Horatius travestitus - Zur Entstehung der Sammlung
S. 556
Als eine Art Schiffbrüchiger war Morgenstern im April 1894 in Berlin angekommen. Nach dem Zusammenbruch seines Elternhauses war er auf die Straße gesetzt worden (B an Kayssler, Herbst 1894). Von der schweren Lungenkrankheit, die sein juristisches Studium in München im Juni 1893 unterbrochen hatte, notdürftig wiederhergestellt, war der Vierundzwanzigjährige nun seinem Schicksal überlassen. Seine Lage war jedoch nicht ganz so aussichtslos, wie er sie zehn Jahre später in einem Brief an seine* Stiefmutter Amélie Morgenstern vom 27.5.1904 schildern wird. Ein Freund seines Vaters, Geheimrat Jordan, verschaffte ihm in Berlin an der Nationalgalerie eine Halbtagsbeschäftigung. Aber weder das Gehalt, das Morgenstern dafür bekam und das ihm übrigens erst im Dezember 1894 ausgezahlt wurde, noch die kümmerliche Dreißigmark-Rente, die ihm sein Vater bewilligte, reichten für seinen Unterhalt aus. In Breslau, vor seiner Abfahrt, hatte der angehende Dichter daran gedacht, durch schriftstellerische Arbeiten eine zusätzliche Erwerbsquelle zu finden. In dieser Hoffnung hatte er dem schon damals bekannten Schriftsteller Heinrich Hart (1855— 1906) geschrieben und ihm ein paar Probestücke seiner Kunst zukommen lassen. Kaum war er in Berlin angekommen, so erhielt er eine ermutigende Antwort. Heinrich Hart und seinem Bruder Julius (1859—1950) verdankte es Morgenstern, sehr schnell mit den literarischen, künstlerischen Kreisen der preußischen Hauptstadt in Berührung zu kommen. Im Haus der Brüder Hart machte Morgenstern auch die Bekanntschaft von Georg und Julius Hirschfeld, den späteren Galgenbrüdern.
Morgenstern, der auch nebenbei Kunst und Psychologie an der Berliner Universität studierte, begann damals für Zeitschriften und Zeitungen Artikel, Berichte und Gedichte zu schreiben. Berlin war die erste Station seiner publizistisch-schriftstellerischen Laufbahn und die Wiege seiner drei frühesten Dichtungen: In Phantas Schloss (in Bad Grund begonnen), Horatius travestitus und etwas später die Galgenlieder. Von Berlin hat Horatius travestitus gleichsam die geographische Nomenklatur geschenkt bekommen. Kreuzberg, Viktoria-Park, Tiergarten, Spree und Panke, Rixdorf, Halensee... lauter Namen, die die alten Berliner anheimeln. Hier läßt es sich ohne Stadlplan bummeln, und für Nicht-Einheimische bieten Weinrestaurants, ob sie "Dressel" oder "Kem-
S. 557
pinski" heißen, nicht von der Hand zu weisende Orientierungshilfen. Kurz, die Atmosphäre der Hauptstadt erfüllt manche Seite des Büchleins. Ohne sie wäre jene modernisierte, berlinisierte Fassung der Horaz-Oden nie zustande gekommen.
