Zur Textgestalt der Stuttgarter Ausgabe

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Editorische Einleitung (CMO)

Der ursprüngliche Text entstammt der SA Band I Lyrik 1887-1905, S. 675, 676, 677, 678, 679, 680, 681, 682 und wurde vom Herausgeber Martin Kießig verfasst.

Der letzte Abschnitt basiert auf SA Band I Lyrik 1887-1905, S. 723, 724, 725

Um die Les- und Verstehbarkeit zu verbessern wurde mit Hilfe von KI der Text strukturiert und gestrafft.

Publikationslage zu Lebzeiten

Als Christian Morgenstern am 31. März 1914 im 43. Lebensjahr starb, war weniger als die Hälfte seines Werkes öffentlich zugänglich. In Buchform erschienen zu Lebzeiten ausschließlich schmale Lyrikbände:

  • In Phantas Schloss (1895),
  • Horatius Travestitus (1895)
  • Auf vielen Wegen (1897)
  • Ich und die Welt (1898)
  • Ein Sommer (1900)
  • Und aber ründet sich ein Kranz (1902)
  • Galgenlieder (1905)
  • Melancholie (1906)
  • Palmström (1910)
  • Einkehr (1910)
  • Ich und Du (1911)
  • Wir fanden einen Pfad (1914).

Daneben veröffentlichte Morgenstern rund 115 Kunstkritiken, Rezensionen, Glossen sowie kultur- und literaturkritische Essays. Diese erschienen teils unter wechselnden Pseudonymen in 21 Zeitschriften und Periodika, die heute weitgehend vergessen sind. Sein umfangreiches kritisches Werk blieb daher mit wenigen Ausnahmen unbeachtet.

Weitere Gedichte erschienen verstreut in Zeitschriften und wurden nicht in die Lyrikbände aufgenommen. Ein erheblicher Teil des Werks blieb ungedruckt, darunter nahezu vollständig die Aphorismen, epischen und dramatischen Texte sowie die umfangreiche Korrespondenz mit Zeitgenossen.

Nachlass und frühe Editionen

Aus dem umfangreichen Nachlass veröffentlichte Morgensterns Frau Margareta Morgenstern bis zu ihrem Tod 1968 mehrere Teilsammlungen. Diese erschienen in wechselnden, sich überschneidenden Gruppierungen und enthielten sowohl unveröffentlichtes als auch bereits gedrucktes Material.

Diese Publikationen trugen wesentlich dazu bei, Morgenstern als Dichter, Aphoristiker und Briefautor sichtbar zu machen. Die Editionslage blieb jedoch problematisch: Die Auswahlen erfolgten ohne durchgängiges editorisches System und wiesen teils erhebliche Ungenauigkeiten, Übertragungsfehler und Texteingriffe auf. Alle späteren Leseausgaben waren zwangsläufig an diesen Zustand gebunden, da ein Abgleich mit den Handschriften nicht möglich war.

Der handschriftliche Nachlass

Den Kern des Nachlasses bilden 50 erhaltene Tagebücher (T), die Morgenstern seit 1887 führte. Sie enthalten Ideen, Skizzen, Pläne und Entwürfe zu Gedichten, Aphorismen, Essays und Briefen. Sie dokumentieren eine stark spontane Arbeitsweise und die Bevorzugung kurzer, geschlossener Formen.

Langfristige Projekte wie große Romane oder ein fünfaktiges Drama (z.B. Savonarola) blieben Fragment. Auch die zyklische Dichtung Symphonie (Aphorismen Nr. 1724ff.) gehört in diesen Zusammenhang.

Weitere Bestandteile des Nachlasses sind:

  • über tausend meist undatierte lose Blätter mit ähnlichem Charakter wie die Tagebücher,
  • sechs Notizbücher (N) mit kalendarischen Einträgen,
  • rund 2300 Briefe (B) von und an Morgenstern.

Alle diese Quellen wurden für die Stuttgarter Ausgabe vollständig neu gelesen, transkribiert und ausgewertet.

Editionskonzept

Herausgeber und Verlag entschieden sich gegen eine streng historisch-kritische Gesamtausgabe. Eine solche hätte die vollständige Wiedergabe aller Handschriften, Entwürfe und verworfenen Fassungen erfordert und die Publikation um Jahrzehnte verzögert.

Stattdessen wurde eine kommentierte Werkausgabe (Studienausgabe) gewählt. Sie verbindet textphilologische Grundsätze mit sachbezogener Kommentierung. Ziel ist ein authentischer Text ohne vollständige Variantenapparate, bei größtmöglicher Vollständigkeit des Werkes, jedoch ohne Abdruck belangloser Fragmente.

