Christian Morgenstern - Werke und Briefe - Kommentierte Ausgabe - Bd I - Lyrik 1887-1905 - Urachhaus 1988/In Phantas Schloß - Eine Einführung

Aus CMO

Der folgende Text entstammt dem Kommentarteil von SA Band I Lyrik 1887-1905, S. 732-748

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In Phantas Schloß

Einführung. Gedichte gemacht hat Christian Morgenstern seit seinen ersten Gymnasiastenjahren. Daß Dichten für ihn aber mehr war als ein heiteres Spiel, nämlich notwendiger Lebensausdruck aus schicksalhafter Berufung heraus, hat er bald empfunden. Sein Erstlingswerk In Phantas Schloss bedeutet jedoch noch etwas anderes: Es ist Zeugnis eines Durchbruchs jugendlich-schöpferischer Energien von außerordentlicher Intensität, wie er ihn in gleicher Heftigkeit vielleicht gar nicht wieder erlebt hat.

Ausgelöst w urde dieser Durchbruch durch zweierlei. Da ist zuerst das Erlebnis Nietzsche im Breslauer Winter 1893/94. Morgensterns Nietzsche-Lektüre war alles andere als ein reines Bildungserlebnis; das Erlebnis Nietzsche hatte für den jungen Dichter elementare Bedeutung. Morgenstern war bei seiner weichen, empfänglichen Natur zeitlebens für Einflüsse von außen offen. Jetzt war es der zwischen Pathos und Ironie schwankende Zarathustra-Ton, der seiner eigenen Art entgegenkam, so daß er sich als Jünger Nietzsches empfand; es war der tänzerische Übermut sowohl als das feierliche Firnenlicht, das in Nietzsches Hochgebirgsvisionen aufglänzt. Und es waren formal der dithyrambische Schwung, die hochgestimmte Hymnensprache und die freien Rhythmen, in denen er seine Empfindungen auszudrücken vermochte.

Das neben Nietzsche zweite auslösende Moment war das Künstler- und Literatenmilieu der Berliner Boheme, in das der junge Student 1894 mit einer leidenschaftlichen Glücksempfindung eintauchte. In dem Kreis der Brüder Hart, Bruno Willes. Otto Julius Bierbaums, Otto Erich Hartlebens, Paul Scheerbarts, Caesar Flaischlens u. a. wurde er mit offenen Armen aufgenommen. Hier fand er das, was seiner Natur entgegenkam: Freizügigkeit, Ungebundenheit, Leichtigkeit, Unbürgerlichkeit. Hier lernte er Konventionen abstreifen (auch die eines tradierten und erstarrten Kirchenchristentums), lernte sich ungezwungen bewegen und der muffigen Bürgerwelt mit übermütigem Spott begegnen. Und so konnte der Durchbruch einer überschäumenden und doch dichterisch geformten Lebenslust geschehen.

Von daher hat Morgensterns Erstling, so viel Mängel und Schwächen er im einzelnen haben mag, etwas von jugendlichem Charme und ursprünglicher Frische. Das hebt die Mängel nicht auf, trägt aber über sie hinweg.

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Den Berliner Großstadtsommer 1894 unterbrach Morgenstern im August durch einen Erholungsaufenthalt in dem Harzstädtchen Bad Grund. Die Berliner Beschwingtheit brachte er mit. Er trat in einem sogenannten "Dilettanten-Abend" mit dem Vortrag eigener Gedichte auf und erntete Applaus. Dort lernte er die ebenfalls debütierende, aus Ems gebürtige Sängerin Eugenie Leroi kennen. Morgenstern war schnell entflammt, und dieses Erlebnis war das letzte, unmittelbar auslösende Moment: In Bad Grund begann er im September 1894, wenige Tage nach Eugenies Abreise, mit den ersten Phanta-Gedichten, zunächst mit dem Prolog.

