Zur Textgestalt der Stuttgarter Ausgabe

Aus CMO

Publikationslage zu Lebzeiten

Als Christian Morgenstern am 31. März 1914 im 43. Lebensjahr starb, war weniger als die Hälfte seines Werkes öffentlich zugänglich. In Buchform erschienen zu Lebzeiten ausschließlich schmale Lyrikbände:

  • In Phantas Schloss (1895),
  • Horatius Travestitus (1895)
  • Auf vielen Wegen (1897)
  • Ich und die Welt (1898)
  • Ein Sommer (1900)
  • Und aber ründet sich ein Kranz (1902)
  • Galgenlieder (1905)
  • Melancholie (1906)
  • Palmström (1910)
  • Einkehr (1910)
  • Ich und Du (1911)
  • Wir fanden einen Pfad (1914).

Daneben veröffentlichte Morgenstern rund 115 Kunstkritiken, Rezensionen, Glossen sowie kultur- und literaturkritische Essays. Diese erschienen teils unter wechselnden Pseudonymen in 21 Zeitschriften und Periodika, die heute weitgehend vergessen sind. Sein umfangreiches kritisches Werk blieb daher mit wenigen Ausnahmen unbeachtet.

Weitere Gedichte erschienen verstreut in Zeitschriften und wurden nicht in die Lyrikbände aufgenommen. Ein erheblicher Teil des Werks blieb ungedruckt, darunter nahezu vollständig die Aphorismen, epischen und dramatischen Texte sowie die umfangreiche Korrespondenz mit Zeitgenossen.

Nachlass und frühe Editionen

Aus dem umfangreichen Nachlass veröffentlichte Morgensterns Frau Margareta Morgenstern bis zu ihrem Tod 1968 mehrere Teilsammlungen. Diese erschienen in wechselnden, sich überschneidenden Gruppierungen und enthielten sowohl unveröffentlichtes als auch bereits gedrucktes Material.

Diese Publikationen trugen wesentlich dazu bei, Morgenstern als Dichter, Aphoristiker und Briefautor sichtbar zu machen. Die Editionslage blieb jedoch problematisch: Die Auswahlen erfolgten ohne durchgängiges editorisches System und wiesen teils erhebliche Ungenauigkeiten, Übertragungsfehler und Texteingriffe auf. Alle späteren Leseausgaben waren zwangsläufig an diesen Zustand gebunden, da ein Abgleich mit den Handschriften nicht möglich war.

Der handschriftliche Nachlass

Den Kern des Nachlasses bilden 50 erhaltene Tagebücher (T), die Morgenstern seit 1887 führte. Sie enthalten Ideen, Skizzen, Pläne und Entwürfe zu Gedichten, Aphorismen, Essays und Briefen. Sie dokumentieren eine stark spontane Arbeitsweise und die Bevorzugung kurzer, geschlossener Formen.

Langfristige Projekte wie große Romane oder ein fünfaktiges Drama (z.B. Savonarola) blieben Fragment. Auch die zyklische Dichtung Symphonie (Aphorismen Nr. 1724ff.) gehört in diesen Zusammenhang.

Weitere Bestandteile des Nachlasses sind:

  • über tausend meist undatierte lose Blätter mit ähnlichem Charakter wie die Tagebücher,
  • sechs Notizbücher (N) mit kalendarischen Einträgen,
  • rund 2300 Briefe (B) von und an Morgenstern.

Alle diese Quellen wurden für die Stuttgarter Ausgabe vollständig neu gelesen, transkribiert und ausgewertet.

Editionskonzept

Herausgeber und Verlag entschieden sich gegen eine streng historisch-kritische Gesamtausgabe. Eine solche hätte die vollständige Wiedergabe aller Handschriften, Entwürfe und verworfenen Fassungen erfordert und die Publikation um Jahrzehnte verzögert.

Stattdessen wurde eine kommentierte Werkausgabe (Studienausgabe) gewählt. Sie verbindet textphilologische Grundsätze mit sachbezogener Kommentierung. Ziel ist ein authentischer Text ohne vollständige Variantenapparate, bei größtmöglicher Vollständigkeit des Werkes, jedoch ohne Abdruck belangloser Fragmente.

