Der Esel des Buridan oder Die zwei Heubündel
Des Buridanus Eselstute
kennt jeder Böse, jeder Gute.
Und jeder, Mann wie Mädchen, weiß,
daß sie, vom Wirbel bis zum Steiß
5verhungert ist, weil kurzerhand
sie sich nicht hat entschließen können,
von den beiden Bündeln Heu,
in deren Mitte sie sich fand,
das eine sich zur Speis
10zu gönnen vorzugsweis,
nicht ganz unähnlich noch am Abend
da stand nichts als gependelt habend,
was sie noch in der Nacht fortsetzte
und weiter, bis, wie ich schon sprach,
15sie tot in sich zusammenbrach.
Dies, wie gesagt, ist völlig klar,
man weiß, wer dieser Esel war
und wie er, trotz des Heus, das sich
ihm anbot, gleichsam doch verblich.
20Besagter Esel also, denn,
wird, wo er blieb, gewußt, va ben.
[Er] ist, so sahen wir, verreckt
und sei darum mit Schweigen bedeckt.
Das Heu jedoch, das Heu jedoch,
25was, Freunde, dünkt euch des Heus?
Das Heu ist nicht verreckt, beim Zeus,
und viele Esel gibt es noch.
Das Heu liegt heut wie ehedem,
liegt links, liegt rechts und höchst bequem
30für jeden, der ungleich dem Obigen
als schlichter Esel zu belobigen.
Fürwahr es gibt nicht viele Gaben,
die also kostenlos zu haben.
Auf, Eselschaft, drum ohne Scheu
35zieht aus, zieht aus nach jenem Heu!
[...]
| Werkgruppe | Humoristische Lyrik |
| Werkbereich | Nachlese zur Galgenpoesie - Galgenlieder nebst anderem |
| Zyklus | – |
| Zyklusnummer | – |
| Titel | Der Esel des Buridan oder Die zwei Heubündel |
| Textanfang | Des Buridanus Eselstute |
| Zitiert aus | SA Band III Humoristische Lyrik, S. 193-194 |
| Kommentar aus | SA Band III Humoristische Lyrik, S. 734-735 |
| Überlieferung | T 1906, Bl. 152 f. |
| Datierung | Der SA-Kommentar schreibt: Datierbar vermutlich Januar oder Februar 1906. |
| Druck | SA Band III Humoristische Lyrik, S. 193-194 |
| Gemeinfrei | ja |
| Volltext | siehe Unterseite |
| ID | HUM-SA-03-07-0064 |