Einleitung zur Galgenpoesie
S. 598
Zur Entstehung der ersten Galgenliedersammlung
Im Gegensatz zu Morgensterns Erstlingswerk , das frische Bergluft umweht, sind Horatius travestitus und die ersten Galgenlieder echte Großstadtkinder. Sie sind es aber auf unterschiedliche Weise. In Horatius travestitus ist die Bonvivant-Atmosphäre, die heitersinnliche Stimmung des Berliner Lebens mit horazischem Epikureertum und Tiefsinn durchsetzt. In den ersten Galgenliedern dagegen erscheint das Berliner Element unvermischt, in purem Zustand, ungreifbar (hier fehlt die Berliner Lokalfarbe gänzlich), aber wesenhaft. Denn ohne die belebende, geistanregende Atmosphäre Berlins, ohne das Klima zerebraler Erregung und schöpferischer Stimmung, das die Berliner Boheme schuf, ohne die dort heimische Mischung von gallischem Esprit, grobem Witz und trockenem märkischem Humor, ohne dies alles wäre der Galgenbund nicht entstanden.
Was aber war der Galgenbund? Wie der "Orden", s. S.823 f., war der Galgenbund ein Produkt des geselligen Lebens der Boheme. Beide waren Vereinigungen von jungen Künstlern und Mansardendichtern, die ihre Reichtümer an Geist und Jugend teilten, wohl aber auch ihre Armut. Der "Orden" war im Dezember 1894, d.h. früher entstanden als der Galgenbund. Aber beide Gruppen führten in Berlin vorn Herbst 1895 an eine parallele Existenz, so daß Mitglieder des "Ordens" wie Morgenstern, Fritz Beblo und Georg Hirschfeld gleichzeitig Ordensbrüder und Galgenbrüder waren. Jede Gruppe besaß ihr eigenes Gepräge. Das mochte1 wohl damit Zusammenhängen, daß das weibliche Element im Orden vertreten war, während es im Galgenbund völlig fehlte. Das grausig-spaßige Spiel mit dem Tode bei den Versammlungen des Vereins scheint eine männliche Spezialität zu sein. Uber den Ursprung des Galgenbunds schreibt Morgenstern Anfang 1912:
Die ersten "Galgenlieder" entstanden vor kaum wohl mehrals 15 Jahrenfür einen kleinen lustigen Kreis, der sich auf einem Ausflug nach Werder bei Potsdam, allwo noch heute ein sogenannter "Galgenberg"gezeigt wird, wie das so die Launegibt, mit diesem Namen schmücken zu müssen meinte. Aus dem Namen erwuchs alsdann das Weitere, denn man wollte sich doch, war man schon nun einmal eine so benannte Vereinigung, auch das Gehörige dazu denken und vorstellen (Briefentwurf, T 1911-12, Bl. 124).
S. 599
In den auf den Ausflug folgenden Tagen pflegten Morgenstern und seine Freunde sich jede Woche, wahrscheinlich jeden Donnerstag, in der "Bude" von Kayssler oder Julius Hirschfeld oder in einer Kneipe zu versammeln. Dort wurde ein sonderbarer Kult gefeiert, den Jeremias Mueller, der von Morgenstern erfundene pedantische Kommentator der Galgenlieder, in dem Versuch einer Einleitung ausführlich schildert (s. S.57). Eine gruselige Urteilsvollstreckung wurde spaßhaft inszeniert. Merkwürdigerweise spielte Julius Hirschfeld, der zwei Jahre später Selbstmord begehen sollte, die Rolle des Erhängten.
Die Galgenbrüder trugen alle schauerlich schöne Namen. Anfangs waren es ihrer sechs: Morgenstern (Rabenaas), Julius Hirschfeld (Schuhu), Friedrich Kayssler (Gurgeljochem), Georg Hirschfeld (Verreckerie), Fritz Beblo (Stummer Hannes oder der Büchner), Franz Schäfer (Veitstanz oder der Glöckner). Ende Januar 1895 kamen zwei neue hinzu: Robert Wernicke (Faherrügghh oder der Unselm) und Paul Körner (Galgenbruder Gespenst oder Spinna, oder Zöbner) (Näheres s. S. 624 f.).