Uber die Entstehungszeil der Horaz-Travestien gibt es nur recht spärliche Anhaltspunkte. Dunkel ist der Ursprung dieser Dichtung, bisher unaufgeklärt Morgensterns Anteil an ihrer Urheberschaft. Der Dichter selbst hat zugegeben, daß die Grundidee des Werks nicht einmal von ihm stamme (s. Einleitung S. 542), sondern von Fritz Münster, einem Jugendfreund. Die Bekanntschaft mit Münster geht auf die Breslauer Zeit zurück, als Morgenstern vom Arzt zu Stubenarrestfür den ganzen Winter (T 1892/93,61.45) verurteilt wurde. Der Dichter erwähnt zum ersten Mal Münsters Namen in einem Brief an Kayssler vom 18.11. 1893: Münsters Umgang ist mir sehr angenehm und wertvoll. Er ist weit belesener und scharfsinniger wie ich, dafür glaube ich höhere Gesichtspunkte zu haben. Sein Besuch - er kommt öfters — ist mir stets eine wahre Erfrischung und wir disputieren stundenlang, meist über philosophische Themen oder ästhetische Theorien. Im Letzten ist er mirsehr über, im Ersten ist er mir zu sehr das Echo Nietzsches und Stirners, während ich mehr zu Schopenhauer hinneige [...]. Münster ist auch sonst ein sehr lieber Mensch und ich hoffe, wir werden uns immer enger befreunden. Ähnlich klingt der Brief, den Morgenstern am 2.12. 1893 von seinem Krankenlager aus an seine Jugendfreundin Marie Goettling richtet: An Büchernfehlt mir’s wahrlich nicht, deshalb bin ich jedesmalfroh, wenn mich meine Freunde besuchen. Übrigens habe ich wieder einen neuen in Fritz Münster gewonnen, einem hochbegabten und belesenen sowie innerlich hochstehenden Menschen. Von einer literarischen Zusammenarbeit mit Münster ist jedoch im Winter 1895/94 noch nicht die Rede. Erst viel später, als Morgenstern in Berlin schriftstellerte, stoßen wir im Oktober 1894 auf eine Briefstelle, die möglicherweise auf die Redaktion des Horatius travestitus hindeutet. Morgenstern schreibt Marie Goettling: In eigener Angelegenheit arbeite ich neben beständiger lyrischer Nebenarbeit (meist humoristischer Art) an meiner großen Dichtung weiter, die |...| womöglich im Frühling 1895 erscheinen soll |...] (B vom 13.10. 1894). Unter der großen Dichtung versteht hier Morgenstern natürlich In Piiantas Schloss. Der Ausdruck neben beständiger lyrischer Nebenarbeit (meist humoristischerArt) scheint sich dagegen zum Teil oder ganz auf Horatius travestitus zu beziehen. Eine solche Annahme wird durch Morgensterns Brief vom 8.1 1. 1 894 an Oskar Bie bekräftigt.55$ Kommentar Oer Dichter schreibt: Zur Zeit arbeite ich so nebenbei an einer Neubearbeitung Horazischer Oden in humoristisch-modernisiertem Sinne, ein kleines Unternehmen, das ich mit einem Freunde zusammen begonnen habe und zu dem ein drittergeschmackvolle Federzeichnungen liefern wird. Ich habe bis dato acht Oden fertig daliegen (im ganzen werden es kaum mehr wie zwanzig) und glaube, ohne mir zu schmeicheln, daß die lustigen Lieder (im Originalversmaß übersetzt, d. h. natürlich selten wörtlich, sondern dem Charakter des Ganzen nach) überall, wo gemütliche Männer mit Gymnasialvergangenheit sichfinden, durchschlagenden Lacherfolg haben müssen. Das Ganze müßte natürlich recht gefällig ausgestattet werden und höchstens eine Mark kosten. Was meinen Sie, ob Herr Fischer dafür zu gewinnen wäre2 Ein Berliner Verlag wäre um so erwünschter, als sehr oft aufBerliner Verhältnisse angespielt wird. [.. . | Die Geschichte macht mir selbst einen Biesenspaß, helfen Sie mir, daß auch andere sich dranfreuen mögen ... (Briefe. Auswahl (1952) S. 59) Die Redewendung am Anfang dieses Briefes: ein kleines Unternehmen, das ich mit einem Freund zusammen begonnen habe, legt die Vermutung nahe, daß schon zu diesem Termin, d.h. am 8. November 1894, die Zusammenarbeit mit Fritz Münster aufgehört hatte. Es war nämlich zwischen Münster und Morgenstern etwa um diese Zeit zu Spannungen gekommen. Die Ursache war ein Vertrauensbruch, den Fritz Münster gegen einen Freund des Dichters begangen hatte. Entrüstet über dieses anstö ßige Verhalten, hatte Morgenstern die freundschaftlichen Beziehungen abgebrochen: Wir haben uns seitdem noch nicht wieder besucht, was vorher zumal seinerseits häufig geschah und treffen uns nur (mit Ausnahme des französischen Cercle) bei bestimmten Gelegenheiten an dritten Orten, wo wir höflich und Fremden wohl mit kaum, bemerkbarer Veränderung miteinanderverkehren (B an Kayssler, 5.12. 