Einleitung zur Galgenpoesie: Unterschied zwischen den Versionen
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und Schlachtgesang haben wohl Kritiker dazu veranlaßt, in der Sprache selbst den eigentlichen Ursprung nicht nur der früheren, sondern aller Galgenlieder zu suchen. | und {{Kap|Schlachtgesang}} haben wohl Kritiker dazu veranlaßt, in der Sprache selbst den eigentlichen Ursprung nicht nur der früheren, sondern aller Galgenlieder zu suchen. | ||
Aber neben der Konzeption der Galgenpoesie als Produkt der Sprachphantasie, als »Sprachspielwelt« (Leo Spitzer und Jürgen Walter) gibt es eine andere Orientierungsmöglichkeit, auf die Morgenstern selbst hingewiesen hat. Für ihn war die Galgenpoesie eine Erlebnisdichtung, d. h. daß jedes einzelne Gedicht, so schrieb er, [...] durchaus als »Gelegenheitsgedicht« in Goetheschem Sinne aufgefaßt werden darf ( | Aber neben der Konzeption der Galgenpoesie als Produkt der Sprachphantasie, als »Sprachspielwelt« (Leo Spitzer und Jürgen Walter) gibt es eine andere Orientierungsmöglichkeit, auf die Morgenstern selbst hingewiesen hat. Für ihn war die Galgenpoesie eine Erlebnisdichtung, d. h. daß ''jedes einzelne Gedicht'', so schrieb er, <nowiki>[...]</nowiki> ''durchaus als »Gelegenheitsgedicht« in Goetheschem Sinne aufgefaßt werden darf'' ({{TBl|1911-12|140}}). Sobald man die Galgenlieder so versteht, erhalten sie einen ungeahnten Sinn. Die humoristische Lyrik erscheint als der verzerrende Spiegel, in dem die inneren Spannungen, die Hemmungen und Ängste des Dichters reflektiert werden. Der Humor erfüllt eine schützende Vunktion. Er karikiert die lyrische Sprache, um deren emotionelle Wirkung zu zerstören. Eine wesentliche Triebfeder der anfänglichen Galgenpoesie ist der Kampf mit dem Affekt. Nirgendwo erweist sich vielleicht der Begriff der Erlebnisdichtung aufschlußreicher als in den Galgenliedern, die 1898 und 1899 in Norwegen entstanden sind. Darin tauchten neue Motive auf: das Motiv des schmachtenden Liebespaars ({{Kap|Die beiden Flaschen}}) oder der Hochzeit ({{Kap|Die Hochzeit der Dinge}}), das Motiv der Ehe ({{Kap|Die beiden Esel}}) oder der Familie ({{Kap|Der Nachtschelm und das Siebenschwein}}). Ein Dutzend Galgenlieder, die in Norwegen oder nach dem norwegischen Zwischenspiel entstanden waren, kreisen um das Zentralproblem der Heirat oder der verratenen Liebe ({{Kap|Igel und Agel}} und {{Kap|Bim, Bam, Bum}}). Sie sind bittere Zeugnisse des gescheiterten Liebesidylls mit Dagny Fett, Bruchstücke einer maskierten Konfession. | ||
Diesen bekenntnishaften Charakter verloren die Galgenlieder in den folgenden Jahren, in denen übrigens die humoristische Produktion stark nachließ. Die Erlebnisdichtung wurde zur Gedankenlyrik. Eine meist | Diesen bekenntnishaften Charakter verloren die Galgenlieder in den folgenden Jahren, in denen übrigens die humoristische Produktion stark nachließ. Die Erlebnisdichtung wurde zur Gedankenlyrik. Eine meist | ||
pessimistische Anschauung über das Leben bildete den Ausgangspunkt des poetischen Spiels. Die Weltanschauung des Dichters hatte sich | pessimistische Anschauung über das Leben bildete den Ausgangspunkt des poetischen Spiels. Die Weltanschauung des Dichters hatte sich verdüstert. Gedichte wie {{Kap|Das Lied vom blonden Korken}} oder das rätselhafte, schopenhauerisch anmutende {{Kap|Wer denn}}? waren wohl Früchte der Skepsis oder des Nihilismus. Die humoristische Dichtung spiegelte die seelische und geistige Verwirrung eines Menschen wider, der den festen Halt des Idealismus seiner Jugend verloren hatte ({{Kap|Die Weste}}, {{Kap|Der Purzelbaum}}). | ||
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=== 2.Schaffensperiode (1905— 1908) === | |||
Anfang November 1905 überwand Morgenstern diese Zeit des Grübelns und Zweifelns. Der nun zum Mystiker gewordene Dichter entdeckte die Grundeinheit von Gott und Welt, von Gott und Mensch. Die folgenden Jahre widmete er der Reifung dieses ''ungeheuren Gedankens'' (B an Kayssler, 14.9.1906) und arbeitete eine »theomonistische« Konzeption des Alls aus, die schon zum Teil in dem Pantheismus seiner Jugend vorgebildet war. Die neugewonnene Einstellung zum Leben versuchte Morgenstern durch die Formel ''heitere Skepsis'' zu definieren (B an Luise Dernburg, 23.2.1906). Damit bezeichnete er eine ganz andere Skepsis als die nihilistische Weltanschauung der vorigen Jahre. Er meinte den ''Geist des Allumfassens, Alldurchdringens, des Glaubens an nichts und alles, und zwar zugleich an restlos nichts und an restlos alles.'' (ebd.) ''Alles wesentlich, alles unwesentlich'' (s. Abt. Aphorismen Nr. 1560). Von dem Standpunkt des Unendlichen aus ist der Tod der endlichen Kreatur eine lächerlich unbedeutende Episode, deren Ursache selbst nur lächerlich unbedeutend sein kann ({{Kap|Der zarte Greis}}). Die Angst vor dem Tode war von Morgenstern gewichen. Dementsprechend wechselte das Bild der Galgenwelt. Das Tageslicht drang in ihren Bereich ein und verscheuchte die Gespenster und die Ungeheuer. Dort, wo die theriomorphen Motive noch erschienen, standen sie nicht mehr mit der Angst in Zusammenhang, sondern erfüllten eine satirische Funktion — so zum Beispiel in {{Kap|Der Hecht}} oder {{Kap|Das Huhn}} — oder spielten die Rolle von grotesken Ornamenten im Dienste einer höheren Bedeutung. Denn zwangsweise mußte das geistige Erlebnis von Birkenwerder in den Galgenliedern seinen Niederschlag finden. Nicht etwa, daß Morgenstern darin seine Bekehrung zu einer mystischen Weitsicht grotesk inszeniert hätte (außer vielleicht in {{Kap|Der Konvertit}} oder {{Kap|Der Gingganz}}), sondern die philosophische und religiöse Meditation klang in der humoristischen Dichtung nach. Durch eine Art Resonanz tauchten in den Galgenliedern Motive auf, die aus der Lektüre der Bibel und insbesondere des Johannes-Evangeliums stammten, so zum Beispiel das Motiv der Sintflut in {{Kap|Der Sündfloh}} oder das des Wunders in {{Kap|Der Hecht}} oder {{Kap|St. Expeditus}}. Die Galgenpoesie umspielte, in Anlehnung an Kant und Schopenhauer, metaphysische Probleme, das Problem des Dings an sich ({{Kap|Der Meilenstein}}. {{Kap|Das Grab des Hunds}}) oder das Problem des Bösen wie in {{Kap|Das Löwenreh}}. ''Anthropomorph ist und muß »alles« bleiben'', notierte Morgenstern in einem Aphorismus ({{TBl|1907-08|5}}, Abt. Aphorismen Nr. 1598); das Galgenlied {{Kap|Der Würfel}} greift diese Betrachtung auf, | |||
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Version vom 9. September 2026, 19:36 Uhr
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Zur Entstehung der ersten Galgenliedersammlung
Im Gegensatz zu Morgensterns Erstlingswerk , das frische Bergluft umweht, sind Horatius travestitus und die ersten Galgenlieder echte Großstadtkinder. Sie sind es aber auf unterschiedliche Weise. In Horatius travestitus ist die Bonvivant-Atmosphäre, die heitersinnliche Stimmung des Berliner Lebens mit horazischem Epikureertum und Tiefsinn durchsetzt. In den ersten Galgenliedern dagegen erscheint das Berliner Element unvermischt, in purem Zustand, ungreifbar (hier fehlt die Berliner Lokalfarbe gänzlich), aber wesenhaft. Denn ohne die belebende, geistanregende Atmosphäre Berlins, ohne das Klima zerebraler Erregung und schöpferischer Stimmung, das die Berliner Boheme schuf, ohne die dort heimische Mischung von gallischem Esprit, grobem Witz und trockenem märkischem Humor, ohne dies alles wäre der Galgenbund nicht entstanden.