Die ersten Versammlungen fanden ungefähr zwischen Ende April und Ende Juni 1895 statt. Eine zweite, längere Periode lag zwischen Ende Oktober 1895 und Ende Juni 1896. Der seltsame Kult der Galgenbrüder erforderte ein kompliziertes Ritual. Zu diesem Ritual gehörten liturgische Gesänge. Ursprünglich waren die Galgenlieder solche liturgische Gesänge. Nach dem Zeugnis des Galgenbruders Franz Schäfer beschloß anfangs ein einziger Gesang die weihevolle Handlung. Später, so berichtete Georg Hirschfeld in einem Artikel der "Vossischen Zeitung" (4.5. 1928), komponierte Julius Hirschfeld in "kongenialer" Stimmung mehrere Lieder, deren Texte ihm Morgenstern "auf Zettel gekritzelt" brachte. Christian Morgenstern und Julius Hirschfeld waren die eigentlichen Pole dieser Vereinigungen. Von Julius ging eine rätselhafte, unheimliche Aura aus, der die feinnervige Natur des Dichters nicht gleichgültig bleiben konnte.
Unter den ungewohnten Utensilien, die bei den schaurigen Zeremonien des Galgenbundes dienten — dazu gehörten ein Kinderskelett, rote Wollschnur, Wachskerzen, ein schwarzes Tischtuch, ein uraltes Seitengewehr oder eine "Schwertklinge, die Blutrost von zweifelhafter Echtheit trug" (ebd.) — befand sich ein merkwürdiger Gegenstand, ein Hufeisen. Dieses Hufeisen umschloß wie ein Kästchen aufeinandergeschichtete Blätter Ölpapier, worauf die geweihten Texte des Galgenbunds geschrieben standen. Dieses eigenartige Reliquiar, das sich noch
S.600
im Nachlaß befindet, ist mit einem Totenkopf aus schwarzer Pappe bedeckt. Darunter nehmen die pergamentartigen Biälter die Form dieses Totenkopfes an. Sie tragen Flecken von verdächtig roter Farbe und sind rechts oben angebrannt, als wären sie von der Flamme einer W achskerze berührt worden. W ährend der Blütezeit des Vereins enthielt das I lufeisen acht Lieder, d.h. genauso viel, wie der Bund Mitglieder zählte. Heutzutage faßt der sonderbare Behälter nur noch sieben Gesänge. Jeder Galgenbruder besaß übrigens ein sogenanntes "Galgenalbum", dessen Inhalt dem des Hufeisens entsprach. Dank dem Vorhandensein solcher Alben läßt sich das im Hufeisen fehlende Gedicht identifizieren. Es handelt sich um Das Weiblein mit der Kunkel.
Hier ist eine abbildung zu sehen, deswegen der große Abstand.
S. 6001
Es ist möglich, die ursprüngliche Anordnung der Gedichte im Hufeisen zu rekonstruieren. Prototyp und ältestes Stück der Sammlung war höchstwahrscheinlich das Bundeslied, dessen erster Titel übrigens Das Galgenlied lautete. Es folgten dann
2. Galgenbruders Lied an Sophie (ursprünglicher Titel: Sophie) 3. Nein! 4. Das Geburtslied (ursprünglicher Titel: Die Wehenacht) 5. Die Beichte des Wurms 6. Schlachtgesang (ursprünglicher Titel: Das Kniebein) 7. So hängen wir
Bei dieser Aufeinanderfolge mochte wohl Das Weiblein mit der Kunkel vor oder nach dem Gedicht Die Beichte des Wurms gestanden haben. Zu der Liturgie des seltsamen Konventikels gehörten auch andere Lieder, die von Morgenstern in dem {{Kap|Versuch einer Einleitung (s. S. 57) erwähnt werden: U.a. Fisches Nachtgesang, Das grosse Lalula, Das Simmaleins, Das Gebet. 15 Galgenlieder (wenn man auch das Motto dazurechnet) existierten schon gegen Ende Juni 1896.
Zu diesem Zeitpunkt löste sich der Galgenbund auf. Bisher waren die Galgenlieder im Schoß einer fröhlichen, ausgelassenen Gesellschaft entstanden. Einige wie zum Beispiel {{Kap|Nein!}0 trugen sogar die Spuren einer kollektiven Eingebung. Nun aber war Morgenstern allein. Die Natur der Lieder wechselte. Ein an Marie Goettling gerichteter Brief zeigt, daß der Dichter am 24. Januar 1897 über 17 humoristische Gedichte verfügte: Von Bembo [= Beblo] hab ich natürlich wenige, wenn keine Nachricht [...]. Seine Künstlerhand soll uns jedoch zu einem Galgenberg-Album, dessen Kernpunkt unsere siebzehn Lieder (Texte und Musik) sein sollen, nicht entgehen. Es wäre wirklich labend, wenn dieses Humoristikum ans Licht treten würde, etwa des Mottos: Es gibt keine Kinder mehr?
