Einleitung zum Kommentarteil des Bandes Humoristische Lyrik

Aus CMO

Der Kommentarteil von Band III der Stuttgarter Ausgabe beginnt mit einer Einleitung von Maurice Cureau, dem Bearbeiter des Bandes (Brest, Juni 1989). Sie ordnet die humoristische Lyrik in das Gesamtwerk ein, zeichnet ihre Wirkungsgeschichte nach und legt offen, nach welchen Grundsätzen der Band eingerichtet wurde. Die folgende Darstellung fasst sie zusammen. Sie folgt Cureaus Gedankengang und übernimmt seine Angaben. Der Wortlaut ist eigenständig und wurde mit Hilfe von KI erstellt. Wer Cureaus Text selbst braucht, findet ihn in SA Band III Humoristische Lyrik ab S. 536 - 543.


Die beiden Zweige des Werks

In der Nacht vor seinem Tod sprach Morgenstern in Meran aus ruhigem Schlummer heraus, langsam und bestimmt: Der Husten ist vierdimensional — Die Heilung kann nur aus dem Geiste kommen. (überliefert bei Michael Bauer, Christian Morgenstern, Ausgabe 1985, S. 576) Ein Scherz und ein Bekenntnis in einem Atemzug. Der Humorist und der Mystiker lassen sich bei Morgenstern nicht trennen. Mich selber habe ich stets als zwei gefaßt, notierte er im Tagebuch (T 1908 III, Bl. 55). Dieser Doppelnatur entsprechen die beiden Zweige seines Werks: die reine Lyrik, die die Bände I und II der Ausgabe zusammenfassen, und die humoristische Lyrik, die seinen Ruhm begründet hat.

Was der Band enthält

Den Kern bilden die Galgenlieder und die Palmströmgedichte. Daneben stehen Dichtungen, die zur heiteren Seite des Werks gehören, ohne im engeren Sinn humoristisch zu sein: die ersten ulkigen Verse des Pennälers, Horatius travestitus, die Vorreden und Anmerkungen, in denen der Dichter die eigenen Galgenlieder glossiert, gereimte Parodien auf zeitgenössische Autoren und die Kindergedichte. Auch der Ironiker, der Parodist und gelegentlich der Satiriker kommen zu Wort.

Was den Band zusammenhält, steht in der Widmung, die Morgenstern den eigentlichen Galgenliedern voranstellte: Dem Kinde im Manne. „Im ächten Manne ist ein Kind versteckt: das will spielen." Nietzsche. Fast alle Texte sind Werke des homo ludens, Spiele eines burschikosen Formvirtuosen. Nur die Kindergedichte stehen etwas abseits, obwohl sie in der Form und in manchen Motiven zu den übrigen Humoresken gehören. Verwandt sind sie vor allem mit In Phantas Schloss, dem halb humoristischen, halb ernsten Erstlingswerk. Es hätte zur Hälfte hierher gehört, steht wegen seiner Zwitternatur aber in der Abteilung Lyrik 1887-1905.

Der Erfolg zu Lebzeiten

Als Morgenstern 1914 starb, lag sein lyrisches Werk in dreizehn dünnen Bändchen vor. Nur vier davon enthielten humoristische Lyrik. Eines davon, Horatius travestitus, ging auf die Zusammenarbeit mit dem Studiengenossen Fritz Münster zurück, ein weiteres, das Osterbuch, wandte sich an Kinder. Im vollen Sinn humoristisch waren damit nur die Galgenlieder und Palmström.

Dieser kleine Teil bestimmte das Bild des Dichters. Die Nachrufe nannten ihn den fast populär gewordenen Dichter der Galgenlieder (Rigasche Rundschau, 2.4.1914). Die Auflagen zeigen dasselbe. Horatius travestitus erschien im Februar 1897 bei Schuster und Loeffler, wurde vier Monate darauf neu aufgelegt und kam vierzehn Jahre später mit einem Anhang bei Piper heraus. Die Galgenlieder erreichten 1914 die 13. Auflage, Palmström die 7. und die 8.

