Im Traum: Unterschied zwischen den Versionen
UweS (Diskussion | Beiträge) Keine Bearbeitungszusammenfassung |
UweS (Diskussion | Beiträge) Keine Bearbeitungszusammenfassung |
||
| (16 dazwischenliegende Versionen desselben Benutzers werden nicht angezeigt) | |||
| Zeile 4: | Zeile 4: | ||
Ich lobe mir den süßen Trug, | Ich lobe mir den süßen Trug, | ||
das heitre Spiel mit Welt und Leben. | das heitre Spiel mit Welt und Leben. | ||
In tausend Buntgewande steck’ ich, | {{Zeile|5}}In tausend Buntgewande steck’ ich, | ||
was geistig, leiblich mich umschwebt; | was geistig, leiblich mich umschwebt; | ||
in jedem Ding mich selbst entdeck’ ich: | in jedem Ding mich selbst entdeck’ ich: | ||
| Zeile 10: | Zeile 10: | ||
Mir ist, ich sei emporgestürmt | Mir ist, ich sei emporgestürmt | ||
über stürzende Wasserfälle. | {{Zeile|10}}über stürzende Wasserfälle. | ||
Mir engt’s die Brust, um mich getürmt | Mir engt’s die Brust, um mich getürmt | ||
ahn’ ich schützende Nebelwälle. | ahn’ ich schützende Nebelwälle. | ||
Aus dumpfen Regionen, | Aus dumpfen Regionen, | ||
aus Welten von Zwergen, | aus Welten von Zwergen, | ||
trieb’s mich fort, | {{Zeile|15}}trieb’s mich fort, | ||
ob auf ragenden Bergen | ob auf ragenden Bergen | ||
ein besserer Ort | ein besserer Ort | ||
| Zeile 21: | Zeile 21: | ||
Es weht mir um die Stirne | Es weht mir um die Stirne | ||
ein Hauch wie von Frauengewand ... | {{Zeile|20}}ein Hauch wie von Frauengewand... | ||
Folgte zum steilen Firne | Folgte zum steilen Firne | ||
mir wer aus dem Unterland? | mir wer aus dem Unterland? | ||
Es beugt sich zu mir nieder | Es beugt sich zu mir nieder | ||
ein liebes, schönes Gesicht ... | ein liebes, schönes Gesicht... | ||
Glaubst du, ich kenne dich nicht, | {{Zeile|25}}Glaubst du, ich kenne dich nicht, | ||
Sängerin meiner Lieder? | Sängerin meiner Lieder? | ||
Du bist ja, wo ich bin, | Du bist ja, wo {{gesperrt|ich}} bin, | ||
mein bester Kamerade! | mein bester Kamerade! | ||
Bei dir trifft man kein Schade, | Bei dir trifft man kein Schade, | ||
meine Herzenskönigin! | {{Zeile|30}}meine Herzenskönigin! | ||
"Du flohest aus Finsternissen, | "Du flohest aus Finsternissen, | ||
| Zeile 37: | Zeile 37: | ||
ich weiß es. | ich weiß es. | ||
Du hast zerrissen | Du hast zerrissen | ||
dein Herz, dein heißes, | {{Zeile|35}}dein Herz, dein heißes, | ||
und bei dem Leuchten deines Blutes | und bei dem Leuchten deines Blutes | ||
bist du den dunklen Pfad | bist du den dunklen Pfad | ||
weiter getreten, | weiter getreten, | ||
bis du mich fandest | bis du mich fandest | ||
und mit tiefen Gebeten | {{Zeile|40}}und mit tiefen Gebeten | ||
mich an dich bandest, | mich an dich bandest, | ||
daß ich dich liebgewann, | daß ich dich liebgewann, | ||
| Zeile 48: | Zeile 48: | ||
ein treuer Kamerad. | ein treuer Kamerad. | ||
Du brachst uralte Ketten | {{Zeile|45}}Du brachst uralte Ketten | ||
und kamst heute Nacht | und kamst heute Nacht | ||
in mein Reich. | in mein Reich. | ||
Ich will dich betten | Ich will dich betten | ||
an meiner Brust | an meiner Brust | ||
warm und weich, | {{Zeile|50}}warm und weich, | ||
in Träumepracht | in Träumepracht | ||
deine Seele verzücken: | deine Seele verzücken: | ||
Der ganzen Welt | Der ganzen Welt | ||
