautete eine der letzten Eintragungen in {{TBl|1898-99-I|129}}. Der Bestand der Galgenlieder hatte sich dermaßen vermehrt, daß der Dichter eine erste Klassifizierung der Gedichte vornehmen konnte, mit der offensichtlichen Absicht, sie zu publizieren. Jedoch war die ungefähr dreißig Lieder umfassende Sammlung noch zu dünn, um ein selbständiges Buch abzugeben. Deshalb hatte der Dichter vor, sie einem umfangreicheren Werk einzugliedern, das er Das lustige Buch betiteln wollte ({{TBl|1898-99_I|111}}). Drei Vorreden zu diesem Buch, dessen Idee auf das erste Vierteljahr 1895 zurückging, hatte er schon im November 1896 in der Zeitschrift [[Jugend (Zeitschrift)|"Jugend"}} veröffentlicht (Abt. Kritische Schriften S. 196 f.). Jedoch suchte | |||
der Dichter vergebens nach einem Verleger. Bondi zuerst, dann Schuster | |||
und Loeffler, lehnten ab. Ein solches Verhalten konnte nur die Zweifel | |||
verstärken, die Morgenstern schon selbst gegen seine bizarren Schöpfungen hegte. Darum ist es leicht zu verstehen, daß er in einer mutlosen Stunde auf den Gedanken kam, die Galgenlieder zu verbrennen. Dies bezeugt Kaysslers Brief vom 18.Dezember 1900: "Du wolltest ja auch die Galgenlieder verbrennen und jetzt sind sie in Ehren, gebunden bei Wolzogen." | |||
Ernst von Wolzogen (1855-1954), dem Gründer der Berliner Kleinkunstbühne "Überbrettl", sowie Kayssler, dem damals schon erfolgreichen Schauspieler, verdankten die Galgenlieder ihr Überleben. In dem Kabarett "Die Brille" wurden sie von Kayssler im November oder Dezember 1898 zum ersten Mal vorgelesen. Später, 1901, als Kayssler mit Max Reinhardt und Louise Dumont die "Schall und Rauch-Bühne" ins Leben rief, gehörten Morgensterns Grotesken zu seiner Nummer. Inzwischen war von Wolzogen die zugkräftige Originalität des humoristisch-satirischen Werks nicht entgangen. Schon im September 1900 hatte er Morgenstern gebeten, ihm {{Kap|Il pranzo (Das Mittagsmahl)}}, eine Parodie auf d’Annunzio, zu überlassen. Im November kam er mit einem erneuten Angebot, aber diesmal bezüglich der Galgenlieder: "Von Ihren Galgenliedern scheint mir auch Geles für mich geeignet, und ich gedenke die Sachen durch Schattenspiele illustriert und durch eine raffiniert schaurige | Ernst von Wolzogen (1855-1954), dem Gründer der Berliner Kleinkunstbühne "Überbrettl", sowie Kayssler, dem damals schon erfolgreichen Schauspieler, verdankten die Galgenlieder ihr Überleben. In dem Kabarett "Die Brille" wurden sie von Kayssler im November oder Dezember 1898 zum ersten Mal vorgelesen. Später, 1901, als Kayssler mit Max Reinhardt und Louise Dumont die "Schall und Rauch-Bühne" ins Leben rief, gehörten Morgensterns Grotesken zu seiner Nummer. Inzwischen war von Wolzogen die zugkräftige Originalität des humoristisch-satirischen Werks nicht entgangen. Schon im September 1900 hatte er Morgenstern gebeten, ihm {{Kap|Il pranzo (Das Mittagsmahl)}}, eine Parodie auf d’Annunzio, zu überlassen. Im November kam er mit einem erneuten Angebot, aber diesmal bezüglich der Galgenlieder: "Von Ihren Galgenliedern scheint mir auch Geles für mich geeignet, und ich gedenke die Sachen durch Schattenspiele illustriert und durch eine raffiniert schaurige | ||
=== S. 603 === | ==== S. 603 ==== | ||
Inszene-Setzung zu grotesker Wirkung zu bringen. Ich denke, Sie werden | Inszene-Setzung zu grotesker Wirkung zu bringen. Ich denke, Sie werden fast jeden Abend mit einer oder mehreren Nummern auf dem Programm stehen, wodurch ich Ihnen eine nicht zu verachtende Einnahmequelle eröffnen dürfte." (B vom 16.November 1900) Dieses letzte Argument konnte den meist mittellosen Dichter nicht kalt lassen. Auf diese Art wurden von Wolzogen und Kayssler zu den Stammkunden Morgensterns und zu den ersten Hauptverbrauchern von Galgenliedern in Deutschland. | ||
fast jeden Abend mit einer oder mehreren Nummern auf dem Programm | |||
stehen, wodurch ich Ihnen eine nicht zu verachtende Einnahmequelle | |||
eröffnen dürfte." (B vom 16.November 1900) Dieses letzte Argument | |||
konnte den meist mittellosen Dichter nicht kalt lassen. Auf diese Art wurden von Wolzogen und Kayssler zu den Stammkunden Morgensterns und | |||
zu den ersten Hauptverbrauchern von Galgenliedern in Deutschland. | |||
Seit September 1899 war der Dichter aus Norwegen nach Berlin zurückgekehrt. In der darauf folgenden Periode 1900—1902 scheiterten zwei neue Editionsprojekte. Albert Langen, trotz der Befürwortung von Wolzogens, lehnte die Galgenlieder ab, weil er deren Verfasser "zu wenig derb" fand (Μ an Jacobsohn, 13.1. 1907). Auch blieb Kaysslers und Reinhardts Plan, Morgensterns Grotesken im Rahmen von "Schall- und | Seit September 1899 war der Dichter aus Norwegen nach Berlin zurückgekehrt. In der darauf folgenden Periode 1900—1902 scheiterten zwei neue Editionsprojekte. Albert Langen, trotz der Befürwortung von Wolzogens, lehnte die Galgenlieder ab, weil er deren Verfasser "zu wenig derb" fand (Μ an Jacobsohn, 13.1. 1907). Auch blieb Kaysslers und Reinhardts Plan, Morgensterns Grotesken im Rahmen von "Schall- und Rauchbüchern" zu veröffentlichen, unverwirklicht. Aus dieser Zeit stammt wahrscheinlich der Entwurf zu einer Vorrede, die wir auf S. 290 unter der Nummer 6. bringen und deren pedantischer, pseudowissenschaftlicher Stil Jeremias Muellers {{Kap|Versuch einer Einleitung}} vorwegnimmt. | ||
Rauchbüchern" zu veröffentlichen, unverwirklicht. Aus dieser Zeit | |||
stammt wahrscheinlich der Entwurf zu einer Vorrede, die wir auf S. 290 | |||
unter der Nummer 6. bringen und deren pedantischer, pseudowissenschaftlicher Stil Jeremias Muellers {{Kap|Versuch einer Einleitung}} vorwegnimmt. | |||
Gleich nach seiner Rückkehr aus Italien, Anfang Mai 1903, nahm der | Gleich nach seiner Rückkehr aus Italien, Anfang Mai 1903, nahm der Dichterwieder persönlich Kontakt mit dem Kabarett "Schall und Rauch" auf. In dem einzigen Tagebuch, das wir aus dieser Periode besitzen, vermerkte er: ''In Berlin eine Reihe Galgenberg-Abende veranstaltet. Gegurgelte Lieder zu vieren'' ({{TBl|1903|70}}). | ||
Dichterwieder persönlich Kontakt mit dem Kabarett "Schall und Rauch" | |||
auf. In dem einzigen Tagebuch, das wir aus dieser Periode besitzen, vermerkte er: ''In Berlin eine Reihe Galgenberg-Abende veranstaltet. Gegurgelte Lieder zu vieren'' ({{TBl|1903|70}}). | |||
Da zuverlässige Zeugnisse (Tagebücher, Briefe, ...) im letzten Vierteljahr des Jahres 1903 und in der ersten Hälfte des Jahres 1904 fehlen, ist es leider nicht mehr möglich, den Reifungsprozeß der Galgenliedersammlung zu verfolgen. Das vorgeburtliche Stadium der ersten Ausgabe bleibt uns zum Teil verborgen. Wir wissen zum Beispiel nicht, zu welchem genauen Zeitpunkt der Verleger Cassirer sich bereit erklärte, die Lieder zu veröffentlichen. Wir wissen bloß, daß Morgenstern im Laufe des Sommers 1904 daran dachte, die Galgenlieder von dem talentvollen Graphiker Heinrich Wolff illustrieren zu lassen. Dieser Plan kam nicht zustande, da Karl Walser, der Bruder des Schriftstellers Robert Walser, die Gestaltung des Umschlags übernahm (s. S. 54). Aber die Absicht des Dichters deutet darauf hin, daß die Galgenliedersammlung zu dieser Zeit, wenn sie auch nicht endgültig festgelegt war, doch kurz vor dem Abschluß stand. In einem undatierten Brief, wohl aus dem Herbst 1904, dringt Morgenstern in Cassirer, er möge vor dem 1. Dezember mit den Galgen- | Da zuverlässige Zeugnisse (Tagebücher, Briefe, ...) im letzten Vierteljahr des Jahres 1903 und in der ersten Hälfte des Jahres 1904 fehlen, ist es leider nicht mehr möglich, den Reifungsprozeß der Galgenliedersammlung zu verfolgen. Das vorgeburtliche Stadium der ersten Ausgabe bleibt uns zum Teil verborgen. Wir wissen zum Beispiel nicht, zu welchem genauen Zeitpunkt der Verleger Cassirer sich bereit erklärte, die Lieder zu veröffentlichen. Wir wissen bloß, daß Morgenstern im Laufe des Sommers 1904 daran dachte, die Galgenlieder von dem talentvollen Graphiker Heinrich Wolff illustrieren zu lassen. Dieser Plan kam nicht zustande, da Karl Walser, der Bruder des Schriftstellers Robert Walser, die Gestaltung des Umschlags übernahm (s. S. 54). Aber die Absicht des Dichters deutet darauf hin, daß die Galgenliedersammlung zu dieser Zeit, wenn sie auch nicht endgültig festgelegt war, doch kurz vor dem Abschluß stand. In einem undatierten Brief, wohl aus dem Herbst 1904, dringt Morgenstern in Cassirer, er möge vor dem 1. Dezember mit den Galgen- | ||
=== S. 604 === | ==== S. 604 ==== | ||
liedern herausrücken: ''Die beiden neuen Walsers sind hübsch, besonders "das Mondschaf". Ich habe jetzt zwei ganz neue "Einleitungen", unter denen Sie wählen mögen. Sollte nicht das Papiergesucht werden können? Ich glaube, Sie verscherzen viele Käufer, wenn die Sache nicht spätestens 1. XII. erscheint. "Wenn schon, denn schon", nicht?''. Daraus geht hervor, daß die erste Galgenliederausgabe schon vor Ende des Herbstes 1904 fix und fertig zum Druck bereit stand. Dieser aber erfolgte erst später, Ende Februar | liedern herausrücken: ''Die beiden neuen Walsers sind hübsch, besonders "das Mondschaf". Ich habe jetzt zwei ganz neue "Einleitungen", unter denen Sie wählen mögen. Sollte nicht das Papiergesucht werden können? Ich glaube, Sie verscherzen viele Käufer, wenn die Sache nicht spätestens 1. XII. erscheint. "Wenn schon, denn schon", nicht?''. Daraus geht hervor, daß die erste Galgenliederausgabe schon vor Ende des Herbstes 1904 fix und fertig zum Druck bereit stand. Dieser aber erfolgte erst später, Ende Februar 1905. | ||
1905. | |||
== Zur Datierung der frühen Galgenlieder (1895— 1905) == | == Zur Datierung der frühen Galgenlieder (1895— 1905) == | ||
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des Gedichts in einem Tagebuch, bzwL unter den Nachlaßschriften zu finden, oder (was leider häufiger vorkommt) es besteht nur noch eine Abschrift dieses Textes. Wir lassen natürlich den Fall außer acht, wo das Gedicht keine Spuren im Nachlaß hinterlassen hat. Im ersten Fall, wenn die Urfassung des Gedichts in einem Tagebuch vorliegt, läßt sich seine Entstehungszeit ziemlich leicht bestimmen, ist doch die Periode, die das Tagebuch umspannt, bekannt und der Platz, den dieses Galgenlied im Tagebuch einnimmt, aufschlußreich. Im zweiten Fall wird die Datierung des Gedichts äußerst heikel. Möglich ist nur noch die Datierung der Abschrift, nicht aber die des fehlenden Originals. Im Verhältnis zu der totalen Dunkelheit, die bisher den Ursprung der Galgenlieder umhüllte, bedeutet jedoch das Wissen um den Zeitpunkt, an dem der Dichter die Abschrift eines Liedes anfertigte, einen wesentlichen Fortschritt. Man weiß wenigstens wann, d.h. vor welchem Datum das entsprechende Gedicht schon existierte. Mehrere Kriterien machen die Datierung dieser Ab- | des Gedichts in einem Tagebuch, bzwL unter den Nachlaßschriften zu finden, oder (was leider häufiger vorkommt) es besteht nur noch eine Abschrift dieses Textes. Wir lassen natürlich den Fall außer acht, wo das Gedicht keine Spuren im Nachlaß hinterlassen hat. Im ersten Fall, wenn die Urfassung des Gedichts in einem Tagebuch vorliegt, läßt sich seine Entstehungszeit ziemlich leicht bestimmen, ist doch die Periode, die das Tagebuch umspannt, bekannt und der Platz, den dieses Galgenlied im Tagebuch einnimmt, aufschlußreich. Im zweiten Fall wird die Datierung des Gedichts äußerst heikel. Möglich ist nur noch die Datierung der Abschrift, nicht aber die des fehlenden Originals. Im Verhältnis zu der totalen Dunkelheit, die bisher den Ursprung der Galgenlieder umhüllte, bedeutet jedoch das Wissen um den Zeitpunkt, an dem der Dichter die Abschrift eines Liedes anfertigte, einen wesentlichen Fortschritt. Man weiß wenigstens wann, d.h. vor welchem Datum das entsprechende Gedicht schon existierte. Mehrere Kriterien machen die Datierung dieser Ab- | ||
=== S. 605 === | ==== S. 605 ==== | ||
Schriften möglich. Dazu gehören u.a. besondere Merkmale der Schrift, | Schriften möglich. Dazu gehören u.a. besondere Merkmale der Schrift, die sich im Laufe der Jahre verändert hat, die Beschaffenheit und Sorte des Papiers, das Morgenstern zu diesen Kopien gebrauchte, die Farbe der Nummern, mit denen manche Texte versehen waren. Besonders aufschlußreich ist das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Großbuchstaben am Anfang des Verses. Schon 1895 hatte Morgenstern sich vorgenommen, durch das Beispiel von Otto Erich Hartleben angeregt, auf den Gebrauch von Großbuchstaben am Anfang der Verszeilen zu verzichten. Aber erst von August 1897 an — diesmal gab das Beispiel Dehmels den Ausschlag — wurde diese Absicht konsequent durchgeführt. Noch fruchtbarer für die Datierung der Abschriften erscheint der natürliche Wechsel in der Graphie des z-Buchstabens, der sich zwischen Dezember 1902 und März 1905 vollzog. In dieser kurzen Zeitspanne verwandelte sich in Morgensterns Schrift das kurze "z" in ein langes "z". (Da müsste ein Sütterlin-z stehen) | ||
die sich im Laufe der Jahre verändert hat, die Beschaffenheit und Sorte des Papiers, das Morgenstern zu diesen Kopien gebrauchte, die Farbe der Nummern, mit denen manche Texte versehen waren. Besonders aufschlußreich ist das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Großbuchstaben am Anfang des Verses. Schon 1895 hatte Morgenstern sich | |||
vorgenommen, durch das Beispiel von Otto Erich Hartleben angeregt, auf | |||
den Gebrauch von Großbuchstaben am Anfang der Verszeilen zu verzichten. Aber erst von August 1897 an — diesmal gab das Beispiel Dehmels den Ausschlag — wurde diese Absicht konsequent durchgeführt. Noch fruchtbarer für die Datierung der Abschriften erscheint der natürliche Wechsel in der Graphie des z-Buchstabens, der sich zwischen Dezember 1902 und März 1905 vollzog. In dieser kurzen Zeitspanne verwandelte sich in Morgensterns Schrift das kurze "z" in ein langes "z". (Da müsste ein Sütterlin-z stehen) | |||
