Der Hexenkessel: Unterschied zwischen den Versionen
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{{Zeile|5}} | Auch eine Hexe kann Phanta sein, | ||
das sah ich gestern. | |||
Würdig reihte[?] sich Phanta ein | |||
dem Kreis der Besenstiel-Schwestern. | |||
{{Zeile|5}}Wie sie mir gestern las den Text. | |||
das tolle Weib, | |||
so hat noch niemand mich behext | |||
seit Mutterleib. | |||
Nahe war ich, zu erkranken, | |||
{{Zeile|10}}Phantas Schloß geriet ins Wanken. | |||
Meine grämlichen Gedanken | |||
saßen da in Zipfelmützen, | |||
Filzpantoffeln, Schlaftalaren, | |||
seufzten sehnsuchtvolle Wörtchen | |||
{{Zeile|15}}nach dem guten, kleinen Örtchen, | |||
dem sie kaum entronnen waren. | |||
Doch mich schüttelte das Grauen | |||
über dieses Schlaf-Gebaren. | |||
"Phanta, Perle aller Frauen!" | |||
{{Zeile|20}}rief ich, "Hilf mir mich bewahren!" | |||
Rette mich! | |||
Kette mich | |||
mit neuen Gaben | |||
an diesen Platz. | |||
{{Zeile|25}}Langeweile, Schatz, | |||
will ich nicht haben. | |||
Im Reich der Zwerge | |||
ein ehrsamer Mann, | |||
den alle loben - | |||
{{Zeile|30}}oder hier oben | |||
einer, der Berge | |||
versetzen kann. | |||
Entweder - oder! | |||
Gib mir Licht! | |||
{{Zeile|35}}In Schutt und Moder | |||
halben Strebens | |||
begrabe ich nicht | |||
das Pfand meines Lebens. | |||
Phanta, rette mich! | |||
{{Zeile|40}}Bette mich weich | |||
auf Sammet und Seide | |||
oder ich meide | |||
dein Reich | |||
und - scheide. | |||
{{Zeile|45}}Da lächelte die Vielholde, | |||
wie sie nur lächeln kann, | |||
und rührte leis mich an | |||
mit ihrem Stab von Golde. | |||
Da war ich ganz verwandelt, | |||
{{Zeile|50}}wieder ganz in ihrem Bann, | |||
ein arg verliebter Mann, | |||
kaum wissend, wie er handelt. | |||
Und als ich sie anstaunte, | |||
da lachte sie noch mehr | |||
{{Zeile|55}}und zog mit ihrem Speer | |||
Kreise und zog und rannte. | |||
Alsbald sank ein zum Becken, | |||
zum Kessel der Fels umher, | |||
darum sah ich ein Meer | |||
{{Zeile|60}}von Flammen gierig lecken. | |||
Doch eh ich noch den Zweck bedacht, | |||
schossen aus dem Schoß der Nacht | |||
drei greuliche Vampire - | |||
und. hockend auf des Kessels Rund, | |||
{{Zeile|65}}spien aus vollgesognem Schlund | |||
in den zischenden Felsengrund | |||
ihr Blut die Höllentiere. | |||
Es schwoll der heiße Adersaft | |||
hochauf im Becken, schwoll und sott. | |||
{{Zeile|70}}Der Blutdampf nahm mir letzte Kraft | |||
und gab mich machtlos grausem Spott. | |||
Und plötzlich erklang | |||
Phantas Stimm’ | |||
wie ein Zaubergesang, | |||
{{Zeile|75}}dem ich, umstrickt, erlag -: | |||
Den trägen Tropf, | |||
deinen Kopf nimm | |||
selber beim Schopf, | |||
und wirf ohne Zag | |||
{{Zeile|80}}ihn hinein | |||
in die brauende Flut. | |||
Von drei’n | |||
Sterblichen | |||
ist es das Blut. | |||
{{Zeile|85}}In ihm bade, | |||
dem meinen Boten | |||
allein erwerblichen, | |||
dein müdes Hirn. | |||
Und fügt es sich wieder | |||
{{Zeile|90}}auf deine Glieder, | |||
dann ist dir die Gnade | |||
auf kurzes gegeben, | |||
das Weltbild der drei | |||
geopferten Toten | |||
{{Zeile|95}}hinter der einen Stirn | |||
dreifach getrennt in dir zu tragen, | |||
jeden Moment | |||
dreifach zu leben, | |||
{{Zeile|100}}was es auch sei: | |||
wie aus drei Köpfen zugleich | |||
die Welt zu betrachten. | |||
Mußt’s nur wagen, | |||
den Schmerz nicht achten. | |||
{{Zeile|105}}Der Lohn ist reich. | |||
Ich fühlt’, ich war beschworen. | |||
Wie einen Henkelkrug | |||
nahm ich mich bei den Ohren | |||
und warf in schönem Flug | |||
{{Zeile|110}}den Schädel in das Becken. | |||
Rotgrüßend sprang die Flut; | |||
der Mond entfloh voll Schrecken, | |||
doch Phanta sprach: ’s ist gut. | |||
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Aktuelle Version vom 26. Februar 2026, 14:10 Uhr
Auch eine Hexe kann Phanta sein,
das sah ich gestern.