1894). Aus den obigen Briefstellen geht hervor, daß Fritz Münsters persönlicher Beitrag zu der Redaktion der Travestien sich unmöglich auf mehr als acht von den 18 Oden erstrecken konnte, die die ursprüngliche Auflage des 1 loRATius TRAVESTITUS zählte. Worin dieser Beitrag bestand, wissen w ir nicht. Wir wissen auch nicht, ob Fritz Münster für die restlichen Carmina irgendeine Vorarbeit geleistet hatte. Der genaue Zeitpunkt, zu dem Morgenstern die Sammlung zum Abschluß brachte, konnte gleichfalls nicht ermittelt werden. Ende 1894? Erstes Vierteljahr 1895? Eine große LückeHoratius travestitus 559 in den Tagebüchern zwischen Januar und Mai 1895 macht das Problem unlösbar. Wie dem auch sei, Morgenstern muß sich in der folgenden Zeit nach einem Verleger umgesehen haben. Fünen Vorabdruck erfuhren zunächst 1896 eine größere Anzahl der Horaz-Travestien in der Zeitschrift "Jugend". (Zu dieser Zeitschrift s. Abt. Kritische Schriften S. 592 s.) Ende 1895 hatte Morgenstern seine Parodien an das politisch-satirische Witzblatt "Kladderadatsch" geschickt. Sein Angebot wurde jedoch abgewiesen (s. Abt. Kritische Schriften, Kommentar S. 542). Im Februar 1896 war Fritz Münster gestorben (s. Bauer, Chr.Μ. (1985) S. 94). Erst um die Jahreswende 1896/97 wurde mit Schuster und Loeffler ein Verlagsvertrag geschlossen. Laut einer Bedingung dieses Vertrags sollte das Werk "bis zu einer Willensänderung des Verfassers ohne Namen" erscheinen. Horatius travestitus kam tatsächlich Mitte Februar 1897 ohne den Namen des Autors oder der Autoren heraus, allerdings mit der W idmung: Der Erinnerung an F.M. [Fritz Münster]. Es folgte rasch. Ende Juni oder Anfang Juli, eine zweite Auflage. Wie die erste, ohne Verfassernamen und ohne Umschlagzeichnung. Kurz vor dem Erscheinen dieser zweiten Auflage schrieb Morgenstern an Schuster und Loeffler: Betreffs der voraussichtlichen Anzeigen, welche Sie nun zur 2.Auflage drucken wollen, möchte ich Sie von vornherein bitten, das Schwergewicht nichtaufmeinen Namen, sondern aufden Titel Horatius travestitus und den Ausdruck "Studentenscherz" nach wie vor zu legen und vor allem nicht den Anschein zu erwecken, als liege ein neues Werk vor, das in meiner künstlerischen Entwicklung irgend ein neues Moment bezeichne. Deshalb bitte ich auch keinerlei Beziehungen auf mein erstes Buch In Phantas Schloss zu nehmen. Da wo das Buch Horatius travestitus überhaupt wirkt undgekauft wird, kommt esfast nur aufden Titel,fastgar nicht aufden Verfasser an. [...] Indem ich Sie also nochmals bitte mich namentlich möglichst wenig in die Debatte ziehen zu wollen, bin ich [...] (Briefentwurf, datiert 22. vi.97, im Nachlaß). Jahrelang verblieb Horatius travestitus in seiner ursprünglichen Gestalt. bis der Verleger Reinhard Piper 1910 auf den Gedanken kam, ihm zu einer Neugeburt zu verhelfen. Er hatte von Schuster und Loeffler die Rechte für In Phantas Schloss. Horatius travestitus. Auf vielen Wegen und Ich und die Welt erworben, aber ihm lagen besonders die beiden ersten Werke am Herzen und vor allem der Horatius travestitus, von dem er sich ein verlegerisch rentables Geschäft versprach: "Von den Wer Schuster und Löftler’schen Büchern werden wir uns zunächst560 Kommentar hauptsächlich des >Horaz< und des Bändchens >In Phantas Schloß< in sofortigen Neuauflagen annehmen. Diese beiden Bücher haben die ausgeprägteste Physiognomie von den vieren und dürften sich am leichtesten wieder beleben lassen. Die beiden anderen Bände | Auf vielen Wegen. Ich und die Welt] würden dann folgen." (Piper an Morgenstern, 14.1 2. 