Aufgenommen wurden:

  • alle zu Lebzeiten Morgensterns publizierten Texte,
  • alle von Margareta Morgenstern und anderen Herausgebern veröffentlichten Texte,
  • zusätzlich unveröffentlichte Nachlasstexte mit geschlossenem Werkcharakter.

Vorstudien, Fragmente und Entwürfe (Paralipomena) werden im Kommentarteil dokumentiert. Varianten werden nur bei sinnerweiternden oder bedeutungsverändernden Abweichungen berücksichtigt.

Aufbau und Anordnung

Die Ausgabe trennt strikt zwischen:

  • von Morgenstern selbst veröffentlichten Werken,
  • nachgelassenen Texten.

Innerhalb dieser Teile erfolgt die Anordnung überwiegend chronologisch, unter Berücksichtigung vom Autor festgelegter Reihenfolgen (z.B. bei Zyklen). Einführende Kommentare erläutern Werkzusammenhang, Entstehung und Textlage.

Textgestaltung

Die Textwiedergabe folgt wissenschaftlichen Editionsprinzipien mit Anpassungen an heutige Lesegewohnheiten:

  • einheitlicher Antiquasatz,
  • Hervorhebungen durchgehend gesperrt,
  • Orthographie moderat modernisiert unter Wahrung des Lautstands,
  • Interpunktion in Drucken unverändert, in Handschriften vorsichtig ergänzt.

Zusätze des Herausgebers stehen in eckigen Klammern. Bei handschriftlichen Texten bleiben eindeutig sichere Ergänzungen unmarkiert; unsichere Lesungen erscheinen in [ ] bzw. [?].

Kommentar, Varianten und Zeichen

Morgenstern-Zitate im Kommentarteil erscheinen in Kursivdruck, Werktitel in Kapitälchen. Fremdzitate und sonstige Titel stehen in Anführungszeichen.

Zu jedem Text wird unter Überlieferung Herkunft und Datierung angegeben. Fehlt ein Handschriftennachweis, ist kein Manuskript erhalten, und der Erstdruck wird genannt.

Textvarianten werden entweder vollständig oder nach Lemma-Schema dokumentiert. Auslassungen durch den Herausgeber sind mit [...] gekennzeichnet.

Seite Zeile Textstelle (Lemma)] Variante (Lesart) Fundort
179, 25 ein Fürst] Wilhelm II. T 1908/09 I, Bl. 111

190,19 Wie sehr bedarf doch der Mensch] Was für ein träges ungeistiges Tier ist doch noch der Mensch und wie sehr bedarf es T 1906/07, Bl. 128.

Editionszeichen.
[ ] Zusätze des Herausgebers
[?] Am Schluß einer unsicheren Lesung
[...] Vom Herausgeber weggelassen
[Textlücke]   Kennzeichnung einer Lücke im Text
[bricht ab] Text bricht ab
< > Von Morgenstern gestrichen.

Abkürzungen

T Tagebuch
N Notizbuch
B Brief
a.a.O. am angegebenen Ort (Rückverweis auf einen früheren Beleg)
Abt. Abteilung
Bd. Band
dsgl. desgleichen
ebd. ebenda (bezieht sich auf den unmittelbar vorhergehenden Beleg)
f./ff. nächstfolgende/mehrere folgende
H. Heft
Hrsg./hrsg. Herausgeber/herausgegeben
Jg. Jahrgang
Nr. Nummer
Rez. Rezension
S. Seite
Schr. v. Schreiben vom (folgt Datum)
Sp. Spalte
Verf. Verfasser
vgl. vergleiche
zit. zitiert
Zs. Zeitschrift

Ergänzung zur Textgestalt der Bände I und II

Die Bände I und II der Stuttgarter Ausgabe umfassen die sogenannte „ernste“ Lyrik Morgensterns; die humoristische Lyrik ist Band III vorbehalten. Diese Trennung dient der editorischen Übersicht, ist jedoch sachlich nur bedingt trennscharf. Die Begriffe „ernst“ und „humoristisch“ bezeichnen bei Morgenstern keine Gegensätze, sondern Pole eines Kontinuums. Übergänge sind häufig, insbesondere in einer von den Herausgebern so bezeichneten „Zwischenzone“, in der eine eindeutige Zuordnung nur im Einzelfall möglich ist. Kindergedichte, die eher dem Bereich des „Heiteren“ zuzurechnen sind, erscheinen daher gesondert innerhalb der humoristischen Lyrik.

