Erster Schnee: Unterschied zwischen den Versionen
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Die in Wolkenkuckucksheim | Die in Wolkenkuckucksheim | ||
zerreißen ihre Manuskripte, | zerreißen ihre Manuskripte, | ||
und in unzähligen, | und in unzähligen, | ||
weißen Schnitzelchen | weißen Schnitzelchen | ||
flattert und fliegt es mir | {{Zeile|5}}flattert und fliegt es mir | ||
um die Schläfen. | um die Schläfen. | ||
Die Unzufriednen! | Die Unzufriednen! | ||
Nie noch blieben | Nie noch blieben | ||
der Lieder sie froh, | der Lieder sie froh, | ||
die im Lenz | {{Zeile|10}}die im Lenz | ||
ihnen knospeten, | ihnen knospeten, | ||
nie noch | nie noch | ||
der dithyrambischen Chöre, | der dithyrambischen Chöre, | ||
die durch glühende Julinächte | die durch glühende Julinächte | ||
von ihren Munden | {{Zeile|15}}von ihren Munden | ||
wie Donner brachen. | wie Donner brachen. | ||
Immer wieder | Immer wieder | ||
zerstören gleichmütig sie, | zerstören gleichmütig sie, | ||
was sie gedichtet: | was sie gedichtet: | ||
Und in unzähligen, | {{Zeile|20}}Und in unzähligen, | ||
weißen Stückchen | weißen Stückchen | ||
flattert es | flattert es | ||
aus dem grauen Papierkorb, | aus dem grauen Papierkorb, | ||
den sie schelmisch | den sie schelmisch | ||
zur Erde kehren. | {{Zeile|25}}zur Erde kehren. | ||
Große, redliche Geister! | Große, redliche Geister! | ||
Ich, der Erde armer Poet, | Ich, der Erde armer Poet, | ||
versteh’ euch. | versteh’ euch. | ||
Wenn wir uns selbst | Wenn wir {{Gesperrt|uns selbst}} | ||
genügen wollen, | {{Zeile|30}}genügen wollen, | ||
ehrlich Schaffende wir, | ehrlich Schaffende wir, | ||
müssen wir | müssen wir | ||
unsren Gedanken wieder | unsren Gedanken wieder | ||
all die bunten Hüllen ausziehn. | all die bunten Hüllen ausziehn. | ||
Ach! allein | {{Zeile|35}}Ach! allein | ||
in der Maske des Worts | in der Maske des Worts | ||
wird unser Tiefstes | wird unser Tiefstes | ||
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Ihr Stolzen verschmäht es, | Ihr Stolzen verschmäht es, | ||
den Wortewerken, | {{Zeile|40}}den Wortewerken, | ||
die ihr erschuft, | die ihr erschuft, | ||
Dauer zu leihen, | Dauer zu leihen, | ||
und ihr könnt es - | und ihr könnt es - | ||
denn ihr seid Götter! | denn ihr seid Götter! | ||
Keiner von euch | {{Zeile|45}}Keiner von euch | ||
will Trost, will Erlösung, | will Trost, will Erlösung, | ||
weiß von dem Wahnsinn | weiß von dem Wahnsinn | ||
Glückes und Leides: | Glückes und Leides: | ||
In euch selbst | In euch selbst | ||
seid ihr euch ewig genug! | {{Zeile|50}}seid ihr euch ewig genug! | ||
Aber wir Menschen, | Aber wir Menschen, | ||
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tief in gemeinsame Lose | tief in gemeinsame Lose | ||
Verstrickten, | Verstrickten, | ||
müssen einander | {{Zeile|55}}müssen einander | ||
die Herzen erschließen, | die Herzen erschließen, | ||
müssen einander | müssen einander | ||
fragen, belehren, | fragen, belehren, | ||
trösten, befreien, | trösten, befreien, | ||
stärken, erheitern, | {{Zeile|60}}stärken, erheitern, | ||
und zu all Dem | und zu all Dem | ||
raten und planen, | raten und planen, | ||
formen und bauen, | formen und bauen, | ||
rastlos, mühvoll, | rastlos, mühvoll, | ||
an dem Menschheitstempel | {{Zeile|65}}an dem Menschheitstempel | ||
"Kultur." | "Kultur." | ||
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in den wirbelnden Flocken | in den wirbelnden Flocken | ||
und denke mit Schwermut | und denke mit Schwermut | ||
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Doch streue ich selbst nichts | Doch streue ich selbst nichts | ||
in den lustigen Tanz. | in den lustigen Tanz. | ||
Meine Werke, ihr Götter, | Meine Werke, ihr Götter, | ||
stürben wie roter Schnee, | stürben wie roter Schnee, | ||
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Ich schrieb mit Herzblut ... | Ich schrieb mit Herzblut ... | ||
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|Kommentar = [[Christian Morgenstern - Werke und Briefe. Kommentierte Ausgabe. Bd. I - Lyrik 1887-1905. Urachhaus 1988|Stuttgarter Ausgabe, Lyrik I]], S. 773 | |Kommentar = [[Christian Morgenstern - Werke und Briefe. Kommentierte Ausgabe. Bd. I - Lyrik 1887-1905. Urachhaus 1988|Stuttgarter Ausgabe, Lyrik I]], S. 773 | ||
|Überlieferung = [[Liste der Tagebücher Christian Morgensterns|T 1894/95]], Bl. 88ff. | |Überlieferung = [[Liste der Tagebücher Christian Morgensterns|T 1894/95]], Bl. 88ff. | ||
Version vom 8. Oktober 2025, 10:11 Uhr
Die in Wolkenkuckucksheim
zerreißen ihre Manuskripte,
und in unzähligen,
weißen Schnitzelchen
5flattert und fliegt es mir
um die Schläfen.