Aufgenommen wurden:

  • alle zu Lebzeiten Morgensterns publizierten Texte,
  • alle von Margareta Morgenstern und anderen Herausgebern veröffentlichten Texte,
  • zusätzlich unveröffentlichte Nachlasstexte mit geschlossenem Werkcharakter.

Vorstudien, Fragmente und Entwürfe (Paralipomena) werden im Kommentarteil dokumentiert. Varianten werden nur bei sinnerweiternden oder bedeutungsverändernden Abweichungen berücksichtigt.

Aufbau und Anordnung

Die Ausgabe trennt strikt zwischen:

  • von Morgenstern selbst veröffentlichten Werken,
  • nachgelassenen Texten.

Innerhalb dieser Teile erfolgt die Anordnung überwiegend chronologisch, unter Berücksichtigung vom Autor festgelegter Reihenfolgen (z.B. bei Zyklen). Einführende Kommentare erläutern Werkzusammenhang, Entstehung und Textlage.

Textgestaltung

Die Textwiedergabe folgt wissenschaftlichen Editionsprinzipien mit Anpassungen an heutige Lesegewohnheiten:

  • einheitlicher Antiquasatz,
  • Hervorhebungen durchgehend gesperrt,
  • Orthographie moderat modernisiert unter Wahrung des Lautstands,
  • Interpunktion in Drucken unverändert, in Handschriften vorsichtig ergänzt.

Zusätze des Herausgebers stehen in eckigen Klammern. Bei handschriftlichen Texten bleiben eindeutig sichere Ergänzungen unmarkiert; unsichere Lesungen erscheinen in [ ] bzw. [?].

Kommentar, Varianten und Zeichen

Morgenstern-Zitate im Kommentarteil erscheinen in Kursivdruck, Werktitel in Kapitälchen. Fremdzitate und sonstige Titel stehen in Anführungszeichen.

Zu jedem Text wird unter Überlieferung Herkunft und Datierung angegeben. Fehlt ein Handschriftennachweis, ist kein Manuskript erhalten, und der Erstdruck wird genannt.

Textvarianten werden entweder vollständig oder nach Lemma-Schema dokumentiert. Auslassungen durch den Herausgeber sind mit [...] gekennzeichnet.

Seite Zeile Textstelle (Lemma)] Variante (Lesart) Fundort
179, 25 ein Fürst] Wilhelm II. T 1908/09 I, Bl. 111

190,19 Wie sehr bedarf doch der Mensch] Was für ein träges ungeistiges Tier ist doch noch der Mensch und wie sehr bedarf es T 1906/07, Bl. 128.

Editionszeichen.
[ ] Zusätze des Herausgebers
[?] Am Schluß einer unsicheren Lesung
[...] Vom Herausgeber weggelassen
[Textlücke]   Kennzeichnung einer Lücke im Text
[bricht ab] Text bricht ab
< > Von Morgenstern gestrichen.

Abkürzungen

T Tagebuch
N Notizbuch
B Brief
a.a.O. am angegebenen Ort (Rückverweis auf einen früheren Beleg)
Abt. Abteilung
Bd. Band
dsgl. desgleichen
ebd. ebenda (bezieht sich auf den unmittelbar vorhergehenden Beleg)
f./ff. nächstfolgende/mehrere folgende
H. Heft
Hrsg./hrsg. Herausgeber/herausgegeben
Jg. Jahrgang
Nr. Nummer
Rez. Rezension
S. Seite
Schr. v. Schreiben vom (folgt Datum)
Sp. Spalte
Verf. Verfasser
vgl. vergleiche
zit. zitiert
Zs. Zeitschrift

Anmerkung CMO

Der ursprüngliche Text entstammt der Stuttgarter Ausgabe - Band I, S. 675, 676, 677, 678, 679, 680, 681, 682 und wurde vom Herausgeber Martin Kießig verfasst.

Um die Lesbarkeit zu verbessern habe ich mit Hilfe von ChatGPT den Text gestrafft und strukturiert.