Unter Spiegelbildern
Unter lauter Spiegelbildern
war ich diese Nacht im Traum.
(Laß die Phantasie nicht wildern,
halte sie vielmehr im Zaum!)
5Alles war daselbst vorhanden,
was Natur und Mensch gemacht,
selbst ein Löwe, der (in Banden)
einst vor ein Trumeau gebracht.
Doch nicht einmal nur war Tier und
10Mensch und andres hier, o Graun!
Eine Frau war hundertvierund-
fünfzigtausendmal zu schaun.
Auch ein Fräulein war zur Stelle,
ganz gehüllt in blondes Haar,
15die in eines Waldborns Welle
einst im Mond gestiegen war.
Leute sah man, die man nie sonst
so gesehn (und umgekehrt);
wer ein Vieh sonst, ein Genie sonst,
20hier erst sah man seinen Wert.
Hüt' dich drum, du sichres Siegel,
wer du seist und wo du seist;
sieh dich niemals in den Spiegel,
sonst verfällst du meinem Geist.
25Deines Spiegels dunkle Klarheit
hat dein Bild, du weißt nicht wie,
und dann seh ich deine Wahrheit;
denn die Spiegel lügen nie.
| Werkgruppe | Humoristische Lyrik |
| Werkbereich | Nachlese zur Galgenpoesie - Galgenlieder nebst anderem |
| Zyklus | – |
| Zyklusnummer | – |
| Titel | Unter Spiegelbildern |
| Textanfang | Unter lauter Spiegelbildern |
| Zitiert aus | SA Band III Humoristische Lyrik, S. 176-177 |
| Kommentar aus | SA Band III Humoristische Lyrik, S. 720-723 |
| Überlieferung | T 1905, Bl. 40 f. |
| Datierung | Der SA-Kommentar schreibt: Datierbar vermutlich zwischen Ende Oktober und Ende Dezember 1905. |
| Druck | Palma Kunkel (1916), S. 62 f. |
| Gemeinfrei | ja |
| Volltext | siehe Unterseite |
| ID | HUM-SA-03-07-0033 |