Andre Zeiten, andre Drachen: Unterschied zwischen den Versionen

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Immer nicht an Mond und Sterne  
Immer nicht an Mond und Sterne  
mag ich meine Blicke hängen -:  
mag ich meine Blicke hängen -:  
Ach man kann mit Mond und Sternen,  
Ach man kann mit Mond und Sternen,  
Wolken, Felsen, Wäldern, Bächen
Wolken, Felsen, Wäldern, Bächen
allzuleichtlich kokettieren,  
{{Zeile|5}}allzuleichtlich kokettieren,  
hat man solch ein schelmisch Weibchen  
hat man solch ein schelmisch Weibchen  
stets um sich wie Phanta Sia.
stets um sich wie Phanta Sia.
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Darum senk’ ich heut bescheiden  
Darum senk’ ich heut bescheiden  
meine Augen in die Tiefe.
meine Augen in die Tiefe.
Hier und da ein Hüttenlichtlein;  
{{Zeile|10}}Hier und da ein Hüttenlichtlein;  
auch ein Feuer, dran sich Hirten  
auch ein Feuer, dran sich Hirten  
nächtliche Kartoffeln braten -  
nächtliche Kartoffeln braten -  
wenig sonst im dunklen Grunde.  
wenig sonst im dunklen Grunde.  
Doch! da drunten seh’ ich eine  
Doch! da drunten seh’ ich eine  
goldgeschuppte Schlange kriechen ...  
{{Zeile|15}}goldgeschuppte Schlange kriechen...  


Hochromantisches Erspähnis!
Hochromantisches Erspähnis!
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da die Drachen mit den Kühen  
da die Drachen mit den Kühen  
friedlich auf den Almen grasten,  
friedlich auf den Almen grasten,  
wenn sie nicht grad’ Flammen speien  
{{Zeile|20}}wenn sie nicht grad’ Flammen speien  
oder Ritter fressen mußten -  
oder Ritter fressen mußten -  
da der Lindwurm in den Engpaß  
da der Lindwurm in den Engpaß  
seinen Boa-Hals hinabhing  
seinen Boa-Hals hinabhing  
und mit grünem Augenaufschlag  
und mit grünem Augenaufschlag  
Dame, Knapp’ und Maultier schmauste -  
{{Zeile|25}}Dame, Knapp’ und Maultier schmauste -  
kommst du wieder, trautes Gestern?
kommst du wieder, trautes Gestern?


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Ungetüm da drunten ist ein  
Ungetüm da drunten ist ein  
ganz modernes Fabelwesen,  
ganz modernes Fabelwesen,  
unersättlich zwar, wie jene  
{{Zeile|30}}unersättlich zwar, wie jene  
alten Schlangen, doch auch wieder  
alten Schlangen, doch auch wieder  
jenem braven Walfisch ähnlich,
jenem braven Walfisch ähnlich,
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seinen Bauch zur Herberg’ anbot.
seinen Bauch zur Herberg’ anbot.


Feuerwurm, ich grüße froh dich  
{{Zeile|35}}Feuerwurm, ich grüße froh dich  
von den Stufen meines Schlosses!  
von den Stufen meines Schlosses!  
Denn ob mancher dich auch schmähe,  
Denn ob mancher dich auch schmähe,  
als den Störer stiller Lande,  
als den Störer stiller Lande,  
und die gelben Humpeldrachen,
und die gelben Humpeldrachen,
die noch bliesen, noch nicht pfiffen,  
{{Zeile|40}}die noch bliesen, noch nicht pfiffen,  
wiederwünschte, - ich bekenne,  
wiederwünschte, - ich bekenne,  
daß ich stolz bin, dich zu schauen.  
daß ich stolz bin, dich zu schauen.  
Höher schlägt mir oft das Herze,  
Höher schlägt mir oft das Herze,  
seh’ ich dich auf schmalen Pfaden
seh’ ich dich auf schmalen Pfaden
deine Wucht in leichter Grazie  
{{Zeile|45}}deine Wucht in leichter Grazie  
mit dem Flug der Vögel messen  
mit dem Flug der Vögel messen  
und mit Triumphatorpose  
und mit Triumphatorpose  
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Sinnbild bist du mir und Gleichnis
Sinnbild bist du mir und Gleichnis
Geistessiegs ob Stoffesträgheit!  
{{Zeile|50}}Geistessiegs ob Stoffesträgheit!  
Gleichnis bist du neuer Zeit mir,  
Gleichnis bist du neuer Zeit mir,  
die, jahrtausendalter Kräfte  
die, jahrtausendalter Kräfte  
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zwingt und formt, beherrscht und leitet!
zwingt und formt, beherrscht und leitet!