1910) Morgenstern, der nur auf die Neuauflage seiner ernsten Gedichte1 Wert legte, war sich dessen wohl bewußt, daß er mit Piper eine Art Tauschgeschäft geschlossen hatte. Später, nach dem Erscheinen des Buchs, vertraute er Cassirer an: Ich maß die Jugendsünde Horaz nolens volens neu herauskommen lassen und eine verkürzte Fassung von Ich und die Welt und Auf vielen Wegen teuer erkaufen (B vom 12.6. 1911). Was aber dem Dichter half, die bittere Pille zu schlucken, war der Anhang, die sechs neuen Oden, die er in Sizilien dem alten Horaz angehängt hatte (B an Amelie Morgenstern vom 1 7.7. 1911) und die er zunächst in der Zeitschrift "Jugend" veröffentlichte. Denn Morgenstern hat immer wieder betont, daß ihm nur an dem Anhang lag, so z. B. in dem Brief an Marie Goettling vom 50.8. 1911, wo er schrieb: Meine Sonette [...] und der Horaz-Nachlaß (ich lege nur Wert aufden Nachlaß, verwünsche ein wenig das übrige) sollen im Herbst diegroße Seereise antreten. {Diegroße Seereise: die Reise über den Atlantik. Marie Goettling hielt sich damals in Amerika auf.) Morgensterns Voreingenommenheit gegen die erste Horaz-Fassung, die hier durchklingt, kommt in einem Brief an Karl Walser vom 21.6. 1911 noch viel deutlicher zum Ausdruck: Wenn Ihnen (wie ich fast vermute) der "Horaz"ferner liegt als andres von mir, so verdenke ich Ihnen das keinen Augenblick; denn auch mir liegt der eigentliche I Ioratius travestitus heute sofern, daß ich ihn — wenigstens injeder "besseren" Stunde - lieber begraben als neu herausgegeben sehen möchte (Briefentwurf in T 1911, Bl. 18ff.). Morgensterns Vorliebe für den Anhang war hingegen so groß, daß er sogar in Sizilien daran gedac ht hatte, ihn zu einem zweiten Teil, d. h. zu einem separaten Buch auszubauen. Piper, dem er diesen Plan am 8.März 1911 mitgeteilt hatte, war aber dem Anerbieten des Dichters diplomatisch ausgewichen, indem er auf die Gefahr hinwies, daß der neue Horatius den älteren überschatten könnte, "denn wenn wir für den >Horaz< eine sehr starke Propaganda machen, so wird das Buch auch sehr stark bekannt, und es wird einen sonderbaren Eindruck machen, wenn nach einigen Jahren dasselbe Buch [also das ältere Buch] dann wieder schmächtiger und weniger reich erscheint. Da wäre es dann wohl doch das beste, wenn Sie auch diese Erweiterungen noch wieder vermehrenHoratius travestitus 561 wollen, alles in. einem Band zu belassen, dessen Ladenpreis und dessen Honorar im Verhältnis zu seinem Umfang dann ja steigen könnte." (Piper an Morgenstern, 11.3. 191 1) Es blieb dabei. Der Horatius mit seinem Anhang von sechs Oden erschien als 5. vermehrte Auflage im September 1911, im Gegensatz zu der 2. Auflage diesmal mit Angabe des Verfassernamens und mit einer Umschlagzeichnung von Karl Walser. Der geschäftstüchtige Verleger hatte für das Bändchen eine Aufmachung gewählt (Papier, Druck, f ormat), die an die damals schon erfolgreichen Galgenlieder erinnerte, so daß sich Morgenstern Cassirer gegenüber entschuldigen mußte: Der Horaz kommt jetzt heraus. Piper hat ihn den Galgenliedern angeähnelt. Ich bin unschuldig daran, für ihn war es aber wohl das Nächstliegende (B vom 24.9. 1911). Ende November erhielt Kayssler den Horatius travestitus. Er schrieb dem Freund: "Schnell von Herzen Dank für den I loraz. Er ist doch zu köstlich und der Anhang ganz extra schön. Der >Dichter< darf sich beruhigen, haha. Metellus, der Drückeberger, der Gott und der Neffe sind besondere Lieblinge auf den ersten Blick. Na, und die alten Oden! Ach, Junge, es ist schon mehr als ein Studentenscherz, es ist eben ein echter Künstlerscherz, der nicht veralten kann." (B vom 50.11. 