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Einleitung

Aus tausend Bechern trinkt der Dichter den Wein der Welt.
Christian Morgenstern
(T 1894 II, Bl. 122)

Morgensterns Entwicklung als Lyriker

Christian Morgenstern war seiner dichterischen Natur nach Lyriker, und nichts als das. Die Epik war nicht sein Gebiet; erzählerische Fülle, fest umrissene und ausgeprägte Gestalten von Eigenart wird man vergeblich bei ihm suchen. Der Ansatz zum Erzählen verebbt bei ihm sofort in Bildern, Stimmungen, Reflexionen; kurz: in Lyrismen. In T 1898/99 I, Bl. 86 gesteht er selbstkritisch:

Ich habe offenbar nicht viel vom Erzähler in mir,

und als sein

größtes dichterisches Manko

bezeichnet er den

Mangel an Kompositionstalent. Stimmungen waren von jeher meine Force, schreibt er am 11.11.1893 an Marie Goettling,
Gedanken und Stimmungen sind mein Element am 31.8.1894 an Kayssler

- das aber charakterisiert den Lyriker. Kaum hat er mit einem Roman begonnen, muß er kapitulieren und zugeben, der Faden der Handlung sei ihm ausgegangen;

die ist überhaupt meine schwache Seite (11.11.1893 an Marie Goettling),

und

eine Woche später an Friedrich Kayssler: Es ist eben keine Handlung darin (18.11.1893).

Daß der geplante Roman nicht zur Ausführung kam, zur Ausführung kommen kοnnte, hat also tiefere Gründe und ist nicht oder doch keineswegs allein durch sein physisches Leiden oder die relativ kurze Lebenszeit zu erklären. (Zu Morgensterns Romanplänen vgl. auch Abt. Episches.)

Auch wo sich Morgenstern auf dramatisches Gebiet begibt (und er hat es getan), fällt sofort trotz oft lebendiger und schlagkräftiger Dialoge der Mangel an zielstrebig-gespannter Handlung auf, und die Neigung zum Atmosphärischen und zur Reflexion überwiegt auch hier. Als der Dichter mit einem dramatischen Plan beschäftigt war, warnte ihn

Friedrich Kayssler (am 13.6.1902): "Hüte dich vor dem Übermaß von Gedankeninhalt auf Kosten der dramatischen Handlung."

Wie sehr anfangs bei ihm alles im Ungewissen schwankte, zeigen einander widersprechende Äußerungen. Einmal glaubt er

das Dramatische als sein eigentliches Zukunftselement

entdeckt zu haben (26.5.1904 an Kayssler), dann wieder muß er dem Freund gestehen:

Ich bin eben kein Dramatiker (14.9.1906).

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