Andre Zeiten, andre Drachen,  
{{Zeile|55}}Andre Zeiten, andre Drachen,  
andre Drachen, andre Märchen,  
andre Drachen, andre Märchen,  
andre Märchen, andre Mütter,  
andre Märchen, andre Mütter,  
andre Mütter, andre Jugend,  
andre Mütter, andre Jugend,  
andre Jugend, andre Männer -:
andre Jugend, andre Männer -:
Stark und stolz, gesund und fröhlich,  
{{Zeile|60}}Stark und stolz, gesund und fröhlich,  
leichten, kampfgeübten Geistes,  
leichten, kampfgeübten Geistes,  
Überwinder aller Schwerheit,  
Überwinder aller Schwerheit,  
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{{ÜbersichtGedichtband|In Phantas Schloß}}
{{ÜbersichtLYR|In Phantas Schloß}}


== Kommentar ==
{{InformationLYR
{{Gedichtinformation
| Werkgruppe = Lyrik
|Titel =  
| Werkbereich = In Phantas Schloß
|Textanfang =  
| Titel = Andre Zeiten, andre Drachen
|zitiert aus = [[Christian Morgenstern - Werke und Briefe. Kommentierte Ausgabe. Bd. I - Lyrik 1887-1905. Urachhaus 1988|Stuttgarter Ausgabe, Lyrik I]], S.  
| Textanfang = Immer nicht an Mond und Sterne
|Kommentar = [[Christian Morgenstern - Werke und Briefe. Kommentierte Ausgabe. Bd. I - Lyrik 1887-1905. Urachhaus 1988|Stuttgarter Ausgabe, Lyrik I]], S.  
| Zitiert_aus = [[Christian Morgenstern - Werke und Briefe. Kommentierte Ausgabe. Bd. I - Lyrik 1887-1905. Urachhaus 1988|Stuttgarter Ausgabe, Lyrik I]], [[:Datei:Sa1-0049.png|S. 49]], [[:Datei:Sa1-0050.png|S. 50]]
|Überlieferung = [[Liste der Tagebücher Christian Morgensterns|T 189]], Bl.  
| Zitiert_aus_raw = SA-01, 49-50
|Datierung =  
| Kommentar = [[Christian Morgenstern - Werke und Briefe. Kommentierte Ausgabe. Bd. I - Lyrik 1887-1905. Urachhaus 1988|Stuttgarter Ausgabe, Lyrik I]], [[:Datei:Sa1-0769.png|S. 769]], [[:Datei:Sa1-0770.png|S. 770]]
|Erstdruck = [[In Phanta's Schloß (1895)]]
| Kommentar_raw  = SA-01, 769-770
|Gemeinfrei seit = 1985
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|Rezeptionen = ...
| Datierung = vermutlich August 1894
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| unsicher = true
| Erstdruck = [[In Phanta's Schloß (1895)]]
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| Rezeptionen_künstlerisch =
| Rezeptionen_wissenschaftlich =
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| ID = LYR-SA-01-01-0024
}}
}}


[[Kategorie:Gedicht]]
[[Kategorie:Gedicht]]
[[Kategorie:In Phantas Schloß]]

Aktuelle Version vom 24. Februar 2026, 23:33 Uhr

Immer nicht an Mond und Sterne
mag ich meine Blicke hängen -:
Ach man kann mit Mond und Sternen,
Wolken, Felsen, Wäldern, Bächen
5allzuleichtlich kokettieren,
hat man solch ein schelmisch Weibchen
stets um sich wie Phanta Sia.