1911) Vorn Studentenscherz zum Künstlerscherz. Der Autor, dessen Oden dem Horatius travestitus Morgensterns zugrunde liegen, hieß Quintus Horatius Flaccus (18.12.65 v. Chr. in Venusia/Apulien geboren — 27.11.8 v.Chr. in Rom gestorben). Er stammte aus niedrigem Stande, sein Vater war ein Freigelassener, das heißt ein ehemaliger Sklave. Von seinem Vater sorgfältig erzogen, kam der Knabe frühzeitig nach Rom und genoß dort eine Bildung, zu der sonst nur die Angehörigen der höheren Stände Zugang hatten. Um das 20. Lebensjahr ging er nach Athen und studierte in der Akademie Philosophie, Rhetorik und altgriechische Literatur. Er w urde damals in die Endkämpfe der Republik hineingezogen, stellte sich nach der Ermordung Cäsars (44 v. Chr.) auf die Seite des Brutus und w urde in dessen 1 leer Militärtribun. Nach der Niederlage des Brutus bei Philippi (42 v.Chr.), bei welcher er knapp sein Leben rettete, kehrte er nach Rom zurück und schlug sich als Staatsschreiber durch. Nebenbei begann er zu dichten. Sein Können als Lyriker veranlaßte schließlich angesehene Männer wae Varius und Vergil, ihn in den Kreis des Maecenas einzuführen, eines einflußreichen Ritters aus der Umgebung des Augustus, der junge Talente förderte. Maecenas sorgte dafür, daß Horaz fortan ganz der Dichtung leben konnte. Er schenkte ihm 52562 Kommentar v.Chr. ein kleines Landgut im sabinischen Vorland von Rom, das "Sabinum", das ihm für den Rest seiner Tage Geborgenheit und die notwendige materielle Sicherheit verschaffte. Auch Augustus (der erste römische Kaiser, eigentlich "Princeps", 63 v. Chr. — 14 n.Chr.) suchte den Dichter für sich zu gewinnen, nannte ihn seinen Freund und wollte ihn sogar zu seinem Privatsekretär machen, was Horaz jedoch diplomatisch ablehnte, um sich die Freiheit seines Denkens und Schaffens zu wahren. Von seinem Gesamtwerk: Satiren, Epoden, "Sermones" (Plaudereien), heben sich die Oden ab, deren vier Bücher zwischen 23 und 15 entstanden. Sie bilden den berühmtesten, künstlerisch vollendetsten Feil der Dichtung. Jahrhundertelang gehörten die Oden zu dem obligatorischen Lehrstoff deutscher höherer Schulen. Unversiegbarer Brunnen tiefster Weisheit sind sie heute noch eine Fundgrube unzähliger Zitate und geflügelter Worte. Zu Morgensterns Zeit sah der preußische Lehrplan (vom Jahre 1882) für die Unterklassen neun, für die Oberklassen acht Wochenstunden Latein vor, Zahlen, von denen die Gymnasiallehrer der Gegenwart nie träumen würden. In der Prima des Gymnasiums in Sorau wurden die Horazischen Oden durchgenommen. Aus dem "Zeugnis der Reife für den Zögling" Christian Morgenstern (Sorau 31. März 1892) geht hervor, daß seine Leistungen in Latein, wenn nicht glänzend, doch wenigstens ausreichend waren. Das Urteil seines Lateinlehrers lautet: "Er besitzt eine befriedigende Kenntnis der Grammatik, Stilistik und Phraseologie und ist ziemlich sicher in deren Anwendung, wie der genügende? /Xusfall seiner Prüfungsarbeit bewies. Beim Übersetzen zeigte erverständige Auffassung und Gewandtheit; im Horaz besitzt er gute Kenntnisse." Die Beschäftigung mit Horaz, die manche seiner Mitschüler anödete, erfüllte den Primaner mit Freude. Ein Echo davon vernimmt man in dem Brief an Kayssler vom 1.5. 