Andere Mittel zur Aufklärung der verworrenen Entstehungsgeschichte | Andere Mittel zur Aufklärung der verworrenen Entstehungsgeschichte der Galgenlieder erweisen sich als nützlich. Die literarische Untersuchung der Texte deckt Querverbindungen auf, stellt zwischen der sogenannten ernsten Lyrik und der humoristischen Dichtung Beziehungen her, die wertvolle Hinweise über die Entstehung eines Gedichtes geben können. Aber vor allem ist eine genaue Kenntnis der Morgenstern-Biographie zur Lösung mancher Rätsel unentbehrlich. Von großem heuristischem Werte zur Datierung eines Gedichtes sind manchmal, in den Texten verstreut, räumliche bzw. geographische Einzelheiten oder zeitgebundene Motive. Aus der Verwandtschaft des 1896 entstandenen ernsthaften Gedichts {{Kap|Eine bitterböse Unke}} (Abt. Lyrik 1887—1905 S. 204) mit dem Galgenlied {{Kap|Des Galgenbruders Gebet und Erhörung}} (S. 157) läßt sich zum Beispiel wegen der Ähnlichkeit des Hauptmotivs - des Motivs der die Nachtruhe störenden Unke - die Geburtsurkunde des letzteren um so sicherer erschließen als biographische Elemente (der Aufenthalt Morgensterns im Juli 1896 in Friedrichshagen in unmittelbarer Nähe des Sees) diese Hypothese bekräftigen. Auch können ohne große Schwierigkeiten posthume Gedichte datiert werden, deren Ausgangspunkt in einem zeitgeschichtlichen Ereignis liegt, wie etwa {{Kap|Vom Steinplatz zu Charlottenburg}} (S. 171). | ||
der Galgenlieder erweisen sich als nützlich. Die literarische Untersuchung der Texte deckt Querverbindungen auf, stellt zwischen der sogenannten ernsten Lyrik und der humoristischen Dichtung Beziehungen | |||
her, die wertvolle Hinweise über die Entstehung eines Gedichtes geben | |||
können. Aber vor allem ist eine genaue Kenntnis der Morgenstern-Biographie zur Lösung mancher Rätsel unentbehrlich. Von großem heuristischem Werte zur Datierung eines Gedichtes sind manchmal, in den Texten verstreut, räumliche bzw. geographische Einzelheiten oder zeitgebundene Motive. Aus der Verwandtschaft des 1896 entstandenen ernsthaften Gedichts {{Kap|Eine bitterböse Unke}} (Abt. Lyrik 1887—1905 S. 204) mit dem Galgenlied {{Kap|Des Galgenbruders Gebet und Erhörung}} (S. 157) läßt sich zum Beispiel wegen der Ähnlichkeit des Hauptmotivs - des Motivs der die Nachtruhe störenden Unke - die Geburtsurkunde des letzteren um so sicherer erschließen als biographische Elemente (der Aufenthalt Morgensterns im Juli 1896 in Friedrichshagen in unmittelbarer Nähe des Sees) diese Hypothese bekräftigen. Auch können ohne große Schwierigkeiten posthume Gedichte datiert werden, deren Ausgangspunkt in einem zeitgeschichtlichen Ereignis liegt, wie etwa {{Kap|Vom Steinplatz zu Charlottenburg}} (S. 171). | |||
Methoden und Ergebnisse zur Entstehungsgeschichte der Galgenlieder | Methoden und Ergebnisse zur Entstehungsgeschichte der Galgenlieder entnimmt unser Band größtenteils Μ. Cureaus Habilitationsarbeit "Christian Morgenstern humoriste. La création poétique dans {{Kap|In Phantas Schloss et les Galgenlieder}}". | ||
entnimmt unser Band größtenteils Μ. Cureaus Habilitationsarbeit "Christian Morgenstern humoriste. La création poétique dans {{Kap|In Phantas Schloss et les Galgenlieder}}". | |||
=== S. 606 === | ==== S. 606 ==== | ||
== Die weiteren Ausgaben der Galgenlieder == | == Die weiteren Ausgaben der Galgenlieder == | ||
Einen entscheidenden Wendepunkt in Morgensterns Leben und Werk bedeutet Anfang November 1905 seine Ankunft im Sanatorium von Birkenwerder. Dort wurde durch eine Art Erleuchtung der Skeptiker der letzten Berliner Jahre zum Mystiker. Erstaunlicherweise versiegte die Schaffenskraft des Humoristen nicht, sondern sie erfuhr im Gegenteil von diesem geistigen Ereignis einen neuen Impuls: Während des sechsmonatigen Aufenthalts in Birkenwerder entstanden fast so viele Galgenlieder wie in den neun oder zehn vorhergehenden Jahren. Auch Meran-Obermais, wo sich Morgenstern am 7.September 1906 niederließ, verschaffte dem Dichter den festen Pol, den er brauchte, um produktiv zu sein. Die Urfassungen der meisten Galgenlieder, die aus der Periode 1905-1908 stammen, finden sich in den Tagebüchern, so daß nur in begrenzten Fällen Unklarheiten bestehen. | Einen entscheidenden Wendepunkt in Morgensterns Leben und Werk bedeutet Anfang November 1905 seine Ankunft im Sanatorium von Birkenwerder. Dort wurde durch eine Art Erleuchtung der Skeptiker der letzten Berliner Jahre zum Mystiker. Erstaunlicherweise versiegte die Schaffenskraft des Humoristen nicht, sondern sie erfuhr im Gegenteil von diesem geistigen Ereignis einen neuen Impuls: Während des sechsmonatigen Aufenthalts in Birkenwerder entstanden fast so viele Galgenlieder wie in den neun oder zehn vorhergehenden Jahren. Auch Meran-Obermais, wo sich Morgenstern am 7.September 1906 niederließ, verschaffte dem Dichter den festen Pol, den er brauchte, um produktiv zu sein. Die Urfassungen der meisten Galgenlieder, die aus der Periode 1905-1908 stammen, finden sich in den Tagebüchern, so daß nur in begrenzten Fällen Unklarheiten bestehen. | ||
Zwischen Oktober 1905 und Ende April 1908 hatte Morgenstern über | Zwischen Oktober 1905 und Ende April 1908 hatte Morgenstern über hundert neue Galgenlieder gedichtet. Erstaunlich ist die Tatsache, daß nur ein kleiner Teil von dieser relativ bedeutenden Produktion zu seinen Lebzeiten publiziert wurde. Die zweite Ausgabe der {{Kap|Galgenlieder}} im Jahre 1906 war, von ein paar Änderungen abgesehen, eine bloße Neuauflage der Ausgabe von 1905. Die dritte Ausgabe im Jahre 1908, aus welcher der Dichter ein Dutzend Gedichte ausgeschieden hatte, enthielt nur 25 neue Texte. Cassirer trägt für dieses Versagen die Hauptverantwortung. Über zwei Jahre lang versuchte Morgenstern hartnäckig ihn dazu zu bewegen, eine ganz neue Galgenliedersammlung herauszugeben. Die erste Erwähnung dieser Sammlung findet man in einem Brief an [[Julius Bab]] vom 8.12.1905: ''Was sagen Sie übrigens zu dem Titel meiner übernächsten Sammlung: der Gingganz?'' Im April 1906 kündigte der Dichter seinem Verleger die baldige Zusendung des ''abgeschlossenen Bandes der neuen Galgenlieder'' an (B an Cassirer, 18.4.1906). Im Juli teilte er ihm mit: ''Die Redaktion des »Gingganz« u. a. neue Galgenlieder - Sie dürfen mir diesen Titel nicht frisieren - hoffe ich im August vornehmen zu können.'' <nowiki>[...]</nowiki> ''Ich schicke Ihnen jedoch schon vorher einige Stücke, damit Druck und Format ausprobiert werden kann. Ich wäre nichtfüreine Wiederholung der Galgenliedersammlung'' <nowiki>[...]</nowiki>. Es folgten technische technische Hinweise über den Druck und die Umschlagzeichnung sowie die Annahme, das Buch könne als ''Weihnachtsgabe für 1907'' erscheinen. Aber all jene Vorschläge scheiterten an dem, was Margareta Morgenstern in einem ärgerlichen Brief an Cassirer nach dem Tode des Dichters die »Interesselosigkeit der Verleger« nannte | ||
hundert neue Galgenlieder gedichtet. Erstaunlich ist die Tatsache, daß | |||
nur ein kleiner Teil von dieser relativ bedeutenden Produktion zu seinen Lebzeiten publiziert wurde. Die zweite Ausgabe der {{Kap|Galgenlieder}} im Jahre 1906 war, von ein paar Änderungen abgesehen, eine bloße Neuauflage der Ausgabe von 1905. Die dritte Ausgabe im Jahre 1908, aus welcher der Dichter ein Dutzend Gedichte ausgeschieden hatte, enthielt nur 25 neue Texte. Cassirer trägt für dieses Versagen die Hauptverantwortung. Über zwei Jahre lang versuchte Morgenstern hartnäckig ihn dazu zu bewegen, eine ganz neue Galgenliedersammlung herauszugeben. Die erste Erwähnung dieser Sammlung findet man in einem Brief an [[Julius Bab]] vom 8.12.1905: ''Was sagen Sie übrigens zu dem Titel meiner übernächsten Sammlung: der Gingganz?'' Im April 1906 kündigte der Dichter seinem Verleger die baldige Zusendung des ''abgeschlossenen Bandes der neuen Galgenlieder'' an (B an Cassirer, 18.4.1906). Im Juli teilte er ihm mit: ''Die Redaktion des »Gingganz« u. a. neue Galgenlieder - Sie dürfen mir diesen Titel nicht frisieren - hoffe ich im August vornehmen zu können.'' <nowiki>[...]</nowiki> ''Ich schicke Ihnen jedoch schon vorher einige Stücke, damit Druck und Format ausprobiert werden kann. Ich wäre nichtfüreine Wiederholung der Galgenliedersammlung'' <nowiki>[...]</nowiki>. Es folgten technische technische Hinweise über den Druck und die Umschlagzeichnung sowie die Annahme, das Buch könne als ''Weihnachtsgabe für 1907'' erscheinen. Aber all jene Vorschläge scheiterten an dem, was Margareta Morgenstern in einem ärgerlichen Brief an Cassirer nach dem Tode des Dichters die »Interesselosigkeit der Verleger« nannte | |||
=== S. 607 === | ==== S. 607 ==== | ||
(undatierter Briefentwurf aus dem Nachlaß). Am 19.2. 1907 schickte | (undatierter Briefentwurf aus dem Nachlaß). Am 19.2. 1907 schickte Morgenstern Cassirer per Einschreiben 22 neue Galgenlieder, die anscheinend den Grundstock der geplanten Sammlung bilden sollten. Er war zu allen Zugeständnissen bereit, falls Cassirer es gewünscht hätte, hätte er sogar die Überschrift {{Kap|Der Gingganz}} aufgegeben, die ihm doch so sehr am Herzen lag. Aber der Verleger stellte sich taub gegen alle Aufforderungen und Bitten, und sein Schweigen warum so beleidigender als Morgenstern dessen Gründe nicht kannte: ''Ihr fortwährendes hartnäckiges Schweigen allem gegenüber, was ich Ihnen seit Mitte vorigen Jahres in puncto des neuen Buches geschrieben habe, veranlaßt mich, Sie zu bitten, mir in dieser Angelegenheit freie JIand zu lassen, nicht als ob mir im Augenblick an den Versen so viel läge, als weil ich fürchte, daß Ihr Verhalten, selbst bei mir frömmstem Lamm, schließlich zur Blutvergiftung führen möchte'' (B vom 19.5. 1907)· Erst gegen Ende 1907 erhielt der Dichter eine Antwort. Der äußerst vorsichtige Verleger hielt Morgensterns Vorhaben für ein Wagnis, er tendierte zu einem bloßen Neudruck der Galgenlieder, was eine entrüstete Reaktion ihres Urhebers hervorrief: ''Halloh! Aber hören Sie: nicht unveränderte und nicht unerweiterte. Gegen einfachen Neudruck protestiere ich mit H<nowiki>[</nowiki>and<nowiki>]</nowiki> und F<nowiki>[</nowiki>uß''<nowiki>]</nowiki> (B vom 18.12.1907). ''Sie haben beinahe 2 Jahre Ihr Versprechen neues Material zu publizieren nicht erfüllt: Jetzt müssen Sie es; sonst verderben Sie mir auch außerdem noch die letzte Lust, die ich an derlei habe. - Ich bestehe aber nicht nur auf irgendeinem Schein, sondern ich handle im höchsten Maße auch zu {{Gesperrt|Ihrem}} Vorteil, wenn ich das Buch aus einer bloßen Ulk-Sache zu einem wirklichen Buch mache, das in dieser seiner neuen Gestalt in der Literatur - und nicht nur in Kneipen und Kliniken - seinen Platz beanspruchen darf'' (undatierter Brief, vermutlich vom Dezember 1907). | ||
Morgenstern Cassirer per Einschreiben 22 neue Galgenlieder, die anscheinend den Grundstock der geplanten Sammlung bilden sollten. Er | |||
war zu allen Zugeständnissen bereit, falls Cassirer es gewünscht hätte, hätte er sogar die Überschrift {{Kap|Der Gingganz}} aufgegeben, die ihm doch so sehr am Herzen lag. Aber der Verleger stellte sich taub gegen alle Aufforderungen und Bitten, und sein Schweigen warum so beleidigender als Morgenstern dessen Gründe nicht kannte: ''Ihr fortwährendes hartnäckiges Schweigen allem gegenüber, was ich Ihnen seit Mitte vorigen Jahres in puncto des neuen Buches geschrieben habe, veranlaßt mich, Sie zu bitten, mir in dieser Angelegenheit freie JIand zu lassen, nicht als ob mir im Augenblick an den Versen so viel läge, als weil ich fürchte, daß Ihr Verhalten, selbst bei mir frömmstem Lamm, schließlich zur Blutvergiftung führen möchte'' (B vom 19.5. 1907)· Erst gegen Ende 1907 erhielt der Dichter eine Antwort. Der äußerst vorsichtige Verleger hielt Morgensterns Vorhaben für ein | |||
Wagnis, er tendierte zu einem bloßen Neudruck der Galgenlieder, was | |||
eine entrüstete Reaktion ihres Urhebers hervorrief: ''Halloh! Aber hören Sie: nicht unveränderte und nicht unerweiterte. Gegen einfachen Neudruck protestiere ich mit H<nowiki>[</nowiki>and<nowiki>]</nowiki> und F<nowiki>[</nowiki>uß''<nowiki>]</nowiki> (B vom 18.12.1907). ''Sie haben beinahe 2 Jahre Ihr Versprechen neues Material zu publizieren nicht erfüllt: Jetzt müssen Sie es; sonst verderben Sie mir auch außerdem noch die letzte Lust, die ich an derlei habe. - Ich bestehe aber nicht nur auf irgendeinem Schein, sondern ich handle im höchsten Maße auch zu {{Gesperrt|Ihrem}} Vorteil, wenn ich das Buch aus einer bloßen Ulk-Sache zu einem wirklichen Buch mache, das in dieser seiner neuen Gestalt in der Literatur - und nicht nur in Kneipen und Kliniken - seinen Platz beanspruchen darf'' (undatierter Brief, vermutlich vom Dezember 1907). | |||
So kam es zu einer Kompromißlösung. Die dritte Ausgabe der Galgenlieder erschien Anfang April 1908 mit dem Vermerk: »Dritte veränderte und durch den 'Gingganz' und anderes ums Doppelte vermehrte Auflage«. Die Gingganz-Sammlung, von der Morgenstern geträumt hatte, | So kam es zu einer Kompromißlösung. Die dritte Ausgabe der Galgenlieder erschien Anfang April 1908 mit dem Vermerk: »Dritte veränderte und durch den 'Gingganz' und anderes ums Doppelte vermehrte Auflage«. Die Gingganz-Sammlung, von der Morgenstern geträumt hatte, hatte sich restlos in den Galgenliedern aufgelöst! Das eindeutigste Zeugnis über diese »Auflösung« liefert ein Brief Morgensterns an Cassirer vom 15.4.1908. Der Dichter schreibt: ''Aber daß ich Ihnen mit dem {{Kap|Gingganz}} zu dem alten ein neues kleines Buch gab, bleibt doch nun wohl einmal Tatsache. Sie haben sich zwei Jahre lang gegen dies neue Büchlein, das, selbstständig, unschwer doppelt so dick hätte werden und überall seinen guten Preis hätte erzielen können, gewehrt, sodaß ich schließlich im Unwillen ge-'' | ||
hatte sich restlos in den Galgenliedern aufgelöst! Das eindeutigste Zeugnis über diese »Auflösung« liefert ein Brief Morgensterns an Cassirer vom 15.4.1908. Der Dichter schreibt: ''Aber daß ich Ihnen mit dem {{Kap|Gingganz}} zu dem alten ein neues kleines Buch gab, bleibt doch nun wohl einmal Tatsache. Sie haben sich zwei Jahre lang gegen dies neue Büchlein, das, selbstständig, unschwer doppelt so dick hätte werden und überall seinen guten Preis hätte erzielen können, gewehrt, sodaß ich schließlich im Unwillen ge-'' | |||
=== 608 === | ==== 608 ==== | ||