Damals dachte Morgenstern also schon daran, die Galgenlieder in Form eines Galgenberg-Albums zu veröffentlichen. Beblo, nochmals Beblo, schlug er im November 1897 vor, mit ihm zusammen einen humoristischen Almanach zu schaffen: [...] einen gemeinsamen Zwölfmonats-Kalender [...]. Zwölf Blätter zum Umklappen, Du Bild, ich Text. Vielleicht humoristisch. Vielleicht direkt Galgenlieder mit Musik und Zeichnungen.
Am 8. Mai 1898 schiffte sich Morgenstern nach Norwegen ein. Zur Übersetzung von Ibsens Werken war eine gründliche Kenntnis der norwegischen Sprache erforderlich. In Nordstrand, nahe bei Christiania (heutzu-
S. 602
tage Oslo), verliebte sich der Dichter in ein Mädchen aus einer kleinbürgerlichen Familie, Dagny Fett. In mehreren Galgenliedern der Zeit läßt sich das Echo jenes von vornherein zum Scheitern verurteilten Liebesidylls vernehmen.
Gegen Ende 1898 stellte Morgenstern eine Art Bilanz der im Verlauf des Jahres ausgeführten Arbeiten auf. Zusammenstellung der Galgenlieder lautete eine der letzten Eintragungen in T 1898-99-I, Bl. 129. Der Bestand der Galgenlieder hatte sich dermaßen vermehrt, daß der Dichter eine erste Klassifizierung der Gedichte vornehmen konnte, mit der offensichtlichen Absicht, sie zu publizieren. Jedoch war die ungefähr dreißig Lieder umfassende Sammlung noch zu dünn, um ein selbständiges Buch abzugeben. Deshalb hatte der Dichter vor, sie einem umfangreicheren Werk einzugliedern, das er Das lustige Buch betiteln wollte ( T 1898-99_I, Bl. 111). Drei Vorreden zu diesem Buch, dessen Idee auf das erste Vierteljahr 1895 zurückging, hatte er schon im November 1896 in der Zeitschrift [[Jugend (Zeitschrift)|"Jugend"}} veröffentlicht (Abt. Kritische Schriften S. 196 f.). Jedoch suchte der Dichter vergebens nach einem Verleger. Bondi zuerst, dann Schuster und Loeffler, lehnten ab. Ein solches Verhalten konnte nur die Zweifel verstärken, die Morgenstern schon selbst gegen seine bizarren Schöpfungen hegte. Darum ist es leicht zu verstehen, daß er in einer mutlosen Stunde auf den Gedanken kam, die Galgenlieder zu verbrennen. Dies bezeugt Kaysslers Brief vom 18.Dezember 1900: "Du wolltest ja auch die Galgenlieder verbrennen und jetzt sind sie in Ehren, gebunden bei Wolzogen."
Ernst von Wolzogen (1855-1954), dem Gründer der Berliner Kleinkunstbühne "Überbrettl", sowie Kayssler, dem damals schon erfolgreichen Schauspieler, verdankten die Galgenlieder ihr Überleben. In dem Kabarett "Die Brille" wurden sie von Kayssler im November oder Dezember 1898 zum ersten Mal vorgelesen. Später, 1901, als Kayssler mit Max Reinhardt und Louise Dumont die "Schall und Rauch-Bühne" ins Leben rief, gehörten Morgensterns Grotesken zu seiner Nummer. Inzwischen war von Wolzogen die zugkräftige Originalität des humoristisch-satirischen Werks nicht entgangen. Schon im September 1900 hatte er Morgenstern gebeten, ihm Il pranzo (Das Mittagsmahl), eine Parodie auf d’Annunzio, zu überlassen. Im November kam er mit einem erneuten Angebot, aber diesmal bezüglich der Galgenlieder: "Von Ihren Galgenliedern scheint mir auch Geles für mich geeignet, und ich gedenke die Sachen durch Schattenspiele illustriert und durch eine raffiniert schaurige
S. 603
Inszene-Setzung zu grotesker Wirkung zu bringen. Ich denke, Sie werden fast jeden Abend mit einer oder mehreren Nummern auf dem Programm stehen, wodurch ich Ihnen eine nicht zu verachtende Einnahmequelle eröffnen dürfte." (B vom 16.November 1900) Dieses letzte Argument konnte den meist mittellosen Dichter nicht kalt lassen. Auf diese Art wurden von Wolzogen und Kayssler zu den Stammkunden Morgensterns und zu den ersten Hauptverbrauchern von Galgenliedern in Deutschland.
