Memento vivere (εϊς εαυτόν)
Lieg nicht so lang auf dem Rücken,
fauler Gesell!
Trüb ist dein Aug’
wie das Auge des Tals,
5drüber die Regenspinne
schaukelnde Netze wob.
Träge qualmt
dein Gedanken-Schacht,
kein Vulkan!
10ein ärmlicher Schornstein nur.
Funken wolltest du regnen,
Geist, großer Versprecher,
und du, mein Herz,
wolltest sie malen
15blut-feuerrot,
daß sie, ein köstlich Spiel,
über den Landen ständen,
Augenfreude
nächtlichen Wandrern
20und ein Entsetzen
allem Stroh
in Scheunen und Hirnen.
Und nun schläfst du,
verschläfst dein Leben!
25Memento vivere!
Mögen andre
ihr Sein vergähnen,
du, der du auf einen Tag
Phantas strahlende Sonnenrosse
30über die Himmel zügeln darfst,
lieber ein Phaeton sei!
denn ein schläfriger Lenker,
der dem herrlichen Wagen
unfreiwillige Rast befiehlt.
35Dunkle Gefilde
harren dein,
tausend Augen
harren wie Spiegel,
daß deiner Seele
40sonnige Geisterwelt
ihnen als (reifes) Bild sich
entgegenwölbe.
Und du säumst
und du schläfst
45Auf! Entlade dich wieder,
schlummernde Wolke,
und mit feurigen Zungen predige
in den Schlaf der Erde hinab
deinen gewaltigen Weckruf:
50Memento vivere!
| Werkgruppe | Lyrik |
| Werkbereich | Nachlese zu In Phantas Schloß |
| Zyklus | – |
| Zyklusnummer | – |
| Titel | Memento vivere (εϊς εαυτόν) |
| Textanfang | Lieg nicht so lang |
| Zitiert aus | SA Band I Lyrik 1887-1905, S. 74, 75, 76 |
| Kommentar aus | SA Band I Lyrik 1887-1905, S. 782, 783 |
| Überlieferung | T 1894-I, Bl. 31f. |
| Datierung | vermutlich August 1894 |
| Erstdruck | SA Band I Lyrik 1887-1905 |
| Gemeinfrei | ja |
| Rezeptionen: künstlerisch | – |
| Rezeptionen: wissenschaftlich | – |
| Rezeptionen: Buchausgaben | – |
| Rezeptionen: weiteres | – |
| Kommentar | – |
| Volltexterfassung | siehe Unterseite |
| ID | LYR-SA-01-02-0011 |