''gen diese Knebelung (denn ich sollte es ja auch nicht anderswo erscheinen lassen) die Gelegenheit der 3. Auflage der »Galgenlieder« ergriff, eine Anzahl der neuen Gedichte vor die Öffentlichkeit zu bringen. Ich hatte zunächst nur diesen einen Gesichtspunkt: Das alte Buch zu revidieren und das neue ihm zu verschwistem. Jetzt aber, nachdem die rein geistige Seite der Sache erledigt, fällt mir auch die pekuniäre ins Auge.'' <nowiki>[...]</nowiki> ''Sie verstehen, lieber Freund, - irgend ein Equivalent muß ich für diese 25 neuen und sorgfältig ausgewählten opuscula billigerweise beanspruchen dürfen, ebenso wie etwa Karl Walser aufden Nahrungswert — um so grob zu reden — von zwei dutzend Skizzen nicht würde verzichten können.'' | ''gen diese Knebelung (denn ich sollte es ja auch nicht anderswo erscheinen lassen) die Gelegenheit der 3. Auflage der »Galgenlieder« ergriff, eine Anzahl der neuen Gedichte vor die Öffentlichkeit zu bringen. Ich hatte zunächst nur diesen einen Gesichtspunkt: Das alte Buch zu revidieren und das neue ihm zu verschwistem. Jetzt aber, nachdem die rein geistige Seite der Sache erledigt, fällt mir auch die pekuniäre ins Auge.'' <nowiki>[...]</nowiki> ''Sie verstehen, lieber Freund, - irgend ein Equivalent muß ich für diese 25 neuen und sorgfältig ausgewählten opuscula billigerweise beanspruchen dürfen, ebenso wie etwa Karl Walser aufden Nahrungswert — um so grob zu reden — von zwei dutzend Skizzen nicht würde verzichten können.'' | ||
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Im August 1908 lernte Christian Morgenstern Margareta Gosebruch kennen, die im März 1910 seine Frau werden sollte (s. Abt. Aphorismen S. 464). Im Winter 1908—1909 entdeckte er die theosophischen Lehren Rudolf Steiners, des | Im August 1908 lernte Christian Morgenstern Margareta Gosebruch kennen, die im März 1910 seine Frau werden sollte (s. Abt. Aphorismen S. 464). Im Winter 1908—1909 entdeckte er die theosophischen Lehren Rudolf Steiners, des | ||
=== S. 609 === | ==== S. 609 ==== | ||
Begründers der Anthroposophie. Beide Ereignisse wirkten sich genauso | Begründers der Anthroposophie. Beide Ereignisse wirkten sich genauso fruchtbar auf die humoristische Schöpfung aus, wie das mystische Erlebnis in Birkenwerder im November 1905. Die Blütezeit der Palmströmdichtung liegt vorwiegend im Jahre 1910. Weniger ertragreich, wenn auch noch lohnend, waren die beiden folgenden Jahre 1911 und 1912. Ab 1915 erlahmte die Schöpfungskraft des schwerkranken Dichters. | ||
fruchtbar auf die humoristische Schöpfung aus, wie das mystische Erlebnis in Birkenwerder im November 1905. Die Blütezeit der Palmströmdichtung liegt vorwiegend im Jahre 1910. Weniger ertragreich, wenn auch noch lohnend, waren die beiden folgenden Jahre 1911 und 1912. Ab 1915 erlahmte die Schöpfungskraft des schwerkranken Dichters. | |||
Von den über hundert Gedichten, die zwischen 1909 und 1914 entstanden | Von den über hundert Gedichten, die zwischen 1909 und 1914 entstanden sind, fanden jedoch nur die Hälfte einen Platz in den zu Morgensterns Lebzeiten veröffentlichten {{Kap|Palmström}}-Ausgaben. Wie im Fall der Galgenlieder war der editorische Eifer des Dichters an der Interesselosigkeit seines Verlegers gescheitert. | ||
sind, fanden jedoch nur die Hälfte einen Platz in den zu Morgensterns | |||
Lebzeiten veröffentlichten {{Kap|Palmström}}-Ausgaben. Wie im Fall der Galgenlieder war der editorische Eifer des Dichters an der Interesselosigkeit seines Verlegers gescheitert. | |||
Ursprünglich war Palmström bloß ein Kauz, der einem 1906 entstandenen Galgenlied seinen Namen verliehen hatte (s. S. 80). Erst gegen Ende | Ursprünglich war Palmström bloß ein Kauz, der einem 1906 entstandenen Galgenlied seinen Namen verliehen hatte (s. S. 80). Erst gegen Ende September 1909 wurde er mit Cassirers Segen zum Titelhelden einer ganzen Gedichtsammlung befördert. {{Kap|Palmström}} oder {{Kap|Die Oste}}, so sollte diese Sammlung heißen. Die Wahl hatte der Dichter seinem Verleger überlassen (B vom 28.9. 1909). Das Manuskript wurde dann von Morgenstern am 13. Januar 1910 abgeschickt: ''Hier also ist »Palmström«, der hoffentlich die »Galgenlieder« nach und nach etwas überschatten wird.'' <nowiki>[...]</nowiki> ''Mit Palmström und Korf übrigens habe ich, wie Sie bemerken werden, ein neues Feld gefunden, das ich noch viel und oft anzubaun gedenke'' (B an Cassirer). | ||
September 1909 wurde er mit Cassirers Segen zum Titelhelden einer ganzen Gedichtsammlung befördert. {{Kap|Palmström}} oder {{Kap|Die Oste}}, so sollte diese Sammlung heißen. Die Wahl hatte der Dichter seinem Verleger überlassen (B vom 28.9. 1909). Das Manuskript wurde dann von Morgenstern am 13. Januar 1910 abgeschickt: ''Hier also ist »Palmström«, der hoffentlich die »Galgenlieder« nach und nach etwas überschatten wird.'' <nowiki>[...]</nowiki> ''Mit Palmström und Korf übrigens habe ich, wie Sie bemerken werden, ein neues Feld gefunden, das ich noch viel und oft anzubaun gedenke'' (B an Cassirer). | |||
Von da an begann zwischen Morgenstern und seinem Verleger ein ständiges Hin und Her, das erst bei der Veröffentlichung der 5. und 6. Auflage aufhörte. Es folgten von beiden Seiten Vorschläge und Gegenvorschläge. Cassirer wollte bei der Zusammenstellung der Sammlung überall mitreden. einmal wünschte er Änderungen, ein anderes Mal Streichungen. Entweder fand sich der Dichter mit diesen Anweisungen ab, oder er wehrte sich mit Händen und Füßen. Fragwürdig sind unbestreitbar manche Eingriffe Cassirers in die Entstehung der Sammlung, fragwürdig auch die rührende Anhänglichkeit, die Morgenstern für gewisse weniger gut geratene Produkte seiner Muse bezeigte. Ob Cassirer wirklich recht hatte. {{Kap|Die Brillen}} aus der Sammlung entfernen zu wollen, ob Morgensterns unverwüstliche Sympathie für {{Kap|Die Lämmerwolke}} begründet war, bleibt dahingestellt. | Von da an begann zwischen Morgenstern und seinem Verleger ein ständiges Hin und Her, das erst bei der Veröffentlichung der 5. und 6. Auflage aufhörte. Es folgten von beiden Seiten Vorschläge und Gegenvorschläge. Cassirer wollte bei der Zusammenstellung der Sammlung überall mitreden. einmal wünschte er Änderungen, ein anderes Mal Streichungen. Entweder fand sich der Dichter mit diesen Anweisungen ab, oder er wehrte sich mit Händen und Füßen. Fragwürdig sind unbestreitbar manche Eingriffe Cassirers in die Entstehung der Sammlung, fragwürdig auch die rührende Anhänglichkeit, die Morgenstern für gewisse weniger gut geratene Produkte seiner Muse bezeigte. Ob Cassirer wirklich recht hatte. {{Kap|Die Brillen}} aus der Sammlung entfernen zu wollen, ob Morgensterns unverwüstliche Sympathie für {{Kap|Die Lämmerwolke}} begründet war, bleibt dahingestellt. | ||
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In einem wenigstens ist jedoch die Rolle Cassirers positiv zu bewerten. Er wußte des Dichters ausschweifende Phantasie zu bremsen, dort wo sie die Existenz der Sammlung gefährdete, so zum Beispiel als Morgenstern auf | In einem wenigstens ist jedoch die Rolle Cassirers positiv zu bewerten. Er wußte des Dichters ausschweifende Phantasie zu bremsen, dort wo sie die Existenz der Sammlung gefährdete, so zum Beispiel als Morgenstern auf | ||
=== S. 610 === | ==== S. 610 ==== | ||
den ausgefallenen Gedanken kam, die Palmströmsammlung im Spiegeldruck erscheinen zu lassen. In einem Brief vom 24.1.1910 unterbreitete | den ausgefallenen Gedanken kam, die Palmströmsammlung im Spiegeldruck erscheinen zu lassen. In einem Brief vom 24.1.1910 unterbreitete er Cassirer diesen Plan: ''Der verkehrte Durchschlag (Rückseite der »Tagnachtlampe«) bringt mir wieder einen alten Gedanken in Erinnerung: Die Gedichte in Spiegel-Druck drucken zu lassen. Mit einem beigegebenen kleinen Spiegel (oder auch ohne das). Warum begreifen Sie als Verleger nicht die mannigfachen Vorteile dieser Idee! Nicht bloß daß die ersten Bücher dieser Art als Kuriosität ungemein gekauft würden, auch die Autoren (die es so wollten) hätten eine neue Art von Distanzierung (so wie man früher Latein schrieb, wenn man nicht gleich alles allen preisgeben mochte).'' | ||
er Cassirer diesen Plan: ''Der verkehrte Durchschlag (Rückseite der »Tagnachtlampe«) bringt mir wieder einen alten Gedanken in Erinnerung: Die Gedichte in Spiegel-Druck drucken zu lassen. Mit einem beigegebenen kleinen Spiegel (oder auch ohne das). Warum begreifen Sie als Verleger nicht die mannigfachen Vorteile dieser Idee! Nicht bloß daß die ersten Bücher dieser Art als Kuriosität ungemein gekauft würden, auch die Autoren (die es so wollten) hätten eine neue Art von Distanzierung (so wie man früher Latein schrieb, wenn man nicht gleich alles allen preisgeben mochte).'' | |||
Anfang Mai erschien die erste Palmströmausgabe, der sehr schnell ein | Anfang Mai erschien die erste Palmströmausgabe, der sehr schnell ein Neudruck — wahrscheinlich im Juli — folgte. Aber schon zu dieser Zeit trug sich Morgenstern mit dem Gedanken, eine dritte, durch neues Material vermehrte Ausgabe erscheinen zu lassen (B an Cassirer, 28.7.1910). Die Durchführung dieses Plans verzögerte sich jedoch teils wegen Cassirers Gleichgültigkeit, teils wegen Morgensterns schwerer Erkrankung in Taormina. Auf alle Sendungen neuer Palmströmgedichte, die ihm Morgenstern zukommen ließ, reagierte Cassirer monatelang überhaupt nicht. ''Warum versenken Sie meine Palmströmsendung so in Schweigen? Ich liege hier im Schnee und warte...'' schrieb ihm der Dichter aus dem Sanatorium Arosa im April 1911 (Postkarte vom 12.4.1911) und fünf Monate später, weil Cassirer den Empfang von 10 neuen Gedichten, die ihm Morgenstern am 19.7.1911 geschickt hatte, keiner Antwort gewürdigt hatte: ''Was machen die neuen Auflagen? Wann werden Sie sich zu den neuen Beiträgen für Palmström äußern?'' <nowiki>[...]</nowiki> Schieben Sie nun, bitte, aber auch den Palmström nicht länger hinaus: er sollte in seiner neuen »dicken« Gestalt durchaus noch die Weihnachtsmesse erreichen! (B vom 24.9. 1911) Die dritte vermehrte Ausgabe ließ jedoch noch ein paar Monate auf sich warten. Sie erschien erst gegen Ende Oktober oder Anfang November 1911. Aber inzwischen hatte Morgenstern sich einen neuen Plan ausgedacht. Wie er fünf Jahre früher von seinem Verleger die Veröffentlichung des {{Kap|Gingganz}} hatte erzwingen wollen, so versuchte er es diesmal mit einer zweiten Palmströmsammlung. Schon in einem Brief vom 19.7.1911 teilte er Cassirer mit: ''Für Sie habe ich noch einen Faust — wollte sagen Palmström II. Teil vor, sofür 1912 oder 13 etwa, in der Linie über die »Flinte« hinaus, ungefähr''. Ende September wurde das Projekt deutlicher: ''Ich schlage vor, den jetzigen {{Kap|Palmström}} zu zwei Büchern zu erweitern, und sie 1.) »Palmström« und 2.) »Die Oste« zu titulieren. Beide würden dann, jedes'' | ||
Neudruck — wahrscheinlich im Juli — folgte. Aber schon zu dieser Zeit | |||
trug sich Morgenstern mit dem Gedanken, eine dritte, durch neues Material vermehrte Ausgabe erscheinen zu lassen (B an Cassirer, 28.7.1910). Die Durchführung dieses Plans verzögerte sich jedoch teils wegen Cassirers Gleichgültigkeit, teils wegen Morgensterns schwerer Erkrankung in Taormina. Auf alle Sendungen neuer Palmströmgedichte, die ihm Morgenstern zukommen ließ, reagierte Cassirer monatelang überhaupt nicht. ''Warum versenken Sie meine Palmströmsendung so in Schweigen? Ich liege hier im Schnee und warte...'' schrieb ihm der Dichter aus dem Sanatorium Arosa im April 1911 (Postkarte vom 12.4.1911) und fünf Monate später, weil Cassirer den Empfang von 10 neuen Gedichten, die ihm Morgenstern am 19.7.1911 geschickt hatte, keiner Antwort gewürdigt hatte: ''Was machen die neuen Auflagen? Wann werden Sie sich zu den neuen Beiträgen für Palmström äußern?'' <nowiki>[...]</nowiki> Schieben Sie nun, bitte, aber auch den Palmström nicht länger hinaus: er sollte in seiner neuen »dicken« Gestalt durchaus noch die Weihnachtsmesse erreichen! (B vom 24.9. 1911) Die dritte vermehrte Ausgabe ließ jedoch noch ein paar Monate auf sich warten. Sie erschien erst gegen Ende Oktober oder Anfang November 1911. Aber inzwischen hatte Morgenstern sich einen neuen Plan ausgedacht. Wie er fünf Jahre früher von seinem Verleger die Veröffentlichung des {{Kap|Gingganz}} hatte erzwingen wollen, so versuchte er es diesmal mit einer zweiten Palmströmsammlung. Schon in einem Brief vom 19.7.1911 teilte er Cassirer mit: ''Für Sie habe ich noch einen Faust — wollte sagen Palmström II. Teil vor, sofür 1912 oder 13 etwa, in der Linie über die »Flinte« hinaus, ungefähr''. Ende September wurde das Projekt deutlicher: ''Ich schlage vor, den jetzigen {{Kap|Palmström}} zu zwei Büchern zu erweitern, und sie 1.) | |||
»Palmström« und 2.) »Die Oste« zu titulieren. Beide würden dann, jedes'' | |||