Die Unzufriednen!
Nie noch blieben
der Lieder sie froh,
10die im Lenz
ihnen knospeten,
nie noch
der dithyrambischen Chöre,
die durch glühende Julinächte
15von ihren Munden
wie Donner brachen.
Immer wieder
zerstören gleichmütig sie,
was sie gedichtet:
20Und in unzähligen,
weißen Stückchen
flattert es
aus dem grauen Papierkorb,
den sie schelmisch
25zur Erde kehren.
Große, redliche Geister!
Ich, der Erde armer Poet,
versteh’ euch.
Wenn wir uns selbst
30genügen wollen,
ehrlich Schaffende wir,
müssen wir
unsren Gedanken wieder
all die bunten Hüllen ausziehn.
35Ach! allein
in der Maske des Worts
wird unser Tiefstes
dem Nächsten sichtbar!
Ihr Stolzen verschmäht es,
40den Wortewerken,
die ihr erschuft,
Dauer zu leihen,
und ihr könnt es -
denn ihr seid Götter!
45Keiner von euch
will Trost, will Erlösung,
weiß von dem Wahnsinn
Glückes und Leides:
In euch selbst
50seid ihr euch ewig genug!
Aber wir Menschen,
wir Selig-Unseligen,
tief in gemeinsame Lose
Verstrickten,
55müssen einander
die Herzen erschließen,
müssen einander
fragen, belehren,
trösten, befreien,
60stärken, erheitern,
und zu all Dem
raten und planen,
formen und bauen,
rastlos, mühvoll,
65an dem Menschheitstempel
"Kultur."
Ich stehe stumm
in den wirbelnden Flocken
und denke mit Schwermut
m70eines Stückwerks.
Doch streue ich selbst nichts
in den lustigen Tanz.
Meine Werke, ihr Götter,
stürben wie roter Schnee,
75wollt’ ich sie opfern!
Ich schrieb mit Herzblut ...
Homo sum.
| Werkgruppe | – |
| Werkbereich | – |
| Zyklus | – |
| Zyklusnummer | – |
| Titel | – |
| Textanfang | – |
| Zitiert aus | – |
| Kommentar aus | – |
| Überlieferung | – |
| Datierung | – |
| Erstdruck | – |
| Gemeinfrei | – |
| Rezeptionen: künstlerisch | – |
| Rezeptionen: wissenschaftlich | – |
| Rezeptionen: Buchausgaben | – |
| Rezeptionen: weiteres | – |
| Kommentar | – |
| Volltexterfassung | siehe Unterseite |
| ID | – |
Kommentar
Vorlage veraltet. Wird nicht mehr produktiv verwendet.
| Werkgruppe | – |
| Werkbereich | – |
| Titel | Erster Schnee |
| Textanfang | Die in Wolkenkuckucksheim |
| Zitiert aus | – |
| Kommentar | Stuttgarter Ausgabe, Lyrik I, S. 773 |
| Überlieferung | T 1894/95, Bl. 88ff. |
| Datierung | Winter 1894/95 |
| Erstdruck | In Phanta's Schloß (1895) |
| Gemeinfrei seit | – |
| Rezeptionen: künstlerisch | – |
| Rezeptionen: wissenschaftlich | – |
| Rezeptionen: Buchausgaben | – |
| Rezeptionen: weiteres | – |
| ID | – |