Im Tann: Unterschied zwischen den Versionen
UweS (Diskussion | Beiträge) Die Seite wurde neu angelegt: „<poem> {{Zeile|5}} Gestern bin ich weit gestiegen, abwärts, aufwärts, kreuz und quer; und am Ende, gliederschwer, blieb im Tannenforst ich liegen. Weil’ ich gern in heitrer Buchen sonnengrünem Feierlichte, lieber noch, wo Tann und Fichte kerzenstarr den Himmel suchen. Aufrecht wird mir selbst die Seele, läuft mein Aug’ empor den Stamm: Wie ein Kriegsvolk, straff und stramm, stehn sie da ohn’ Furcht und Fehle; ernst, in selbstgewollter…“ |
UweS (Diskussion | Beiträge) Keine Bearbeitungszusammenfassung |
||
| Zeile 1: | Zeile 1: | ||
<poem> | <poem> | ||
Gestern bin ich weit gestiegen, | Gestern bin ich weit gestiegen, | ||
abwärts, aufwärts, kreuz und quer; | abwärts, aufwärts, kreuz und quer; | ||
und am Ende, gliederschwer, | und am Ende, gliederschwer, | ||
blieb im Tannenforst ich liegen. | blieb im Tannenforst ich liegen. | ||
Weil’ ich gern in heitrer Buchen | {{Zeile|5}}Weil’ ich gern in heitrer Buchen | ||
sonnengrünem Feierlichte, | sonnengrünem Feierlichte, | ||
lieber noch, wo Tann und Fichte | lieber noch, wo Tann und Fichte | ||
| Zeile 11: | Zeile 10: | ||
Aufrecht wird mir selbst die Seele, | Aufrecht wird mir selbst die Seele, | ||
läuft mein Aug’ empor den Stamm: | {{Zeile|10}}läuft mein Aug’ empor den Stamm: | ||
Wie ein Kriegsvolk, straff und stramm, | Wie ein Kriegsvolk, straff und stramm, | ||
stehn sie da ohn’ Furcht und Fehle; | stehn sie da ohn’ Furcht und Fehle; | ||
ernst, in selbstgewollter Buße, | ernst, in selbstgewollter Buße, | ||
nicht zur Rechten nicht zur Linken: | nicht zur Rechten nicht zur Linken: | ||
Wer der Sonne Kuß will trinken, | {{Zeile|15}}Wer der Sonne Kuß will trinken, | ||
hat im Dämmer keine Muße. | hat im Dämmer keine Muße. | ||
| Zeile 22: | Zeile 21: | ||
aus des Waldgrunds braunem Tuch. | aus des Waldgrunds braunem Tuch. | ||
Und der frische Erdgeruch | Und der frische Erdgeruch | ||
20 tat mir wohl, und heiter sprach ich: | {{Zeile|20}}tat mir wohl, und heiter sprach ich: | ||
Wahrlich, ich vergleich’ euch Riesen | Wahrlich, ich vergleich’ euch Riesen | ||
unerbittlichen Gedanken, | unerbittlichen Gedanken, | ||
| Zeile 28: | Zeile 27: | ||
Höhenluft der Wahrheit kiesen. | Höhenluft der Wahrheit kiesen. | ||
Philosophin Mutter Erde | {{Zeile|25}}Philosophin Mutter Erde | ||
hat euch klar und schlicht gedacht, | hat euch klar und schlicht gedacht, | ||
jeglichem zu Lehr’ und Acht, | jeglichem zu Lehr’ und Acht, | ||
wie man teil des Lichtes werde. | wie man teil des Lichtes werde. | ||
Stolz aus lauem Dämmer flüchten, | Stolz aus lauem Dämmer flüchten, | ||
Rast und Abweg herb verachten, | {{Zeile|30}}Rast und Abweg herb verachten, | ||
nur das eine Ziel ertrachten - | nur das eine Ziel ertrachten - | ||
also muß der Geist sich züchten. | also muß der Geist sich züchten. | ||
| Zeile 39: | Zeile 38: | ||
Lang noch an den schlanken Fichten | Lang noch an den schlanken Fichten | ||
sah ich auf mit ernstem Sinn. | sah ich auf mit ernstem Sinn. | ||
Erde! Große Meisterin | {{Zeile|35}}Erde! Große Meisterin | ||
bist du mir im Unterrichten! | bist du mir im Unterrichten! | ||
Besser als Folianten lehren, | Besser als Folianten lehren, | ||
lehrst mich du, solang mein Leben. | lehrst mich du, solang mein Leben. | ||
Unerschöpflich ist dein Geben, | Unerschöpflich ist dein Geben, | ||
doch noch tiefer mein Verehren. | {{Zeile|40}}doch noch tiefer mein Verehren. | ||
</poem> | </poem> | ||
| Zeile 51: | Zeile 50: | ||
== Kommentar == | == Kommentar == | ||