Seit September 1899 war der Dichter aus Norwegen nach Berlin zurückgekehrt. In der darauf folgenden Periode 1900—1902 scheiterten zwei neue Editionsprojekte. Albert Langen, trotz der Befürwortung von Wolzogens, lehnte die Galgenlieder ab, weil er deren Verfasser "zu wenig derb" fand (Μ an Jacobsohn, 13.1. 1907). Auch blieb Kaysslers und Reinhardts Plan, Morgensterns Grotesken im Rahmen von "Schall- und Rauchbüchern" zu veröffentlichen, unverwirklicht. Aus dieser Zeit stammt wahrscheinlich der Entwurf zu einer Vorrede, die wir auf S. 290 unter der Nummer 6. bringen und deren pedantischer, pseudowissenschaftlicher Stil Jeremias Muellers Versuch einer Einleitung vorwegnimmt.
Gleich nach seiner Rückkehr aus Italien, Anfang Mai 1903, nahm der Dichterwieder persönlich Kontakt mit dem Kabarett "Schall und Rauch" auf. In dem einzigen Tagebuch, das wir aus dieser Periode besitzen, vermerkte er: In Berlin eine Reihe Galgenberg-Abende veranstaltet. Gegurgelte Lieder zu vieren ( T 1903, Bl. 70).
Da zuverlässige Zeugnisse (Tagebücher, Briefe, ...) im letzten Vierteljahr des Jahres 1903 und in der ersten Hälfte des Jahres 1904 fehlen, ist es leider nicht mehr möglich, den Reifungsprozeß der Galgenliedersammlung zu verfolgen. Das vorgeburtliche Stadium der ersten Ausgabe bleibt uns zum Teil verborgen. Wir wissen zum Beispiel nicht, zu welchem genauen Zeitpunkt der Verleger Cassirer sich bereit erklärte, die Lieder zu veröffentlichen. Wir wissen bloß, daß Morgenstern im Laufe des Sommers 1904 daran dachte, die Galgenlieder von dem talentvollen Graphiker Heinrich Wolff illustrieren zu lassen. Dieser Plan kam nicht zustande, da Karl Walser, der Bruder des Schriftstellers Robert Walser, die Gestaltung des Umschlags übernahm (s. S. 54). Aber die Absicht des Dichters deutet darauf hin, daß die Galgenliedersammlung zu dieser Zeit, wenn sie auch nicht endgültig festgelegt war, doch kurz vor dem Abschluß stand. In einem undatierten Brief, wohl aus dem Herbst 1904, dringt Morgenstern in Cassirer, er möge vor dem 1. Dezember mit den Galgen-
S. 604
liedern herausrücken: Die beiden neuen Walsers sind hübsch, besonders "das Mondschaf". Ich habe jetzt zwei ganz neue "Einleitungen", unter denen Sie wählen mögen. Sollte nicht das Papiergesucht werden können? Ich glaube, Sie verscherzen viele Käufer, wenn die Sache nicht spätestens 1. XII. erscheint. "Wenn schon, denn schon", nicht?. Daraus geht hervor, daß die erste Galgenliederausgabe schon vor Ende des Herbstes 1904 fix und fertig zum Druck bereit stand. Dieser aber erfolgte erst später, Ende Februar 1905.
Zur Datierung der frühen Galgenlieder (1895— 1905)
Zwischen dem ersten und dem letzten von Morgenstern gedichteten Galgenlied der Sammlung liegt eine fast zehnjährige Zeitspanne. Der Geist, unter welchem die Lieder entstanden sind, hat sich im Lauf der Jahre verändert. Die grotesk-ausgelassene Poesie des Galgenbunds hat nichts gemein mit der etwas düster anmutenden Gedankenlyrik der sogenannten skeptischen Periode (1900— 1904). Auch kann die anfängliche Ergiebigkeit von Morgensterns humoristischer Muse mit dem dünnen Äderchen der späteren Inspiration nicht verglichen werden. Vermutlich ist die große Mehrzahl der Gedichte der ersten Sammlung vor März 1899 geschrieben worden. Dies zu beweisen ist aber keine so leichte Sache, denn Morgenstern hat nur eine kleine Anzahl von Gedichten datiert. Oer Ursprung der anderen muß auf komplizierten Wegen und Umwegen erschlossen werden.