Diese Problematik wird dadurch verschärft, daß Morgenstern selbst bei der Zusammenstellung seiner Gedichtbücher keine strikte formale oder inhaltliche Trennung vorgenommen hat. So enthält Melancholie neben überwiegend „ernsten“ Gedichten auch ein Kindergedicht sowie Walthers "Unter der Linden". Auf vielen Wegen vereint Kindergedichte und in späteren Ausgaben auch Texte, die stilistisch dem Umkreis der Galgenlieder zuzuordnen sind. Die Zuordnung einzelner Gedichte zu Band I/II oder Band III beruht daher auf editorischer Entscheidung.

Ein zentrales Anliegen der Herausgeber war die Sicherung und Wiederherstellung des authentischen Textes. Bei der Durchsicht des Nachlasses zeigte sich, daß Margareta Morgenstern bei der Herausgabe nachgelassener Gedichte häufig ohne editorische Zurückhaltung verfuhr: Sie änderte Wortlaute, vertauschte Zeilen, erfand Titel oder kompilierte aus Fragmenten Gedichte, die so von Morgenstern nicht autorisiert waren. Diese Eingriffe wurden für die Stuttgarter Ausgabe konsequent rückgängig gemacht. Maßgeblich ist stets der letzte vom Dichter autorisierte Wortlaut. Gedruckt werden daher alle von Morgenstern selbst veröffentlichten Bücher in der jeweils letzten von ihm besorgten Auflage sowie erreichbare Erstveröffentlichungen in Zeitschriften und Zeitungen.

Alle von Margareta Morgenstern herausgegebenen Nachlaßbände wurden editorisch aufgelöst. Ihre Texte gingen – berichtigt und neu eingeordnet – in die Ausgabe ein. Deshalb erscheinen Bücher wie Ein Kranz, Zeit und Ewigkeit oder Mensch Wanderer nicht als eigenständige Einheiten, obwohl kein Text daraus verloren ging. Entsprechendes gilt für weitere Nachlaßauswahlen wie Klein-Irmchen, Die Schallmühle oder Der Sämann. Eine Ausnahme bildet lediglich die von Morgenstern selbst 1911 veranstaltete Auswahl aus Auf vielen Wegen und Ich und die Welt, die nicht übernommen wurde, um die ursprünglich veröffentlichten Gedichte nicht an sachlich falsche Stellen zu versetzen.

Aus der großen Zahl von Fragmenten und Entwürfen des Nachlasses wurde eine Auswahl getroffen, um den Bestand an gültiger Lyrik zu erweitern. Diese Auswahl beruht notwendigerweise auf verantwortlicher editorischer Entscheidung. Maßgeblich waren überwiegend ästhetische Kriterien, sofern nicht exemplarisch bestimmte Denkweisen oder Lebensphasen dokumentiert werden sollten.

Da für die Anordnung der Nachlaßgedichte keine verbindlichen Vorgaben des Dichters existieren, wurde auch hier editorisch entschieden. Grundsätzlich folgt die Ausgabe einer chronologischen Ordnung, die jedoch durch thematische und zyklische Gruppierungen überlagert wird. Damit wird einer von Morgenstern selbst formulierten Präferenz Rechnung getragen, Gedichte nicht ausschließlich nach der Zeit ihrer Entstehung, sondern nach inhaltlichen Zusammenhängen zu ordnen.

Man kann Gedichte auf zweierlei Weise ordnen: nach gewissen einheitlichen Gesichtspunkten und nach der Zeit ihrer Entstehung. Die chronologische Art würde den Verfasser allein zu seinem Rechte kommen lassen, den Leser jedoch ermüden und verwirren, ich habe deshalb meist den Ausweg gewählt, die Stücke in gewisse Abschnitte zu verteilen und das zeitliche Moment zwar zu berücksichtigen aber doch an die zweite Stelle treten zu lassen. (T 1906, Bl. 75)

Thematische Zugehörigkeit hat daher Vorrang vor strikter Chronologie. Nachlaßgedichte erscheinen nicht als geschlossener Anhang, sondern sind dort eingeordnet, wo sie inhaltlich und entstehungsgeschichtlich hingehören; erst die nicht anders zuzuweisenden Texte werden am Ende als „Gedichte aus dem Nachlaß“ zusammengefaßt und, soweit möglich, chronologisch gereiht.