Der häßliche Zwerg/Volltext
Ich wanderte, wer weiß, wie lange schon. Nun strich ich durch die Gassen einer Stadt, nun lief ich über Feld, durch Tannen nun, durchschwamm den Waldteich, ward von einem Frosch hinabgezerrt, betrat ein dunkles Haus, stieg seine Treppen, stieg und stieg, zuletzt erblickt’ ich mich auf einem hohen Berg, von dem ich mich an einem langen Seil in eine Felsenschlucht hinunterließ... Dort sah ich einen jungen Adler stehn, des Schwingenpaar ein grausam zwängender, zu einem Ring gebogner Pfeil umschloß. Wer bist du? fragt’ ich ihn. Er aber schwieg und sah mich nur voll trüber Trauer an und wandte sich und führte schweigend mich des Baches Bett hinauf, bis wo der Berg aus krausverschlungnen Höhlen es entließ. Ich kroch und watete. Ein Schein wie Blut umrann des Tropfsteins wunderliche Pracht und wuchs und wuchs, je mehr ich, nun allein, der Höhle zu ins Innre mich verlor. An einer Ecke endlich blieb mein Fuß wie angewurzelt stehn. Da saß ein Zwerg, wie ihn das Volk zum Nüsseknacken schnitzt und wenn es seine Kinder schrecken will, mit spitzen Augen, plattgedrückter Nas’, pechschwarzem Haar, schiefschultrig, klapperdürr, und einem teuflisch aufgefletschten Maul, darein er eine niegesehne Art blutroter Nüsse steckte und zerbiß. Und jedesmal, wenn krachend einer der herzförmigen Knackmandelkerne brach, durchfuhr es mich, als würd’ mein eigen Herz im Biß des mißgebornen Zwergs zerknackt. Und wieder stieß ich ein "Wer bist du?“ aus - da quoll ein Nebel auf und trug mich fort. Und ruh- und planlos irrt ich wie vorher. Und traf auf einem Steg ein junges Paar, das scheuen Blickes mich vorüberließ, und sah ein Weib aus einem Fenster sich aufs Pflaster werfen und dort endigen, und schritt durch einen Saal: da lag ein Mann, die Stirn am Marmorsarg der toten Braut. Und wieder stand des Adlers Bild vor mir, doch diesmal einer Psyche ähnlicher: Die lehnte schwermutvoll ihr blasses Haupt zurück auf ihre pfeilumfesselten, zu Tode matten, dunklen Fittiche.