Bald darauf schossen mir eine Fülle von Ideen zu, weit, weit mehr, als Sie hier ausgefuhrt sehen (an Eugenie Leroi, 27.2.1895. Briefe. Auswahl (1952) S.63). Über Entstehung und Absicht seines ersten Buches äußert sich Morgenstern in einem Brief vom 12. Mai 1895 aus Berlin an Marie Goettling: Hier hast Du also mein erstes Buch. Ich begann es um die Wende August-September 1894 in Grund im W[est-]Harz, und Grund ist das winklige Städtchen, in dem ich, von den Höhen darauf herabblickend, in der Stimmung des Moments "ein Stück Vergangenheit" symbolisierte. Das Alte, was ich nicht mehr sagen will, ist jene Lyrik, welche sich heute langsam überlebt hat, weil in ihr schon alles klassisch gesagt ist: das Liebeslied in der bekannten Heineschen etc. Form... (Ich bin nicht gegen das "Liebeslied" - es muß nur auch so gesungen werden, daß es wieder selbständiger Gefühlsausbruch und nicht nur als die tausendste Wiederholung eines Schemas auftritt) (ich hatte nämlich damals gerade viel derartiges verbrochen)... das Schmachten und Sich-nicht-Losreißenkönnen aus Ideenlabyrinthen, an deren Pforte ich doch schon lange stand, kurz, das Halbe in mir- das wollte ich energisch zurückweisen -: darum die Zerstörung des Gewesenen und die erlösende Flucht zu mir selbst, in die Einsamkeit, in die Natur.

Fortgeführt und beendet hat er das Werk nach seiner Rückkehr in Berlin bis Weihnachten 1894 (vgl. Brief an Friedrich Gaus, s. u. S.741). Die Phanta-Dichtung ist ein ausgedehnter Komplex von Gedichten, Fragmenten, Entwürfen, von denen nur ein Teil in das Buch eingegangen ist. Einige schon vollendete Gedichte habe ich in das Ganze nicht aufgenommen, schreibt er im Februar 1895 an Eugenie (27.2.1895, s. o.). Aus der Masse des Verworfenen konnte so etwas wie ein Phanta-Folgeband zusammengestellt werden, der in unserer Ausgabe an das von Morgenstern veröffentlichte Buch anschließt. Das ist auch von Morgensterns Intention her zu rechtfertigen: offenbar hatte er eine Fortsetzung des Buches geplant. In T1902/03 1, Bl. 61 vermerkte er als Stichwort: Heimkehr. Eine Fortsetzung von In Phantas Schloss;

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in T 1911/12, Bl. 11 taucht der Gedanke noch einmal auf: Jetzt spricht er von einem II.Teil Wiederkehr oder Gottesträume und einem III.Teil, dem er, wenn die Eintragung richtig gedeutet ist, nach einem Versbuch von Julius Hart den alten lateinischen Titel Media in vita (Mitte des Lebens) geben wollte. Später scheint er den Titel Media in vita für eine eventuelle Auswahl aus Sommer, Kranz und Melancholie, die sich zwischen Auf vielen Wegen und Einkehr als harmonisches Bindeglied stellen würde, reservieren zu wollen (T 1911/12, Bl. 73). In einem Briefentwurf (vermutlich an Piper), enthalten in T 1910 IV. Bl. 25, sieht er allerdings von einer Vermehrung des Textbestandes ab: Phanta wird nicht zu erweitern sein. Erscheint es dennoch in einer wesentlich neuen Redaktion: Honorarverhältnisse wie bei Horaz.

Das Buch führt den Untertitel Humoristisch-phantastische Dichtungen. Die Phantasie erscheint personifiziert. Sie ist zugleich so etwas wie eine Naturgottheit, ein kosmisches Wesen und die Muse des Dichters. (Ob Morgenstern Rückerts Verse "Phantasie, das ungeheure Riesenweib. / saß zu Berg" aus der Parabel "Die Zwei und der Dritte" gekannt hat, ist eine Frage, die den Motiv-Forscher angeht.) Schalkhaft nimmt er das Wort auseinander in zwei Bestandteile des Namens: Phanta Sie, so als träte zum Vornamen ein Nachname hinzu. Eppelsheimer interpretiert die Benennung Humoristisch-phantastische Dichtungen als fröhliche Dichtungen. setzt sie in Analogie zu Nietzsches "Fröhlicher Wissenschaft" und betont ihre Grundhaltung einer dionysischen Lebensbejahung und Weltliebe (S. 150). Das Buch erscheint ihm (S. 140) "wie e)in vorweggenommener Penegal-Einfall" (s. Anm. zu Der vergessene Donner S. 858 f..