Was aber war der Galgenbund? Wie der "Orden", s. S.823 f., war der Galgenbund ein Produkt des geselligen Lebens der Boheme. Beide waren Vereinigungen von jungen Künstlern und Mansardendichtern, die ihre Reichtümer an Geist und Jugend teilten, wohl aber auch ihre Armut. Der "Orden" war im Dezember 1894, d.h. früher entstanden als der Galgenbund. Aber beide Gruppen führten in Berlin vorn Herbst 1895 an eine parallele Existenz, so daß Mitglieder des "Ordens" wie Morgenstern, Fritz Beblo und Georg Hirschfeld gleichzeitig Ordensbrüder und Galgenbrüder waren. Jede Gruppe besaß ihr eigenes Gepräge. Das mochte1 wohl damit Zusammenhängen, daß das weibliche Element im Orden vertreten war, während es im Galgenbund völlig fehlte. Das grausig-spaßige Spiel mit dem Tode bei den Versammlungen des Vereins scheint eine männliche Spezialität zu sein. Uber den Ursprung des Galgenbunds schreibt Morgenstern Anfang 1912:
Die ersten "Galgenlieder" entstanden vor kaum wohl mehrals 15 Jahrenfür einen kleinen lustigen Kreis, der sich auf einem Ausflug nach Werder bei Potsdam, allwo noch heute ein sogenannter "Galgenberg"gezeigt wird, wie das so die Launegibt, mit diesem Namen schmücken zu müssen meinte. Aus dem Namen erwuchs alsdann das Weitere, denn man wollte sich doch, war man schon nun einmal eine so benannte Vereinigung, auch das Gehörige dazu denken und vorstellen (Briefentwurf, T 1911-12, Bl. 124).
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In den auf den Ausflug folgenden Tagen pflegten Morgenstern und seine Freunde sich jede Woche, wahrscheinlich jeden Donnerstag, in der "Bude" von Kayssler oder Julius Hirschfeld oder in einer Kneipe zu versammeln. Dort wurde ein sonderbarer Kult gefeiert, den Jeremias Mueller, der von Morgenstern erfundene pedantische Kommentator der Galgenlieder, in dem Versuch einer Einleitung ausführlich schildert (s. S.57). Eine gruselige Urteilsvollstreckung wurde spaßhaft inszeniert. Merkwürdigerweise spielte Julius Hirschfeld, der zwei Jahre später Selbstmord begehen sollte, die Rolle des Erhängten.
Die Galgenbrüder trugen alle schauerlich schöne Namen. Anfangs waren es ihrer sechs: Morgenstern (Rabenaas), Julius Hirschfeld (Schuhu), Friedrich Kayssler (Gurgeljochem), Georg Hirschfeld (Verreckerie), Fritz Beblo (Stummer Hannes oder der Büchner), Franz Schäfer (Veitstanz oder der Glöckner). Ende Januar 1895 kamen zwei neue hinzu: Robert Wernicke (Faherrügghh oder der Unselm) und Paul Körner (Galgenbruder Gespenst oder Spinna, oder Zöbner) (Näheres s. S. 624 f.).
Die ersten Versammlungen fanden ungefähr zwischen Ende April und Ende Juni 1895 statt. Eine zweite, längere Periode lag zwischen Ende Oktober 1895 und Ende Juni 1896. Der seltsame Kult der Galgenbrüder erforderte ein kompliziertes Ritual. Zu diesem Ritual gehörten liturgische Gesänge. Ursprünglich waren die Galgenlieder solche liturgische Gesänge. Nach dem Zeugnis des Galgenbruders Franz Schäfer beschloß anfangs ein einziger Gesang die weihevolle Handlung. Später, so berichtete Georg Hirschfeld in einem Artikel der "Vossischen Zeitung" (4.5. 1928), komponierte Julius Hirschfeld in "kongenialer" Stimmung mehrere Lieder, deren Texte ihm Morgenstern "auf Zettel gekritzelt" brachte. Christian Morgenstern und Julius Hirschfeld waren die eigentlichen Pole dieser Vereinigungen. Von Julius ging eine rätselhafte, unheimliche Aura aus, der die feinnervige Natur des Dichters nicht gleichgültig bleiben konnte.
Unter den ungewohnten Utensilien, die bei den schaurigen Zeremonien des Galgenbundes dienten — dazu gehörten ein Kinderskelett, rote Wollschnur, Wachskerzen, ein schwarzes Tischtuch, ein uraltes Seitengewehr oder eine "Schwertklinge, die Blutrost von zweifelhafter Echtheit trug" (ebd.) — befand sich ein merkwürdiger Gegenstand, ein Hufeisen. Dieses Hufeisen umschloß wie ein Kästchen aufeinandergeschichtete Blätter Ölpapier, worauf die geweihten Texte des Galgenbunds geschrieben standen. Dieses eigenartige Reliquiar, das sich noch
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im Nachlaß befindet, ist mit einem Totenkopf aus schwarzer Pappe bedeckt. Darunter nehmen die pergamentartigen Biälter die Form dieses Totenkopfes an. Sie tragen Flecken von verdächtig roter Farbe und sind rechts oben angebrannt, als wären sie von der Flamme einer Wachskerze berührt worden. W ährend der Blütezeit des Vereins enthielt das I lufeisen acht Lieder, d.h. genauso viel, wie der Bund Mitglieder zählte. Heutzutage faßt der sonderbare Behälter nur noch sieben Gesänge. Jeder Galgenbruder besaß übrigens ein sogenanntes "Galgenalbum", dessen Inhalt dem des Hufeisens entsprach. Dank dem Vorhandensein solcher Alben läßt sich das im Hufeisen fehlende Gedicht identifizieren. Es handelt sich um Das Weiblein mit der Kunkel.