Die ernsten Sammlungen blieben weit zurück. Als Morgenstern 1909 ein Honorar für Melancholie forderte, rechnete ihm Enno Quehl für den Verlag Cassirer vor, dass von der dritten und vierten Auflage der Galgenlieder seit Juli 1908 achthundert Exemplare abgesetzt worden seien, von der Melancholie dagegen insgesamt 151. Die Druckkosten waren damit nicht gedeckt, eine Verrechnung kam nicht in Betracht (Brief vom 27.7.1909). Als der Dichter 1910 die Sammlungen Einkehr und Ich und Du anbot, teilte Piper mit, man sei nicht abgeneigt, einer Übernahme näherzutreten. Die Formel hat der Verleger später in seinen Erinnerungen bedauert und mit Morgensterns damals erst beginnender Bekanntheit erklärt (R. Piper: Vormittag. Erinnerungen eines Verlegers. München 1947, S. 423).

Von den ernsten Sammlungen erlebte zu Lebzeiten nur eine eine zweite Ausgabe: Auf vielen Wegen (1911), eine verkürzte Fassung von Ich und die Welt und Auf vielen Wegen. Morgenstern erkaufte diesen zweiten Druck, indem er Piper das Recht auf eine Neuauflage der Horaztravestie einräumte. Er hat den Abstand selbst benannt:

Du mußt, mein lieber Freund, erst einmal Narr werden, erst einmal machen, daß die Mienen starr werden, dann wird man sich vielleicht bequemen, auch was du Ernstes schreibst, zur Hand zu nehmen.
(Abteilung Lyrik 1906-1914)

Seinen Erfolg verdankte er den Humoresken, die er für Beiwerkchen und Nebensachen hielt (T 1911/12, Bl. 149).

Der Nachlass und die Ausgaben der Witwe

Nach dem Tod des Dichters wuchs der Erfolg weiter. 1919 erreichten die Galgenlieder die 49. Auflage, Palmström bei Cassirer die 31. 1929 meldete der Verleger der Witwe das hunderttausendste Exemplar der Galgenlieder (Brief vom 7.5.1929).

Margareta Morgenstern begann, den Nachlass auszuwerten. Es erschienen zwei neue humoristische Sammlungen, Palma Kunkel (1916) und Der Gingganz (1919), die 1932 mit den beiden älteren zu Alle Galgenlieder vereinigt wurden. Aus den Tagebüchern kamen Aphorismen (Stufen, 1918), Epigramme und Sprüche (1919) und bis dahin ungedruckte ernste Gedichte (Mensch Wanderer, 1927). Aus dem Bestand der Parodien in Versen und in Prosa entstanden drei Bände: Die Schallmühle (1928), Böhmischer Jahrmarkt (1938) und Egon und Emilie (1950). Die Kindergedichte wuchsen um fünf Titel: Klein Irmchen (1921), Klaus Burrmann, der Tierweltphotograph (1941), Liebe Sonne, liebe Erde (1945), Ostermärchen (1945) und Sausebrand und Mausbarbier (1951). Liebe Sonne, liebe Erde und Sausebrand und Mausbarbier brachten nichts Neues, sie schöpften großenteils aus Klein Irmchen.

1921 griff die Witwe einen Plan des Dichters von 1908 auf und veröffentlichte unter dem Titel Über die Galgenlieder die Glossen Jeremias und Erica Muellers, ergänzt um Tagebuchauszüge und Briefentwürfe. 1941 folgte Das aufgeklärte Mondschaf, das die Briefentwürfe durch Vor-, Zwischen- und Nachreden ersetzte, den Hauptbestand der Anmerkungen aber fast unverändert übernahm.