Bei alledem darf man nicht außer acht lassen, daß in Morgenstern von früh an so etwas wie ein pantheistisches Weltgefühi lebendig war, und so deutet Michael Bauer zweifellos richtig, wenn er von "übermütigen Vermenschlichungen" spricht, durch die "die Welt in die Heimat des Menschen" umgedichtet werde (S. 82).

Kommen wird eine Zeit, da wir wieder Poly- und Pantheisten werden, da der Mensch in die entgöttlichte Welt wieder sich selber hineintragen wird, da die Außenwelt ganz Innenwelt geworden sein wird. Und dann werden wieder die Saiten der Menschheitslyren in Dithyramben aufklingen von einer Weihe und Größe, wie sie selbst von den höchsten religiösen Poesien der Vergangenheit nicht erreicht worden sein werden (T 1894/95, Bl. 71· Abt. Aphorismen Nr. 1322).

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Morgenstern spricht in seinem Tagebuch von einer Durchgeistigung der Realität, einem künstlerischen Polytheismus (T 1894 II, Bl. 117). Er betrachtet es als Aufgabe kommender Geschlechter, neue Mythen zu schaffen, und wir wollen ihnen schon jetzt vorarbeiten (T 1894 II. Bl. 121, Abt. Aphorismen Nr. 412; vgl. auch Nr. 315). Am 23.11.1895 schreibt Morgenstern an seine Cousine Clara Ostler von einer pantheistischen Lyrik, die den großen Zusammenhang zwischen Mensch und Universum [... ] wieder herzustellen imstande wäre (Briefe. Auswahl (1952) S.72).

Ist die nicht ganz überzeugende Mythisierung der Phantasie mehr aus Morgensterns Spieltrieb hervorgegangen, so steckt doch hinter der Dichtung ein Lebensproblem, das Michael Bauer des Dichters "Urerlebnis" nennt: die Frage und Suche nach der eigenen Identität, ein Schweifen durch die schwindelerregende Unendlichkeit des Kosmos, das ihm die Erfahrung bringt, daß der Weg zu sich selber der Weg durch das All ist: Hinter den Sternen bin wieder ich (T 1894/95, Bl. 1O1).

Den "kosmischen Schwindel" hat Morgenstern in einem Experiment seiner Primanerzeit erlebt, als er versuchte, mit seinem Wesen in die kosmische Allmacht einzutauchen, aber nach dem hochgestimmten Aufschwung erschreckt und zugleich getröstet zur mütterlichen Erde zurückflüchtete (T 1907/08, Bl. 1f., Abt. Aphorismen Nr. 154).

In der Frage der halb ironischen Mythisierung des Weltalls kam es kurz nach dem Erscheinen der Phanta zu einer kleinen freundschaftlichen Briefkontroverse zwischen Morgenstern und seinem Freund Max Osborn, bei der es um die Frage der Priorität ging. Otto Erich Hartleben, zu dessen Berliner Kreis Morgenstern gehörte, hatte den (später von Arnold Schönberg vertonten) Gedichtband "Pierrot Lunaire" von Albert Giraud ins Deutsche übersetzt und 1893 im „Verlag Deutscher Phantasten“. Berlin, erscheinen lassen. Das dem Buch eingedruckte Erscheinungsjahr entspricht der üblichen Vordatierung, denn der Druckvermerk lautet 1892. Max Osborn bemerkte nun eine auffallende Ähnlichkeit beider Gedichtbücher, was er Morgenstern gegenüber äußerte. In der Tat frappiert die gleiche Art geistreich-ironischer Mythisierung, wie sie vor allem in den Mondgedichten beider Bücher zum Ausdruck kommt. Wie bei Morgenstern wird bei Giraud am Himmel "gekocht". Bei Morgenstern hat Pan eine Köchin, bei Giraud ist die espritgeborene Gestalt des Pierrot Lunaire der Koch. Der Mond ist eine Omelette, die Sonne gleicht einem Riesen-Eidotter; bei Morgenstern erscheint eine Schüssel mit Rotkohl an die Messingwand des Abendhimmels geschleudert. Vergleichbar ist das