1891: Ich bin jetzt meist im Freien zufinden, streife sehr viel mit Paulus umher, der hierganz glücklich ist und mich aufden Spaziergängen Geschichtszahlen und Horaz-Oden überhören muß. Wie gefällt Dir der Horaz? Er ist nächst Homer das einzig Wahre. Die erste humoristische, burschikose Bearbeitung einer horazischen Dichtung ist durch eine Ode vertreten, die Pauker-Ode, die Morgenstern in einem zweifelhaften Latein frei nach Horaz Carm. lib. 1.1, hervorbrachte und in der Bierzeitung des Sorauer Gymnasiums Ostern 1892 veröffentlichte. Eine fragwürdige lateinische Vorstufe zu dem echt berlinisch sprechenden verkleideten Horaz. Horatius travestitus! Das Adjektiv ordnet dieses Jugendwerk einer literarischen Gattung zu. derHoratius travestitus 565 Travestie, zu der es nur halbwegs gehört, denn unter "Travestie" versteht man für gewöhnlich "eine satirische Dichtungsart, die ein anderes Literaturwerk dadurch verspottet, daß sie im Gegensatz zur Parodie den Inhalt beibehält, ihm aber eine andere, nicht gemäße Form gibt." (Der große Brockhaus (1957) Bd. 11, S. 606) Nun aber liegt es auf der Hand, daß Morgenstern in diesem Büchlein nicht im geringsten die Absicht hatte, das Horazische Werk zu "verspotten", dm Bezeichnung "satirisch" in bezug auf die frühen Oden der 1. Auflage wäre fehl am Platz. Zwar gibt es in der ersten Ode, Hoher Protektor und Freund, einige Pointen gegen Privilegierte des kaiserlichen Deutschland: Agrarier, Nutznießer der Kolonialpolitik. Geldmacher und Politiker, aber jene Anspielungen erscheinen recht harmlos. Morgenstern, der Student, hat seine Feder noch nicht in die Essigsäure der Satire getaucht, und deshalb nennt er den frühen Horatius travestitus humoristisch, (s. S. 558). Die Auswahl der horazischen Oden, die Morgenstern für sein Jugendwerk traf, ist kennzeichnend. Nicht Horaz der Satiriker oder der politische Propagandist und Verkünder der Ideen der augusteischen Erneuerung fesselte ihn, sondern der heitere Genießer, der Soldat der Venus, der Sänger des Weins und der Freundschaft, kurz, der Anakreontiker. Jedoch blieb in Morgensterns Übertragung wie in seinem Vorbild, vom Scherz übertüncht, das düstere, tragische Substrat, dem Horaz die liebenswürdigen Rezepte seiner Weisheit und seines Humors entnahm: Das Wissen um die Brü chigkeit des Lebens, um die Vergänglichkeit des Augenblicks, um das unentrinnbare Altern. Der Inhalt der I loraz-Dichtung ist also beibehalten worden. Thematisch entspricht jede Ode Morgensterns einer horazischen Ode. Der Unterschied besteht bloß in der Behandlung des Stoffs, in dieser Diskrepanz zwischen Form und Inhalt, die das Wesen einer Travestie ausmachen soll. In Horatius travestitus liegt aber diese Unangemessenheit nicht in einer grotesken Verzerrung, nicht in der Vergewaltigung und Verrenkung der Sprache und der Logik, wie man dergleichen in den ersten Galgenliedern antrifft, sondern vielmehr in einer zeitlichen und räumlichen Verschiebung, in der Verpflanzung der römischen Themen in die Berliner Gegenwart; aus ihr erwächst hauptsächlich die komische Wirkung. Die Modernisierung der horazischen Dichtung beschwört den burlesken Bankrott der griechisch-lateinischen Mythologie herauf: Gambrinus, der flandrische Schützherr der Brauer, löst Bacchus ab (11,19). Cupido, der göttliche Flügelknabe wird possenhaft zum Leutnant degradiert (111,12),5θ4 Kommentar der dionysische Rausch zur vulgären, torkelnden Betrunkenheit bagatellisiert (111,25), während sich das unbezwingliche Gesetz des Eros in Liebelei, Getändel und Poussaden verwandelt. Gerade diese frivole, nach Alkoholkonsum duftende Stimmung der Großstadt verwünschte 1911 der älter gewordene Dichter des sizilianischen Anhangs. Die berlinische Färbung verschwand. Was die Dichtung an Lokalfarbe verlor, gewann sie aber an ätzender Angriffslust. Die frühen Oden waren humoristisch, die neuen, wie Morgenstern in einem Brief an Amelie Morgenstern vom 17.7. 