Der einsame Turm: Unterschied zwischen den Versionen
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Wer laut von diesem längst verlassnen Turm | Wer laut von diesem längst verlassnen Turm | ||
der Tannen Ringwald überrufen wollte, | der Tannen Ringwald überrufen wollte, | ||
und trüge, was er riefe, stärkster Sturm, | und trüge, was er riefe, stärkster Sturm, | ||
er ahnte, daß es nie ein Ziel errollte. | er ahnte, daß es nie ein Ziel errollte. | ||
5 So einsam steigt der alte Bau empor; | {{Zeile|5}} So einsam steigt der alte Bau empor; | ||
er fühlte Fürsten einst auf seinen Stufen, | er fühlte Fürsten einst auf seinen Stufen, | ||
bis, dunkler Taten schauerlich verrufen, | bis, dunkler Taten schauerlich verrufen, | ||
sein stiller Reiz der Menschen Gunst verlor. | sein stiller Reiz der Menschen Gunst verlor. | ||
Nur daß von Jägern sich zuweilen wer | {{Zeile|10}} Nur daß von Jägern sich zuweilen wer | ||
vorbei verirrt, von wanderfrohen Seele, | |||
von Bettelpack, und wer die Kreuz und Quer | von Bettelpack, und wer die Kreuz und Quer | ||
den Forst durchschleicht, sich Holz undWild zu stehlen: | den Forst durchschleicht, sich Holz undWild zu stehlen: | ||
nur daß an seinem Fuß zuweilen sich, | nur daß an seinem Fuß zuweilen sich, | ||
wie heut, Zigeunervolk sein Reisig schichtet | {{Zeile|15}} wie heut, Zigeunervolk sein Reisig schichtet | ||
und mit der Bogen wehmutwildem Strich | |||
sein Weltweh in den fremden Frieden dichtet. | sein Weltweh in den fremden Frieden dichtet. | ||
In allen Kronen hängt noch goldner Glanz... | In allen Kronen hängt noch goldner Glanz... | ||
Die Sonne säumt noch, ihren Tag zu enden... | Die Sonne säumt noch, ihren Tag zu enden... | ||
Der Söllerblöcke halb zerfallnen Kranz | {{Zeile|20}} Der Söllerblöcke halb zerfallnen Kranz | ||
umlodert noch ihr scheidendes Verschwenden... | umlodert noch ihr scheidendes Verschwenden... | ||
Und aus dem Purpur schwillt es wie ein Born, | Und aus dem Purpur schwillt es wie ein Born, | ||
ein Strom von Tönen -: Abends erst Erschauern | ein Strom von Tönen -: Abends erst Erschauern | ||
erregt des Turms uraltes Äolshorn, | erregt des Turms uraltes Äolshorn, | ||
der Sonne nachzujauchzen, nachzutrauern. | {{Zeile|25}} der Sonne nachzujauchzen, nachzutrauern. | ||
Die Heimatlosen drunten horchen auf-. | Die Heimatlosen drunten horchen auf-. | ||
Und einer nimmt die Geige von den Knien | Und einer nimmt die Geige von den Knien | ||
und strebt mit manchem jähen Sprung und Lauf | und strebt mit manchem jähen Sprung und Lauf | ||
des Winds Gesang phantastisch zu durchziehen... | des Winds Gesang phantastisch zu durchziehen... | ||
Und wie so Wind und Seele sich verweben, | {{Zeile|30}} Und wie so Wind und Seele sich verweben, | ||
erwachen mehr und mehr der treuen Geigen... | erwachen mehr und mehr der treuen Geigen... | ||
Ein aller Leidenschaften schluchzend Leben | Ein aller Leidenschaften schluchzend Leben | ||
erstürmt des Himmels immer tiefres Schweigen. | erstürmt des Himmels immer tiefres Schweigen. | ||
Gefangen folgt zuletzt die ganze Schar | Gefangen folgt zuletzt die ganze Schar | ||