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Groteske mancher Vorstellungen: bei Morgenstern schleicht eine große schwarze Katze über den Himmel, bei Giraud wird ein Schädel als Kopf einer Tabakspfeife benutzt. Was Osborn vermutlich nicht wissen konnte: die halb spitzbübische, halb sentimentale Naturgottheit des Pierrot Lu-naire findet eine Entsprechung in Morgensterns Weltkobold, der aber in dem Phanta-Buch noch nicht vorkommt, sondern damals nur in Morgensterns Tagebüchern lebte (vgl. Einführung zu Der Weltkobold S.923ff.).

Morgenstern hat in seinem Antwortbrief an Osborn die frappante Ähnlichkeit bestätigt, gab aber zugleich sein Wort und die heilige Versicherung, daß alle in Betracht kommenden Phanta-Gedichte fertig geschrieben waren, ehe er durch Zufall von Girauds Buch Kenntnis erhielt. Er war darüber sehr verstimmt, berief sich aber darauf, daß man solche Fälle vielfach kennt (Briefe. Auswahl (1952) S.67f.).

In Morgensterns Worte ist kein Zweifel zu setzen. Die Bemerkungen in T 1894 I, Bl. 125 Der Abend-Himmel sah aus als ob man eine Schüssel Blaukohl darüber geschüttet hätte und Mond ein Bumerang berechtigen zu dem Schluß, daß originale Erlebnisse Morgensterns vorliegen. Auch Osborn bemerkt großzügig, daß "es kaum eines Wortes der Erläuterung zu diesem Briefe" bedürfe.

Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist. daß ein feinfühliger und geschmackssicherer Beurteiler wie Josef Hofmiller die Verwandtschaft zwischen beiden Büchern gespürt hat. Hofmiller schrieb für die von Michael Georg Conrad herausgegebene Zeitschrift "Die Gesellschaft", an der später Morgenstern selbst mitarbeitete, im Oktoberheft 1895 eine Rezension von In Phantas Schloss und sprach dort kritisch die Vermutung einer Beeinflussung aus: "Ich vermute [...], daß weniger Nietzsche bei diesem amüsanten Buche Gevatter gestanden, als vielmehr Pierrot Lunaire [...]" ("Die Gesellschaft" 11 (1895) Bd.2, S. 1400).

Daß sich in die ernsthaftesten Intentionen Morgensterns bisweilen eine augenzwinkernde Schelmerei oder auch eine groteske Verzerrung einschleicht, gehört zu seinem Wesen von Anfang an und ist keineswegs mit dem von Alfred Liede (Dichtung als Spiel. Studien zur Unsinnspoesie an den Grenzen der Sprache. Bd. 1. Berlin 1963, besonders S. 297) festgestellten Einfluß Heines und dessen Gefühlsgebrochenheit erklärbar. Hei -nes Einfluß ist zweifellos vorhanden und wurde auch von Morgenstern zugegeben (Antwortbrief an Osborn vom 8.8.1895). Zu Morgensterns Überzeugung gehörte es jedoch, daß im Humor der Ernst jederzeit mit-

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verstanden werden müsse. Im Hegelschen Sinne sieht er das eine im anderen "aufgehoben", was eben bedeutet "mit enthalten", aber nicht, daß das eine das andere ausschließt. Schon in T 1892/95, Bl. 14 lehnt er die vulgäre Auffassung ab, daß etwas Humoristisches allzeit identisch mit etwas Lachenerregendem sein müsse (Abt. Aphorismen S. 485), und in T 1895, Bl. 102 findet sich die Metapher Das Lachen des Meeres: der weiße Schaum auf dem dunklen Untergrund und dazu die Deutung: So ist alles Lachen. In T 1894 II, Bl. 112 hat er eine Definitionsformel für Humor notiert: Ein durch unendlichsten Schmerz jubelndes Jasagen zu dieser Welt (Abt. Aphorismen Nr. 1746 und 15).