Hier ist eine abbildung zu sehen, deswegen der große Abstand.
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Es ist möglich, die ursprüngliche Anordnung der Gedichte im Hufeisen zu rekonstruieren. Prototyp und ältestes Stück der Sammlung war höchstwahrscheinlich das Bundeslied, dessen erster Titel übrigens Das Galgenlied lautete. Es folgten dann
- 2. Galgenbruders Lied an Sophie (ursprünglicher Titel: Sophie)
- 3. Nein!
- 4. Das Geburtslied (ursprünglicher Titel: Die Wehenacht)
- 5. Die Beichte des Wurms
- 6. Schlachtgesang (ursprünglicher Titel: Das Kniebein)
- 7. So hängen wir
Bei dieser Aufeinanderfolge mochte wohl Das Weiblein mit der Kunkel vor oder nach dem Gedicht Die Beichte des Wurms gestanden haben. Zu der Liturgie des seltsamen Konventikels gehörten auch andere Lieder, die von Morgenstern in dem {{Kap|Versuch einer Einleitung (s. S. 57) erwähnt werden: U.a. Fisches Nachtgesang, Das grosse Lalula, Das Simmaleins, Das Gebet. 15 Galgenlieder (wenn man auch das Motto dazurechnet) existierten schon gegen Ende Juni 1896.
Zu diesem Zeitpunkt löste sich der Galgenbund auf. Bisher waren die Galgenlieder im Schoß einer fröhlichen, ausgelassenen Gesellschaft entstanden. Einige wie zum Beispiel {{Kap|Nein!}0 trugen sogar die Spuren einer kollektiven Eingebung. Nun aber war Morgenstern allein. Die Natur der Lieder wechselte. Ein an Marie Goettling gerichteter Brief zeigt, daß der Dichter am 24. Januar 1897 über 17 humoristische Gedichte verfügte: Von Bembo [= Beblo] hab ich natürlich wenige, wenn keine Nachricht [...]. Seine Künstlerhand soll uns jedoch zu einem Galgenberg-Album, dessen Kernpunkt unsere siebzehn Lieder (Texte und Musik) sein sollen, nicht entgehen. Es wäre wirklich labend, wenn dieses Humoristikum ans Licht treten würde, etwa des Mottos: Es gibt keine Kinder mehr?
Damals dachte Morgenstern also schon daran, die Galgenlieder in Form eines Galgenberg-Albums zu veröffentlichen. Beblo, nochmals Beblo, schlug er im November 1897 vor, mit ihm zusammen einen humoristischen Almanach zu schaffen: [...] einen gemeinsamen Zwölfmonats-Kalender [...]. Zwölf Blätter zum Umklappen, Du Bild, ich Text. Vielleicht humoristisch. Vielleicht direkt Galgenlieder mit Musik und Zeichnungen.
Am 8. Mai 1898 schiffte sich Morgenstern nach Norwegen ein. Zur Übersetzung von Ibsens Werken war eine gründliche Kenntnis der norwegischen Sprache erforderlich. In Nordstrand, nahe bei Christiania (heutzu-
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tage Oslo), verliebte sich der Dichter in ein Mädchen aus einer kleinbürgerlichen Familie, Dagny Fett. In mehreren Galgenliedern der Zeit läßt sich das Echo jenes von vornherein zum Scheitern verurteilten Liebesidylls vernehmen.
Gegen Ende 1898 stellte Morgenstern eine Art Bilanz der im Verlauf des Jahres ausgeführten Arbeiten auf. Zusammenstellung der Galgenlieder lautete eine der letzten Eintragungen in T 1898-99-I, Bl. 129. Der Bestand der Galgenlieder hatte sich dermaßen vermehrt, daß der Dichter eine erste Klassifizierung der Gedichte vornehmen konnte, mit der offensichtlichen Absicht, sie zu publizieren. Jedoch war die ungefähr dreißig Lieder umfassende Sammlung noch zu dünn, um ein selbständiges Buch abzugeben. Deshalb hatte der Dichter vor, sie einem umfangreicheren Werk einzugliedern, das er Das lustige Buch betiteln wollte ( T 1898-99_I, Bl. 111). Drei Vorreden zu diesem Buch, dessen Idee auf das erste Vierteljahr 1895 zurückging, hatte er schon im November 1896 in der Zeitschrift [[Jugend (Zeitschrift)|"Jugend"}} veröffentlicht (Abt. Kritische Schriften S. 196 f.). Jedoch suchte der Dichter vergebens nach einem Verleger. Bondi zuerst, dann Schuster und Loeffler, lehnten ab. Ein solches Verhalten konnte nur die Zweifel verstärken, die Morgenstern schon selbst gegen seine bizarren Schöpfungen hegte. Darum ist es leicht zu verstehen, daß er in einer mutlosen Stunde auf den Gedanken kam, die Galgenlieder zu verbrennen. Dies bezeugt Kaysslers Brief vom 18.Dezember 1900: "Du wolltest ja auch die Galgenlieder verbrennen und jetzt sind sie in Ehren, gebunden bei Wolzogen."
Ernst von Wolzogen (1855-1954), dem Gründer der Berliner Kleinkunstbühne "Überbrettl", sowie Kayssler, dem damals schon erfolgreichen Schauspieler, verdankten die Galgenlieder ihr Überleben. In dem Kabarett "Die Brille" wurden sie von Kayssler im November oder Dezember 1898 zum ersten Mal vorgelesen. Später, 1901, als Kayssler mit Max Reinhardt und Louise Dumont die "Schall und Rauch-Bühne" ins Leben rief, gehörten Morgensterns Grotesken zu seiner Nummer. Inzwischen war von Wolzogen die zugkräftige Originalität des humoristisch-satirischen Werks nicht entgangen. Schon im September 1900 hatte er Morgenstern gebeten, ihm Il pranzo (Das Mittagsmahl), eine Parodie auf d’Annunzio, zu überlassen. Im November kam er mit einem erneuten Angebot, aber diesmal bezüglich der Galgenlieder: "Von Ihren Galgenliedern scheint mir auch Geles für mich geeignet, und ich gedenke die Sachen durch Schattenspiele illustriert und durch eine raffiniert schaurige
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Inszene-Setzung zu grotesker Wirkung zu bringen. Ich denke, Sie werden fast jeden Abend mit einer oder mehreren Nummern auf dem Programm stehen, wodurch ich Ihnen eine nicht zu verachtende Einnahmequelle eröffnen dürfte." (B vom 16.November 1900) Dieses letzte Argument konnte den meist mittellosen Dichter nicht kalt lassen. Auf diese Art wurden von Wolzogen und Kayssler zu den Stammkunden Morgensterns und zu den ersten Hauptverbrauchern von Galgenliedern in Deutschland.
