Auf grauem Felsblock sitz’ ich oT: Unterschied zwischen den Versionen

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K Textersetzung - „Stuttgarter Ausgabe - Band I“ durch „SA Band I Lyrik 1887-1905“
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Version vom 23. Dezember 2025, 03:32 Uhr

Auf grauem Felsblock sitz’ ich schwermutstumm
und laß die Füße in den Abgrund hängen.
Durch enge Adern stockt das schwere Blut.
so daß mir war, als wollte mich die Tiefe
5im Wirbelsturm in ihren Trichter schlürfen.
Beklommen irrt mein Auge durch den Raum
und bleibt an einer fernen Wolke haften,
die immer ferner, immer ferner zieht,
bis sie zuletzt, am Horizont zerrinnend,
10als ob ein unsichtbarer Kamm sie strähle,
ihr Regenhaar zur Erde fallen läßt.
Oh Wolke - heut’ ein Gleichnis meines Geistes,
der müden Flugs dahin am Himmel streift,
um endlich seine Sehnsucht auszuweinen,
15sein banges Leid, das Tal und Dunkel sucht!
Laß mich die Stirn auf deine Kälte legen,
einsamer Fels!
Mein geistig Auge bohrt sich in dich ein.
Du sprichst zu mir. Ich schaue eine Grotte,
20auf deren Grund ein regungsloser Teich.
Mich selber seh an seiner Flut ich liegen,
und meine Lippe lockt mit leisen Liedern.
Da zittert rings in ahnungsvolle Kreise
der Spiegel auseinander - lautlos hebt
25sich eine scheu geschloßne Muschel aus
den Wassern - und ein feines Klingen weht
aus ihrem Innern und erfüllt die Höhle
wie mit bedrückend weichem Duft.
Und lauter flieht aus meiner Seelenharfe
30der Lieder Wohlklang, fließt hinüber
in jene I larmonien, als küßten sich
in süßem Wohllaut aufgelöste Seelen.

Sie öffnet sich, wie sich ein Mädchenmund
halb unbewußt zu fremdem Lächeln öffnet,
35so zag und langsam. Silberne Gewebe 35
erschimmern hell und tauchen über Bord.
Ein weißer Arm ergreift das Muscheldach
und biegt’s empor wie einen Baldachin.
Dann wieder rundet der gereckte sich
40und legt sich unter ein gelocktes Haupt,
daraus ein traurig träumend Augenpaar
den Klängen nachhängt, die wie tiefes Klagen
aus wunder, abgrunddunkler Seele ziehn.
Der Schwermut Weise weint von diesen Lippen.
45In Sängen, wie sie schlichtes Volk erfand,
von Lieb und Treu, Entsagen und Verlieren,
von seltner Lust und ewig treuer Qual -

Uralte Melodien, darein der Mensch
die Tragik seines Erdenwallens schloß.
50Ich strecke flehend fast die Hände aus -:
Oh könnt ich dich zu meinen Höhen tragen,
du Weib, das Chaos noch in seinem Herzen,
noch ungehobne Horte in sich trägt,
aus dessen Nacht ich Sonnen rufen wollte
55und dessen Winter ich zu neuen Lenzen
zu treiben mich getraute!
                                         Herrlich Weib,
Ich ring' um dich mit meiner großen Sehnsucht,
mit meiner Flammenhebe saug’ ich auf
60den See der Trauer, drauf du freudlos treibst.
Mit meinen Schöpferarmen faß ich dich
und flüchte dich nach seliger Gefilde,
nach meiner Inseln stillem, großem Glück.

Oh komm!
                  Ich bin emporgesprungen. Achtlos,
65als müßten mich die Wasser tragen, tret’ ich
auf ihren Rücken - plätschernd zuckt die Flut.
Ein Schauder läuft den ganzen See hindurch,
und lautlos sinkt hinunter in sein Grab
der stummen Fläche trauriges Geheimnis.
70Ihm nach! Nur ein Gedanke bannt das Hirn:
"Ihm nach!" Mit jedem Schritt umsteigt es mich,
schon kosen mir die Wellen um die Brust,
wollüstig-grausam kost ich den Moment,
bevor das Naß den Odem mir erstickt.
75Ein Schritt noch - und
                                    Oh Leben!
Ein Adler rauscht mit breitem Schwingenschlage
zu Häupten mir. Vom kalten Stein erhebe
den wirren Kopf ich. Hastig aber schließt
das Aug’ sich wieder: denn mein Körper hängt
80vom Rand halb abgeglitten ob dem Abgrund.
Vorsichtig zieh ich mich hinauf.
(Tiefatmend zog die dünne Luft ich ein.
In klarer Bläue wölbte sich der Äther.
Und meine kranke Seele trank Genesung
85sich aus den Brüsten der Unendlichkeit.)

Mir aber löst sich aus bewegter Brust
der Sang vom Königskind, das ich im Traum
geschaut und nicht erreicht -
sie blickt mich lauschend an, wie Feuer huscht
90es über ihrer Blicke starren Glanz.
Ergriffen beugt sie sich nach vorn und lauscht
und lauscht...


Lyrik | Nachlese zu In Phantas Schloß
"Phanta" und sein Publikum | Trösterin oT | Nächtliche Feier | Kosmogonie | Kosmogonie (Mondlose Sternennacht) | Heimatlos? | Auf grauem Felsblock sitz’ ich oT | In Adlers Krallen | Unnütz der Mann oT | Theomachie | Memento vivere (εϊς εαυτόν) | Und dann um Mitternacht oT | Am stillen Waldteich oT | Gestern Abend gab mir Phanta oT | An den Augen lasest du mir’s ab oT | Sternschnuppenfall | Johannisfeuer | Der Hexenkessel | Mit einem Mal, ich weiß nicht, wie’s gekommen oT | Venus Urania | Der Regenbogen | Wo Erd und Himmel oT | Mondaufgang I | Mondaufgang II | Mondaufgang III | Das rabenschwarze oT | Liebeslied an Phanta | Es lieben die Götter oT | Die nächtliche Fahrt | Oh Nacht, wie bist du tief oT | Die Sonne der Toten | Der Friedhof | Tragik alles Seins | Himmel, Erde und Meer… | Poseidon und Selene | Anadyomene | Nun weil’ ich bei dir schon manchen Tag oT | Allzulang auf Bergeszinnen oT

Epilog-Fragmente: Auf Höhen mußt’ ich steigen oT | Die Ferne ist es nicht oT | Ich versuche ein Höchstes oT | Die Strafe war hart oT | Strafe war hart für den Vorwitz oT | Willst du mich nun entzaubern oT | Endsegen Phantas
Epilog I | Epilog II | Ad Phantas Schloß
Zur Textgestalt der Stuttgarter Ausgabe | In Phantas Schloß - Eine Einführung


Werkgruppe Lyrik
Werkbereich Nachlese zu In Phantas Schloß
Zyklus
Zyklusnummer
Titel
Textanfang Auf grauem Felsblock sitz’ ich
Zitiert aus SA Band I Lyrik 1887-1905, S. 70, 71, 72, 73
Kommentar aus SA Band I Lyrik 1887-1905, S. 781, 782
Überlieferung T 18941, Bl. 36f.
Datierung vermutlich August 1894
Erstdruck SA Band I Lyrik 1887-1905
Gemeinfrei ja
Rezeptionen: künstlerisch
Rezeptionen: wissenschaftlich
Rezeptionen: Buchausgaben
Rezeptionen: weiteres
Kommentar
Volltexterfassung siehe Unterseite
ID LYR-SA-01-02-0007