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''für sich, ungefähr den Umfang des jetzigen {{Kap|Palmström}} haben (eher mehr, als weniger), denn es liegt für beide genügend Zuwachs vor. Die Oste käme einem besonderen Bedürfnis entgegen, da ich für einen derartig gemischten Band gar vieles liegen habe, was ich nicht länger liegen lassen will, und womit ich, wenn Sie es verschmähn, nichts andres zu tun wüßte, als einen Band für Piper daraus zu machen'' (B an Cassirer, 26.9. 1911). Ein paar Tage später kam Morgenstern nochmals auf diesen Vorschlag zurück: ''Was nun die 2 Bücher anbetrifft, so lassen Sie sich nur {{Gesperrt|ganz}} bezwingen. Die Qualität wird ja eben dadurch erhöht, daß jedes sperreinheitlicher}} wird. Jedes wird in {{Gesperrt|seiner}} Art gewinnen. Und außerdm muß ich doch auch künstlerische Gesichtspunkte walten lassen dürfen'' <nowiki>[...]</nowiki> ''Ich will »Palmström«'' <nowiki>[...]</nowiki> nach und nach mehr und mehr herausmodellieren, und das geht, wenn wir’s beim alten lassen, schon aus Raumgründen nicht. Für die »Oste« aber werden immer wieder neue lustige Einfälle zuwachsen: Sie glauben ja nicht, wie es einen lebhaften Menschen wie mich hemmt, wenn er überall verrammelte Türen sieht und wie er auftaut und produktiv wird, wenn man ihm nur Möglichkeiten bietet'' (ßriefentwurf in {{TBl|1911|129}} f., vermutlich vom 1.10.1911). Aber Cassirer meinte wohl durch seine Zustimmung zu der vermehrten Auflage sein möglichstes getan zu haben. Resigniert mußte Morgenstern sich bis 1913 damit begnügen, die einzige Palmströmsammlung mit neuen Gedichten zu bereichern und immer wieder an ihr zu bessern und zu feilen. Zwar dachte er noch daran, im November 1912 um die rätselhafte Gestalt der Palma Kunkel ein drittes Galgenliederbuch zu schaffen, aber nur zögernd und ohne große Überzeugung teilte er Cassirer diese Absicht mit: ''Im Übrigen bahnt sich langsam etwas Drittes an, mit Muhme Kunkel im Mittelpunkt und dem entsprechenden Menschen- und Tierkreis'' (Β vom 27.11.1912). Aus dieser Zeit stammt eine Skizze, wo Morgenstern den Stammbaum der Familie Kunkel entworfen hatte (s. S. 684) und die der Dichterwitwe, wenn nicht die Konzeption, doch wenigstens den Titel der 1916 ''erschienenen Sammlung'' {{Kap|Palma Kunkel}} eingab. Wie so viele Pläne versandete auch dieses letzte Projekt des Dichters. In dem zu Lebzeiten Morgensterns gedruckten Werk läßt sich nur noch eine einzige Spur davon finden: das Gedicht {{Kap|Muhme Kunkel}}. | ''für sich, ungefähr den Umfang des jetzigen {{Kap|Palmström}} haben (eher mehr, als weniger), denn es liegt für beide genügend Zuwachs vor. Die Oste käme einem besonderen Bedürfnis entgegen, da ich für einen derartig gemischten Band gar vieles liegen habe, was ich nicht länger liegen lassen will, und womit ich, wenn Sie es verschmähn, nichts andres zu tun wüßte, als einen Band für Piper daraus zu machen'' (B an Cassirer, 26.9. 1911). Ein paar Tage später kam Morgenstern nochmals auf diesen Vorschlag zurück: ''Was nun die 2 Bücher anbetrifft, so lassen Sie sich nur {{Gesperrt|ganz}} bezwingen. Die Qualität wird ja eben dadurch erhöht, daß jedes sperreinheitlicher}} wird. Jedes wird in {{Gesperrt|seiner}} Art gewinnen. Und außerdm muß ich doch auch künstlerische Gesichtspunkte walten lassen dürfen'' <nowiki>[...]</nowiki> ''Ich will »Palmström«'' <nowiki>[...]</nowiki> nach und nach mehr und mehr herausmodellieren, und das geht, wenn wir’s beim alten lassen, schon aus Raumgründen nicht. Für die »Oste« aber werden immer wieder neue lustige Einfälle zuwachsen: Sie glauben ja nicht, wie es einen lebhaften Menschen wie mich hemmt, wenn er überall verrammelte Türen sieht und wie er auftaut und produktiv wird, wenn man ihm nur Möglichkeiten bietet'' (ßriefentwurf in {{TBl|1911|129}} f., vermutlich vom 1.10.1911). Aber Cassirer meinte wohl durch seine Zustimmung zu der vermehrten Auflage sein möglichstes getan zu haben. Resigniert mußte Morgenstern sich bis 1913 damit begnügen, die einzige Palmströmsammlung mit neuen Gedichten zu bereichern und immer wieder an ihr zu bessern und zu feilen. Zwar dachte er noch daran, im November 1912 um die rätselhafte Gestalt der Palma Kunkel ein drittes Galgenliederbuch zu schaffen, aber nur zögernd und ohne große Überzeugung teilte er Cassirer diese Absicht mit: ''Im Übrigen bahnt sich langsam etwas Drittes an, mit Muhme Kunkel im Mittelpunkt und dem entsprechenden Menschen- und Tierkreis'' (Β vom 27.11.1912). Aus dieser Zeit stammt eine Skizze, wo Morgenstern den Stammbaum der Familie Kunkel entworfen hatte (s. S. 684) und die der Dichterwitwe, wenn nicht die Konzeption, doch wenigstens den Titel der 1916 ''erschienenen Sammlung'' {{Kap|Palma Kunkel}} eingab. Wie so viele Pläne versandete auch dieses letzte Projekt des Dichters. In dem zu Lebzeiten Morgensterns gedruckten Werk läßt sich nur noch eine einzige Spur davon finden: das Gedicht {{Kap|Muhme Kunkel}}. | ||
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In einem Brief an eine Freundin Margaretas unterscheidet Morgenstern schon 1910 drei Phasen im Entstehen der Galgenlieder ({{Kap|Briefe}}. Auswahl | In einem Brief an eine Freundin Margaretas unterscheidet Morgenstern schon 1910 drei Phasen im Entstehen der Galgenlieder ({{Kap|Briefe}}. Auswahl | ||
=== S. 612 === | ==== S. 612 ==== | ||
( 1952), S.407): ''Im Übrigen würdest Du bei näherem Zusehen leicht die Entwickelungslinie entdecken, die durch die drei Bücher geht (denn es sind eigentlich drei).'' | ( 1952), S.407): ''Im Übrigen würdest Du bei näherem Zusehen leicht die Entwickelungslinie entdecken, die durch die drei Bücher geht (denn es sind eigentlich drei).'' | ||
*''Erstens: Die Galgenlieder.'' | *''Erstens: Die Galgenlieder.'' | ||
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''Der zweite Teil: {{Kap|Der Gingganz}} breitet sich denn schon viel freier und unabhängiger von dem ursprünglich angeschlagenen Thema aus. '' | ''Der zweite Teil: {{Kap|Der Gingganz}} breitet sich denn schon viel freier und unabhängiger von dem ursprünglich angeschlagenen Thema aus. '' | ||
Und im {{Kap|Palmström'' ist jene Anfangsstimmung ganz verschwunden und die Bahn frei für jederlei Stoffund Absicht.'' | Und im {{Kap|Palmström}}'' ist jene Anfangsstimmung ganz verschwunden und die Bahn frei für jederlei Stoffund Absicht.'' | ||
Wenn man nun zu der ersten Palmströmsammlung die Gedichte aus den | Wenn man nun zu der ersten Palmströmsammlung die Gedichte aus den drei oder vier folgenden Jahren hinzurechnet, kommt man zu einer Einteilung in drei Schaffensperioden, die genau der Konzeption des Dichters entspricht. | ||
drei oder vier folgenden Jahren hinzurechnet, kommt man zu einer Einteilung in drei Schaffensperioden, die genau der Konzeption des Dichters entspricht. | |||
* Die erste beginnt in Berlin mit der Gründung des Galgenbunds im April oder Mai 1895 und endet im November 1905 mit der Ankunft des Dichters im Sanatorium von Birkenwerder. | * Die erste beginnt in Berlin mit der Gründung des Galgenbunds im April oder Mai 1895 und endet im November 1905 mit der Ankunft des Dichters im Sanatorium von Birkenwerder. | ||
* Die zweite, in welcher alle von Morgenstern als Gingganzgedichte bezeichneten Galgenlieder entstehen, liegt zwischen November 1905 und August 1908. | * Die zweite, in welcher alle von Morgenstern als Gingganzgedichte bezeichneten Galgenlieder entstehen, liegt zwischen November 1905 und August 1908. | ||
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Von Periode zu Periode, von Jahr zu Jahr veränderte sich das Bild der Galgenwelt. ''Was im Laufe der ersten Auflagen dann noch hinzutrat, hatte natürlich mit dem Anfangsthema nicht mehr viel gemein'', gab der Dichter in einem seiner Tagebücher zu ({{TBl|1911-12|135}}). | Von Periode zu Periode, von Jahr zu Jahr veränderte sich das Bild der Galgenwelt. ''Was im Laufe der ersten Auflagen dann noch hinzutrat, hatte natürlich mit dem Anfangsthema nicht mehr viel gemein'', gab der Dichter in einem seiner Tagebücher zu ({{TBl|1911-12|135}}). | ||
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=== 1. Schaffensperiode (1895 — 1905) === | |||
Die ersten Galgenlieder waren Gelegenheitsgedichte, makabre Gesellschaftsspiele, die zu dem Ritual des Galgenbunds gehörten. Dieser Ursprung verlieh der Galgenpoesie bis etwa 1897 ihre schaurige Atmosphäre. In ihren Anfängen war die Galgenwelt eine nächtliche, gespenstische Welt, die den Tiefen eines Alptraums entstiegen zu sein schien. Hinter dem heiter-gruseligen Ulk lauerte wohl die Angst des früh vom Tode gezeichneten Dichters. ''Der mächtigste Dichter ist die Furcht'' notierte er schon 1899 in sein Tagebuch ({{TBl|1898-99-I|122}}). Die Angst war es, die, wie in der ernsten Lyrik der gleichen Zeit, Sinnbilder des Grauens und vom Tod umwitterte Motive gebar: den Mond, den Wind, die zwölf Mitternachtsschläge und die Silbergäule, die schon in einem Gedicht aus {{Kap|In Phantas Schloss}}, {{Kap|Auffahrt}}, Schwarz und Silber, die Farben des Todes, tragen (Abt. Lyrik 1887—1905). Auf die Angst ist vermutlich auch das Wimmeln der tierischen Kreaturen um den Galgenberg zurückzuführen. Sie prägte das rein sprachliche Wesen von Ungeheuern wie das ''Mondschaf'', der ''Zwölf-Elf'' oder die ''Mitternachtsmaus'', lauter groteske Komposita, bei denen der Tod den ersten Bestandteil hergegeben hatte. | |||
Morgensterns unheimliche? Menagerie mag auch einen literarischen Ursprung haben. Alfred Liede (Dichtung als Spiel. Bd. 1) verweist auf Nietzsches »Zarathustra«, den der Dichter 1895 immer wieder las und dessen Sprach- und Bilderwelt er sich tief einprägte. Schon als Gymnasiast hatte der junge Christian angefangen mit der Sprache zu spielen. Nietzsche bestärkte diese Tendenz. Wenige Dichter haben so radikal wie Morgenstern die ''Umwortung aller Worte'' getrieben. Das Sprachspiel in den ältesten Galgenliedern ist fast ausnahmslos phonetischer Natur. Der Dichter jongliert mit den Lautwerten der Wörter; das Wechselspiel von dunklen u-Lauten und hellen i- Lauten beschwört die nächtliche Atmosphäre der Galgenwelt mit ihren huschenden Schatten und Lichtern herauf. »Morgenstern onomatopoetisiert <nowiki>[...]</nowiki> die Wörter der Sprache«, schreibt Leo Spitzer in bezug auf die {{Kap|Liebeserklärung des Raben Ralf}} (Die groteske Gestaltungs- und Sprachkunst Morgensterns, S. 85). Oie Tonmalerei ersetzt in {{Kap|Das Hemmed}} die verständige Sprache, der Kalauer führt in {{Kap|Das Gebet}} die naive Frömmigkeit der Rehlein ad absurdum. Eine äu | |||
ßerste Grenze in dieser Richtung würd mit dem großen {{Kap|Lalulā}} erreicht. Hier feiert die Sprache in einer wilden Anhäufung von »Lautgrimassen«, (ebd. S. 57) ihn? Befreiung von dem Zwang, etwas zu bedeuten. Die Sprache ist autonom geworden. Solche Gedichte wie {{Kap|Das grosse Lalulā}} | |||
==== S. 614 ==== | |||
und {{Kap|Schlachtgesang}} haben wohl Kritiker dazu veranlaßt, in der Sprache selbst den eigentlichen Ursprung nicht nur der früheren, sondern aller Galgenlieder zu suchen. | |||
Aber neben der Konzeption der Galgenpoesie als Produkt der Sprachphantasie, als »Sprachspielwelt« (Leo Spitzer und Jürgen Walter) gibt es eine andere Orientierungsmöglichkeit, auf die Morgenstern selbst hingewiesen hat. Für ihn war die Galgenpoesie eine Erlebnisdichtung, d. h. daß ''jedes einzelne Gedicht'', so schrieb er, <nowiki>[...]</nowiki> ''durchaus als »Gelegenheitsgedicht« in Goetheschem Sinne aufgefaßt werden darf'' ({{TBl|1911-12|140}}). Sobald man die Galgenlieder so versteht, erhalten sie einen ungeahnten Sinn. Die humoristische Lyrik erscheint als der verzerrende Spiegel, in dem die inneren Spannungen, die Hemmungen und Ängste des Dichters reflektiert werden. Der Humor erfüllt eine schützende Vunktion. Er karikiert die lyrische Sprache, um deren emotionelle Wirkung zu zerstören. Eine wesentliche Triebfeder der anfänglichen Galgenpoesie ist der Kampf mit dem Affekt. Nirgendwo erweist sich vielleicht der Begriff der Erlebnisdichtung aufschlußreicher als in den Galgenliedern, die 1898 und 1899 in Norwegen entstanden sind. Darin tauchten neue Motive auf: das Motiv des schmachtenden Liebespaars ({{Kap|Die beiden Flaschen}}) oder der Hochzeit ({{Kap|Die Hochzeit der Dinge}}), das Motiv der Ehe ({{Kap|Die beiden Esel}}) oder der Familie ({{Kap|Der Nachtschelm und das Siebenschwein}}). Ein Dutzend Galgenlieder, die in Norwegen oder nach dem norwegischen Zwischenspiel entstanden waren, kreisen um das Zentralproblem der Heirat oder der verratenen Liebe ({{Kap|Igel und Agel}} und {{Kap|Bim, Bam, Bum}}). Sie sind bittere Zeugnisse des gescheiterten Liebesidylls mit Dagny Fett, Bruchstücke einer maskierten Konfession. | |||
Diesen bekenntnishaften Charakter verloren die Galgenlieder in den folgenden Jahren, in denen übrigens die humoristische Produktion stark nachließ. Die Erlebnisdichtung wurde zur Gedankenlyrik. Eine meist | |||
pessimistische Anschauung über das Leben bildete den Ausgangspunkt des poetischen Spiels. Die Weltanschauung des Dichters hatte sich verdüstert. Gedichte wie {{Kap|Das Lied vom blonden Korken}} oder das rätselhafte, schopenhauerisch anmutende {{Kap|Wer denn}}? waren wohl Früchte der Skepsis oder des Nihilismus. Die humoristische Dichtung spiegelte die seelische und geistige Verwirrung eines Menschen wider, der den festen Halt des Idealismus seiner Jugend verloren hatte ({{Kap|Die Weste}}, {{Kap|Der Purzelbaum}}). | |||
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=== 2. Schaffensperiode (1905— 1908) === | |||
Anfang November 1905 überwand Morgenstern diese Zeit des Grübelns und Zweifelns. Der nun zum Mystiker gewordene Dichter entdeckte die Grundeinheit von Gott und Welt, von Gott und Mensch. Die folgenden Jahre widmete er der Reifung dieses ''ungeheuren Gedankens'' (B an Kayssler, 14.9.1906) und arbeitete eine »theomonistische« Konzeption des Alls aus, die schon zum Teil in dem Pantheismus seiner Jugend vorgebildet war. Die neugewonnene Einstellung zum Leben versuchte Morgenstern durch die Formel ''heitere Skepsis'' zu definieren (B an Luise Dernburg, 23.2.1906). Damit bezeichnete er eine ganz andere Skepsis als die nihilistische Weltanschauung der vorigen Jahre. Er meinte den ''Geist des Allumfassens, Alldurchdringens, des Glaubens an nichts und alles, und zwar zugleich an restlos nichts und an restlos alles.'' (ebd.) ''Alles wesentlich, alles unwesentlich'' (s. Abt. Aphorismen Nr. 1560). Von dem Standpunkt des Unendlichen aus ist der Tod der endlichen Kreatur eine lächerlich unbedeutende Episode, deren Ursache selbst nur lächerlich unbedeutend sein kann ({{Kap|Der zarte Greis}}). Die Angst vor dem Tode war von Morgenstern gewichen. Dementsprechend wechselte das Bild der Galgenwelt. Das Tageslicht drang in ihren Bereich ein und verscheuchte die Gespenster und die Ungeheuer. Dort, wo die theriomorphen Motive noch erschienen, standen sie nicht mehr mit der Angst in Zusammenhang, sondern erfüllten eine satirische Funktion — so zum Beispiel in {{Kap|Der Hecht}} oder {{Kap|Das Huhn}} — oder spielten die Rolle von grotesken Ornamenten im Dienste einer höheren Bedeutung. Denn zwangsweise mußte das geistige Erlebnis von Birkenwerder in den Galgenliedern seinen Niederschlag finden. Nicht etwa, daß Morgenstern darin seine Bekehrung zu einer mystischen Weitsicht grotesk inszeniert hätte (außer vielleicht in {{Kap|Der Konvertit}} oder {{Kap|Der Gingganz}}), sondern die philosophische und religiöse Meditation klang in der humoristischen Dichtung nach. Durch eine Art Resonanz tauchten in den Galgenliedern Motive auf, die aus der Lektüre der Bibel und insbesondere des Johannes-Evangeliums stammten, so zum Beispiel das Motiv der Sintflut in {{Kap|Der Sündfloh}} oder das des Wunders in {{Kap|Der Hecht}} oder {{Kap|St. Expeditus}}. Die Galgenpoesie umspielte, in Anlehnung an Kant und Schopenhauer, metaphysische Probleme, das Problem des Dings an sich ({{Kap|Der Meilenstein}}. {{Kap|Das Grab des Hunds}}) oder das Problem des Bösen wie in {{Kap|Das Löwenreh}}. ''Anthropomorph ist und muß »alles« bleiben'', notierte Morgenstern in einem Aphorismus ({{TBl|1907-08|5}}, Abt. Aphorismen Nr. 1598); das Galgenlied {{Kap|Der Würfel}} greift diese Betrachtung auf, | |||