Seit September 1899 war der Dichter aus Norwegen nach Berlin zurückgekehrt. In der darauf folgenden Periode 1900—1902 scheiterten zwei neue Editionsprojekte. Albert Langen, trotz der Befürwortung von Wolzogens, lehnte die Galgenlieder ab, weil er deren Verfasser "zu wenig derb" fand (Μ an Jacobsohn, 13.1. 1907). Auch blieb Kaysslers und Reinhardts Plan, Morgensterns Grotesken im Rahmen von "Schall- und Rauchbüchern" zu veröffentlichen, unverwirklicht. Aus dieser Zeit stammt wahrscheinlich der Entwurf zu einer Vorrede, die wir auf S. 290 unter der Nummer 6. bringen und deren pedantischer, pseudowissenschaftlicher Stil Jeremias Muellers Versuch einer Einleitung vorwegnimmt.
Gleich nach seiner Rückkehr aus Italien, Anfang Mai 1903, nahm der Dichterwieder persönlich Kontakt mit dem Kabarett "Schall und Rauch" auf. In dem einzigen Tagebuch, das wir aus dieser Periode besitzen, vermerkte er: In Berlin eine Reihe Galgenberg-Abende veranstaltet. Gegurgelte Lieder zu vieren ( T 1903, Bl. 70).
Da zuverlässige Zeugnisse (Tagebücher, Briefe, ...) im letzten Vierteljahr des Jahres 1903 und in der ersten Hälfte des Jahres 1904 fehlen, ist es leider nicht mehr möglich, den Reifungsprozeß der Galgenliedersammlung zu verfolgen. Das vorgeburtliche Stadium der ersten Ausgabe bleibt uns zum Teil verborgen. Wir wissen zum Beispiel nicht, zu welchem genauen Zeitpunkt der Verleger Cassirer sich bereit erklärte, die Lieder zu veröffentlichen. Wir wissen bloß, daß Morgenstern im Laufe des Sommers 1904 daran dachte, die Galgenlieder von dem talentvollen Graphiker Heinrich Wolff illustrieren zu lassen. Dieser Plan kam nicht zustande, da Karl Walser, der Bruder des Schriftstellers Robert Walser, die Gestaltung des Umschlags übernahm (s. S. 54). Aber die Absicht des Dichters deutet darauf hin, daß die Galgenliedersammlung zu dieser Zeit, wenn sie auch nicht endgültig festgelegt war, doch kurz vor dem Abschluß stand. In einem undatierten Brief, wohl aus dem Herbst 1904, dringt Morgenstern in Cassirer, er möge vor dem 1. Dezember mit den Galgen-
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liedern herausrücken: Die beiden neuen Walsers sind hübsch, besonders "das Mondschaf". Ich habe jetzt zwei ganz neue "Einleitungen", unter denen Sie wählen mögen. Sollte nicht das Papiergesucht werden können? Ich glaube, Sie verscherzen viele Käufer, wenn die Sache nicht spätestens 1. XII. erscheint. "Wenn schon, denn schon", nicht?. Daraus geht hervor, daß die erste Galgenliederausgabe schon vor Ende des Herbstes 1904 fix und fertig zum Druck bereit stand. Dieser aber erfolgte erst später, Ende Februar 1905.
Zur Datierung der frühen Galgenlieder (1895— 1905)
Zwischen dem ersten und dem letzten von Morgenstern gedichteten Galgenlied der Sammlung liegt eine fast zehnjährige Zeitspanne. Der Geist, unter welchem die Lieder entstanden sind, hat sich im Lauf der Jahre verändert. Die grotesk-ausgelassene Poesie des Galgenbunds hat nichts gemein mit der etwas düster anmutenden Gedankenlyrik der sogenannten skeptischen Periode (1900— 1904). Auch kann die anfängliche Ergiebigkeit von Morgensterns humoristischer Muse mit dem dünnen Äderchen der späteren Inspiration nicht verglichen werden. Vermutlich ist die große Mehrzahl der Gedichte der ersten Sammlung vor März 1899 geschrieben worden. Dies zu beweisen ist aber keine so leichte Sache, denn Morgenstern hat nur eine kleine Anzahl von Gedichten datiert. Oer Ursprung der anderen muß auf komplizierten Wegen und Umwegen erschlossen werden.
Wenn ein Gedicht vom Dichter nicht eigenhändig datiert worden ist, können zwei mögliche Fälle in Frage kommen: Entweder ist die Urfassung des Gedichts in einem Tagebuch, bzwL unter den Nachlaßschriften zu finden, oder (was leider häufiger vorkommt) es besteht nur noch eine Abschrift dieses Textes. Wir lassen natürlich den Fall außer acht, wo das Gedicht keine Spuren im Nachlaß hinterlassen hat. Im ersten Fall, wenn die Urfassung des Gedichts in einem Tagebuch vorliegt, läßt sich seine Entstehungszeit ziemlich leicht bestimmen, ist doch die Periode, die das Tagebuch umspannt, bekannt und der Platz, den dieses Galgenlied im Tagebuch einnimmt, aufschlußreich. Im zweiten Fall wird die Datierung des Gedichts äußerst heikel. Möglich ist nur noch die Datierung der Abschrift, nicht aber die des fehlenden Originals. Im Verhältnis zu der totalen Dunkelheit, die bisher den Ursprung der Galgenlieder umhüllte, bedeutet jedoch das Wissen um den Zeitpunkt, an dem der Dichter die Abschrift eines Liedes anfertigte, einen wesentlichen Fortschritt. Man weiß wenigstens wann, d.h. vor welchem Datum das entsprechende Gedicht schon existierte. Mehrere Kriterien machen die Datierung dieser Ab-
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Schriften möglich. Dazu gehören u.a. besondere Merkmale der Schrift, die sich im Laufe der Jahre verändert hat, die Beschaffenheit und Sorte des Papiers, das Morgenstern zu diesen Kopien gebrauchte, die Farbe der Nummern, mit denen manche Texte versehen waren. Besonders aufschlußreich ist das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Großbuchstaben am Anfang des Verses. Schon 1895 hatte Morgenstern sich vorgenommen, durch das Beispiel von Otto Erich Hartleben angeregt, auf den Gebrauch von Großbuchstaben am Anfang der Verszeilen zu verzichten. Aber erst von August 1897 an — diesmal gab das Beispiel Dehmels den Ausschlag — wurde diese Absicht konsequent durchgeführt. Noch fruchtbarer für die Datierung der Abschriften erscheint der natürliche Wechsel in der Graphie des z-Buchstabens, der sich zwischen Dezember 1902 und März 1905 vollzog. In dieser kurzen Zeitspanne verwandelte sich in Morgensterns Schrift das kurze "z" in ein langes "z". (Da müsste ein Sütterlin-z stehen)
Andere Mittel zur Aufklärung der verworrenen Entstehungsgeschichte der Galgenlieder erweisen sich als nützlich. Die literarische Untersuchung der Texte deckt Querverbindungen auf, stellt zwischen der sogenannten ernsten Lyrik und der humoristischen Dichtung Beziehungen her, die wertvolle Hinweise über die Entstehung eines Gedichtes geben können. Aber vor allem ist eine genaue Kenntnis der Morgenstern-Biographie zur Lösung mancher Rätsel unentbehrlich. Von großem heuristischem Werte zur Datierung eines Gedichtes sind manchmal, in den Texten verstreut, räumliche bzw. geographische Einzelheiten oder zeitgebundene Motive. Aus der Verwandtschaft des 1896 entstandenen ernsthaften Gedichts Eine bitterböse Unke (Abt. Lyrik 1887—1905 S. 204) mit dem Galgenlied Des Galgenbruders Gebet und Erhörung (S. 157) läßt sich zum Beispiel wegen der Ähnlichkeit des Hauptmotivs - des Motivs der die Nachtruhe störenden Unke - die Geburtsurkunde des letzteren um so sicherer erschließen als biographische Elemente (der Aufenthalt Morgensterns im Juli 1896 in Friedrichshagen in unmittelbarer Nähe des Sees) diese Hypothese bekräftigen. Auch können ohne große Schwierigkeiten posthume Gedichte datiert werden, deren Ausgangspunkt in einem zeitgeschichtlichen Ereignis liegt, wie etwa Vom Steinplatz zu Charlottenburg (S. 171).
