Poseidon und Selene: Unterschied zwischen den Versionen

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Aktuelle Version vom 5. April 2026, 16:40 Uhr

Ein Mond- und Meer-Mythos

Selene kniet im Silberhorn
und blickt hinab auf blaues Meer...
Poseidon! glänzt ihr weicher Blick,
Poseidon! singt sie leis ins All...
5 Allabendlich das gleiche Spiel,
der süßen Sehnsucht sanft Gebet -
bis endlich sich die Woge teilt
und der geliebte Gott sie grüßt.

Selene kniet im Silberhorn
10 und hüllt jungfäulich streng sich ein.
Sie fühlt sein Auge, rosig glüht
ihr Schleier von verborgnem Hauch.
Allabendlich das gleiche Spiel,
der gleichen Sehnsucht Scham und Glut,
15 bis liebesübermannt zuletzt
des Meeres Herrscher rast und tobt.

Er türmt zu ungeheurem Bau
der Wogen schwanke Quadern auf,
wie Schollen wirft er Well’ auf Well’,
20 daß wie ein Berg das Wasser steigt...
Und auf des nassen Marmors Gischt,
umringt von seinem ganzen Volk,
erhebt er, Schimmerpracht-umronnen,
des Meers unendlich Brautgeschmeid.

25 Und mit ihm heben tausend Hände
mit Perlen, Steinen, Ringen, Kelchen,
Gewanden, Netzen, Schleiern, Spitzen
verwirrend sich zu ihr empor...
Und mit ihm flehen tausend Munde:
30 Oh komm, sei Königin der Meere
im Muschelwagen der Delphine,
Selena. Himmlische, oh komm!

Und den Korallengürtel löst,
den Gürtel aller Meeresmacht,
35 der Gott von seinem Leib und hält
ihn hoch, und donnernd geht sein Wort:
»Wie lang noch willst du ihn verschmähn?
Wer zählt die Tag’ und Nächte, die
ich dich umworben - Buhlerin,
40 die ewig lockt und nie gewährt!

Doch endlich, endlich - wann wohl? wann? -
ja endlich wirst du dennoch mein!"
Und leis erwidert’s: "Endlich, ja!
Ja, endlich werd ich dennoch dein!"
45 Und zitternd hört’s der starke Gott,
und zweifelnd hört’s die kecke Brut
und zischt sich heimlich spottend zu:
"Ach endlich wird sie dennoch sein!"

Der Uber-Spannung matt, vertaucht
50 der Meergewaltige. Die Wogen
begraben fürchterlichen Sturzes
die breite Brust, das braune Haupt...
In tollem Wirbel, Taumel, Tanz
rast, schießt, springt, schnellt sich jauchzend Volk.
55 nach Schätzen gier, nach Liebe mehr,
wildblütig wie sein Element...

Selene ruht im Silberhorn
zu süßem Schlummer hingeschmiegt...
Poseidon! schimmert feucht ihr Aug’,
60 Poseidon! atmet ihre Brust.
Allabendlich das gleiche Spiel.
Entsagens und doch Hoffens voll,
allabendlich die gleiche Glut,
und der sie stillt, der gleiche Trost.

65 Selene träumt im Silberhorn:
"Poseidon wird nicht lange ruhn.
so treu umwirbt mich keiner doch
denn Er, den jeder treulos nennt!
Am Tage selbst ersehnt er mich
70 und hebt das Meer aus seinem Grund
und türmt es auf, mir nah zu sein, -
so mächtig liebt kein andrer Gott!"


Lyrik | Nachlese zu In Phantas Schloß
"Phanta" und sein Publikum | Trösterin oT | Nächtliche Feier | Kosmogonie | Kosmogonie (Mondlose Sternennacht) | Heimatlos? | Auf grauem Felsblock sitz’ ich oT | In Adlers Krallen | Unnütz der Mann oT | Theomachie | Memento vivere (εϊς εαυτόν) | Und dann um Mitternacht oT | Am stillen Waldteich oT | Gestern Abend gab mir Phanta oT | An den Augen lasest du mir’s ab oT | Sternschnuppenfall | Johannisfeuer | Der Hexenkessel | Mit einem Mal, ich weiß nicht, wie’s gekommen oT | Venus Urania | Der Regenbogen | Wo Erd und Himmel oT | Mondaufgang I | Mondaufgang II | Mondaufgang III | Das rabenschwarze oT | Liebeslied an Phanta | Es lieben die Götter oT | Die nächtliche Fahrt | Oh Nacht, wie bist du tief oT | Die Sonne der Toten | Der Friedhof | Tragik alles Seins | Himmel, Erde und Meer… | Poseidon und Selene | Anadyomene | Nun weil’ ich bei dir schon manchen Tag oT | Allzulang auf Bergeszinnen oT

Epilog-Fragmente: Auf Höhen mußt’ ich steigen oT | Die Ferne ist es nicht oT | Ich versuche ein Höchstes oT | Die Strafe war hart oT | Strafe war hart für den Vorwitz oT | Willst du mich nun entzaubern oT | Endsegen Phantas
Epilog I | Epilog II | Ad Phantas Schloß
Zur Textgestalt der Stuttgarter Ausgabe | In Phantas Schloß - Eine Einführung


Werkgruppe Lyrik
Werkbereich Nachlese zu In Phantas Schloß
Zyklus
Zyklusnummer
Titel Poseidon und Selene
Textanfang
Zitiert aus SA Band I Lyrik 1887-1905, S. 105, 106, 107
Kommentar aus SA Band I Lyrik 1887-1905, S. 801, 802, 803
Überlieferung T 1897-98, Bl. 22,

T 1897-98, Bl. 23, T 1897-98, Bl. 24 und T 1897-98, Bl. 25 mit dem Titel Mythos. Drei weitere Fassungen auf Einzelblättern, handschriftlich, im Nachlaß

Datierung 7.10.1895 und 26.5.1897
Erstdruck SA Band I Lyrik 1887-1905
Gemeinfrei ja
Rezeptionen: künstlerisch
Rezeptionen: wissenschaftlich
Rezeptionen: Buchausgaben
Rezeptionen: weiteres
Kommentar
Volltexterfassung siehe Unterseite
ID LYR-SA-01-02-0035