Diese Arbeit hat dem Werk geschadet. Margareta Morgenstern hat mit großer Energie für die Verbreitung gekämpft, es fehlten ihr aber Methode und editorische Erfahrung. Alfred Liede spricht von Spielereien mit dem Nachlass und von Unfug, der mit den Ausgaben getrieben werde (S. 273 f.). Das Gesamtwerk, wie es lange vorlag, ist zu einem großen Teil ihre Konstruktion. Der humoristische Teil hat unter dem Vermehren und Vermischen am stärksten gelitten.

Palma Kunkel und Der Gingganz tragen Titel, die Morgenstern für eigene Bücher vorgesehen hatte. Die Auswahl trafen jedoch Cassirer und Kayssler, später die Witwe allein. Von den 65 Gedichten in Palma Kunkel waren 13 schon gedruckt, sechs in den ersten beiden Ausgaben der Galgenlieder, drei in deren dritter Auflage und vier in Palmströmausgaben. Weitere Texte stammen aus den geplanten Sammlungen St. Expeditus, Palmström II und Die Oste. Die Entstehungszeit reicht von 1898 bis 1913, eine Einheit hat der Band nicht. Beim Gingganz war nur das Eingangsgedicht vorher gedruckt, entliehen aus der dritten Auflage der Galgenlieder. Mit dem, was Morgenstern unter diesem Titel plante, hat die Zusammenstellung wenig zu tun. Die Interpreten der humoristischen Lyrik haben sich jahrzehntelang an einem zur Hälfte nachgemachten Editionsbild orientiert.

Zur Textgestalt des Bandes III

  • Die von Margareta Morgenstern geschaffenen Sammlungen werden aufgelöst. Weder Palma Kunkel noch Der Gingganz noch die Auswahlbände wie Die Schallmühle oder Böhmischer Jahrmarkt erscheinen als eigene Einheiten.
  • Innerhalb der Textgruppen stehen nach Möglichkeit die Werke letzter Hand, also die von Morgenstern selbst zusammengestellten Sammlungen in der Form der letzten von ihm besorgten Auflage.
  • Eine Ausnahme bilden die Kindergedichte Klaus Burrmann, der Tierweltphotograph. Sie werden in der Gestalt von 1941 übernommen, weil die Auswahl den Absichten des Dichters entspricht und alle Gedichte aus dem Jahr 1908 stammen.
  • Die Anmerkungen werden von den Galgenliedern getrennt gedruckt. Morgenstern hatte sich 1908 in einem Brief an Cassirer davon ein Separatvergnügen versprochen.
  • Der Gingganz, St. Expeditus und Die Oste, die der Dichter 1906, 1908 und 1911 vergeblich anbot, werden nicht wiederhergestellt, weil ihr Bestand ganz oder teilweise in die späteren Auflagen der Galgenlieder und des Palmström eingegangen ist.

Schwierig war die Frage, ob Horatius travestitus in den Band gehört. Das Bändchen geht zum Teil auf Fritz Münster zurück. Schon bei der zweiten Auflage bat Morgenstern seinen Verleger, den Schwerpunkt nicht auf seinen Namen zu legen, sondern auf den Titel. 1907 nannte er das Werk eine Jugendsünde: Ich habe den Horaz niemals ernsthaft unter meine Bücher gerechnet. Die Idee stammt auch keineswegs von mir (Brief an Cassirer, undatiert, vermutlich 1907). Aufgenommen wird die Travestie samt Anhang, weil Morgenstern ihr 1911 sechs neue Oden aus dem fiktiven Nachlass des Horaz hinzudichtete.

Bei der Einteilung in Textgruppen stehen alle Texte der Galgenpoesie beieinander. Dazu zählen nicht nur die Gedichte der beiden Sammlungen Galgenlieder und Palmström, sondern auch die in den Tagebüchern überlieferten Texte der geplanten Bände St. Expeditus, Die Oste, Palma Kunkel und Palmström II. „Galgenlieder" wird im Folgenden als Sammelbegriff für diese Texte gebraucht. Ist die ursprüngliche Sammlung gemeint, wird das ausdrücklich gesagt.