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während in dem surrealistisch anmutenden Gedicht {{Kap|Drei Hasen}} wohl die Überzeugung des Mystikers durchschimmerte, daß der Begriff der Individualität eine reine Fiktion sei. Der traditionellen Philosophie traute Morgenstern wenig, der Wissenschaft und den Wissenschaftlern, vor allem den Akademikern, noch weniger. Dadurch erhielten mehrere Galgenlieder wie {{Kap|Kronprätendenten}}, {{Kap|Der neue Vokal}}, {{Kap|Der Gaul}} ... eine satirische Färbung. | |||
Parallel zu der philosophischen Meditation setzte sich der Dichter mit dem Problem der Sprache auseinander. Seit Leo Spitzer haben die Kommentatoren immer wieder Morgensterns Interesse für die Sprache in Zusammenhang gebracht mit Fritz Mauthners dreibändigem Werk, »Beiträge zu einer Kritik der Sprache«, wobei sie den Einfluß des Sprachphilosophen vielleicht doch überschätzt haben. Denn der Dic hter hat die »Beiträge« erst im Dezember 1906 kennengelernt und höchstwahrscheinlich nur den 1. Band gelesen. Dafür hat er unbestreitbar »Die Sprache« und eine Spinoza-Monographie gelesen, die Mauthner 1907 veröffentlichte, sowie mehrere1 Romane desselben. Aber Morgensterns anfängliche Begeisterung ließ schnell nach. Schon im März 1907 notierte er in sein Tagebuch: ''Kritik der Sprache ist zuletzt auch nur ein Gesellschaftsspiel. Es gibt nämlich kein Wort, das außerhalb der Sprache noch irgendwelchen Sinn ergäbe. Wer sich außerhalb der Sprache setzen möchte,findet keinen Stuhl mehr'' (Abt. Aphorismen Nr. 654) und im Januar 1908 galt Mauthner in einem Gedicht der Ausruf: Du bist kein schöpferischer Geist (T1907/08, Bl. 155, Abt. Lyrik 1906—1914). Manche von Leo Spitzer und seinen Jüngern gezogene Parallelen sind deshalb nur mit Vorsicht zu betrachten, um so mehr als die genaue Datierung der Gedichte sie jetzt noch fragwürdiger erscheinen läßt (s. hierzu Μ. Cureau S. 578 ff.). Längst vor der Begegnung mit Mauthners Werk hatte Morgenstern — schon als Gymnasiast — mit den Worten zu spielen begonnen. Aber das Sprachspiel in den früheren Galgenliedern war bloß eine groteske Verzierung. In der zweiten Schaffensperiode dagegen wurde es zu einem entscheidenden Faktor der poetischen Eingebung, zum eigentlichen Kern mancher Gedichte, in deren Überschrift es häufig schon steckte ({{Kap|Anto-logie}}, {{Kap|Der Sündfloh}}, {{Kap|Die wiederhergestellte Ruhe}}, ...). In den Galgenliedern vor 1905 spielte der Dichter mit der phonetischen Substanz der Wörter, in den Gedichten der folgenden Periode spielte er mit deren semantischem Wert. Die Doppeldeutigkeit der Sprache wurde ausgebeutet, der geistreiche Witz verdrängte den Kalauer. Dort, wo die Sprache in einer | |||
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übertragenen Bedeutung sprach, wurde sie beim Wort genommen ({{Kap|Tertius gaudens}}, {{Kap|Die Probe}}, {{Kap|Der Glaube}} ...), so daß aus der Sprache heraus eine eigenartige, unsinnige, phantastische Welt erwuchs (s. hierzu Leo Spitzer, Jürgen Walther). Scheinbare Etymologien konnten so den Stoff zu poetisch-witzigen Fabeln liefern, wie zum Beispiel in {{Kap|Anto-logie}} oder {{Kap|Der Werwolf}}, sowie in Gedichten, wo der Reiz der Wortgaukelei durch ein virtuoses Spiel mit den Farben und Formen erhöht wurde, an dem sich übrigens Morgensterns Vorliebe für Photomontagen und optische Täuschungen ablesen ließ ({{Kap|Naturspiel, Die drei Winkel, Im Reich der Interpunktionen}}). | |||
Mauthners Ausführungen zielten darauf hin. die menschliche Sprache als ein für die Welterkenntnis untaugliches Werkzeug darzustellen. Morgensterns Beschäftigung mit der Sprache führte zu einer Reflexion über die Macht und Ohnmacht des Worts, über die Fähigkeit der Sprache, das Unwirkliche, das Virtuelle, das Unmögliche oder das Sinnlose auszudrücken. »Heißen« und »sein« können sinnverwandt sein. Manche Wörter muten wie Etiketten an, die auf leere Fläschchen geklebt wären. Dies gilt hauptsächlich für diejenigen, die Relationsbegriffe bezeichnen; solche Wörter üben auf den Dichter eine Art Faszination aus ({{Kap|Die Westküsten, Der Saal}}). Die gedankliche, sprachphilosophische Tendenz, die hinter manchen Gedichten der zweiten Schaffensperiode steckte, nahm jedoch Anfang 1908 ab. Ein frischerer Wind durchwehte die Galgenpoesie. Es war die Zeit, wo Morgenstern sich für Volksmärchen interessierte, den »Rübezahl« von Musäus bearbeitete und Kindergedichte schrieb. In den fünf {{Kap|Teufelslegendchen}} übertrug er den schlichten und naiven Stil der mittelalterlichen Holzschnitte ins Poetische. Das Motto der ursprünglichen Galgenliedersammlung, ''Dem Kinde im Manne'', kam nun zu neuer Geltung. | |||
=== 3. Schaffensperiode (August 1908 — Anfang 1914) === | |||
Die beiden Hauptereignisse der dritten Schaffensperiode — die Begegnung des Dichters mit Margareta Gosebruch im August 1908 und etwas später mit Rudolf Steiner — wirkten sich entscheidend auf die Substanz der Galgenpoesie aus. Einige Galgenlieder wie {{Kap|Scholastikerproblem II, Die zwei Parallelen}} und vielleicht auch {{Kap|Historische Bildung}} tragen wohl das unmittelbare Gepräge des Liebeserlebnisses (s. Kommentarteil S. 756 und 757). Das danach folgende Eheleben brachte in die humoristische Lyrik neue Motive: Das Motiv der Möbel und der Kleider, das Motiv | |||
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des Klaviers (Margareta Morgenstern war eine gute Klavierspielerin) und schließlich das Motiv des Dienstmädchens. Morgensterns Begegnung mit Margareta hatte jedoch einen viel tieferen Nachklang: Die Entdeckung der Frau und der Liebe beschleunigte den Ruin der monistischen Weltanschauung, zu welcher Morgenstern in den vorhergehenden Jahren gekommen war, und bewirkte seine Bekehrung zu einer dualistischen Weitsicht. Die Vermutung liegt nahe, daß das Zwillingspaar Palmström — v. Korf eine burleske Verkörperung jener neugewonnenen philosophischen Einsicht sein könnte. Rudolf Steiner seinerseits bot dem Dichter eine optimistische Lehre, die auf dem Glauben an die Reinkarnation und an das Karma (das selbstgeschaffene Schicksal) beruhte. Seine geistige Botschaft durchdrang das ganze Werk, d.h. nicht nur die ernste Lyrik, sondern auch die humoristische. Zwar kann der aufmerksame Leser nur in wenigen Gedichten einen blassen Schimmer der Reinkarnationslehre erhaschen, soz. B. in {{Kap|Palmström wünscht sich manchmal}}, {{Kap|Denkmalswunsch}} oder {{Kap|Das Einhorn}}, aber auf das Geistige kommt es an, auf die geistige Atmosphäre, die die beiden Helden Palmström und v. Korf umwitterte. In bezug auf Palmströms Persönlichkeit bemerkte Morgenstern in einem Brief vom 27.1.1912: ''Deren Wert aber liegt fast gar nicht, wie manche annehmen, in irgendeinem »Typischen«, sondern fast ganz nur in der Art von Geistigkeit, die sich in ihr zu offenbaren strebt, und die vor allem von jenem stumpfen Ernst befreien zu können scheint, von jenem Zustande des »Ganzdrinnenseins« in der Welt der Erscheinung, die den Menschen von heute in so hohem Maße gefangen und geknebelt hält'' ({{Kap|Briefe}}. Auswahl (1952) S. 426). | |||
Dem Begründer der Anthroposophie verdanken die Galgenlieder das, was man ihre vierte Dimension nennen könnte. Palmström und v. Korf sind nämlich Geister. Auf dem Gebiet der Immaterialität rivalisieren sie miteinander. Wenn der eine, Palmström, unverwundbar erscheint (s. {{Kap|Die unmögliche Tatsache}}), seine leibliche Hülle nach Belieben wechseln kann ({{Kap|Im Tierkostüm}}), so entrinnt der andere, v.Korf, der Schwere der Körper ({{Kap|Die Waage}}) und kann sich unsichtbar machen ({{Kap|Korf geht mitten durch die Wachen}}). Die geistige Dimension der in der dritten Periode entstandenen Gedichte kulminierte in den komplementären Motiven des Schweigens und des Unsichtbaren, die um 1911 — 1912 in der verhaltenen Stimmung von Palma Kunkels kleiner Welt gediehen. Aber Morgensterns Jüngerschaft konnte auch einen verhüllt polemischen Charakter annehmen. Mehrere Galgenlieder persiflieren die materiali- | |||
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stischen Theorien von Philosophen des 19. Jahrhunderts, die den Ursprung des Lebens auf einen rein physikalisch-chemischen Prozeß zurückführten. Erst in diesem philosophisch-epigrammatischen Zusammenhang läßt sich wohl die verborgene Bedeutung von Gedichten wie {{Kap|Der durchgesetzte Baum}} oder {{Kap|Das Butterbrotpapier}} erfassen. | |||
Rudolf Steiners Einfluß beschränkte sich jedoch nicht auf die Sphäre des Geistigen. Weit davon entfernt, Morgenstern von der diesseitigen Welt abzulenken, regten die anthroposophischen Lehren den Dichter dazu an, sich aufmerksamer denn je für das Aktuelle zu interessieren (denn das menschliche Handeln hier auf Erden bestimmt die Form der späteren Wiedergeburten). Nun aber enthüllte das Aktuelle, d.h. das wilhelminische Zeitalter, mehr seine Schatten- als seine Lichtseiten. Die Reflexion über die Probleme der Zeit mußte zwangsläufig zu einer scharfen Kritik führen. Als reine Geister waren Palmström und v. Korf der Materie entgegengesetzt, als freie Geister wurden sie zu den Widersachern der wilhelminischen Gesellschaft, deren ''Servilismus und Grobheit'' Morgenstern schon 1905 angeprangert hatte (B an Maximilian Harden, 28.10.1905). Zu der Verspottung des Bildungsphilisters bzw. des vor der Obrigkeit knienden Staatsbürgers und vor allem der Bürokratie (letztere glänzend durch das Gedicht {{Kap|Die Behörde}} illustriert), gesellte sich die beißende Satire auf die kriegerische Politik Wilhelms II., am grimmigsten in dem Gedicht {{Kap|Die Schwestern}}, wo Morgenstern das widernatürliche Bündnis der Glocke und der Kanone denunzierte. Die Galgenpoesie wurde zu einer Tribüne, wo der Dichter pazifistische Reden hielt, die moderne Wissenschaft in Frage stellte und als echter Vorkämpfer der modernen Ökologie vor den Gefahren warnte, die die Fortschritte des Maschinenwesens und die Errungenschaften der Technik heraufbeschworen, so z.B. in {{Kap|Zukunftssorgen}}. | |||
Morgensterns anthroposophische Einstellung tat dennoch der angeborenen Spiellust keinen Abbruch. Im Gegenteil, sie verschaffte ihm jene innere Freiheit, die er brauchte, um sich ganz dem Spiel hinzugeben. Nirgendwo in der Galgenpoesie ist der homo ludens so gut vertreten, wie in der Palmströmsammlung. Deren subtiler Reiz liegt in einer anscheinend einzigartigen Mischung aus Geistigkeit und Puerilität. Palmström und v. Korf sind nicht nur geistige Wesenheiten, sondern auch große Kinder, deren schöpferische Phantasie keine Grenzen kennt. Sie tun auf dieser Erdt1 nichts anderes als erfinden, aber ob sie erfinden oder spielen, ist einerlei, denn entweder sind ihre Erfindungen zwecklos oder die Mittel | |||
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dazu illusorisch. Das will heißen, daß ihre Erfindungen nur durch die Gnade des Worts bestehen. | |||
Das Sprachspiel nahm in den Gedichten der dritten Periode einen ebenso bedeutenden Platz ein, wie in denen des vorausgehenden Zeitabschnitts. Die sprachlichen Verfahren wechselten kaum: einzelne Wörter oder vollständige Redensarten wurden ihrem gewöhnlichen Bedeutungs- und Gebrauchszusammenhang entrissen. Was in der Sprache im übertragenen oder abstrakten Sinne gemeint war, erhielt eine eigentliche oder konkrete Bedeutung. Der verborgene, von kaum jemandem beachtete Widersinn mancher bildlichen Redensarten wie etwa »Fersengeld geben« oder »die Flinte ins Korn werfen« wurde entlarvt und spaßig ausgewertet ({{Kap|LebensLauf}}, {{Kap|Die weggeworfene Flinte}}). Manchmal kam es vor, daß Morgenstern einen in einem Gedicht schon verwendeten Wortwitz in mehreren aufeinanderfolgenden Galgenliedern aufgriff und weiter ausspann. So entstand z.B. die humoristische Tetralogie {{Kap|Die Elster}}, {{Kap|Anfrage}}, {{Kap|Antwort i. A.}}, {{Kap|Entwurf zu einem Trauerspiel}}. Aber die große Originalität der Gedichte der letzten Schaffensperiode lag in der betont ästhetischen Richtung der Eingebung, in der Anwendung von stilistischen Verfahren, die Morgensterns Schöpfungen in die Nähe der französischen | |||
Symbolisten oder ihrer deutschen Anhänger brachten. Das von den Symbolisten häufig ausgenutzte Phänomen der Synästhesie lieferte den Stoff zu den Gedichten {{Kap|Die Geruchsorgel}} und {{Kap|Der Aromat}}. Die modernen Ausdrucksformen der Kunst wurden travestiert ({{Kap|Bildhauerisches}}), die Exzesse der nicht-figurativen Malerei bespöttelt ({{Kap|Bilder}}) und die »geistige« Kunst, von der Stefan George träumte, ironisiert ({{Kap|L'art pour l’art}}, {{Kap|Der Ästhet}}). | |||
Jedoch lag die Würze mehrerer in der dritten Periode entstandenen Gedichte weniger in einer parodistischen Absicht des Dichters, als in der Meisterschaft, mit welcher er musikalische Arabesken hinzauberte ({{Kap|Korfs Verzauberung}}) und sich des Rhythmus zu bedienen wußte, um konkrete Handlungen ({{Kap|Der Rock}}, {{Kap|Das Butterbrotpapier}}) oder richtige Pantomimen ({{Kap|Kurhauskonzertbierterrassenereignis}}) zu inszenieren. Das Gedicht {{Kap|Die Priesterin}} — nach Morgensterns Angabe ''eine Übersetzung aus dem Chinesischen'' ({{TBl|19101|17}}) — dürfte wohl als ein Musterbeispiel dieses kaum zu übertreffenden Ästheten- und Formvirtuosentums genannt werden, in welchem Kommentatoren wie .Alfred Liede die Hauptbedeutung der Galgenlieder sehen. | |||
Morgenstern war sich der zunehmenden literarischen Qualität seiner hu- | |||
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moristischen Schöpfungen bewußt. Seine anfängliche ''naive Künstlerjugendlaune'' war ''nach und nach reifer, bewußter und'' <nowiki>[...]</nowiki> ''literaturfähiger'' geworden ({{TBl|1911-12|158}} und ({{TBl|1911-12|140}}). In bezug auf die Galgenlieder notierte1 Morgenstern im Winter 1912/13: ''Mit der Zeit aber wuchs ihr Leserkreis, ihre Anzahl, ihr künstlerischer Ernst'' ({{TBl|1912-13-II|20}}). Die in unserer Ausgabe zum erstenmal vorgenommene Datierung der Gedichte müßte dem Leser ermöglichen, fast lückenlos diesen Reifungsprozeß zu verfolgen. | |||
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Aktuelle Version vom 18. September 2026, 09:25 Uhr
Der folgende Text ist eine Zusammenfassung und Neuformulierung eines Textes von Maurice Cureau in SA Band III Humoristische Lyrik, S. 598-621 mit Hilfe von KI und redaktioneller Nachbearbeitung. Cureau ist Herausgeber dieses Bandes.
