Der zertrümmerte Spiegel: Unterschied zwischen den Versionen
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Am Himmel steht ein Spiegel, riesengroß. | Am Himmel steht ein Spiegel, riesengroß. | ||
Ein Wunderland, im klarsten Sonnenlichte, | Ein Wunderland, im klarsten Sonnenlichte, | ||
entwächst berückend dem kristallnen Schoß. | entwächst berückend dem kristallnen Schoß. | ||
Um bunter Tempel marmorne Gedichte | Um bunter Tempel marmorne Gedichte | ||
ergrünt geheimnisvoller Haine Kranz; | {{Zeile|5}}ergrünt geheimnisvoller Haine Kranz; | ||
der Seen Silber dunkle Kähne spalten, | der Seen Silber dunkle Kähne spalten, | ||
und wallender Gewänder heller Glanz | und wallender Gewänder heller Glanz | ||
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Wohl kenn’ ich dich, du seliges Gefild!... | Wohl kenn’ ich dich, du seliges Gefild!... | ||
Doch was in heitrer Ruh’ erglänzt dort oben, | {{Zeile|10}}Doch was in heitrer Ruh’ erglänzt dort oben, | ||
ist mehr als dein getreues Spiegelbild, | ist mehr als dein getreues Spiegelbild, | ||
ist Irdisches zu Göttlichem erhoben. | ist Irdisches zu Göttlichem erhoben. | ||
Du zeigst ein friedsam wolkenloses Glück, | Du zeigst ein friedsam wolkenloses Glück, | ||
um das umsonst die Staubgebornen werben ... | um das umsonst die Staubgebornen werben ... | ||
Und doch! Auch du bist nur ein Schemenstück! | {{Zeile|15}}Und doch! Auch du bist nur ein Schemenstück! | ||
Ein Hauch -: Du schläfst im Grund in tausend Scherben. | Ein Hauch -: Du schläfst im Grund in tausend Scherben. | ||
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sich von der Felskluft Schautribünenstufen. | sich von der Felskluft Schautribünenstufen. | ||
Um meinen Gipfel streift ihr dumpfer Zug, | Um meinen Gipfel streift ihr dumpfer Zug, | ||
als hätte sie mein fürchtend Herz gerufen. | {{Zeile|20}}als hätte sie mein fürchtend Herz gerufen. | ||
Hinunter weist beschwörend meine Hand, | Hinunter weist beschwörend meine Hand, | ||
indes mein Aug’ nach oben bittet "Bleibe!" - | indes mein Aug’ nach oben bittet "Bleibe!" - | ||
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und donnernd bäumt sich die gewaltige Scheibe | und donnernd bäumt sich die gewaltige Scheibe | ||
und stürzt, von tausend Sprüngen überzackt, | {{Zeile|25}}und stürzt, von tausend Sprüngen überzackt, | ||
mit fürchterlichem Tosen in die Tiefen. | mit fürchterlichem Tosen in die Tiefen. | ||
Der Abgrund schreit, von wildem Graun gepackt. | Der Abgrund schreit, von wildem Graun gepackt. | ||
Blutüberströmt die Wolken talwärts triefen. | Blutüberströmt die Wolken talwärts triefen. | ||
Fahlgrüner Splitterregen spritzt umher, | Fahlgrüner Splitterregen spritzt umher, | ||
30 den Leib der Nacht zerschneidend und zerfleischend. | {{Zeile|30}}den Leib der Nacht zerschneidend und zerfleischend. | ||
Mordbrüllend wühlt der Sturm im Nebelmeer | Mordbrüllend wühlt der Sturm im Nebelmeer | ||
und heult in jede Höhle, wollustkreischend. | und heult in jede Höhle, wollustkreischend. | ||
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Der Berge Adern schwellen, brechen auf | Der Berge Adern schwellen, brechen auf | ||
und schäumen graue Fülle ins Geklüfte. | und schäumen graue Fülle ins Geklüfte. | ||
Ihr Flutsturz reißt verstreuter Scherben Hauf | {{Zeile|35}}Ihr Flutsturz reißt verstreuter Scherben Hauf | ||
unhemmbar mit in finstre Waldnachtgrüfte. | unhemmbar mit in finstre Waldnachtgrüfte. | ||
Es wogt der Forsten nasses Kronenhaar, | Es wogt der Forsten nasses Kronenhaar, | ||
durchblendet von demantnem Pfeilgewimmel ... | durchblendet von demantnem Pfeilgewimmel ... | ||
Doch um die Höhen wird es langsam klar, | Doch um die Höhen wird es langsam klar, | ||
durch Tränen lächelt der beraubte Himmel. | {{Zeile|40}}durch Tränen lächelt der beraubte Himmel. | ||
Und bald verblitzt der letzten Scherbe Schein, | Und bald verblitzt der letzten Scherbe Schein, | ||
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Nur feiner Glasstaub deckt noch Baum und Stein | Nur feiner Glasstaub deckt noch Baum und Stein | ||
und funkelt tausendfach im Sonnenglanze ... | und funkelt tausendfach im Sonnenglanze ... | ||
Ich schau’, ich sinne, hab’ der Zeit nicht acht -: | {{Zeile|45}}Ich schau’, ich sinne, hab’ der Zeit nicht acht -: | ||
Den Tag verscheuchte längst der Schattenriese. | Den Tag verscheuchte längst der Schattenriese. | ||
Und aus der Tiefe predigen durch die Nacht | Und aus der Tiefe predigen durch die Nacht | ||
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== Kommentar == | == Kommentar == | ||
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|Kommentar = [[Christian Morgenstern - Werke und Briefe. Kommentierte Ausgabe. Bd. I - Lyrik 1887-1905. Urachhaus 1988|Stuttgarter Ausgabe, Lyrik I]], S. | |Kommentar = [[Christian Morgenstern - Werke und Briefe. Kommentierte Ausgabe. Bd. I - Lyrik 1887-1905. Urachhaus 1988|Stuttgarter Ausgabe, Lyrik I]], S. 765 | ||
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Version vom 4. Oktober 2025, 22:30 Uhr
Am Himmel steht ein Spiegel, riesengroß.