Methoden und Ergebnisse zur Entstehungsgeschichte der Galgenlieder entnimmt unser Band größtenteils Μ. Cureaus Habilitationsarbeit "Christian Morgenstern humoriste. La création poétique dans In Phantas Schloss et les Galgenlieder".
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Die weiteren Ausgaben der Galgenlieder
Einen entscheidenden Wendepunkt in Morgensterns Leben und Werk bedeutet Anfang November 1905 seine Ankunft im Sanatorium von Birkenwerder. Dort wurde durch eine Art Erleuchtung der Skeptiker der letzten Berliner Jahre zum Mystiker. Erstaunlicherweise versiegte die Schaffenskraft des Humoristen nicht, sondern sie erfuhr im Gegenteil von diesem geistigen Ereignis einen neuen Impuls: Während des sechsmonatigen Aufenthalts in Birkenwerder entstanden fast so viele Galgenlieder wie in den neun oder zehn vorhergehenden Jahren. Auch Meran-Obermais, wo sich Morgenstern am 7.September 1906 niederließ, verschaffte dem Dichter den festen Pol, den er brauchte, um produktiv zu sein. Die Urfassungen der meisten Galgenlieder, die aus der Periode 1905-1908 stammen, finden sich in den Tagebüchern, so daß nur in begrenzten Fällen Unklarheiten bestehen.
Zwischen Oktober 1905 und Ende April 1908 hatte Morgenstern über hundert neue Galgenlieder gedichtet. Erstaunlich ist die Tatsache, daß nur ein kleiner Teil von dieser relativ bedeutenden Produktion zu seinen Lebzeiten publiziert wurde. Die zweite Ausgabe der Galgenlieder im Jahre 1906 war, von ein paar Änderungen abgesehen, eine bloße Neuauflage der Ausgabe von 1905. Die dritte Ausgabe im Jahre 1908, aus welcher der Dichter ein Dutzend Gedichte ausgeschieden hatte, enthielt nur 25 neue Texte. Cassirer trägt für dieses Versagen die Hauptverantwortung. Über zwei Jahre lang versuchte Morgenstern hartnäckig ihn dazu zu bewegen, eine ganz neue Galgenliedersammlung herauszugeben. Die erste Erwähnung dieser Sammlung findet man in einem Brief an Julius Bab vom 8.12.1905: Was sagen Sie übrigens zu dem Titel meiner übernächsten Sammlung: der Gingganz? Im April 1906 kündigte der Dichter seinem Verleger die baldige Zusendung des abgeschlossenen Bandes der neuen Galgenlieder an (B an Cassirer, 18.4.1906). Im Juli teilte er ihm mit: Die Redaktion des »Gingganz« u. a. neue Galgenlieder - Sie dürfen mir diesen Titel nicht frisieren - hoffe ich im August vornehmen zu können. [...] Ich schicke Ihnen jedoch schon vorher einige Stücke, damit Druck und Format ausprobiert werden kann. Ich wäre nichtfüreine Wiederholung der Galgenliedersammlung [...]. Es folgten technische technische Hinweise über den Druck und die Umschlagzeichnung sowie die Annahme, das Buch könne als Weihnachtsgabe für 1907 erscheinen. Aber all jene Vorschläge scheiterten an dem, was Margareta Morgenstern in einem ärgerlichen Brief an Cassirer nach dem Tode des Dichters die »Interesselosigkeit der Verleger« nannte
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(undatierter Briefentwurf aus dem Nachlaß). Am 19.2. 1907 schickte Morgenstern Cassirer per Einschreiben 22 neue Galgenlieder, die anscheinend den Grundstock der geplanten Sammlung bilden sollten. Er war zu allen Zugeständnissen bereit, falls Cassirer es gewünscht hätte, hätte er sogar die Überschrift Der Gingganz aufgegeben, die ihm doch so sehr am Herzen lag. Aber der Verleger stellte sich taub gegen alle Aufforderungen und Bitten, und sein Schweigen warum so beleidigender als Morgenstern dessen Gründe nicht kannte: Ihr fortwährendes hartnäckiges Schweigen allem gegenüber, was ich Ihnen seit Mitte vorigen Jahres in puncto des neuen Buches geschrieben habe, veranlaßt mich, Sie zu bitten, mir in dieser Angelegenheit freie JIand zu lassen, nicht als ob mir im Augenblick an den Versen so viel läge, als weil ich fürchte, daß Ihr Verhalten, selbst bei mir frömmstem Lamm, schließlich zur Blutvergiftung führen möchte (B vom 19.5. 1907)· Erst gegen Ende 1907 erhielt der Dichter eine Antwort. Der äußerst vorsichtige Verleger hielt Morgensterns Vorhaben für ein Wagnis, er tendierte zu einem bloßen Neudruck der Galgenlieder, was eine entrüstete Reaktion ihres Urhebers hervorrief: Halloh! Aber hören Sie: nicht unveränderte und nicht unerweiterte. Gegen einfachen Neudruck protestiere ich mit H[and] und F[uß] (B vom 18.12.1907). Sie haben beinahe 2 Jahre Ihr Versprechen neues Material zu publizieren nicht erfüllt: Jetzt müssen Sie es; sonst verderben Sie mir auch außerdem noch die letzte Lust, die ich an derlei habe. - Ich bestehe aber nicht nur auf irgendeinem Schein, sondern ich handle im höchsten Maße auch zu Ihrem Vorteil, wenn ich das Buch aus einer bloßen Ulk-Sache zu einem wirklichen Buch mache, das in dieser seiner neuen Gestalt in der Literatur - und nicht nur in Kneipen und Kliniken - seinen Platz beanspruchen darf (undatierter Brief, vermutlich vom Dezember 1907).