Morgenstern schrieb Galgenlieder von 1895 bis in seine letzten Lebensjahre. Er selbst sah darin drei Bücher: die Galgenlieder, den Gingganz und den Palmström. Diesen Büchern entsprechen drei Schaffensperioden. Die erste beginnt 1895 mit dem Galgenbund in Berlin, die zweite im November 1905 mit dem mystischen Erlebnis im Sanatorium Birkenwerder, die dritte im August 1908 mit der Begegnung mit Margareta Gosebruch. Die ersten Abschnitte schildern, wie die Sammlungen entstanden und erschienen. Der letzte beschreibt, wie sich die Galgenpoesie inhaltlich veränderte.
Entstehung der ersten Galgenliedersammlung
Der Galgenbund
Morgensterns erstes Buch, In Phantas Schloss, ist von der Welt der Berge geprägt. Horatius travestitus und die ersten Galgenlieder sind in Berlin entstanden. Im Horatius travestitus mischt sich die genussfrohe Stimmung des Berliner Lebens mit dem Epikureertum und dem Tiefsinn des Horaz. Den ersten Galgenliedern fehlt jede Berliner Lokalfarbe. Trotzdem sind sie ohne die Berliner Boheme nicht denkbar, ohne ihr anregendes geistiges Klima und ihre Mischung aus französischem Esprit, derbem Witz und trockenem märkischem Humor.
Der Galgenbund war wie der "Orden" eine Runde junger Künstler und Dichter aus dieser Boheme, die ihren Reichtum an Geist und Jugend miteinander teilten und ebenso ihre Armut. Den Orden gab es seit Dezember 1894, der Galgenbund entstand später. Vom Herbst 1895 an bestanden beide nebeneinander. Morgenstern, Fritz Beblo und Georg Hirschfeld gehörten beiden an. Im Orden waren auch Frauen, der Galgenbund bestand nur aus Männern. Das erklärt vielleicht sein eigenes Gepräge, das grausig-spaßige Spiel mit dem Tod.
Wie der Bund zu seinem Namen kam, erklärte Morgenstern Anfang 1912 in einem Briefentwurf:
Die ersten "Galgenlieder" entstanden vor kaum wohl mehr als 15 Jahren für einen kleinen lustigen Kreis, der sich auf einem Ausflug nach Werder bei Potsdam, allwo noch heute ein sogenannter "Galgenberg" gezeigt wird, wie das so die Laune gibt, mit diesem Namen schmücken zu müssen meinte. ( T 1911-12, Bl. 124)
Aus dem Namen ergab sich alles Weitere. Nach dem Ausflug trafen sich die Freunde jede Woche, wahrscheinlich donnerstags, in der Wohnung von Friedrich Kayssler oder Julius Hirschfeld oder in einer Kneipe. Dort feierten sie einen seltsamen Kult, zu dem eine spaßhaft inszenierte, schaurige Hinrichtung gehörte. Julius Hirschfeld, der sich zwei Jahre später das Leben nahm, spielte den Gehenkten. Ausführlich schildert den Kult Jeremias Mueller, der pedantische Kommentator, den Morgenstern für die Galgenlieder erfand, im Versuch einer Einleitung.
Jeder Galgenbruder trug einen schaurigen Bundesnamen. Anfangs waren es sechs:
- Christian Morgenstern: Rabenaas
- Julius Hirschfeld: Schuhu
- Friedrich Kayssler: Gurgeljochem
- Georg Hirschfeld: Verreckerle
- Fritz Beblo: Stummer Hannes oder der Büchner
- Franz Schäfer: Veitstanz oder der Glöckner
Ende Januar 1896 kamen zwei hinzu:
- Robert Wernicke: Faherrügghh oder der Unselm
- Paul Körner: Galgenbruder Gespenst, Spinna oder Zöbner
Die Treffen fielen in zwei Zeiträume. Der erste reichte etwa von Ende April bis Ende Juni 1895, der zweite, längere von Ende Oktober 1895 bis Ende Juni 1896.
Lieder für das Ritual
Zum Ritual gehörten liturgische Gesänge, und aus ihnen gingen die Galgenlieder hervor. Nach dem Zeugnis von Franz Schäfer schloss anfangs ein einziges Lied die Feier ab. Später vertonte Julius Hirschfeld mehrere Texte, die Morgenstern ihm auf Zetteln brachte. Davon berichtete Georg Hirschfeld am 4. Mai 1928 in einem Artikel der Vossischen Zeitung. Morgenstern und Julius Hirschfeld bildeten die Pole des Bundes. Von Hirschfeld ging eine rätselhafte, unheimliche Wirkung aus, der sich der empfindsame Dichter nicht entziehen konnte.
Zu den Requisiten gehörten ein Kinderskelett, rote Wollschnur, Wachskerzen, ein schwarzes Tischtuch und eine alte Klinge, deren Blutrost Georg Hirschfeld für zweifelhaft hielt. Das seltsamste Stück ist ein Hufeisen, das sich im Nachlass erhalten hat. Es umschließt wie ein Kästchen einen Stapel Blätter aus Ölpapier, auf denen die geweihten Texte stehen. Ein Totenkopf aus schwarzer Pappe deckt es ab, und die Blätter darunter haben dieselbe Form. Sie tragen verdächtig rote Flecken und sind oben rechts angesengt, als wären sie einer Kerzenflamme zu nahe gekommen.
In der Blütezeit des Bundes lagen im Hufeisen acht Lieder, so viele, wie der Bund Mitglieder hatte. Heute sind es sieben. Jeder Galgenbruder besaß außerdem ein "Galgenalbum" mit denselben Texten. Mit Hilfe dieser Alben lässt sich das fehlende Lied bestimmen, es ist Das Weiblein mit der Kunkel.
Die ursprüngliche Reihenfolge im Hufeisen lässt sich rekonstruieren. Das älteste Stück war höchstwahrscheinlich das Bundeslied.
- Bundeslied, zuerst Das Galgenlied
- Galgenbruders Lied an Sophie, zuerst Sophie
- Nein!
- Das Geburtslied, zuerst Die Wehenacht
- Die Beichte des Wurms
- Schlachtgesang, zuerst Das Kniebein
- So hängen wir
Das Weiblein mit der Kunkel stand wahrscheinlich vor oder nach Die Beichte des Wurms.
Zur Liturgie gehörten noch weitere Lieder, die der Versuch einer Einleitung erwähnt, darunter Fisches Nachtgesang, Das große Lalulā, Das Simmaleins und Das Gebet. Gegen Ende Juni 1896 gab es 15 Galgenlieder, wenn man das Motto mitzählt.
Vom Bund zum Buchplan
Ende Juni 1896 löste sich der Galgenbund auf. Bis dahin waren die Lieder in einer ausgelassenen Runde entstanden, manche wie Nein! tragen Spuren gemeinsamer Erfindung. Nun schrieb Morgenstern allein, und die Lieder veränderten ihren Charakter.
Am 24. Januar 1897 hatte er 17 humoristische Gedichte beisammen. Er dachte schon an eine Veröffentlichung als Galgenberg-Album, das Beblo ausstatten sollte. An Marie Goettling schrieb er:
Seine Künstlerhand soll uns jedoch zu einem Galgenberg-Album, dessen Kernpunkt unsere siebzehn Lieder (Texte und Musik) sein sollen, nicht entgehen.
Im November 1897 schlug er Beblo einen gemeinsamen Kalender vor: Zwölf Blätter zum Umklappen, Du Bild, ich Text. Vielleicht humoristisch. Vielleicht direkt Galgenlieder mit Musik und Zeichnungen.
Am 8. Mai 1898 reiste Morgenstern nach Norwegen, um für die Übersetzung von Ibsens Werken die Sprache gründlich zu lernen. In Nordstrand bei Christiania, dem heutigen Oslo, verliebte er sich in Dagny Fett, ein Mädchen aus kleinbürgerlicher Familie. Die von Anfang an aussichtslose Liebe klingt in mehreren Galgenliedern dieser Zeit nach.
Ende 1898 zog Morgenstern Bilanz über die Arbeit des Jahres. Einer der letzten Einträge lautet Zusammenstellung der Galgenlieder ( T 1898-99-I, Bl. 129). Die Sammlung umfasste nun etwa dreißig Lieder, und Morgenstern ordnete sie zum ersten Mal, offenbar mit Blick auf eine Veröffentlichung. Für ein eigenes Buch war sie noch zu schmal. Er wollte sie deshalb in ein größeres Werk einfügen, dem er den Titel Das lustige Buch geben wollte ( T 1898-99-I, Bl. 111). Die Idee dazu reichte bis ins erste Vierteljahr 1895 zurück. Drei Vorreden hatte er schon im November 1896 in der Jugend veröffentlicht (SA Band VI Kritische Schriften, S. 196 f.). Einen Verleger fand er nicht. Bondi lehnte ab, danach Schuster und Loeffler. Das bestärkte Morgensterns eigene Zweifel an diesen bizarren Gedichten, und in einer mutlosen Stunde wollte er sie verbrennen. Friedrich Kayssler erinnerte ihn am 18. Dezember 1900 daran: "Du wolltest ja auch die Galgenlieder verbrennen und jetzt sind sie in Ehren, gebunden bei Wolzogen."
Bühne und Verlag
Dass die Galgenlieder überlebten, verdanken sie Ernst von Wolzogen, dem Gründer der Berliner Kleinkunstbühne "Überbrettl", und Friedrich Kayssler, der damals schon ein erfolgreicher Schauspieler war. Kayssler las sie im November oder Dezember 1898 im Kabarett "Die Brille" zum ersten Mal vor. Als er 1901 mit Max Reinhardt und Louise Dumont die Bühne "Schall und Rauch" gründete, nahm er Morgensterns Grotesken in sein Programm. Wolzogen hatte Morgenstern schon im September 1900 um die d'Annunzio-Parodie Il pranzo (Das Mittagsmahl) gebeten. Im November fragte er nach Galgenliedern. Er wollte sie mit Schattenspielen und einer schaurigen Inszenierung grotesk zur Wirkung bringen. Morgenstern werde dann fast jeden Abend auf dem Programm stehen und eine nennenswerte Einnahmequelle gewinnen (Brief vom 16. November 1900). Für den meist mittellosen Dichter zählte dieses Argument. So wurden Wolzogen und Kayssler die ersten, die Galgenlieder in Deutschland regelmäßig vor Publikum brachten.
Im September 1899 war Morgenstern aus Norwegen nach Berlin zurückgekehrt. Zwischen 1900 und 1902 scheiterten zwei weitere Pläne. Albert Langen lehnte die Galgenlieder trotz Wolzogens Fürsprache ab, weil er den Verfasser "zu wenig derb" fand (Morgenstern an Jacobsohn, 13. Januar 1907). Auch der Plan von Kayssler und Reinhardt, Morgensterns Grotesken als "Schall- und Rauchbücher" herauszubringen, kam nicht zustande. Aus dieser Zeit stammt wahrscheinlich der Entwurf einer Vorrede, dessen pedantischer, pseudowissenschaftlicher Stil den Versuch einer Einleitung vorwegnimmt.
Gleich nach seiner Rückkehr aus Italien Anfang Mai 1903 nahm Morgenstern wieder Kontakt zu "Schall und Rauch" auf. Im einzigen Tagebuch aus dieser Zeit steht: In Berlin eine Reihe Galgenberg-Abende veranstaltet. Gegurgelte Lieder zu vieren ( T 1903, Bl. 70).
Für das letzte Vierteljahr 1903 und die erste Hälfte 1904 fehlen verlässliche Zeugnisse. Wie die Sammlung in dieser Zeit reifte und wann Cassirer sich zum Druck bereit erklärte, ist nicht bekannt. Im Sommer 1904 dachte Morgenstern daran, die Galgenlieder von dem Grafiker Heinrich Wolff illustrieren zu lassen. Daraus wurde nichts, weil Karl Walser, der Bruder von Robert Walser, den Umschlag übernahm. Der Plan zeigt aber, dass die Sammlung damals kurz vor dem Abschluss stand. In einem undatierten Brief, wohl aus dem Herbst 1904, drängte Morgenstern den Verleger:
Ich glaube, Sie verscherzen viele Käufer, wenn die Sache nicht spätestens 1. XII. erscheint. "Wenn schon, denn schon", nicht?
Das Buch war also vor Ende des Herbstes 1904 druckfertig. Gedruckt wurde es erst Ende Februar 1905.
Datierung der frühen Galgenlieder (1895-1905)
Zwischen dem ersten und dem letzten Galgenlied der ersten Sammlung liegen fast zehn Jahre. In dieser Zeit wandelte sich der Geist der Lieder. Die ausgelassene Poesie des Galgenbunds hat mit der eher düsteren Gedankenlyrik der sogenannten skeptischen Periode von 1900 bis 1904 nichts gemein. Auch die Menge nahm ab. Anfangs schrieb Morgenstern humoristische Gedichte in großer Zahl, später nur noch vereinzelt. Vermutlich entstand der größte Teil der ersten Sammlung vor März 1899.
Das zu belegen ist schwierig, weil Morgenstern nur wenige Gedichte datiert hat. Bei den übrigen sind zwei Fälle zu unterscheiden. Steht die Urfassung in einem Tagebuch oder unter den Nachlassschriften, lässt sich die Entstehungszeit recht leicht bestimmen. Der Zeitraum des Tagebuchs ist bekannt, und die Stelle des Gedichts darin gibt weiteren Aufschluss. Häufiger ist nur eine Abschrift erhalten. Dann lässt sich nur die Abschrift datieren und damit ein Zeitpunkt, vor dem das Gedicht schon existierte. Gedichte ohne Spuren im Nachlass bleiben hier außer Betracht.
Für die Datierung der Abschriften gibt es mehrere Anhaltspunkte:
- die Handschrift, die sich im Lauf der Jahre veränderte
- Beschaffenheit und Sorte des Papiers
- die Farbe der Nummern, mit denen manche Texte versehen sind
- Großbuchstaben am Versanfang, ein besonders aufschlussreiches Merkmal. Angeregt durch Otto Erich Hartleben nahm sich Morgenstern schon 1895 vor, darauf zu verzichten. Konsequent tat er es erst ab August 1897, diesmal nach dem Vorbild Dehmels.
- die Form des Buchstabens z, ein noch ergiebigeres Merkmal. Zwischen Dezember 1902 und März 1905 ging Morgensterns Schrift vom kurzen zum langen z über.
Weitere Hilfen bietet die literarische Untersuchung der Texte. Sie deckt Verbindungen zwischen der ernsten Lyrik und der humoristischen Dichtung auf. Vor allem braucht es aber eine genaue Kenntnis der Biografie. Oft helfen Ortsangaben und zeitgebundene Motive in den Texten. So teilt das ernste Gedicht Eine bitterböse Unke von 1896 mit dem Galgenlied Des Galgenbruders Gebet und Erhörung das Motiv der Unke, die die Nachtruhe stört. Dazu kommt, dass sich Morgenstern im Juli 1896 in Friedrichshagen unmittelbar am See aufhielt. Beides zusammen macht die Datierung des Galgenlieds recht sicher. Auch postume Gedichte, die an ein Zeitereignis anknüpfen, lassen sich ohne große Mühe datieren, etwa Vom Steinplatz zu Charlottenburg.
Eine weitere Datierungshilfe, sind die zwei Zeiträume der o.g. Treffen des Galgenbundes:
- etwa von Ende April bis Ende Juni 1895,
- von Ende Oktober 1895 bis Ende Juni 1896.