Außen und Innen | Außen und Innen | ||
sei deinem Sinnen | {{Zeile|55}}sei deinem Sinnen | ||
preisgestellt. | preisgestellt. | ||
Magst sie schmücken | Magst sie schmücken | ||
mit lachender Lust, | mit lachender Lust, | ||
magst sie tausendfach | magst sie tausendfach | ||
deuten und taufen, | {{Zeile|60}}deuten und taufen, | ||
mit Berg und Wald, | mit Berg und Wald, | ||
mit Wiese und Bach, | mit Wiese und Bach, | ||
mit Wolken und Winden, | mit Wolken und Winden, | ||
mit Sternenhaufen | mit Sternenhaufen | ||
dein Spiel treiben, | {{Zeile|65}}dein Spiel treiben, | ||
deinen Spaß finden; | deinen Spaß finden; | ||
brauchst nicht zu bleiben | brauchst nicht zu bleiben | ||
an einem Ort; | an einem Ort; | ||
magst die Welt | magst die Welt | ||
bis zu Ende laufen; | {{Zeile|70}}bis zu Ende laufen; | ||
denn Hier oder Dort, | denn Hier oder Dort, | ||
wo du auch seist, | wo du auch seist, | ||
wo sich das Himmelszelt | wo sich das Himmelszelt | ||
über die Erde spannt: | über die Erde spannt: | ||
Das sei deinem Geist | {{Zeile|75}}Das sei deinem Geist | ||
Phantas Schloß genannt." | Phantas Schloß genannt." | ||
| Zeile 84: | Zeile 84: | ||
Wonne mich durchschauert, | Wonne mich durchschauert, | ||
auf meinen Lippen dauert | auf meinen Lippen dauert | ||
sekundenlang dein süßer Kuß. | {{Zeile|80}}sekundenlang dein süßer Kuß. | ||
Nun nimm mich ganz, und trage | Nun nimm mich ganz, und trage | ||
mein Fragen mit Geduld! | mein Fragen mit Geduld! | ||
Für alles, was ich nun sage, | Für alles, was ich nun sage, | ||
trägst du fortan die Schuld. | trägst du fortan die Schuld. | ||
</poem> | </poem> | ||
{{ | {{ÜbersichtLYR|In Phantas Schloß}} | ||
== | {{InformationLYR | ||
| Werkgruppe = Lyrik | |||
|Titel = | | Werkbereich = In Phantas Schloß | ||
|Textanfang = | | Titel = Im Traum | ||
| | | Textanfang = Wer möcht' am trägen Stoffe kleben | ||
|Kommentar = [[Christian Morgenstern - Werke und Briefe. Kommentierte Ausgabe. Bd. I - Lyrik 1887-1905. Urachhaus 1988|Stuttgarter Ausgabe, Lyrik I]], S. | | Zitiert_aus = [[Christian Morgenstern - Werke und Briefe. Kommentierte Ausgabe. Bd. I - Lyrik 1887-1905. Urachhaus 1988|Stuttgarter Ausgabe, Lyrik I]], [[:Datei:Sa1-0015.png|S. 15]], [[:Datei:Sa1-0016.png|S. 16]], [[:Datei:Sa1-0017.png|S. 17]] | ||
|Überlieferung = | | Zitiert_aus_raw = SA-01, 15-17 | ||
|Datierung = | | Kommentar = [[Christian Morgenstern - Werke und Briefe. Kommentierte Ausgabe. Bd. I - Lyrik 1887-1905. Urachhaus 1988|Stuttgarter Ausgabe, Lyrik I]], [[:Datei:Sa1-0752.png|S. 752]], [[:Datei:Sa1-0753.png|S. 753]] | ||
|Erstdruck = | | Kommentar_raw = SA-01, 752-753 | ||
| | | Überlieferung = {{TBl|1894-II|64}}ff. | ||
| | | Datierung = vermutlich August 1894 | ||
| date_start = 1894-08-01 | |||
| date_end = 1894-08-31 | |||
| unsicher = true | |||
| Erstdruck = [[In Phanta's Schloß (1895)]] | |||
| Gemeinfrei_seit = true | |||
| Rezeptionen_künstlerisch = | |||
| Rezeptionen_wissenschaftlich = | |||
| Rezeptionen_Buchausgaben = | |||
| Rezeptionen_weiteres = | |||
| ID = LYR-SA-01-01-0005 | |||
}} | }} | ||
[[Kategorie:Gedicht]] | [[Kategorie:Gedicht]] | ||
Aktuelle Version vom 23. Februar 2026, 14:20 Uhr
Wer möcht’ am trägen Stoffe kleben,
dem Fittich ward zu Weltenflug!