der Windposaune wunderlichen Launen... | {{Zeile|35}} der Windposaune wunderlichen Launen... | ||
Nun rast es tollkühn, unberechenbar... | Nun rast es tollkühn, unberechenbar... | ||
Nun stockt es wie in fragendem Erstaunen... | Nun stockt es wie in fragendem Erstaunen... | ||
Oh Sonne! Sonne! Mutter! Mutter! flehen, | Oh Sonne! Sonne! Mutter! Mutter! flehen, | ||
verzweifeln, weinen, drohen all die Stimmen | verzweifeln, weinen, drohen all die Stimmen | ||
und dröhn undflehn in immer bangren Wehen, | {{Zeile|40}} und dröhn undflehn in immer bangren Wehen, | ||
je mehr des Tages Brände rings verglimmen. | je mehr des Tages Brände rings verglimmen. | ||
Doch droben - seht ihr? die Zigeunerin! | Doch droben - seht ihr? die Zigeunerin! | ||
Entstahl sie sich dem Kreis der braunen Söhne? | Entstahl sie sich dem Kreis der braunen Söhne? | ||
Wo kam sie her, das Weib? Wie kam sie hin? | Wo kam sie her, das Weib? Wie kam sie hin? | ||
Wie wächst sie hoch in schattenhafter Schöne! | {{Zeile|45}} Wie wächst sie hoch in schattenhafter Schöne! | ||
Und hört ihr - hört! wie ihre Lippen singen - | Und hört ihr - hört! wie ihre Lippen singen - | ||
ein Lied, das endlich alles überwindet, | ein Lied, das endlich alles überwindet, | ||
in sich die andren Stimmen alle bindet, | in sich die andren Stimmen alle bindet, | ||
damit Natur und Menschheit sie umklingen. | damit Natur und Menschheit sie umklingen. | ||
Es ist das tiefe Lied der Einsamkeit, | {{Zeile|50}} Es ist das tiefe Lied der Einsamkeit, | ||
das Königslied der großen Ungekrönten, | |||
das Klagelied der würdelosen Zeit, | das Klagelied der würdelosen Zeit, | ||
das Trutzlied aller nur mit sich Versöhnten, | das Trutzlied aller nur mit sich Versöhnten, | ||
und ist der Weisheit gütiger Gesang, | und ist der Weisheit gütiger Gesang, | ||
des Willens jugendewiges "Es werde!", | {{Zeile|55}} des Willens jugendewiges "Es werde!", | ||
der Liebe Durst und Pein und Überschwang, | |||
es ist das Schicksals-Hohelied der Erde. | es ist das Schicksals-Hohelied der Erde. | ||
Der Wald ward still. Kein Hauch im Wipfelschweigen. | Der Wald ward still. Kein Hauch im Wipfelschweigen. | ||
Der Sterne Chor bewegt sich klar herauf... | Der Sterne Chor bewegt sich klar herauf... | ||
Und schlanke Leiber, edle Häupter zeigen | {{Zeile|60}} Und schlanke Leiber, edle Häupter zeigen | ||
sich hoch vom Turme seinem ernsten Lauf... | |||
Die überall Verstoßenen, sie wohnen | Die überall Verstoßenen, sie wohnen | ||
in der Unendlichkeit azurnem Zelt -: | in der Unendlichkeit azurnem Zelt -: | ||
Um ihre Stirnen brennen bleiche Kronen, | Um ihre Stirnen brennen bleiche Kronen, | ||
und ihre Seelen sind der Sinn der Welt | und ihre Seelen sind der Sinn der Welt | ||
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Aktuelle Version vom 6. April 2026, 01:20 Uhr
Wer laut von diesem längst verlassnen Turm
der Tannen Ringwald überrufen wollte,
und trüge, was er riefe, stärkster Sturm,
er ahnte, daß es nie ein Ziel errollte.
5 So einsam steigt der alte Bau empor;
er fühlte Fürsten einst auf seinen Stufen,
bis, dunkler Taten schauerlich verrufen,
sein stiller Reiz der Menschen Gunst verlor.