Die SA datiert die humoristischen Gedichte zum ersten Mal. Methoden und Ergebnisse stammen größtenteils aus der Habilitationsschrift von Maurice Cureau, Christian Morgenstern humoriste. La création poétique dans In Phantas Schloss et les Galgenlieder.
Die weiteren Ausgaben der Galgenlieder
Birkenwerder und Meran
Anfang November 1905 kam Morgenstern in das Sanatorium Birkenwerder. Dort wurde der Skeptiker der letzten Berliner Jahre durch eine Art Erleuchtung zum Mystiker. Dieses Erlebnis gab auch dem Humoristen neuen Antrieb. In den sechs Monaten in Birkenwerder entstanden fast so viele Galgenlieder wie in den neun oder zehn Jahren davor. Auch in Meran-Obermais, wo er sich am 7. September 1906 niederließ, fand er den festen Ort, den er zum Arbeiten brauchte. Die meisten Galgenlieder der Jahre 1905 bis 1908 stehen in erster Fassung in den Tagebüchern, ihre Datierung ist deshalb nur selten unklar.
Der Streit um eine neue Sammlung
Zwischen Oktober 1905 und Ende April 1908 schrieb Morgenstern über hundert neue Galgenlieder. Zu seinen Lebzeiten erschien davon nur ein kleiner Teil. Die zweite Ausgabe der Galgenlieder von 1906 war bis auf wenige Änderungen ein Nachdruck der ersten. Die dritte von 1908 strich ein Dutzend Gedichte und brachte nur 25 neue. Das lag vor allem an Cassirer.
Über zwei Jahre bemühte sich Morgenstern, ihn für eine ganz neue Sammlung zu gewinnen. Zum ersten Mal nennt er ihren Titel am 8. Dezember 1905 in einem Brief an Julius Bab: Was sagen Sie übrigens zu dem Titel meiner übernächsten Sammlung: der Gingganz? Am 18. April 1906 kündigte er Cassirer die baldige Zusendung des abgeschlossenen Bandes der neuen Galgenlieder an. Im Juli bestand er auf dem Titel, Sie dürfen mir diesen Titel nicht frisieren, und lehnte eine bloße Wiederholung der alten Sammlung ab. Er gab Hinweise zu Druck und Umschlag und rechnete damit, dass das Buch als Weihnachtsgabe für 1907 erscheinen könne. Alle diese Vorschläge scheiterten an dem, was Margareta Morgenstern nach dem Tod des Dichters in einem verärgerten Briefentwurf an Cassirer die "Interesselosigkeit der Verleger" nannte.
Am 19. Februar 1907 schickte Morgenstern Cassirer per Einschreiben 22 neue Galgenlieder, offenbar als Grundstock der geplanten Sammlung. Er war zu allen Zugeständnissen bereit und hätte notfalls sogar auf den Titel Der Gingganz verzichtet, an dem ihm viel lag. Cassirer schwieg, und dass Morgenstern die Gründe nicht kannte, machte das Schweigen noch kränkender. Am 19. Mai 1907 bat er um freie Hand, weil ich fürchte, daß Ihr Verhalten, selbst bei mir frömmstem Lamm, schließlich zur Blutvergiftung führen möchte.
Erst Ende 1907 kam eine Antwort. Cassirer hielt das Vorhaben für ein Wagnis und neigte zu einem bloßen Neudruck. Morgenstern protestierte: Gegen einfachen Neudruck protestiere ich mit H[and] und F[uß] (18. Dezember 1907). In einem undatierten Brief, vermutlich ebenfalls vom Dezember 1907, begründete er seinen Widerstand:
Ich bestehe aber nicht nur auf irgendeinem Schein, sondern ich handle im höchsten Maße auch zu Ihrem Vorteil, wenn ich das Buch aus einer bloßen Ulk-Sache zu einem wirklichen Buch mache, das in dieser seiner neuen Gestalt in der Literatur - und nicht nur in Kneipen und Kliniken - seinen Platz beanspruchen darf.
Der Kompromiss von 1908
Die dritte Ausgabe der Galgenlieder erschien Anfang April 1908 als "Dritte veränderte und durch den 'Gingganz' und anderes ums Doppelte vermehrte Auflage". Die geplante eigene Sammlung war ganz in den Galgenliedern aufgegangen. Am deutlichsten sagt das Morgensterns Brief an Cassirer vom 15. April 1908:
Aber daß ich Ihnen mit dem Gingganz zu dem alten ein neues kleines Buch gab, bleibt doch nun wohl einmal Tatsache. Sie haben sich zwei Jahre lang gegen dies neue Büchlein, das, selbstständig, unschwer doppelt so dick hätte werden und überall seinen guten Preis hätte erzielen können, gewehrt, sodaß ich schließlich im Unwillen gegen diese Knebelung (denn ich sollte es ja auch nicht anderswo erscheinen lassen) die Gelegenheit der 3. Auflage der "Galgenlieder" ergriff, eine Anzahl der neuen Gedichte vor die Öffentlichkeit zu bringen.
Im selben Brief verlangte er für die 25 neuen und sorgfältig ausgewählten opuscula eine angemessene Vergütung.
Kaum war der Gingganz erledigt, drängte Morgenstern auf einen zweiten Band humoristischer Gedichte unter dem Titel St. Expeditus. Die Liste der 38 geplanten Gedichte schickte er Cassirer ebenfalls am 15. April 1908. Auch dieser Plan scheiterte am Verleger, ebenso das Projekt Anmerkungen. Erst im September 1909 entschloss sich Cassirer, den der Erfolg der Galgenlieder inzwischen doch beeindruckt hatte, zu dem lange ersehnten zweiten Band. Palmström erschien im Mai 1910.
Ab April 1908 geht die Entstehungsgeschichte der Galgenlieder in der der Palmström-Sammlung auf. Die meisten Gedichte, die zwischen 1908 und Morgensterns Tod entstanden und nicht in den Palmström kamen, blieben im Nachlass, bis Margareta Morgenstern sie in den postumen Ausgaben veröffentlichte.
Die dritte Ausgabe von 1908 hatte Aufbau und Charakter der ursprünglichen Sammlung grundlegend verändert. Die späteren Auflagen änderten nur noch wenig, teils durch Morgenstern, teils durch Cassirer. Die Ausgabe letzter Hand unterscheidet sich von der Auflage von 1908 nur durch drei Gedichte, die vermutlich vor 1908 entstanden sind.
Entstehung der Palmström-Sammlung
Der erste Palmström
Im August 1908 lernte Morgenstern Margareta Gosebruch kennen, die im März 1910 seine Frau wurde. Im Winter 1908/09 entdeckte er die theosophischen Lehren Rudolf Steiners, des Begründers der Anthroposophie. Beide Ereignisse regten die humoristische Dichtung ebenso an wie 1905 das Erlebnis in Birkenwerder. Die meisten Palmström-Gedichte entstanden 1910. In den Jahren 1911 und 1912 waren es weniger. Ab 1913 ließ die Schaffenskraft des schwer kranken Dichters nach.
Von den über hundert Gedichten der Jahre 1909 bis 1914 fand nur die Hälfte Platz in den Palmström-Ausgaben, die zu Morgensterns Lebzeiten erschienen. Wie bei den Galgenliedern scheiterte sein Eifer am Desinteresse des Verlegers.
Palmström war zuerst nur ein Kauz, der einem Galgenlied von 1906 seinen Namen gab. Ende September 1909 wurde er mit Cassirers Zustimmung zum Titelhelden einer ganzen Sammlung. Als Titel kamen Palmström oder Die Oste in Frage, die Wahl überließ Morgenstern dem Verleger (Brief vom 28. September 1909). Am 13. Januar 1910 schickte er das Manuskript:
Hier also ist "Palmström", der hoffentlich die "Galgenlieder" nach und nach etwas überschatten wird. [...] Mit Palmström und Korf übrigens habe ich, wie Sie bemerken werden, ein neues Feld gefunden, das ich noch viel und oft anzubaun gedenke.
Von da an ging es zwischen Dichter und Verleger hin und her, bis zur 5. und 6. Auflage. Cassirer wollte bei der Zusammenstellung überall mitreden und verlangte mal Änderungen, mal Streichungen. Morgenstern fügte sich oder wehrte sich mit Händen und Füßen. Manche Eingriffe Cassirers sind fragwürdig, ebenso Morgensterns Anhänglichkeit an einige schwächere Gedichte. Ob Cassirer Die Brillen zu Recht streichen wollte und ob Morgensterns beharrliche Vorliebe für Die Lämmerwolke berechtigt war, bleibt offen.
In einem Punkt wirkte Cassirer eindeutig günstig. Er bremste Morgensterns Phantasie dort, wo sie die Sammlung gefährdete. Am 24. Januar 1910 schlug Morgenstern vor, die Palmström-Gedichte in Spiegelschrift zu drucken: Mit einem beigegebenen kleinen Spiegel (oder auch ohne das). Er versprach sich davon Käufer, weil solche Bücher als Kuriosität gefragt wären, und für die Autoren eine neue Art von Distanz, so wie man früher Latein schrieb, wenn man nicht gleich alles allen preisgeben mochte.
Erweiterung statt zweiter Sammlung
Anfang Mai 1910 erschien die erste Palmström-Ausgabe, ein Nachdruck folgte rasch, wahrscheinlich im Juli. Schon damals plante Morgenstern eine dritte, erweiterte Ausgabe (an Cassirer, 28. Juli 1910). Sie verzögerte sich, teils durch Cassirers Gleichgültigkeit, teils durch Morgensterns schwere Erkrankung in Taormina. Auf neue Palmström-Gedichte reagierte Cassirer monatelang nicht. Aus dem Sanatorium in Arosa schrieb Morgenstern: Warum versenken Sie meine Palmströmsendung so in Schweigen? Ich liege hier im Schnee und warte... (Postkarte vom 12. April 1911). Am 19. Juli 1911 schickte er zehn neue Gedichte. Als wieder keine Antwort kam, mahnte er am 24. September: er sollte in seiner neuen "dicken" Gestalt durchaus noch die Weihnachtsmesse erreichen! Die dritte Ausgabe erschien Ende Oktober oder Anfang November 1911.
Inzwischen verfolgte Morgenstern einen neuen Plan. Wie Jahre zuvor mit dem Gingganz wollte er nun eine zweite Palmström-Sammlung durchsetzen. Am 19. Juli 1911 schrieb er: Für Sie habe ich noch einen Faust - wollte sagen Palmström II. Teil vor. Ende September wurde er deutlicher. Der bisherige Palmström sollte auf zwei Bücher erweitert werden, Palmström und Die Oste, jedes etwa so umfangreich wie der bisherige Band. Für einen gemischten Band wie die Oste habe er vieles liegen, und falls Cassirer ablehne, wolle er daraus einen Band für Piper machen (26. September 1911). Wenige Tage später, vermutlich am 1. Oktober 1911, legte er nach:
Die Qualität wird ja eben dadurch erhöht, daß jedes einheitlicher wird. Jedes wird in seiner Art gewinnen. [...] Sie glauben ja nicht, wie es einen lebhaften Menschen wie mich hemmt, wenn er überall verrammelte Türen sieht und wie er auftaut und produktiv wird, wenn man ihm nur Möglichkeiten bietet. (Briefentwurf, T 1911, Bl. 129 f.)
Cassirer meinte mit der erweiterten Auflage genug getan zu haben. Bis 1913 musste sich Morgenstern damit begnügen, die eine Palmström-Sammlung um neue Gedichte zu ergänzen und weiter an ihr zu feilen. Im November 1912 dachte er noch an ein drittes Buch um die rätselhafte Gestalt der Palma Kunkel, teilte Cassirer das aber nur zögernd mit: Im Übrigen bahnt sich langsam etwas Drittes an, mit Muhme Kunkel im Mittelpunkt und dem entsprechenden Menschen- und Tierkreis (27. November 1912). Aus dieser Zeit stammt eine Skizze mit dem Stammbaum der Familie Kunkel. Sie brachte die Witwe des Dichters zumindest auf den Titel der 1916 erschienenen Sammlung Palma Kunkel. Auch dieses letzte Projekt verlief im Sand. In den zu Lebzeiten gedruckten Werken hinterließ es nur eine Spur, das Gedicht Muhme Kunkel.
Wesen und Entwicklung der Galgenpoesie
1910 beschrieb Morgenstern in einem Brief an eine Freundin Margaretas selbst drei Phasen (Briefe. Auswahl (1952), S. 407):
Im Übrigen würdest Du bei näherem Zusehen leicht die Entwickelungslinie entdecken, die durch die drei Bücher geht (denn es sind eigentlich drei).
- Erstens: Die Galgenlieder.
- Zweitens: Der Gingganz nebst dem darauf Folgenden.
- Drittens: Palmström.
Die eigentlichen Galgenlieder waren, wie ja auch die Vorrede durch alle Verschnörkelung hindurch erraten läßt, für einen kleinen Kreis jugendlich ausgelassener Freunde bestimmt, wo sie gemeinsam gesungen und mit einer Art von heiter-gruseligen Zeremonien mehr oder weniger dargestellt wurden.
Der zweite Teil: Der Gingganz breitet sich denn schon viel freier und unabhängiger von dem ursprünglich angeschlagenen Thema aus. Und im Palmström ist jene Anfangsstimmung ganz verschwunden und die Bahn frei für jederlei Stoff und Absicht.
Nimmt man zur ersten Palmström-Sammlung die Gedichte der folgenden drei oder vier Jahre hinzu, ergeben sich drei Schaffensperioden, die genau Morgensterns eigener Einteilung entsprechen:
- Die erste beginnt im April oder Mai 1895 mit der Gründung des Galgenbunds in Berlin und endet im November 1905 mit der Ankunft in Birkenwerder.
- Die zweite reicht von November 1905 bis August 1908. In ihr entstehen alle Galgenlieder, die Morgenstern als Gingganz-Gedichte bezeichnete.
- Die dritte beginnt im August 1908 und umfasst die letzten Lebensjahre.
Am Übergang steht jeweils ein Erlebnis von großer Tragweite. Im November 1905 ist es das mystische Erlebnis in Birkenwerder, im August 1908 die Begegnung mit Margareta Gosebruch, die Morgenstern bald darauf mit dem Denken Rudolf Steiners bekannt machte.
Von Periode zu Periode veränderte sich das Bild der Galgenwelt. Morgenstern räumte selbst ein: Was im Laufe der ersten Auflagen dann noch hinzutrat, hatte natürlich mit dem Anfangsthema nicht mehr viel gemein ( T 1911-12, Bl. 135).
Erste Schaffensperiode (1895-1905)
Die ersten Galgenlieder waren Gelegenheitsgedichte, makabre Gesellschaftsspiele im Ritual des Galgenbunds. Diese Herkunft gab ihnen bis etwa 1897 ihre schaurige Stimmung. Die frühe Galgenwelt ist nächtlich und gespenstisch, wie aus einem Albtraum. Hinter dem heiter-gruseligen Ulk lauerte wohl die Angst des früh vom Tod gezeichneten Dichters. Schon 1899 notierte er: Der mächtigste Dichter ist die Furcht ( T 1898-99-I, Bl. 122). Aus dieser Angst gingen, wie in der ernsten Lyrik derselben Jahre, Bilder des Grauens und des Todes hervor: der Mond, der Wind, die zwölf Schläge der Mitternacht und die Silbergäule. Sie tragen schon in Auffahrt aus In Phantas Schloss Schwarz und Silber, die Farben des Todes. Vermutlich geht auch das Gewimmel der Tiere um den Galgenberg auf diese Angst zurück. Sie prägt sogar die Namen von Ungeheuern wie Mondschaf, Zwölf-Elf oder Mitternachtsmaus. In diesen grotesken Zusammensetzungen stammt der erste Teil jeweils aus dem Umkreis des Todes.
Die Menagerie kann auch literarische Wurzeln haben. Alfred Liede (Dichtung als Spiel, Bd. 1) verweist auf Nietzsches Zarathustra, den Morgenstern 1895 immer wieder las und dessen Sprache und Bilder sich ihm tief einprägten. Schon als Gymnasiast hatte Morgenstern mit Sprache gespielt, Nietzsche bestärkte diese Neigung. Wenige Dichter haben die Umwortung aller Worte so radikal betrieben wie er.
Das Sprachspiel der ältesten Galgenlieder ist fast ausnahmslos lautlich. Morgenstern jongliert mit dem Klang der Wörter, und der Wechsel von dunklen u-Lauten und hellen i-Lauten ruft die nächtliche Galgenwelt mit ihren huschenden Schatten und Lichtern hervor. Leo Spitzer sagt über Liebeserklärung des Raben Ralf, Morgenstern "onomatopoetisiert" die Wörter (Die groteske Gestaltungs- und Sprachkunst Morgensterns, S. 85). In Das Hemmed tritt die Lautmalerei an die Stelle verständlicher Sprache. In Das Gebet führt ein Kalauer die naive Frömmigkeit der Rehlein ad absurdum. Am weitesten geht Das große Lalulā. Dort häuft Morgenstern "Lautgrimassen" (Spitzer, S. 57), und die Sprache befreit sich von dem Zwang, etwas zu bedeuten. Sie ist autonom geworden. Gedichte wie dieses und Schlachtgesang haben Kritiker veranlasst, den Ursprung aller Galgenlieder in der Sprache selbst zu suchen.