Ich lobe mir den süßen Trug,
das heitre Spiel mit Welt und Leben.
5In tausend Buntgewande steck’ ich,
was geistig, leiblich mich umschwebt;
in jedem Ding mich selbst entdeck’ ich:
Nur der lebt Sich, der also lebt.
Mir ist, ich sei emporgestürmt
10über stürzende Wasserfälle.
Mir engt’s die Brust, um mich getürmt
ahn’ ich schützende Nebelwälle.
Aus dumpfen Regionen,
aus Welten von Zwergen,
15trieb’s mich fort,
ob auf ragenden Bergen
ein besserer Ort
dem Freien, zu wohnen.
Es weht mir um die Stirne
20ein Hauch wie von Frauengewand...
Folgte zum steilen Firne
mir wer aus dem Unterland?
Es beugt sich zu mir nieder
ein liebes, schönes Gesicht...
25Glaubst du, ich kenne dich nicht,
Sängerin meiner Lieder?
Du bist ja, wo ich bin,
mein bester Kamerade!
Bei dir trifft man kein Schade,
30meine Herzenskönigin!
"Du flohest aus Finsternissen,
mühsamen Mutes,
ich weiß es.
Du hast zerrissen
35dein Herz, dein heißes,
und bei dem Leuchten deines Blutes
bist du den dunklen Pfad
weiter getreten,
bis du mich fandest
40und mit tiefen Gebeten
mich an dich bandest,
daß ich dich liebgewann,
dem ringenden Mann
ein treuer Kamerad.
45Du brachst uralte Ketten
und kamst heute Nacht
in mein Reich.
Ich will dich betten
an meiner Brust
50warm und weich,
in Träumepracht
deine Seele verzücken:
Der ganzen Welt
Außen und Innen
55sei deinem Sinnen
preisgestellt.
Magst sie schmücken
mit lachender Lust,
magst sie tausendfach
60deuten und taufen,
mit Berg und Wald,
mit Wiese und Bach,
mit Wolken und Winden,
mit Sternenhaufen
65dein Spiel treiben,
deinen Spaß finden;
brauchst nicht zu bleiben
an einem Ort;
magst die Welt
70bis zu Ende laufen;
denn Hier oder Dort,
wo du auch seist,
wo sich das Himmelszelt
über die Erde spannt:
75Das sei deinem Geist
Phantas Schloß genannt."
Schneller strömt des Blutes Fluß,
Wonne mich durchschauert,
auf meinen Lippen dauert
80sekundenlang dein süßer Kuß.
Nun nimm mich ganz, und trage
mein Fragen mit Geduld!
Für alles, was ich nun sage,
trägst du fortan die Schuld.
| Lyrik | In Phantas Schloß |
| Widmung | Vorspruch | Prolog | Auffahrt | Im Traum | Phantas Schloß | Sonnenaufgang Wolkenspiele: I | II | III | IV | V | VI |
| Werkgruppe | Lyrik |
| Werkbereich | In Phantas Schloß |
| Zyklus | – |
| Zyklusnummer | – |
| Titel | Im Traum |
| Textanfang | Wer möcht' am trägen Stoffe kleben |
| Zitiert aus | Stuttgarter Ausgabe, Lyrik I, S. 15, S. 16, S. 17 |
| Kommentar aus | Stuttgarter Ausgabe, Lyrik I, S. 752, S. 753 |
| Überlieferung | T 1894-II, Bl. 64ff. |
| Datierung | vermutlich August 1894 |
| Erstdruck | In Phanta's Schloß (1895) |
| Gemeinfrei | ja |
| Rezeptionen: künstlerisch | – |
| Rezeptionen: wissenschaftlich | – |
| Rezeptionen: Buchausgaben | – |
| Rezeptionen: weiteres | – |
| Kommentar | – |
| Volltexterfassung | siehe Unterseite |
| ID | LYR-SA-01-01-0005 |