So kam es zu einer Kompromißlösung. Die dritte Ausgabe der Galgenlieder erschien Anfang April 1908 mit dem Vermerk: »Dritte veränderte und durch den 'Gingganz' und anderes ums Doppelte vermehrte Auflage«. Die Gingganz-Sammlung, von der Morgenstern geträumt hatte, hatte sich restlos in den Galgenliedern aufgelöst! Das eindeutigste Zeugnis über diese »Auflösung« liefert ein Brief Morgensterns an Cassirer vom 15.4.1908. Der Dichter schreibt: Aber daß ich Ihnen mit dem Gingganz zu dem alten ein neues kleines Buch gab, bleibt doch nun wohl einmal Tatsache. Sie haben sich zwei Jahre lang gegen dies neue Büchlein, das, selbstständig, unschwer doppelt so dick hätte werden und überall seinen guten Preis hätte erzielen können, gewehrt, sodaß ich schließlich im Unwillen ge-
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gen diese Knebelung (denn ich sollte es ja auch nicht anderswo erscheinen lassen) die Gelegenheit der 3. Auflage der »Galgenlieder« ergriff, eine Anzahl der neuen Gedichte vor die Öffentlichkeit zu bringen. Ich hatte zunächst nur diesen einen Gesichtspunkt: Das alte Buch zu revidieren und das neue ihm zu verschwistem. Jetzt aber, nachdem die rein geistige Seite der Sache erledigt, fällt mir auch die pekuniäre ins Auge. [...] Sie verstehen, lieber Freund, - irgend ein Equivalent muß ich für diese 25 neuen und sorgfältig ausgewählten opuscula billigerweise beanspruchen dürfen, ebenso wie etwa Karl Walser aufden Nahrungswert — um so grob zu reden — von zwei dutzend Skizzen nicht würde verzichten können.
Kaum war aber das Schicksal des Gingganz besiegelt worden, als Morgenstern abermals Cassirer aufforderte, einen zweiten Band humoristischer Dichtung zu publizieren, den er St. Expeditus betitelte. Das Werk sollte 38 Gedichte umfassen, deren Liste er Cassirer am 15. April 1908 zusandte (s. S. 702 f.).
Aber dieser neue Plan, wie übrigens auch das Anmerkungen-Projekt (s. S. 802), scheiterte an dem Widerstand des Verlegers. Erst im September 1909 entschloß sich Cassirer, den der durchschlagende Erfolg der Galgenlieder doch endlich beeindruckt hatte, zu der Veröffentlichung des vom Dichter jahrelang ersehnten zweiten Bandes: Palmström erschien im Mai 1910. Von April 1908 an verschmolz die Entstehungsgeschichte der Galgenlieder mit der der Palmströmsammlung. Aber die meisten Gedichte, die zwischen 1908 und dem Tode des Dichters entstanden und die in Palmström nicht ausgenommen wurden, blieben in den Tiefen des Nachlasses verwahrt, bis sie Margareta Morgenstern in den posthumen Ausgaben ans Licht brachte.
Die dritte Ausgabe der Galgenlieder im Jahre 1908 hatte die Struktur und das Wesen der ursprünglichen Sammlung tief umgewandelt. In den folgenden Auflagen jedoch erfuhr diese Auswahl durch Morgensterns oder sogar Cassirers Eingriff nur kleine Änderungen, die den Charakter des Ganzen kaum berührten. Bloß durch drei Gedichte, die vermutlich vor 1908 entstanden waren, unterscheidet sich die Ausgabe letzter Hand von der Auflage von 1908.
Zur Entstehung der Palmströmsammlung
Im August 1908 lernte Christian Morgenstern Margareta Gosebruch kennen, die im März 1910 seine Frau werden sollte (s. Abt. Aphorismen S. 464). Im Winter 1908—1909 entdeckte er die theosophischen Lehren Rudolf Steiners, des
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Begründers der Anthroposophie. Beide Ereignisse wirkten sich genauso fruchtbar auf die humoristische Schöpfung aus, wie das mystische Erlebnis in Birkenwerder im November 1905. Die Blütezeit der Palmströmdichtung liegt vorwiegend im Jahre 1910. Weniger ertragreich, wenn auch noch lohnend, waren die beiden folgenden Jahre 1911 und 1912. Ab 1915 erlahmte die Schöpfungskraft des schwerkranken Dichters.
Von den über hundert Gedichten, die zwischen 1909 und 1914 entstanden sind, fanden jedoch nur die Hälfte einen Platz in den zu Morgensterns Lebzeiten veröffentlichten Palmström-Ausgaben. Wie im Fall der Galgenlieder war der editorische Eifer des Dichters an der Interesselosigkeit seines Verlegers gescheitert.
Ursprünglich war Palmström bloß ein Kauz, der einem 1906 entstandenen Galgenlied seinen Namen verliehen hatte (s. S. 80). Erst gegen Ende September 1909 wurde er mit Cassirers Segen zum Titelhelden einer ganzen Gedichtsammlung befördert. Palmström oder Die Oste, so sollte diese Sammlung heißen. Die Wahl hatte der Dichter seinem Verleger überlassen (B vom 28.9. 1909). Das Manuskript wurde dann von Morgenstern am 13. Januar 1910 abgeschickt: Hier also ist »Palmström«, der hoffentlich die »Galgenlieder« nach und nach etwas überschatten wird. [...] Mit Palmström und Korf übrigens habe ich, wie Sie bemerken werden, ein neues Feld gefunden, das ich noch viel und oft anzubaun gedenke (B an Cassirer).
Von da an begann zwischen Morgenstern und seinem Verleger ein ständiges Hin und Her, das erst bei der Veröffentlichung der 5. und 6. Auflage aufhörte. Es folgten von beiden Seiten Vorschläge und Gegenvorschläge. Cassirer wollte bei der Zusammenstellung der Sammlung überall mitreden. einmal wünschte er Änderungen, ein anderes Mal Streichungen. Entweder fand sich der Dichter mit diesen Anweisungen ab, oder er wehrte sich mit Händen und Füßen. Fragwürdig sind unbestreitbar manche Eingriffe Cassirers in die Entstehung der Sammlung, fragwürdig auch die rührende Anhänglichkeit, die Morgenstern für gewisse weniger gut geratene Produkte seiner Muse bezeigte. Ob Cassirer wirklich recht hatte. Die Brillen aus der Sammlung entfernen zu wollen, ob Morgensterns unverwüstliche Sympathie für Die Lämmerwolke begründet war, bleibt dahingestellt.