Neben diese Deutung der Galgenpoesie als "Sprachspielwelt" (Leo Spitzer, Jürgen Walter) stellte Morgenstern selbst eine andere. Er verstand sie als Erlebnisdichtung, bei der jedes einzelne Gedicht [...] durchaus als "Gelegenheitsgedicht" in Goetheschem Sinne aufgefaßt werden darf ( T 1911-12, Bl. 140). So gelesen gewinnen die Galgenlieder einen unerwarteten Sinn. Die humoristische Lyrik wird zum Zerrspiegel, in dem die inneren Spannungen, Hemmungen und Ängste des Dichters erscheinen. Der Humor schützt, indem er die lyrische Sprache karikiert und ihre Gefühlswirkung zerstört. Eine wesentliche Triebfeder der frühen Galgenpoesie ist der Kampf mit dem Affekt.
Nirgends zeigt sich das vielleicht so deutlich wie in den Galgenliedern, die 1898 und 1899 in Norwegen entstanden. Sie bringen neue Motive: das schmachtende Liebespaar (Die beiden Flaschen), die Hochzeit (Die Hochzeit der Dinge), die Ehe (Die beiden Esel) und die Familie (Der Nachtschelm und das Siebenschwein). Etwa ein Dutzend Galgenlieder aus Norwegen oder aus der Zeit danach kreisen um Heirat und verratene Liebe, so Igel und Agel und Bim, Bam, Bum. Sie sind bittere Zeugnisse der gescheiterten Liebe zu Dagny Fett, Bruchstücke eines maskierten Bekenntnisses.
In den folgenden Jahren verloren die Galgenlieder diesen Bekenntnischarakter, und Morgenstern schrieb deutlich weniger. Aus der Erlebnisdichtung wurde Gedankenlyrik, die meist von einer pessimistischen Sicht auf das Leben ausging. Morgensterns Weltbild hatte sich verdüstert. Das Lied vom blonden Korken und das rätselhafte, an Schopenhauer erinnernde Wer denn? sind wohl Früchte von Skepsis und Nihilismus. In Die Weste und Der Purzelbaum spiegelt sich die innere Verwirrung eines Menschen, der den Halt seines jugendlichen Idealismus verloren hatte.
Zweite Schaffensperiode (1905-1908)
Anfang November 1905 überwand Morgenstern diese Zeit des Grübelns und Zweifelns. Als Mystiker erkannte er die Einheit von Gott und Welt und von Gott und Mensch. In den folgenden Jahren ließ er diesen ungeheuren Gedanken reifen (an Kayssler, 14. September 1906) und entwickelte eine "theomonistische" Auffassung des Alls, die im Pantheismus seiner Jugend schon angelegt war. Seine neue Haltung nannte er heitere Skepsis (an Luise Dernburg, 23. Februar 1906). Damit meinte er etwas ganz anderes als den Nihilismus der vorangegangenen Jahre, nämlich den Geist des Allumfassens, Alldurchdringens, des Glaubens an nichts und alles, und zwar zugleich an restlos nichts und an restlos alles. In einem Aphorismus heißt es: Alles wesentlich, alles unwesentlich (SA Band V Aphorismen, Nr. 1560).
Vom Standpunkt des Unendlichen ist der Tod eines endlichen Geschöpfs eine lächerlich unbedeutende Episode, und entsprechend unbedeutend kann seine Ursache sein, so in Der zarte Greis. Die Angst vor dem Tod war gewichen, und die Galgenwelt veränderte ihr Gesicht. Tageslicht dringt ein und vertreibt Gespenster und Ungeheuer. Wo Tiermotive noch auftauchen, haben sie mit Angst nichts mehr zu tun. Sie dienen der Satire wie in Der Hecht und Das Huhn oder schmücken als groteske Ornamente einen tieferen Sinn.
Das Erlebnis von Birkenwerder musste sich in den Galgenliedern niederschlagen. Eine groteske Darstellung seiner Bekehrung findet sich höchstens in Der Konvertit und Der Gingganz. Meist klingt die philosophische und religiöse Besinnung nur nach. So tauchen Motive aus der Bibel auf, besonders aus dem Johannes-Evangelium, etwa die Sintflut in Der Sündfloh oder das Wunder in Der Hecht und St. Expeditus. In Anlehnung an Kant und Schopenhauer umspielen die Lieder metaphysische Fragen, das Ding an sich in Der Meilenstein und Das Grab des Hunds, das Böse in Das Löwenreh. Den Aphorismus Anthropomorph ist und muß "alles" bleiben ( T 1907-08, Bl. 5, SA Band V Aphorismen, Nr. 1598) greift Der Würfel auf. In dem surrealistisch wirkenden Drei Hasen scheint die Überzeugung des Mystikers durch, dass Individualität reine Fiktion ist. Der herkömmlichen Philosophie traute Morgenstern wenig, der Wissenschaft und besonders den Akademikern noch weniger. Daher rührt die satirische Färbung von Gedichten wie Kronprätendenten, Der neue Vokal und Der Gaul.
Seit Leo Spitzer haben Kommentatoren Morgensterns Interesse an der Sprache immer wieder mit Fritz Mauthners dreibändigen Beiträgen zu einer Kritik der Sprache verbunden und dabei den Einfluss des Sprachphilosophen vielleicht überschätzt. Morgenstern lernte die Beiträge erst im Dezember 1906 kennen und las höchstwahrscheinlich nur den ersten Band. Sicher gelesen hat er Mauthners Die Sprache, eine Spinoza-Monographie, die Mauthner 1907 veröffentlichte, und mehrere seiner Romane. Seine Begeisterung ließ aber schnell nach. Schon im März 1907 notierte er: Kritik der Sprache ist zuletzt auch nur ein Gesellschaftsspiel. Es gibt nämlich kein Wort, das außerhalb der Sprache noch irgendwelchen Sinn ergäbe. Wer sich außerhalb der Sprache setzen möchte, findet keinen Stuhl mehr (SA Band V Aphorismen, Nr. 654). Im Januar 1908 hielt er Mauthner in einem Gedicht vor: Du bist kein schöpferischer Geist ( T 1907-08, Bl. 155, SA Band II Lyrik 1906-1914). Manche Parallelen, die Spitzer und seine Nachfolger gezogen haben, sind deshalb mit Vorsicht zu betrachten, zumal die genaue Datierung der Gedichte sie noch fragwürdiger macht (dazu Cureau, S. 578 ff.).
Mit Wörtern gespielt hatte Morgenstern lange vor der Begegnung mit Mauthners Werk, schon als Gymnasiast. In den frühen Galgenliedern war das Sprachspiel aber nur groteske Verzierung. In der zweiten Periode wurde es zum entscheidenden Anstoß und zum Kern mancher Gedichte. Oft steckt es schon in der Überschrift, etwa in Anto-logie, Der Sündfloh und Die wiederhergestellte Ruhe. Vor 1905 spielte Morgenstern mit dem Klang der Wörter, danach mit ihrer Bedeutung. Er nutzte die Doppeldeutigkeit der Sprache, und der geistreiche Witz verdrängte den Kalauer. Wo die Sprache bildlich spricht, nahm er sie beim Wort, so in Tertius gaudens, Die Probe und Der Glaube. So wuchs aus der Sprache eine eigene, unsinnige und phantastische Welt (dazu Spitzer und Walter). Scheinbare Etymologien lieferten den Stoff für witzige Fabeln wie Anto-logie oder Der Werwolf. In Naturspiel, Die drei Winkel und Im Reich der Interpunktionen verbindet sich die Wortgaukelei mit einem virtuosen Spiel aus Farben und Formen, in dem sich Morgensterns Vorliebe für Fotomontagen und optische Täuschungen zeigt.
Mauthner wollte zeigen, dass die menschliche Sprache als Werkzeug der Welterkenntnis nicht taugt. Morgenstern dachte dagegen über Macht und Ohnmacht des Wortes nach, über die Fähigkeit der Sprache, das Unwirkliche, das Virtuelle, das Unmögliche und das Sinnlose auszudrücken. "Heißen" und "sein" können dasselbe bedeuten. Manche Wörter wirken wie Etiketten auf leeren Fläschchen, vor allem solche für Beziehungsbegriffe. Sie übten auf Morgenstern eine eigene Faszination aus, wie Die Westküsten und Der Saal zeigen.
Anfang 1908 ließ die sprachphilosophische Richtung nach, und ein frischerer Ton kam in die Galgenpoesie. Morgenstern beschäftigte sich damals mit Volksmärchen, bearbeitete den Rübezahl von Musäus und schrieb Kindergedichte. In den fünf Teufelslegendchen übertrug er den schlichten, naiven Stil mittelalterlicher Holzschnitte in Verse. Das Motto der ersten Galgenliedersammlung, Dem Kinde im Manne, bekam neues Gewicht.
Dritte Schaffensperiode (August 1908 bis Anfang 1914)
Die beiden großen Ereignisse dieser Periode, die Begegnung mit Margareta Gosebruch im August 1908 und bald darauf mit Rudolf Steiner, veränderten die Galgenpoesie in ihrer Substanz. Einige Gedichte tragen unmittelbar die Spur der Liebe, so Scholastikerproblem II, Die zwei Parallelen und vielleicht Historische Bildung. Das Eheleben brachte neue Motive in die humoristische Lyrik: Möbel und Kleider, das Klavier, denn Margareta Morgenstern spielte gut Klavier, und schließlich das Dienstmädchen.
Die Begegnung mit Margareta wirkte aber noch tiefer. Die Entdeckung der Frau und der Liebe beschleunigte den Zusammenbruch der monistischen Weltanschauung, zu der Morgenstern in den Jahren zuvor gelangt war, und führte ihn zu einer dualistischen Sicht. Vielleicht ist das Zwillingspaar Palmström und v. Korf eine burleske Verkörperung dieser neuen Einsicht.
Rudolf Steiner bot dem Dichter eine optimistische Lehre, die auf dem Glauben an Reinkarnation und Karma beruht, das selbstgeschaffene Schicksal. Sie durchdrang Morgensterns ganzes Werk, die ernste Lyrik ebenso wie die humoristische. Die Reinkarnationslehre schimmert allerdings nur in wenigen Gedichten durch, etwa in Palmström wünscht sich manchmal, Denkmalswunsch und Das Einhorn. Entscheidend ist die geistige Atmosphäre, die Palmström und v. Korf umgibt. Am 27. Januar 1912 schrieb Morgenstern über Palmströms Persönlichkeit:
Deren Wert aber liegt fast gar nicht, wie manche annehmen, in irgendeinem "Typischen", sondern fast ganz nur in der Art von Geistigkeit, die sich in ihr zu offenbaren strebt, und die vor allem von jenem stumpfen Ernst befreien zu können scheint, von jenem Zustande des "Ganzdrinnenseins" in der Welt der Erscheinung, die den Menschen von heute in so hohem Maße gefangen und geknebelt hält (Briefe. Auswahl (1952), S. 426).
Steiner verdanken die Galgenlieder, was man ihre vierte Dimension nennen könnte. Palmström und v. Korf sind Geister und wetteifern miteinander in ihrer Unkörperlichkeit. Palmström ist unverwundbar (Die unmögliche Tatsache) und wechselt nach Belieben seine leibliche Hülle (Im Tierkostüm). Korf entgeht der Schwere der Körper (Die Waage) und kann sich unsichtbar machen (Korf geht mitten durch die Wachen). Diese geistige Dimension gipfelt in den Motiven des Schweigens und des Unsichtbaren, die um 1911 und 1912 in der verhaltenen kleinen Welt der Palma Kunkel gediehen.
Morgensterns Nähe zu Steiner konnte auch verhüllt polemisch werden. Mehrere Galgenlieder verspotten materialistische Philosophen des 19. Jahrhunderts, die das Leben auf rein physikalisch-chemische Vorgänge zurückführten. Erst von hier aus erschließt sich wohl der verborgene Sinn von Der durchgesetzte Baum und Das Butterbrotpapier.
Die Anthroposophie lenkte Morgensterns Blick verstärkt auf die Gegenwart, weil nach ihrer Lehre das Handeln auf der Erde die späteren Wiedergeburten bestimmt. Die wilhelminische Zeit zeigte ihm dabei mehr Schatten als Licht, und das Nachdenken darüber führte zu scharfer Kritik. Als reine Geister stehen Palmström und v. Korf gegen die Materie, als freie Geister gegen die wilhelminische Gesellschaft, deren Servilismus und Grobheit Morgenstern schon 1905 angeprangert hatte (an Maximilian Harden, 28. Oktober 1905). Er verspottete den Bildungsphilister, den obrigkeitshörigen Bürger und vor allem die Bürokratie, am treffendsten in Die Behörde. Hinzu kam beißende Satire auf die Kriegspolitik Wilhelms II., am grimmigsten in Die Schwestern, wo Morgenstern das widernatürliche Bündnis von Glocke und Kanone anprangert. Die Galgenpoesie wurde zur Tribüne, auf der er pazifistische Reden hielt, die moderne Wissenschaft in Frage stellte und, der modernen Ökologie vorgreifend, vor den Gefahren von Maschinenwesen und Technik warnte, etwa in Zukunftssorgen.
Seine Spiellust verlor Morgenstern darüber nicht. Die anthroposophische Haltung gab ihm die innere Freiheit, sich ganz dem Spiel zu überlassen. In keiner Sammlung ist der homo ludens so gegenwärtig wie im Palmström. Ihr Reiz liegt in einer eigenartigen Mischung aus Geistigkeit und Kindlichkeit. Palmström und v. Korf sind geistige Wesen und zugleich große Kinder mit grenzenloser Phantasie. Sie tun auf der Erde nichts anderes als erfinden, und Erfinden und Spielen fallen bei ihnen zusammen, weil ihre Erfindungen zwecklos oder ihre Mittel illusorisch sind. Ihre Erfindungen bestehen nur durch die Gnade des Wortes.
Das Sprachspiel ist in der dritten Periode so wichtig wie in der zweiten, und die Verfahren bleiben ähnlich. Wörter und Redensarten werden aus ihrem gewohnten Zusammenhang gelöst, übertragen oder abstrakt Gemeintes wird wörtlich und konkret genommen. Den verborgenen Widersinn bildlicher Wendungen wie "Fersengeld geben" oder "die Flinte ins Korn werfen" deckt Morgenstern auf und nutzt ihn spaßhaft aus (LebensLauf, Die weggeworfene Flinte). Manchmal spinnt er einen Wortwitz über mehrere Gedichte weiter. So entstand die Folge Die Elster, Anfrage, Antwort i. A. und Entwurf zu einem Trauerspiel.
Neu ist in der letzten Periode vor allem die betont ästhetische Ausrichtung. Morgenstern verwendet Verfahren, die ihn in die Nähe der französischen Symbolisten und ihrer deutschen Nachfolger rücken. Die Synästhesie, ein häufiges Mittel der Symbolisten, liefert den Stoff zu Die Geruchsorgel und Der Aromat. Moderne Kunstformen werden travestiert (Bildhauerisches), die Auswüchse der gegenstandslosen Malerei verspottet (Bilder) und die "geistige" Kunst, von der Stefan George träumte, ironisiert (L'art pour l'art, Der Ästhet).
Bei mehreren Gedichten liegt der Reiz weniger in der Parodie als in der Kunstfertigkeit. Morgenstern zaubert musikalische Arabesken (Korfs Verzauberung) und setzt den Rhythmus ein, um Handlungen (Der Rock, Das Butterbrotpapier) oder ganze Pantomimen (Kurhauskonzertbierterrassenereignis) in Szene zu setzen. Als Musterbeispiel kann Die Priesterin gelten, nach Morgensterns Angabe eine Übersetzung aus dem Chinesischen ( T 1910-I, Bl. 17). In dieser Form- und Klangvirtuosität sehen Kommentatoren wie Alfred Liede die eigentliche Bedeutung der Galgenlieder.
Morgenstern war sich bewusst, dass seine humoristischen Gedichte literarisch reifer wurden. Seine anfängliche naive Künstlerjugendlaune sei nach und nach reifer, bewußter und [...] literaturfähiger geworden ( T 1911-12, Bl. 158 und T 1911-12, Bl. 140). Im Winter 1912/13 notierte er über die Galgenlieder: Mit der Zeit aber wuchs ihr Leserkreis, ihre Anzahl, ihr künstlerischer Ernst ( T 1912-13-II, Bl. 20).