1911 bemerkte, sind zeitsatirisch, geworden. Für die frühen Oden besaß Morgenstern eine lateinische Vorlage. Für den Anhang erfand er einen Liber v, den Horaz nie geschrieben hatte. Dadurch verschaffte er sich eine viel größere Freiheit in der Wahl seiner Themen, eine geographische Breite, in welcher sich die Satire auf das wilhelminische Deutschland austoben konnte. Der Anhang erfüllt nämlich eine ähnliche Funktion wie mehrere Galgenlieder aus den Jahren 1911 — 1912. Er wird zu einer pazifistischen Tribüne, zu einem Gericht, vor dem die bürgerlichen Tiermörder aus Snobismus (v,5), die Kriegshetzer und Hurrapatrioten (v, 8), wie auch die Bismarckschw^ärmer (v, 11) vorgeladen werden. Selten im Werk Morgensterns erreicht die Satire aufdie kriegerische Politik W ilhelms π. eine beißendere Schärfe als in der seitdem berühmt gewordenen Ode: Lass sie Dreadnoughts bauen. Wie in dem frühen Horatius travestitus liefert hier der Anachronismus eine reiche Ausbeute an schnurrigen Einfällen. Oie Grenzen zwischen Antike und Gegenwart, zwischen Römertum und Deutschtum verwaschen sich ulkig (v, 5; v,i 7). Aus der Vermischung der Zivilisation der Maschine mit der Kultur der Vergangenheit versteht es der Dichter, eine burleske Wirkung zu erzielen (v, 17). Aber hinter der Komik steckt der Ernst einer Dichtung, die auch in künstlerischer Hinsicht weit über einen studentischen Bierulk hinausgeht. Seinem lateinischen Vorbild steht Morgensterns poetische Fassung an Präzision und Treffsicherheit, an Bündigkeit und Eleganz des Ausdrucks nicht nach. Auch dort, wo das schnoddrige Deutsch des Berliners durchklingt, wird es als zusätzlicher Reiz in den geschmeidigen Fluß der Sprache mit einbezogen. Diese Formvirtuosität ist von der Kritik einstimmig gelobt worden (s. S.gojff.). Sogar ein strenger Kommentator wie Alfred Liede äußert sich sehr positiv zu Morgensterns "luftigen Übertragungen": "Den Horaztravestien haftet in ihrer spielerischen Anmut und Grazie der Duft des Rokoko oder des besten Biedermeier an. Leichtigkeit und FeinheitHoratius travestitus 565 des Scherzes machen sie zu kleinen Kunstwerkehen [...]" (Dichtung als Spiel, Bd. 1, S. 291). Zu der sprachlichen und dichterischen Qualität dieser Dichtung gehört natürlich auch die meist mustergültige Beherrschung der antiken Versform, denn Morgenstern hat sich redlich bemüht — und es ist ihm fast ausnahmslos gelungen (darauf war er nicht wenig stolz) — das Versmaß des Originaltextes wiederzugeben und dort, wo eine Vorlage fehlte, wie etwa in mehreren Gedichten des Anhangs, alkäische, asklepiadeische, ja sapphische Strophenformen aus seiner deutschen Leier hervorzuzaubern. Es oblag unserem Kommentar, diesen technischen Aspekt von Morgensterns dichterischer Leistung nicht unberücksichtigt zu lassen. Dabei soll vielleicht daran erinnert werden, daß die antike Metrik "messend" verfährt, das heißt die Länge der Silben berücksichtigt, während die deutsche Metrik nach dem sogenannten "wägenden" Prinzip nur die Akzentuierung beachtet. Nach Hebungen (x) und Senkungen (x), also nach Betonungsunterschieden ist der deutsche Vers gebaut. Um ein Äquivalent für die antike Dichtung zu schaffen, ist deshalb der deutsche Dichter darauf angewiesen, die langen Silben (—) durch betonte (x) und die kurzen Silben (u) durch unbetonte (x) zu ersetzen. So einfach ist aber die Übertragung nicht, sie ist aus ersichtlichen Gründen nicht möglich, wenn in dem lateinischen Metrum drei lange Silben aufeinanderfolgen. Deshalb steht in unserem Kommentarteil der lateinischen Grundform das in der deutschen Dichtung entsprechende Versschema gegenüber. Die im folgenden, jeweils nach den Texterläuterungen wiedergegebenen Übertragungen der Horazischen Oden stammen aus: Horaz, Sämtliche Werke. Lateinisch und deutsch. Nach Kayser, Nordenflycht und Burger hrsg. v. Hans Färber. München: Heimeran 1967. Die Zählung der antiken Versmaße und Strophenformen erfolgt nach: Q. Horatii Flacci Opera, editit Fridericus Klingner. Leipzig: BSB B.G. Teubner 51970. S.jiqff.