Kosmogonie: Unterschied zwischen den Versionen
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Ewiges Firmament, | Ewiges Firmament, | ||
mit den feurigen Spielen | mit den feurigen Spielen | ||
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Du blauer Sammet! | {{Zeile|5}}Du blauer Sammet! | ||
Welch fleißige Göttin | Welch fleißige Göttin | ||
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Kreuzstichmustern verewigt? | Kreuzstichmustern verewigt? | ||
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lachen und funkeln | lachen und funkeln | ||
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Oft auch ist mir, | Oft auch ist mir, | ||
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kristallener Spiegel | kristallener Spiegel | ||
sei dieser Himmel, | sei dieser Himmel, | ||
und was wir staunend | {{Zeile|25}}und was wir staunend | ||
Gestirne nennen, | Gestirne nennen, | ||
das seien Millionen | das seien Millionen | ||
andächtiger Augen, | andächtiger Augen, | ||
die strahlend | die strahlend | ||
in seinem Dunkel sich spiegeln. | {{Zeile|30}}in seinem Dunkel sich spiegeln. | ||
Oder wölbt | Oder wölbt | ||
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feindlich sich über uns? | feindlich sich über uns? | ||
Von ungezählten Gedankenpfeilen | Von ungezählten Gedankenpfeilen | ||
durchbohrt, | {{Zeile|35}}durchbohrt, | ||
die von empörter Sehne | die von empörter Sehne | ||
der suchende Menschengeist | der suchende Menschengeist | ||
rings um sich gestreut: | rings um sich gestreut: | ||
Das Licht der Erkenntnis aber, | Das Licht der Erkenntnis aber, | ||
die Sonne der Freiheit, | {{Zeile|40}}die Sonne der Freiheit, | ||
quillt leuchtend | quillt leuchtend | ||
durch die zerschossenen Wände. | durch die zerschossenen Wände. | ||
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Nein, nein!... | Nein, nein!... | ||
Mit spottenden Augen | Mit spottenden Augen | ||
blinzt die Unendlichkeit | {{Zeile|45}}blinzt die Unendlichkeit | ||
auf den sterblichen Rätselrater ... | auf den sterblichen Rätselrater ... | ||
Und dennoch | Und dennoch | ||
rat’ ich das tiefe Geheimnis! | rat’ ich das tiefe Geheimnis! | ||
Denn bei Phanta | Denn bei Phanta | ||
ist nichts unmöglich. | {{Zeile|50}}ist nichts unmöglich. | ||
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In der leeren, dröhnenden Halle des Alls | In der leeren, dröhnenden Halle des Alls | ||
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mit schwarzen, schleppenden Fittichen | mit schwarzen, schleppenden Fittichen | ||
grollend dahin. | grollend dahin. | ||
So flügelschlug der düstere Dämon | {{Zeile|55}}So flügelschlug der düstere Dämon | ||
schon seit Äonen: | schon seit Äonen: | ||
An seiner Seele fraß das Nichts. | An seiner Seele fraß das Nichts. | ||
Umsonst griffen die Pranken | Umsonst griffen die Pranken | ||
seines wühlenden Schaffenswahnsinns | seines wühlenden Schaffenswahnsinns | ||
hinaus in die unsägliche Leere. | {{Zeile|60}}hinaus in die unsägliche Leere. | ||
Vom eigenen Leibe mußte er nehmen, | Vom eigenen Leibe mußte er nehmen, | ||
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Das hatte ihn jüngst quälend durchzuckt. | Das hatte ihn jüngst quälend durchzuckt. | ||
Und nun rang und rang er | Und nun rang und rang er | ||
gegen sich selber, der einsame Weltgeist, | {{Zeile|65}}gegen sich selber, der einsame Weltgeist, | ||
daß er sich selbst verstümmle. | daß er sich selbst verstümmle. | ||