Am 12. Mai 1895 schrieb Morgenstern an Marie Goettling: Es ist noch viel Jugendgedanken-Ballast in dem Werkchen und es ist eine erste Stufe hinauf in die goldene Sonnenwelt des Humors. Humoristisch es zu nennen war mehr die Grille meines Verlegers als meine Absicht. Nun mag es aber stehen bleiben -: das Ganze ist doch von einem unleugbaren Humor getragen. Im T 1894/95, Bl.·1 bezeichnet er seine Phanta-Dichtung als Scherzo pense-roso und will damit nichts anderes ausdrücken als die Symbiose von ausgelassener Heiterkeit und ernster Gedankentiefe.

Der jugendlich-frühlingshafte Elan der Phanta-Dichtung wird in einem später entstandenen Vierzeiler betont:

"Phanta" und sein Publikum

Frühling ist mein Erstgedicht
sorglos Keimen, Sprießen!
Brüder, ihr versteht noch nicht
Menschen zu genießen.

(s. o. S. 66)

Die letzte Zeile korrespondiert mit derjenigen des Mottos: Habt auch Unschuld zum Genießen!

Noch 1910 (T 1910 II, Bl. 7) notiert Morgenstern als ein mögliches Motto zu seinem ersten Buch das Wort des Baccalaureus im 2. Akt von Faust n: "Dies ist der Jugend edelster Beruf -" (Vers 6793), nämlich die Welt aus eigener Kraft und Selbstherrlichkeit neu zu erschaffen. Derselbe Gedanke taucht in einem Brief vom 25. Februar 1895 an Eugenie Leroi auf: [...] daß die Welt, unser Königreich, wieder Unser Eigen werde, durch-geistigt und gleichsam wiedergeboren und neu erschaffen [werde] aus der Seele jedes Einzelnen. (Briefe. Auswahl (1952) S. 62)

Zunächst und von außen gesehen gibt Morgenstern in seinem Buch

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Kenntnis von dem rauschhaften Überschwang und Übermut der Jugend: Sei’s gegeben, wie’s mich packte.

Das Sich-absurd-Gebärden ist aber eine Durchgangserscheinung, kein End-oder Dauerzustand. Morgenstern hat das bald empfunden. Er überlegte verschiedene Motti zum Phanta-Buch, so auch dieses: Mihi ipse. Verordnet als Heiltrank gegen künftige Phantasie-Räusche (T 1894 I, Bl. 14, vgl. auch S. 746), und noch bevor das Buch gedruckt war, schreibt er der befreundeten Marie Goettling (13.10.1894. Briefe. Auswahl (1952) S. 58): Ich denke an dieses kleine Werk schon fast wie an eine überwundene Sache [...] Ach, wie ist das Leben schön, wenn man fühlt, daß man immer noch höher steigen wird und in T 1894 II, Bl. 120, allerdings bezogen auf die Sinnfunktion des Epilogs: Das ist nun überwunden. Auf zu neuen besseren Geistestaten.