10 Nur daß von Jägern sich zuweilen wer
vorbei verirrt, von wanderfrohen Seele,
von Bettelpack, und wer die Kreuz und Quer
den Forst durchschleicht, sich Holz undWild zu stehlen:
nur daß an seinem Fuß zuweilen sich,
15 wie heut, Zigeunervolk sein Reisig schichtet
und mit der Bogen wehmutwildem Strich
sein Weltweh in den fremden Frieden dichtet.
In allen Kronen hängt noch goldner Glanz...
Die Sonne säumt noch, ihren Tag zu enden...
20 Der Söllerblöcke halb zerfallnen Kranz
umlodert noch ihr scheidendes Verschwenden...
Und aus dem Purpur schwillt es wie ein Born,
ein Strom von Tönen -: Abends erst Erschauern
erregt des Turms uraltes Äolshorn,
25 der Sonne nachzujauchzen, nachzutrauern.
Die Heimatlosen drunten horchen auf-.
Und einer nimmt die Geige von den Knien
und strebt mit manchem jähen Sprung und Lauf
des Winds Gesang phantastisch zu durchziehen...
30 Und wie so Wind und Seele sich verweben,
erwachen mehr und mehr der treuen Geigen...
Ein aller Leidenschaften schluchzend Leben
erstürmt des Himmels immer tiefres Schweigen.
Gefangen folgt zuletzt die ganze Schar
35 der Windposaune wunderlichen Launen...
Nun rast es tollkühn, unberechenbar...
Nun stockt es wie in fragendem Erstaunen...
Oh Sonne! Sonne! Mutter! Mutter! flehen,
verzweifeln, weinen, drohen all die Stimmen
40 und dröhn undflehn in immer bangren Wehen,
je mehr des Tages Brände rings verglimmen.
Doch droben - seht ihr? die Zigeunerin!
Entstahl sie sich dem Kreis der braunen Söhne?
Wo kam sie her, das Weib? Wie kam sie hin?
45 Wie wächst sie hoch in schattenhafter Schöne!
Und hört ihr - hört! wie ihre Lippen singen -
ein Lied, das endlich alles überwindet,
in sich die andren Stimmen alle bindet,
damit Natur und Menschheit sie umklingen.
50 Es ist das tiefe Lied der Einsamkeit,
das Königslied der großen Ungekrönten,
das Klagelied der würdelosen Zeit,
das Trutzlied aller nur mit sich Versöhnten,
und ist der Weisheit gütiger Gesang,
55 des Willens jugendewiges "Es werde!",
der Liebe Durst und Pein und Überschwang,
es ist das Schicksals-Hohelied der Erde.
Der Wald ward still. Kein Hauch im Wipfelschweigen.
Der Sterne Chor bewegt sich klar herauf...
60 Und schlanke Leiber, edle Häupter zeigen
sich hoch vom Turme seinem ernsten Lauf...
Die überall Verstoßenen, sie wohnen
in der Unendlichkeit azurnem Zelt -:
Um ihre Stirnen brennen bleiche Kronen,
und ihre Seelen sind der Sinn der Welt
| Werkgruppe | Lyrik |
| Werkbereich | Auf vielen Wegen |
| Zyklus | Gedichte vermischten Inhalts |
| Zyklusnummer | – |
| Titel | Der einsame Turm |
| Textanfang | Wer laut von diesem längst verlassnen Turm |
| Zitiert aus | SA Band I Lyrik 1887-1905, S. 166, 167, 168 |
| Kommentar aus | SA Band I Lyrik 1887-1905, S. 828, 829 |
| Überlieferung | Drei Einzelblätter, handschriftlich, im Nachlaß |
| Datierung | – |
| Erstdruck | Auf vielen Wegen (1897) S. 92f, Auf vielen Wegen (1911) S. 43 |
| Gemeinfrei | ja |
| Rezeptionen: künstlerisch | – |
| Rezeptionen: wissenschaftlich | – |
| Rezeptionen: Buchausgaben | – |
| Rezeptionen: weiteres | – |
| Kommentar | – |
| Volltexterfassung | siehe Unterseite |
| ID | LYR-SA-01-03-0052 |