Würdig reihte[?] sich Phanta ein
dem Kreis der Besenstiel-Schwestern.
5Wie sie mir gestern las den Text.
das tolle Weib,
so hat noch niemand mich behext
seit Mutterleib.
Nahe war ich, zu erkranken,
10Phantas Schloß geriet ins Wanken.
Meine grämlichen Gedanken
saßen da in Zipfelmützen,
Filzpantoffeln, Schlaftalaren,
seufzten sehnsuchtvolle Wörtchen
15nach dem guten, kleinen Örtchen,
dem sie kaum entronnen waren.
Doch mich schüttelte das Grauen
über dieses Schlaf-Gebaren.
"Phanta, Perle aller Frauen!"
20rief ich, "Hilf mir mich bewahren!"
Rette mich!
Kette mich
mit neuen Gaben
an diesen Platz.
25Langeweile, Schatz,
will ich nicht haben.
Im Reich der Zwerge
ein ehrsamer Mann,
den alle loben -
30oder hier oben
einer, der Berge
versetzen kann.
Entweder - oder!
Gib mir Licht!
35In Schutt und Moder
halben Strebens
begrabe ich nicht
das Pfand meines Lebens.
Phanta, rette mich!
40Bette mich weich
auf Sammet und Seide
oder ich meide
dein Reich
und - scheide.
45Da lächelte die Vielholde,
wie sie nur lächeln kann,
und rührte leis mich an
mit ihrem Stab von Golde.
Da war ich ganz verwandelt,
50wieder ganz in ihrem Bann,
ein arg verliebter Mann,
kaum wissend, wie er handelt.
Und als ich sie anstaunte,
da lachte sie noch mehr
55und zog mit ihrem Speer
Kreise und zog und rannte.
Alsbald sank ein zum Becken,
zum Kessel der Fels umher,
darum sah ich ein Meer
60von Flammen gierig lecken.
Doch eh ich noch den Zweck bedacht,
schossen aus dem Schoß der Nacht
drei greuliche Vampire -
und. hockend auf des Kessels Rund,
65spien aus vollgesognem Schlund
in den zischenden Felsengrund
ihr Blut die Höllentiere.
Es schwoll der heiße Adersaft
hochauf im Becken, schwoll und sott.
70Der Blutdampf nahm mir letzte Kraft
und gab mich machtlos grausem Spott.
Und plötzlich erklang
Phantas Stimm’
wie ein Zaubergesang,
75dem ich, umstrickt, erlag -:
Den trägen Tropf,
deinen Kopf nimm
selber beim Schopf,
und wirf ohne Zag
80ihn hinein
in die brauende Flut.
Von drei’n
Sterblichen
ist es das Blut.
85In ihm bade,
dem meinen Boten
allein erwerblichen,
dein müdes Hirn.
Und fügt es sich wieder
90auf deine Glieder,
dann ist dir die Gnade
auf kurzes gegeben,
das Weltbild der drei
geopferten Toten
95hinter der einen Stirn
dreifach getrennt in dir zu tragen,
jeden Moment
dreifach zu leben,
100was es auch sei:
wie aus drei Köpfen zugleich
die Welt zu betrachten.
Mußt’s nur wagen,
den Schmerz nicht achten.
105Der Lohn ist reich.
Ich fühlt’, ich war beschworen.
Wie einen Henkelkrug
nahm ich mich bei den Ohren
und warf in schönem Flug
110den Schädel in das Becken.
Rotgrüßend sprang die Flut;
der Mond entfloh voll Schrecken,
doch Phanta sprach: ’s ist gut.
| Werkgruppe | Lyrik |
| Werkbereich | Nachlese zu In Phantas Schloß |
| Zyklus | – |
| Zyklusnummer | – |
| Titel | Der Hexenkessel |
| Textanfang | – |
| Zitiert aus | SA Band I Lyrik 1887-1905, S. 85, 86, 87, 88 |
| Kommentar aus | SA Band I Lyrik 1887-1905, S. 786,787, 788 |
| Überlieferung | T 1894-I, Bl. 82f. und |
| Datierung | vermutlich Herbst Winter 1894 |
| Erstdruck | SA Band I Lyrik 1887-1905 |
| Gemeinfrei | ja |
| Rezeptionen: künstlerisch | – |
| Rezeptionen: wissenschaftlich | – |
| Rezeptionen: Buchausgaben | – |
| Rezeptionen: weiteres | – |
| Kommentar | – |
| Volltexterfassung | siehe Unterseite |
| ID | LYR-SA-01-02-0018 |