Eine Äußerlichkeit ist bemerkenswert: Morgensterns erstes Versbuch ist das einzige, in dem er alle Verszeilen mit Versalien beginnen läßt. Schon vom zweiten Buch an und dann ausschließlich bekennt er sich nach Dehmels bewundertem Vorbild zu Versanfängen mit kleinen Buchstaben, eine Gepflogenheit, die in der neueren Lyrik nicht mehr wegzudenken ist. Die Richtigkeit dieser Entwicklung sei hier nicht diskutiert, doch sei Morgensterns Auffassung mit einer Tagebuchstelle T 1897/98, Bl. 12) belegt: Die kleine Letter am Versanfang und die symmetrische Ordnung der Verszeilen eingeführt zu haben, ist ein größeres Stilverdienst Dehmels, als man heute glauben mag. Es sind zwei Großtaten des guten Geschmacks. An dieser Stelle sei bemerkt, daß das Entstehungsjahr undatierter Morgensternscher Gedichte zu bestimmen nicht immer einwandfrei möglich ist: auch und gerade die zeitliche Zuordnung durch Margareta Morgenstern ist gelegentlich unzuverlässig. Ein Kriterium ist, abgesehen von der Schriftform selber, der Gebrauch von Versalien am Versanfang. Versalien finden sich auch in Morgensterns Manuskripten bis zum Jahre 1895 ausschließlich. Ab 1896 und auch noch 1897 beginnt in der Handschrift der Gebrauch zu schwanken. Wahrscheinlich wollte der Dichter jetzt nur noch die Kleinschreibung am Versanfang anwenden, fiel aber aus alter Gewohnheit gelegentlich wieder in die traditionelle Großschreibung zurück. Später hat sich auch in seiner Handschrift die Kleinschreibung durchgesetzt.

Gewidmet hat Morgenstern das Buch Dem Geiste Friedrich Nietzsches; er schickte ein Exemplar am 6. Mai (seinem Geburtstag) 1895 mit einem verehrungsvollen Schreiben der Mutter des Philosophen zu.

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Die Resonanz in der literarischen Öffentlichkeit war nicht schlecht. Das Buch fand mannigfache Zustimmung. Besonders warmherzig und nachdrücklich äußerte sich der junge Rilke in Versen:

"Du Glückskind, wetten will ich fast,
daß Du die Taschen voller Sterne,
die Seele voller Jubel hast,
[···]
Du wundersamer Märchenprinz!..."

(undatierter Brief an Μ)

Ablehnend verhielt sich der Kunst- und Musikschriftsteller Oskar Bie, seit 1895 leitender Redakteur der "Freien Bühne", der späteren "Neuen Rundschau", dem Morgenstern am 26.1.1896 temperamentvoll entgegenhielt: Glauben Sie denn, mir wollte bei dieser karnevalistisch freien Phantasie etwas "Literarisches" gelingen? - Ich wollte da Verschiedent-lichstes mit einem guten Lachen loswerden, ich wollte einmal eine halbe Stunde Narr sein und zum Narren halten. Je toller desto besser. [...] Man muß mittanzen von A bis Z. (Briefe. Auswahl (1952) S. 77f.) Unsachlicher Kritik an seinem Erstlingswerk ist Morgenstern mit ironischer Schärfe entgegengetreten. Ausdrücklich auf das Phanta-Buch bezogen ist der Vierzeiler, der sich maschinengeschrieben auf einem nicht datierten Blatt findet:

Ad Phantas Schloss

Ein Herrchen mich belehren kam,
was mein - und zum Vergleich - des Meisters Wesen.
Und dann gesteht es ohne Scham:
"Ich hab noch nie ein Wort von ihm gelesen."

(s. o. S. 116)

Die grotesken Pan-Phantasien spielte Freund Kayssler mit. Am 2. März 1897 sandte er an Morgenstern ein Gedicht, das wir hier mit dem Begleittext wiedergeben: "Lieber Autor, Herzlichen Dank für Ihre liebe Sendung. - Soeben schickt mir Phanta vorliegendes Stückchen. Sie bittet mich, es Ihnen zukommen zu lassen, da sie Ihre augenblickliche Adresse nicht kennt (- ich will Sie damit nicht beleidigen). Sie hat damals vergessen, es Ihnen zu erzählen, als Sie nachts mit ihr spazieren gingen. Mit der Hochachtung, die Sie kennen, einer, der sich Feuer vom Himmel geholt hat, also Quasiprometheus."

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