Bis sein Wollen, ein Löwe, | Bis sein Wollen, ein Löwe, | ||
in seiner Seele aufstand | in seiner Seele aufstand | ||
und ihm die Hand ans Auge zwang, | und ihm die Hand ans Auge zwang, | ||
daß sie es ausriß mit rasendem Ruck. | {{Zeile|70}}daß sie es ausriß mit rasendem Ruck. | ||
Ströme Blutes schossen nach. | Ströme Blutes schossen nach. | ||
Der brüllende Gott aber krampfte | Der brüllende Gott aber krampfte | ||
in sinnloser Qual die Faust um das Auge, | in sinnloser Qual die Faust um das Auge, | ||
daß es zwischen den Fingern | daß es zwischen den Fingern | ||
perlend herausquoll. | {{Zeile|75}}perlend herausquoll. | ||
Den glänzenden Tropfenregen | Den glänzenden Tropfenregen | ||
rissen die fallenden Schleier des Bluts | rissen die fallenden Schleier des Bluts | ||
in wirrem Wirbeltanze | in wirrem Wirbeltanze | ||
hinab, hinaus in die eisigen Nächte | hinab, hinaus in die eisigen Nächte | ||
des unausgründlichen Raums. | {{Zeile|80}}des unausgründlichen Raums. | ||
Und die perlenbesäten blutigen Schleier | Und die perlenbesäten blutigen Schleier | ||
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schlangen erstickend sich | schlangen erstickend sich | ||
um des flüchtenden Gottes Haupt, | um des flüchtenden Gottes Haupt, | ||
zerrten ihn mit sich, | {{Zeile|85}}zerrten ihn mit sich, | ||
warfen ihn aus, | warfen ihn aus, | ||
ein regelloses, tobendes Chaos. | ein regelloses, tobendes Chaos. | ||
Tiefer noch zürnte der gramvolle Gott. | Tiefer noch zürnte der gramvolle Gott. | ||
Nicht Schöpfer und Herrscher, | Nicht Schöpfer und Herrscher, | ||
Spielball war er geworden, | {{Zeile|90}}Spielball war er geworden, | ||
weil er, vom Schmerz bewältigt, | weil er, vom Schmerz bewältigt, | ||
den heiligen Lebenstoff, | den heiligen Lebenstoff, | ||
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Äonen hindurch | Äonen hindurch | ||
trug er die Marter der glühenden Schleier, | {{Zeile|95}}trug er die Marter der glühenden Schleier, | ||
litt er in seiner eigenen Hölle. | litt er in seiner eigenen Hölle. | ||
Dann aber stand zum anderen Male | Dann aber stand zum anderen Male | ||
sein Wollen, ein Löwe, in seiner Seele auf. | sein Wollen, ein Löwe, | ||
Sieben Kreisläufe des Chaos | in seiner Seele auf. | ||
{{Zeile|100}}Sieben Kreisläufe des Chaos | |||
rang er und rang er noch, | rang er und rang er noch, | ||
und dann | und dann | ||
gab er den Arm dem Wollen frei. | gab er den Arm dem Wollen frei. | ||
Und er nahm sich auch noch | Und er nahm sich auch noch | ||
das andere Auge | {{Zeile|105}}das andere Auge | ||
aus dem unsterblichen Gotteshaupt | aus dem unsterblichen Gotteshaupt | ||
und warf die blutüberströmte, | und warf die blutüberströmte, | ||
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mitten hinein ins unendliche All. | mitten hinein ins unendliche All. | ||
Da stand sie, glühend, | {{Zeile|110}}Da stand sie, glühend, | ||
in unermeßlicher Purpurründung, | in unermeßlicher Purpurründung, | ||
und sammelte um sich | und sammelte um sich | ||
die tanzenden Blutnebel, | die tanzenden Blutnebel, | ||
daß sie, ein einziger Riesenring | daß sie, ein einziger Riesenring | ||
von Flammenschleiern, | {{Zeile|115}}von Flammenschleiern, | ||
um den gemeinsamen Kern | um den gemeinsamen Kern | ||
sich wanden und kreisten. | sich wanden und kreisten. | ||
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und lauschte dem Sausen der Glut. | und lauschte dem Sausen der Glut. | ||