Ein Wunderland, im klarsten Sonnenlichte,
entwächst berückend dem kristallnen Schoß.
Um bunter Tempel marmorne Gedichte
5ergrünt geheimnisvoller Haine Kranz;
der Seen Silber dunkle Kähne spalten,
und wallender Gewänder heller Glanz
verrät dem Auge wandelnde Gestalten.
Wohl kenn’ ich dich, du seliges Gefild!...
10Doch was in heitrer Ruh’ erglänzt dort oben,
ist mehr als dein getreues Spiegelbild,
ist Irdisches zu Göttlichem erhoben.
Du zeigst ein friedsam wolkenloses Glück,
um das umsonst die Staubgebornen werben ...
15Und doch! Auch du bist nur ein Schemenstück!
Ein Hauch -: Du schläfst im Grund in tausend Scherben.
Ein Hauch!... Von düstren Wolken löst ein Flug
sich von der Felskluft Schautribünenstufen.
Um meinen Gipfel streift ihr dumpfer Zug,
20als hätte sie mein fürchtend Herz gerufen.
Hinunter weist beschwörend meine Hand,
indes mein Aug’ nach oben bittet "Bleibe!" -
Umsonst! Ein Stoß zermalmt des Spiegels Rand,
und donnernd bäumt sich die gewaltige Scheibe
25und stürzt, von tausend Sprüngen überzackt,
mit fürchterlichem Tosen in die Tiefen.
Der Abgrund schreit, von wildem Graun gepackt.
Blutüberströmt die Wolken talwärts triefen.
Fahlgrüner Splitterregen spritzt umher,
30den Leib der Nacht zerschneidend und zerfleischend.
Mordbrüllend wühlt der Sturm im Nebelmeer
und heult in jede Höhle, wollustkreischend.
Der Berge Adern schwellen, brechen auf
und schäumen graue Fülle ins Geklüfte.
35Ihr Flutsturz reißt verstreuter Scherben Hauf
unhemmbar mit in finstre Waldnachtgrüfte.
Es wogt der Forsten nasses Kronenhaar,
durchblendet von demantnem Pfeilgewimmel ...
Doch um die Höhen wird es langsam klar,
40durch Tränen lächelt der beraubte Himmel.
Und bald verblitzt der letzten Scherbe Schein,
zum Grund gefegt vom Sturm- und Wellentanze.
Nur feiner Glasstaub deckt noch Baum und Stein
und funkelt tausendfach im Sonnenglanze ...
45Ich schau’, ich sinne, hab’ der Zeit nicht acht -:
Den Tag verscheuchte längst der Schattenriese.
Und aus der Tiefe predigen durch die Nacht
die Fälle vom versunknen Paradiese.
| Werkgruppe | – |
| Werkbereich | – |
| Zyklus | – |
| Zyklusnummer | – |
| Titel | – |
| Textanfang | – |
| Zitiert aus | – |
| Kommentar aus | – |
| Überlieferung | – |
| Datierung | – |
| Erstdruck | – |
| Gemeinfrei | – |
| Rezeptionen: künstlerisch | – |
| Rezeptionen: wissenschaftlich | – |
| Rezeptionen: Buchausgaben | – |
| Rezeptionen: weiteres | – |
| Kommentar | – |
| Volltexterfassung | siehe Unterseite |
| ID | – |
Kommentar
Vorlage veraltet. Wird nicht mehr produktiv verwendet.
| Werkgruppe | – |
| Werkbereich | – |
| Titel | Der zertrümmerte Spiegel |
| Textanfang | Am Himmel steht ein Spiegel |
| Zitiert aus | – |
| Kommentar | Stuttgarter Ausgabe, Lyrik I, S. 765 |
| Überlieferung | T 1894/95, Bl. 22f. |
| Datierung | vermutl. Winter 1894/95 |
| Erstdruck | In Phanta's Schloß (1895) |
| Gemeinfrei seit | – |
| Rezeptionen: künstlerisch | – |
| Rezeptionen: wissenschaftlich | – |
| Rezeptionen: Buchausgaben | – |
| Rezeptionen: weiteres | – |
| ID | – |