Mädchentränen

Aus CMO

Die schönen, blauen Augen des Himmels
hängen voll trüber Nebelschleier,
und unter verstohlenen Schluchzern
strömen graue Güsse zur Erde nieder.
5Auf traurigen Häuptern tragen die Bäume
das schwere Tränenweh, die Bäche
hetzen verstört sich talwärts, mürrisch
vermummt sich der Berg in weißer Wolle.

Und das alles?
10Weil mit allzuglühender Lippe
der liebesrasende, ungestüme Sonnengott
des Morgenhimmels reine, kühle Mädchenunschuld
bestürmt und die tief errötende Geliebte
mit allzuversengenden Küssen
15in ihrer jungfraustillen Seele
fassungslos aufgewühlt.
Wie ein Krampf packte die Leidenschaft
den überwältigten Herzensfrieden...
Und all die verwirrten Gefühle
20lösten und schütteten sich aus
in einem großen Weinen.

Mählich verebben die Seufzer.
Versöhnlicher, weicher wird das Herz.
Und schon sehe ich wieder ein halbes Lächeln,
25ein warmes Winken
undämmbar aufdrängender Liebe
in den schönen, blauen Augen.

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Werkbereich
Titel Mädchentränen
Textanfang Die schönen, blauen Augen des Himmels
Zitiert aus
Kommentar Stuttgarter Ausgabe, Lyrik I, S. 771
Überlieferung T 1894/95, Bl. 13
Datierung vermutl. Winter 1894/95
Erstdruck In Phanta's Schloß (1895)
Gemeinfrei seit
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