{{Gedichtinformation | {{Gedichtinformation | ||
|Titel = | |Titel = Im Tann | ||
|Textanfang = | |Textanfang = Gestern bin ich weit gestiegen | ||
|zitiert aus = [[Christian Morgenstern - Werke und Briefe. Kommentierte Ausgabe. Bd. I - Lyrik 1887-1905. Urachhaus 1988|Stuttgarter Ausgabe, Lyrik I]], S. | |zitiert aus = [[Christian Morgenstern - Werke und Briefe. Kommentierte Ausgabe. Bd. I - Lyrik 1887-1905. Urachhaus 1988|Stuttgarter Ausgabe, Lyrik I]], S. 40 | ||
|Kommentar = [[Christian Morgenstern - Werke und Briefe. Kommentierte Ausgabe. Bd. I - Lyrik 1887-1905. Urachhaus 1988|Stuttgarter Ausgabe, Lyrik I]], S. | |Kommentar = [[Christian Morgenstern - Werke und Briefe. Kommentierte Ausgabe. Bd. I - Lyrik 1887-1905. Urachhaus 1988|Stuttgarter Ausgabe, Lyrik I]], S. 764 | ||
|Überlieferung = [[Liste der Tagebücher Christian Morgensterns|T | |Überlieferung = [[Liste der Tagebücher Christian Morgensterns|T 1894 I]], Bl. 63 und [[Liste der Tagebücher Christian Morgensterns|T 1894 II]], Bl. 72 f. | ||
|Datierung = | |Datierung = vermutl. September bis Dezember 1894 | ||
|Erstdruck = [[In Phanta's Schloß (1895)]] | |Erstdruck = [[In Phanta's Schloß (1895)]] | ||
|Gemeinfrei seit = 1985 | |Gemeinfrei seit = 1985 | ||
Version vom 4. Oktober 2025, 22:25 Uhr
Gestern bin ich weit gestiegen,
abwärts, aufwärts, kreuz und quer;
und am Ende, gliederschwer,
blieb im Tannenforst ich liegen.
5Weil’ ich gern in heitrer Buchen
sonnengrünem Feierlichte,
lieber noch, wo Tann und Fichte
kerzenstarr den Himmel suchen.
Aufrecht wird mir selbst die Seele,
10läuft mein Aug’ empor den Stamm:
Wie ein Kriegsvolk, straff und stramm,
stehn sie da ohn’ Furcht und Fehle;
ernst, in selbstgewollter Buße,
nicht zur Rechten nicht zur Linken:
15Wer der Sonne Kuß will trinken,
hat im Dämmer keine Muße.
Denksam saß ich. Moose stach ich
aus des Waldgrunds braunem Tuch.
Und der frische Erdgeruch
20tat mir wohl, und heiter sprach ich:
Wahrlich, ich vergleich’ euch Riesen
unerbittlichen Gedanken,
die sich ohne weichlich Wanken
Höhenluft der Wahrheit kiesen.
25Philosophin Mutter Erde
hat euch klar und schlicht gedacht,
jeglichem zu Lehr’ und Acht,
wie man teil des Lichtes werde.
Stolz aus lauem Dämmer flüchten,
30Rast und Abweg herb verachten,
nur das eine Ziel ertrachten -
also muß der Geist sich züchten.
Lang noch an den schlanken Fichten
sah ich auf mit ernstem Sinn.
35Erde! Große Meisterin
bist du mir im Unterrichten!
Besser als Folianten lehren,
lehrst mich du, solang mein Leben.
Unerschöpflich ist dein Geben,
40doch noch tiefer mein Verehren.
| Werkgruppe | – |
| Werkbereich | – |
| Zyklus | – |
| Zyklusnummer | – |
| Titel | – |
| Textanfang | – |
| Zitiert aus | – |
| Kommentar aus | – |
| Überlieferung | – |
| Datierung | – |
| Erstdruck | – |
| Gemeinfrei | – |
| Rezeptionen: künstlerisch | – |
| Rezeptionen: wissenschaftlich | – |
| Rezeptionen: Buchausgaben | – |
| Rezeptionen: weiteres | – |
| Kommentar | – |
| Volltexterfassung | siehe Unterseite |
| ID | – |
Kommentar
Vorlage veraltet. Wird nicht mehr produktiv verwendet.
| Werkgruppe | – |
| Werkbereich | – |
| Titel | Im Tann |
| Textanfang | Gestern bin ich weit gestiegen |
| Zitiert aus | – |
| Kommentar | Stuttgarter Ausgabe, Lyrik I, S. 764 |
| Überlieferung | T 1894 I, Bl. 63 und T 1894 II, Bl. 72 f. |
| Datierung | vermutl. September bis Dezember 1894 |
| Erstdruck | In Phanta's Schloß (1895) |
| Gemeinfrei seit | – |
| Rezeptionen: künstlerisch | – |
| Rezeptionen: wissenschaftlich | – |
| Rezeptionen: Buchausgaben | – |
| Rezeptionen: weiteres | – |
| ID | – |