In einem wenigstens ist jedoch die Rolle Cassirers positiv zu bewerten. Er wußte des Dichters ausschweifende Phantasie zu bremsen, dort wo sie die Existenz der Sammlung gefährdete, so zum Beispiel als Morgenstern auf
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den ausgefallenen Gedanken kam, die Palmströmsammlung im Spiegeldruck erscheinen zu lassen. In einem Brief vom 24.1.1910 unterbreitete er Cassirer diesen Plan: Der verkehrte Durchschlag (Rückseite der »Tagnachtlampe«) bringt mir wieder einen alten Gedanken in Erinnerung: Die Gedichte in Spiegel-Druck drucken zu lassen. Mit einem beigegebenen kleinen Spiegel (oder auch ohne das). Warum begreifen Sie als Verleger nicht die mannigfachen Vorteile dieser Idee! Nicht bloß daß die ersten Bücher dieser Art als Kuriosität ungemein gekauft würden, auch die Autoren (die es so wollten) hätten eine neue Art von Distanzierung (so wie man früher Latein schrieb, wenn man nicht gleich alles allen preisgeben mochte).
Anfang Mai erschien die erste Palmströmausgabe, der sehr schnell ein Neudruck — wahrscheinlich im Juli — folgte. Aber schon zu dieser Zeit trug sich Morgenstern mit dem Gedanken, eine dritte, durch neues Material vermehrte Ausgabe erscheinen zu lassen (B an Cassirer, 28.7.1910). Die Durchführung dieses Plans verzögerte sich jedoch teils wegen Cassirers Gleichgültigkeit, teils wegen Morgensterns schwerer Erkrankung in Taormina. Auf alle Sendungen neuer Palmströmgedichte, die ihm Morgenstern zukommen ließ, reagierte Cassirer monatelang überhaupt nicht. Warum versenken Sie meine Palmströmsendung so in Schweigen? Ich liege hier im Schnee und warte... schrieb ihm der Dichter aus dem Sanatorium Arosa im April 1911 (Postkarte vom 12.4.1911) und fünf Monate später, weil Cassirer den Empfang von 10 neuen Gedichten, die ihm Morgenstern am 19.7.1911 geschickt hatte, keiner Antwort gewürdigt hatte: Was machen die neuen Auflagen? Wann werden Sie sich zu den neuen Beiträgen für Palmström äußern? [...] Schieben Sie nun, bitte, aber auch den Palmström nicht länger hinaus: er sollte in seiner neuen »dicken« Gestalt durchaus noch die Weihnachtsmesse erreichen! (B vom 24.9. 1911) Die dritte vermehrte Ausgabe ließ jedoch noch ein paar Monate auf sich warten. Sie erschien erst gegen Ende Oktober oder Anfang November 1911. Aber inzwischen hatte Morgenstern sich einen neuen Plan ausgedacht. Wie er fünf Jahre früher von seinem Verleger die Veröffentlichung des Gingganz hatte erzwingen wollen, so versuchte er es diesmal mit einer zweiten Palmströmsammlung. Schon in einem Brief vom 19.7.1911 teilte er Cassirer mit: Für Sie habe ich noch einen Faust — wollte sagen Palmström II. Teil vor, sofür 1912 oder 13 etwa, in der Linie über die »Flinte« hinaus, ungefähr. Ende September wurde das Projekt deutlicher: Ich schlage vor, den jetzigen Palmström zu zwei Büchern zu erweitern, und sie 1.) »Palmström« und 2.) »Die Oste« zu titulieren. Beide würden dann, jedes
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für sich, ungefähr den Umfang des jetzigen Palmström haben (eher mehr, als weniger), denn es liegt für beide genügend Zuwachs vor. Die Oste käme einem besonderen Bedürfnis entgegen, da ich für einen derartig gemischten Band gar vieles liegen habe, was ich nicht länger liegen lassen will, und womit ich, wenn Sie es verschmähn, nichts andres zu tun wüßte, als einen Band für Piper daraus zu machen (B an Cassirer, 26.9. 1911). Ein paar Tage später kam Morgenstern nochmals auf diesen Vorschlag zurück: Was nun die 2 Bücher anbetrifft, so lassen Sie sich nur ganz bezwingen. Die Qualität wird ja eben dadurch erhöht, daß jedes sperreinheitlicher}} wird. Jedes wird in seiner Art gewinnen. Und außerdm muß ich doch auch künstlerische Gesichtspunkte walten lassen dürfen [...] Ich will »Palmström« [...] nach und nach mehr und mehr herausmodellieren, und das geht, wenn wir’s beim alten lassen, schon aus Raumgründen nicht. Für die »Oste« aber werden immer wieder neue lustige Einfälle zuwachsen: Sie glauben ja nicht, wie es einen lebhaften Menschen wie mich hemmt, wenn er überall verrammelte Türen sieht und wie er auftaut und produktiv wird, wenn man ihm nur Möglichkeiten bietet (ßriefentwurf in T 1911, Bl. 129 f., vermutlich vom 1.10.1911). Aber Cassirer meinte wohl durch seine Zustimmung zu der vermehrten Auflage sein möglichstes getan zu haben. Resigniert mußte Morgenstern sich bis 1913 damit begnügen, die einzige Palmströmsammlung mit neuen Gedichten zu bereichern und immer wieder an ihr zu bessern und zu feilen. Zwar dachte er noch daran, im November 1912 um die rätselhafte Gestalt der Palma Kunkel ein drittes Galgenliederbuch zu schaffen, aber nur zögernd und ohne große Überzeugung teilte er Cassirer diese Absicht mit: Im Übrigen bahnt sich langsam etwas Drittes an, mit Muhme Kunkel im Mittelpunkt und dem entsprechenden Menschen- und Tierkreis (Β vom 27.11.1912). Aus dieser Zeit stammt eine Skizze, wo Morgenstern den Stammbaum der Familie Kunkel entworfen hatte (s. S. 684) und die der Dichterwitwe, wenn nicht die Konzeption, doch wenigstens den Titel der 1916 erschienenen Sammlung Palma Kunkel eingab. Wie so viele Pläne versandete auch dieses letzte Projekt des Dichters. In dem zu Lebzeiten Morgensterns gedruckten Werk läßt sich nur noch eine einzige Spur davon finden: das Gedicht Muhme Kunkel.
Zum Wesen und zur Entwicklung der Galgenpoesie
In einem Brief an eine Freundin Margaretas unterscheidet Morgenstern schon 1910 drei Phasen im Entstehen der Galgenlieder (Briefe. Auswahl
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( 1952), S.407): Im Übrigen würdest Du bei näherem Zusehen leicht die Entwickelungslinie entdecken, die durch die drei Bücher geht (denn es sind eigentlich drei).
- Erstens: Die Galgenlieder.
- Zweitens: Der Gingganz nebst dem daraufFolgenden.