Äonen kreiste der Ring: | {{Zeile|120}}Äonen kreiste der Ring: | ||
Dann zerriß er. | Dann zerriß er. | ||
Und um die glasigen Perlen | Und um die glasigen Perlen | ||
des zerkrampften Auges | des zerkrampften Auges | ||
ballten sich Bälle kochenden Bluts, | ballten sich Bälle kochenden Bluts, | ||
glühende, leuchtende Blutsonnen, | {{Zeile|125}}glühende, leuchtende Blutsonnen, | ||
und andere Bälle, | und andere Bälle, | ||
die unter roten Dampfhüllen | die unter roten Dampfhüllen | ||
langsam gerannen. | langsam gerannen. | ||
Durch die Unendlichkeit | Durch die Unendlichkeit | ||
schwangen sich zahllose Reigen | {{Zeile|130}}schwangen sich zahllose Reigen | ||
zahlloser Welten | zahlloser Welten | ||
in tönender Ordnung | in tönender Ordnung | ||
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Der blinde Gott aber | Der blinde Gott aber | ||
lauschte dem Klang der Sphären, | {{Zeile|135}}lauschte dem Klang der Sphären, | ||
die seinen Preis jauchzten, | die seinen Preis jauchzten, | ||
den Preis des Schaffenden, | den Preis des Schaffenden, | ||
und flog tastend mit seinen | und flog tastend mit seinen | ||
schwarzen, schleppenden Fittichen | schwarzen, schleppenden Fittichen | ||
durch seine Schöpfung, | {{Zeile|140}}durch seine Schöpfung, | ||
ein Schrecken den Menschlein | ein Schrecken den Menschlein | ||
auf allen Gestirnen, | auf allen Gestirnen, | ||
der große Luzifer. | der große Luzifer. | ||
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|Kommentar = [[Christian Morgenstern - Werke und Briefe. Kommentierte Ausgabe. Bd. I - Lyrik 1887-1905. Urachhaus 1988|Stuttgarter Ausgabe, Lyrik I]], S. | |Kommentar = [[Christian Morgenstern - Werke und Briefe. Kommentierte Ausgabe. Bd. I - Lyrik 1887-1905. Urachhaus 1988|Stuttgarter Ausgabe, Lyrik I]], S. 760 | ||
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|Gemeinfrei seit = 1985 | |Gemeinfrei seit = 1985 | ||
Version vom 4. Oktober 2025, 12:55 Uhr
Ewiges Firmament,
mit den feurigen Spielen
deiner Gestirne,
wie bist du entstanden?
5Du blauer Sammet!
Welch fleißige Göttin
hat sich auf dir
mit goldnen und silbernen
Kreuzstichmustern verewigt?
10Wie! oder wären
die Sterne Perlen,
tagesüber
in Wolkenmuscheln gebettet:
Aber des Nachts
15tuen die Schalen sich auf,
und aus den schwarzen,
angelspottenden Tiefen empor
lachen und funkeln
die schimmernden Schätze
20des Meers Unendlichkeit?
Oft auch ist mir,
ein mächtig gewölbter
kristallener Spiegel
sei dieser Himmel,
25und was wir staunend
Gestirne nennen,
das seien Millionen
andächtiger Augen,
die strahlend
30in seinem Dunkel sich spiegeln.
Oder wölbt
eines Kerkers bläuliche Finsternis
feindlich sich über uns?
Von ungezählten Gedankenpfeilen
35durchbohrt,
die von empörter Sehne
der suchende Menschengeist
rings um sich gestreut:
Das Licht der Erkenntnis aber,
40die Sonne der Freiheit,
quillt leuchtend
durch die zerschossenen Wände.
Nein, nein!...
Mit spottenden Augen
45blinzt die Unendlichkeit
auf den sterblichen Rätselrater ...
Und dennoch
rat’ ich das tiefe Geheimnis!
Denn bei Phanta
50ist nichts unmöglich.
- - - - - - - - - - - - - - - -
In der leeren, dröhnenden Halle des Alls
rauschte der Gott der Finsternis
mit schwarzen, schleppenden Fittichen
grollend dahin.
55So flügelschlug der düstere Dämon
schon seit Äonen:
An seiner Seele fraß das Nichts.
Umsonst griffen die Pranken
seines wühlenden Schaffenswahnsinns
60hinaus in die unsägliche Leere.
Vom eigenen Leibe mußte er nehmen,
wollte er schaffen -:
Das hatte ihn jüngst quälend durchzuckt.