Darum senk’ ich heut bescheiden
meine Augen in die Tiefe.
10Hier und da ein Hüttenlichtlein;
auch ein Feuer, dran sich Hirten
nächtliche Kartoffeln braten -
wenig sonst im dunklen Grunde.
Doch! da drunten seh’ ich eine
15goldgeschuppte Schlange kriechen...

Hochromantisches Erspähnis!
Kommst du wieder, trautes Gestern,
da die Drachen mit den Kühen
friedlich auf den Almen grasten,
20wenn sie nicht grad’ Flammen speien
oder Ritter fressen mußten -
da der Lindwurm in den Engpaß
seinen Boa-Hals hinabhing
und mit grünem Augenaufschlag
25Dame, Knapp’ und Maultier schmauste -
kommst du wieder, trautes Gestern?

Eitle Frage! Dieses Schuppen-
Ungetüm da drunten ist ein
ganz modernes Fabelwesen,
30unersättlich zwar, wie jene
alten Schlangen, doch auch wieder
jenem braven Walfisch ähnlich,
der dem Jonas nur auf Tage
seinen Bauch zur Herberg’ anbot.

35Feuerwurm, ich grüße froh dich
von den Stufen meines Schlosses!
Denn ob mancher dich auch schmähe,
als den Störer stiller Lande,
und die gelben Humpeldrachen,
40die noch bliesen, noch nicht pfiffen,
wiederwünschte, - ich bekenne,
daß ich stolz bin, dich zu schauen.
Höher schlägt mir oft das Herze,
seh’ ich dich auf schmalen Pfaden
45deine Wucht in leichter Grazie
mit dem Flug der Vögel messen
und mit Triumphatorpose
hallend durch die Nächte tragen.

Sinnbild bist du mir und Gleichnis
50Geistessiegs ob Stoffesträgheit!
Gleichnis bist du neuer Zeit mir,
die, jahrtausendalter Kräfte
Erbin, Sammlerin, sie spielend
zwingt und formt, beherrscht und leitet!

55Andre Zeiten, andre Drachen,
andre Drachen, andre Märchen,
andre Märchen, andre Mütter,
andre Mütter, andre Jugend,
andre Jugend, andre Männer -:
60Stark und stolz, gesund und fröhlich,
leichten, kampfgeübten Geistes,
Überwinder aller Schwerheit,
Sieger, Tänzer, Spötter, Götter!

Lyrik | In Phantas Schloß
Widmung | Vorspruch | Prolog | Auffahrt | Im Traum | Phantas Schloß | Sonnenaufgang

Wolkenspiele: I | II | III | IV | V | VI
Sonnenuntergang | Homo Imperator | Kosmogonie | Das Hohelied | Zwischen Weinen und Lachen | Im Tann | Der zertrümmerte Spiegel | Das Kreuz | Die Versuchung | Der Nachtwandler | Andre Zeiten, andre Drachen | Die Weide am Bache | Abenddämmerung | Augustnacht | Mädchentränen | Landregen | Der beleidigte Pan | Mondaufgang
Mondbilder: I. | II. | III. | IV.
Erster Schnee | Talfahrt | Epilog
Zur Textgestalt der Stuttgarter Ausgabe | In Phantas Schloß - Eine Einführung


Werkgruppe Lyrik
Werkbereich In Phantas Schloß
Zyklus
Zyklusnummer
Titel Andre Zeiten, andre Drachen
Textanfang Immer nicht an Mond und Sterne
Zitiert aus Stuttgarter Ausgabe, Lyrik I, S. 49, S. 50
Kommentar aus Stuttgarter Ausgabe, Lyrik I, S. 769, S. 770
Überlieferung T 1894-I, Bl. 64f. und

T 1894-I, Bl. 90f.

Datierung vermutlich August 1894
Erstdruck In Phanta's Schloß (1895)
Gemeinfrei ja
Rezeptionen: künstlerisch
Rezeptionen: wissenschaftlich
Rezeptionen: Buchausgaben
Rezeptionen: weiteres
Kommentar
Volltexterfassung siehe Unterseite
ID LYR-SA-01-01-0024