I Früchte der Bildung
Schränke öffnen sich allein,
Schränke klaffen auf und spein
Fräcke, Hosen aus und Kleider,
nebst den Attributen beider.
5Und sie wandeln in den Raum,
wie ein sonderbarer Traum,
wehen hin und her und schreiten
ganz wie zu benutzten Zeiten.
Auf den Sofas, auf den Truhn
10sieht man sitzen sie und ruhn,
auf den Sesseln, an den Tischen
am Kamin und in den Nischen.
Seltsam sind sie anzuschaun,
kopflos, handlos, Männer, Fraun;
15doch mit Recht verwundert jeden,
daß sie nicht ein Wörtlein reden.
Dieser Frack und jener Rock,
beide schweigen wie ein Stock,
lehnen ab, wie einst im Märchen,
20sich zu rufen Franz und Klärchen.
Ohne Mund entsteht kein Ton,
lernten sie als Kinder schon:
Und so reden Wams und Weste
lediglich in stummer Geste.
25Ein Uhr schlägt's, die Schränke schrein:
Kommt, und mög' euch Gott verzeihn!
Krachend fliegen zu die Flügel,
und - nur eins hängt nicht am Bügel!
| Werkgruppe | Humoristische Lyrik |
| Werkbereich | Palmström |
| Zyklus | Zeitgedichte |
| Zyklusnummer | Ein modernes Märchen |
| Titel | I Früchte der Bildung |
| Textanfang | Schränke öffnen sich allein |
| Zitiert aus | SA Band III Humoristische Lyrik, S. 145-146 |
| Kommentar aus | SA Band III Humoristische Lyrik, S. 697 |
| Überlieferung | T 1910-I, Bl. 124 f. und |
| Datierung | Der SA-Kommentar schreibt: vermutlich Februar 1910 entstanden. |
| Druck | Palmström (1912), S. 67 f. |
| Gemeinfrei | ja |
| Volltexterfassung | siehe Unterseite |
| ID | HUM-SA-03-05-0050 |