Der Zwi
Er war ein wunderlicher Tropf.
Er hatte außer seinem Kopf
noch einen zweiten Kopf, am Knie,
weshalb man ihn auch hieß: den Zwi.
5Was Essen, Trinken, Liebe, Schlaf,
kurz, das Gewöhnliche betraf,
vertrug das Paar sich höchst bequem
nach alphabetischem System.
Mehr wert indessen war, wie es
10des Denkens göttlichen Prozeß
zum allgemeinen Wohl der Welt
in der Erkenntnis Dienst gestellt.
Es gab sich nämlich klar und schlicht
von jeder Impression Bericht,
15die es - und zwar vom selben Ding -
im respektiven Hirn empfing.
Z. B. las das Schädelpaar
ein Buch (im Doppelexemplar),
so fand sofort nach jedem Blatt
20ein Dialog (nach Platon) statt.
Ein andermal geht unser Held
mit zwei Bananen über Feld,
bis er auf einem Meilenstein
hinsitzt mit überschlagnem Bein.
25Er ißt, und kaum er ausgespeist,
interpretiert zweimal sein Geist
den Hunger, der so süß gestillt,
verdoppelnd des Genusses Bild.
Unglaublich und absonderlich!
30Ein Körper, denkt euch, und zwei Ich!
Ein Mensch, der selbst sich duzt, ein Mann,
der Aug' in Aug' sich sitzen kann!!
| Werkgruppe | Humoristische Lyrik |
| Werkbereich | Nachlese zur Galgenpoesie - Galgenlieder nebst anderem |
| Zyklus | – |
| Zyklusnummer | – |
| Titel | Der Zwi |
| Textanfang | Er war ein wunderlicher Tropf |
| Zitiert aus | SA Band III Humoristische Lyrik, S. 200-201 |
| Kommentar aus | SA Band III Humoristische Lyrik, S. 738-739 |
| Überlieferung | – |
| Datierung | Der SA-Kommentar schreibt: Am 25. Februar 1906 sendet CM das Gedicht an den Verlag Cassirer mit vier anderen Galgenliedern. |
| Druck | Palma Kunkel (1916), S. 59 f. |
| Gemeinfrei | ja |
| Volltext | siehe Unterseite |
| ID | HUM-SA-03-07-0072 |