Und nun rang und rang er
65gegen sich selber, der einsame Weltgeist,
daß er sich selbst verstümmle.
Bis sein Wollen, ein Löwe,
in seiner Seele aufstand
und ihm die Hand ans Auge zwang,
70daß sie es ausriß mit rasendem Ruck.
Ströme Blutes schossen nach.
Der brüllende Gott aber krampfte
in sinnloser Qual die Faust um das Auge,
daß es zwischen den Fingern
75perlend herausquoll.
Den glänzenden Tropfenregen
rissen die fallenden Schleier des Bluts
in wirrem Wirbeltanze
hinab, hinaus in die eisigen Nächte
80des unausgründlichen Raums.
Und die perlenbesäten blutigen Schleier
kamen in ewigem Kreislauf wieder,
schlangen erstickend sich
um des flüchtenden Gottes Haupt,
85zerrten ihn mit sich,
warfen ihn aus,
ein regelloses, tobendes Chaos.
Tiefer noch zürnte der gramvolle Gott.
Nicht Schöpfer und Herrscher,
90Spielball war er geworden,
weil er, vom Schmerz bewältigt,
den heiligen Lebenstoff,
statt ihn zu formen, zerstört.
Äonen hindurch
95trug er die Marter der glühenden Schleier,
litt er in seiner eigenen Hölle.
Dann aber stand zum anderen Male
sein Wollen, ein Löwe,
in seiner Seele auf.
100Sieben Kreisläufe des Chaos
rang er und rang er noch,
und dann
gab er den Arm dem Wollen frei.
Und er nahm sich auch noch
105das andere Auge
aus dem unsterblichen Gotteshaupt
und warf die blutüberströmte,
unversehrte Kugel
mitten hinein ins unendliche All.
110Da stand sie, glühend,
in unermeßlicher Purpurründung,
und sammelte um sich
die tanzenden Blutnebel,
daß sie, ein einziger Riesenring
115von Flammenschleiern,
um den gemeinsamen Kern
sich wanden und kreisten.
Der blinde Gott aber saß
und lauschte dem Sausen der Glut.
120Äonen kreiste der Ring:
Dann zerriß er.
Und um die glasigen Perlen
des zerkrampften Auges
ballten sich Bälle kochenden Bluts,
125glühende, leuchtende Blutsonnen,
und andere Bälle,
die unter roten Dampfhüllen
langsam gerannen.
Durch die Unendlichkeit
130schwangen sich zahllose Reigen
zahlloser Welten
in tönender Ordnung
um das geopferte, heile Auge.
Der blinde Gott aber
135lauschte dem Klang der Sphären,
die seinen Preis jauchzten,
den Preis des Schaffenden,
und flog tastend mit seinen
schwarzen, schleppenden Fittichen
140durch seine Schöpfung,
ein Schrecken den Menschlein
auf allen Gestirnen,
der große Luzifer.
| Werkgruppe | – |
| Werkbereich | – |
| Zyklus | – |
| Zyklusnummer | – |
| Titel | – |
| Textanfang | – |
| Zitiert aus | – |
| Kommentar aus | – |
| Überlieferung | – |
| Datierung | – |
| Erstdruck | – |
| Gemeinfrei | – |
| Rezeptionen: künstlerisch | – |
| Rezeptionen: wissenschaftlich | – |
| Rezeptionen: Buchausgaben | – |
| Rezeptionen: weiteres | – |
| Kommentar | – |
| Volltexterfassung | siehe Unterseite |
| ID | – |
Kommentar
Vorlage veraltet. Wird nicht mehr produktiv verwendet.
| Werkgruppe | – |
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| Titel | Kosmogonie |
| Textanfang | Ewiges Firmament |
| Zitiert aus | – |
| Kommentar | Stuttgarter Ausgabe, Lyrik I, S. 760 |
| Überlieferung | T 1894 II, Bl. 98f., 104-107 |
| Datierung | vermutl. September bis Dezember 1894 |
| Erstdruck | In Phanta's Schloß (1895) |
| Gemeinfrei seit | – |
| Rezeptionen: künstlerisch | – |
| Rezeptionen: wissenschaftlich | – |
| Rezeptionen: Buchausgaben | – |
| Rezeptionen: weiteres | – |
| ID | – |