St. Expeditus
Einem Kloster, voll von Nonnen,
waren Menschen wohlgesonnen.
Und sie schickten, gute Christen,
ihm nach Rom die schönsten Kisten:
5Äpfel, Birnen, Kuchen, Socken,
eine Spieluhr, kleine Glocken,
Gartenwerkzeug, Schuhe, Schürzen...
Außen aber stand: Nicht stürzen!
Oder: Vorsicht! oder welche
10wiesen schwarzgemalte Kelche.
Und auf jeder Kiste stand
"Espedito", kurzerhand.
Unsre Nonnen, die nicht wußten,
wem sie dafür danken mußten,
15denn das Gut kam anonym,
dankten vorderhand nur Ihm,
rieten aber doch ohn' Ende
nach dem Sender solcher Spende.
Plötzlich rief die Schwester Pia
20eines Morgens: Santa mia!
Nicht von Juden, nicht von Christen
stammen diese Wunderkisten -
Expeditus, o Geschwister,
heißt er und ein Heiliger ist er!
25Und sie fielen auf die Kniee.
Und der Heilige sprach: Siehe!
Endlich habt ihr mich erkannt.
Und nun malt mich an die Wand!
Und sie ließen einen kommen,
30einen Maler, einen frommen.
Und es malte der Artiste
Expeditum mit der Kiste. -
Und der Kult gewann an Breite.
Jeder, der beschenkt ward, weihte
35kleine Tafeln ihm und Kerzen.
Kurz, er war in aller Herzen.
II
Da auf einmal, neunzehnhundert-
fünf, vernimmt die Welt verwundert,
daß die Kirche diesen Mann
fürder nicht mehr dulden kann.
5Grausam schallt von Rom es her:
Expeditus ist nicht mehr!
Und da seine lieben Nonnen
längst dem Erdental entronnen,
steht er da und sieht sich um -
10und die ganze Welt bleibt stumm.
Ich allein hier hoch im Norden
fühle mich von seinem Orden,
und mein Ketzergriffel schreibt:
Sanctus Expeditus - bleibt.
15Und weil jenes nichts mehr gilt,
male ich hier neu sein Bild: -
Expeditum, den Gesandten
grüß' ich hier, des Unbekannten.
Expeditum, ihn, den Heiligen,
20mit den Füßen, den viel eiligen,
mit den milden, weißen Haaren
und dem fröhlichen Gebaren,
mit den Augen braun, voll Güte,
und mit einer großen Düte,
25die den überraschten Kindern
strebt ihr spärlich Los zu lindern.
Einen güldnen Heiligenschein
geb' ich ihm noch obendrein,
den sein Lächeln um ihn breitet,
30wenn er durch die Lande schreitet.
Und um ihn in Engelswonnen
stell ich seine treuen Nonnen:
Mägdlein aus Italiens Auen,
himmlisch lieblich anzuschauen.
35Eine aber macht, fürwahr,
eine lange Nase gar.
Just ins "Bronzne Tor" hinein
spannt sie ihr klein Fingerlein:
Oben aber aus dem Himmel
40quillt der Heiligen Gewimmel,
und holdselig singt Maria:
Santo Espedito - sia!
| Werkgruppe | Humoristische Lyrik |
| Werkbereich | Palmström |
| Zyklus | Zeitgedichte |
| Zyklusnummer | – |
| Titel | St. Expeditus |
| Textanfang | Einem Kloster, voll von Nonnen |
| Zitiert aus | SA Band III Humoristische Lyrik, S. 142-143 |
| Kommentar aus | SA Band III Humoristische Lyrik, S. 694-696 |
| Überlieferung | T 1906, Bl. 86, Bl. 87, Bl. 88, Bl. 89, Bl. 90, Bl. 91 und Bl. 93 |
| Datierung | Der SA-Kommentar schreibt: Eintragung in N 1906, Bl. 55 (22. Februar 1906) und Erwähnung in Brief an Lutz Landshoff vom 22. Februar 1906, dass er das Gedicht gerade geschrieben habe |
| Druck | Palmström (1910), S. 50 ff. |
| Gemeinfrei | ja |
| Volltexterfassung | siehe Unterseite |
| ID | HUM-SA-03-05-0049 |