Wenn ein Gedicht vom Dichter nicht eigenhändig datiert worden ist, können zwei mögliche Fälle in Frage kommen: Entweder ist die Urfassung des Gedichts in einem Tagebuch, bzwL unter den Nachlaßschriften zu finden, oder (was leider häufiger vorkommt) es besteht nur noch eine Abschrift dieses Textes. Wir lassen natürlich den Fall außer acht, wo das Gedicht keine Spuren im Nachlaß hinterlassen hat. Im ersten Fall, wenn die Urfassung des Gedichts in einem Tagebuch vorliegt, läßt sich seine Entstehungszeit ziemlich leicht bestimmen, ist doch die Periode, die das Tagebuch umspannt, bekannt und der Platz, den dieses Galgenlied im Tagebuch einnimmt, aufschlußreich. Im zweiten Fall wird die Datierung des Gedichts äußerst heikel. Möglich ist nur noch die Datierung der Abschrift, nicht aber die des fehlenden Originals. Im Verhältnis zu der totalen Dunkelheit, die bisher den Ursprung der Galgenlieder umhüllte, bedeutet jedoch das Wissen um den Zeitpunkt, an dem der Dichter die Abschrift eines Liedes anfertigte, einen wesentlichen Fortschritt. Man weiß wenigstens wann, d.h. vor welchem Datum das entsprechende Gedicht schon existierte. Mehrere Kriterien machen die Datierung dieser Ab-
S. 605
Schriften möglich. Dazu gehören u.a. besondere Merkmale der Schrift, die sich im Laufe der Jahre verändert hat, die Beschaffenheit und Sorte des Papiers, das Morgenstern zu diesen Kopien gebrauchte, die Farbe der Nummern, mit denen manche Texte versehen waren. Besonders aufschlußreich ist das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Großbuchstaben am Anfang des Verses. Schon 1895 hatte Morgenstern sich vorgenommen, durch das Beispiel von Otto Erich Hartleben angeregt, auf den Gebrauch von Großbuchstaben am Anfang der Verszeilen zu verzichten. Aber erst von August 1897 an — diesmal gab das Beispiel Dehmels den Ausschlag — wurde diese Absicht konsequent durchgeführt. Noch fruchtbarer für die Datierung der Abschriften erscheint der natürliche Wechsel in der Graphie des z-Buchstabens, der sich zwischen Dezember 1902 und März 1905 vollzog. In dieser kurzen Zeitspanne verwandelte sich in Morgensterns Schrift das kurze "z" in ein langes "z". (Da müsste ein Sütterlin-z stehen)
Andere Mittel zur Aufklärung der verworrenen Entstehungsgeschichte der Galgenlieder erweisen sich als nützlich. Die literarische Untersuchung der Texte deckt Querverbindungen auf, stellt zwischen der sogenannten ernsten Lyrik und der humoristischen Dichtung Beziehungen her, die wertvolle Hinweise über die Entstehung eines Gedichtes geben können. Aber vor allem ist eine genaue Kenntnis der Morgenstern-Biographie zur Lösung mancher Rätsel unentbehrlich. Von großem heuristischem Werte zur Datierung eines Gedichtes sind manchmal, in den Texten verstreut, räumliche bzw. geographische Einzelheiten oder zeitgebundene Motive. Aus der Verwandtschaft des 1896 entstandenen ernsthaften Gedichts Eine bitterböse Unke (Abt. Lyrik 1887—1905 S. 204) mit dem Galgenlied Des Galgenbruders Gebet und Erhörung (S. 157) läßt sich zum Beispiel wegen der Ähnlichkeit des Hauptmotivs - des Motivs der die Nachtruhe störenden Unke - die Geburtsurkunde des letzteren um so sicherer erschließen als biographische Elemente (der Aufenthalt Morgensterns im Juli 1896 in Friedrichshagen in unmittelbarer Nähe des Sees) diese Hypothese bekräftigen. Auch können ohne große Schwierigkeiten posthume Gedichte datiert werden, deren Ausgangspunkt in einem zeitgeschichtlichen Ereignis liegt, wie etwa Vom Steinplatz zu Charlottenburg (S. 171).
Methoden und Ergebnisse zur Entstehungsgeschichte der Galgenlieder entnimmt unser Band größtenteils Μ. Cureaus Habilitationsarbeit "Christian Morgenstern humoriste. La création poétique dans In Phantas Schloss et les Galgenlieder".