- Drittens: Palmström. —
Die eigentlichen Galgenlieder waren, wie ja auch die Vorrede durch alle Verschnörkelung hindurch erraten läßt, für einen kleinen Kreis jugendlich ausgelassener Freunde bestimmt, wo sie gemeinsam gesungen und mit einer Art von heiter-gruseligen Zeremonien mehr oder weniger dargestellt wurden.
Der zweite Teil: Der Gingganz breitet sich denn schon viel freier und unabhängiger von dem ursprünglich angeschlagenen Thema aus.
Und im Palmström ist jene Anfangsstimmung ganz verschwunden und die Bahn frei für jederlei Stoffund Absicht.
Wenn man nun zu der ersten Palmströmsammlung die Gedichte aus den drei oder vier folgenden Jahren hinzurechnet, kommt man zu einer Einteilung in drei Schaffensperioden, die genau der Konzeption des Dichters entspricht.
- Die erste beginnt in Berlin mit der Gründung des Galgenbunds im April oder Mai 1895 und endet im November 1905 mit der Ankunft des Dichters im Sanatorium von Birkenwerder.
- Die zweite, in welcher alle von Morgenstern als Gingganzgedichte bezeichneten Galgenlieder entstehen, liegt zwischen November 1905 und August 1908.
- Die dritte, ab August 1908, fällt mit den letzten Lebensjahren des Dichters zusammen.
Den Angelpunkt zwischen diesen drei Schaffensperioden bildet je ein Erlebnis von weittragender Bedeutung: zunächst das mystische Erlebnis in Birkenwerder im November 1905, dann, im August 1908, die Begegnung mit Margareta Gosebruch, die Morgenstern etwas später mit dem Gedankengut Rudolf Steiners vertraut machte.
Von Periode zu Periode, von Jahr zu Jahr veränderte sich das Bild der Galgenwelt. Was im Laufe der ersten Auflagen dann noch hinzutrat, hatte natürlich mit dem Anfangsthema nicht mehr viel gemein, gab der Dichter in einem seiner Tagebücher zu ( T 1911-12, Bl. 135).
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1. Schaffensperiode (1895 — 1905)
Die ersten Galgenlieder waren Gelegenheitsgedichte, makabre Gesellschaftsspiele, die zu dem Ritual des Galgenbunds gehörten. Dieser Ursprung verlieh der Galgenpoesie bis etwa 1897 ihre schaurige Atmosphäre. In ihren Anfängen war die Galgenwelt eine nächtliche, gespenstische Welt, die den Tiefen eines Alptraums entstiegen zu sein schien. Hinter dem heiter-gruseligen Ulk lauerte wohl die Angst des früh vom Tode gezeichneten Dichters. Der mächtigste Dichter ist die Furcht notierte er schon 1899 in sein Tagebuch ( T 1898-99-I, Bl. 122). Die Angst war es, die, wie in der ernsten Lyrik der gleichen Zeit, Sinnbilder des Grauens und vom Tod umwitterte Motive gebar: den Mond, den Wind, die zwölf Mitternachtsschläge und die Silbergäule, die schon in einem Gedicht aus In Phantas Schloss, Auffahrt, Schwarz und Silber, die Farben des Todes, tragen (Abt. Lyrik 1887—1905). Auf die Angst ist vermutlich auch das Wimmeln der tierischen Kreaturen um den Galgenberg zurückzuführen. Sie prägte das rein sprachliche Wesen von Ungeheuern wie das Mondschaf, der Zwölf-Elf oder die Mitternachtsmaus, lauter groteske Komposita, bei denen der Tod den ersten Bestandteil hergegeben hatte.
Morgensterns unheimliche? Menagerie mag auch einen literarischen Ursprung haben. Alfred Liede (Dichtung als Spiel. Bd. 1) verweist auf Nietzsches »Zarathustra«, den der Dichter 1895 immer wieder las und dessen Sprach- und Bilderwelt er sich tief einprägte. Schon als Gymnasiast hatte der junge Christian angefangen mit der Sprache zu spielen. Nietzsche bestärkte diese Tendenz. Wenige Dichter haben so radikal wie Morgenstern die Umwortung aller Worte getrieben. Das Sprachspiel in den ältesten Galgenliedern ist fast ausnahmslos phonetischer Natur. Der Dichter jongliert mit den Lautwerten der Wörter; das Wechselspiel von dunklen u-Lauten und hellen i- Lauten beschwört die nächtliche Atmosphäre der Galgenwelt mit ihren huschenden Schatten und Lichtern herauf. »Morgenstern onomatopoetisiert [...] die Wörter der Sprache«, schreibt Leo Spitzer in bezug auf die Liebeserklärung des Raben Ralf (Die groteske Gestaltungs- und Sprachkunst Morgensterns, S. 85). Oie Tonmalerei ersetzt in Das Hemmed die verständige Sprache, der Kalauer führt in Das Gebet die naive Frömmigkeit der Rehlein ad absurdum. Eine äu ßerste Grenze in dieser Richtung würd mit dem großen Lalulā erreicht. Hier feiert die Sprache in einer wilden Anhäufung von »Lautgrimassen«, (ebd. S. 57) ihn? Befreiung von dem Zwang, etwas zu bedeuten. Die Sprache ist autonom geworden. Solche Gedichte wie Das grosse Lalulā
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und Schlachtgesang haben wohl Kritiker dazu veranlaßt, in der Sprache selbst den eigentlichen Ursprung nicht nur der früheren, sondern aller Galgenlieder zu suchen.
Aber neben der Konzeption der Galgenpoesie als Produkt der Sprachphantasie, als »Sprachspielwelt« (Leo Spitzer und Jürgen Walter) gibt es eine andere Orientierungsmöglichkeit, auf die Morgenstern selbst hingewiesen hat. Für ihn war die Galgenpoesie eine Erlebnisdichtung, d. h. daß jedes einzelne Gedicht, so schrieb er, [...] durchaus als »Gelegenheitsgedicht« in Goetheschem Sinne aufgefaßt werden darf ( T 1911-12, Bl. 140). Sobald man die Galgenlieder so versteht, erhalten sie einen ungeahnten Sinn. Die humoristische Lyrik erscheint als der verzerrende Spiegel, in dem die inneren Spannungen, die Hemmungen und Ängste des Dichters reflektiert werden. Der Humor erfüllt eine schützende Vunktion. Er karikiert die lyrische Sprache, um deren emotionelle Wirkung zu zerstören. Eine wesentliche Triebfeder der anfänglichen Galgenpoesie ist der Kampf mit dem Affekt. Nirgendwo erweist sich vielleicht der Begriff der Erlebnisdichtung aufschlußreicher als in den Galgenliedern, die 1898 und 1899 in Norwegen entstanden sind. Darin tauchten neue Motive auf: das Motiv des schmachtenden Liebespaars (Die beiden Flaschen) oder der Hochzeit (Die Hochzeit der Dinge), das Motiv der Ehe (Die beiden Esel) oder der Familie (Der Nachtschelm und das Siebenschwein). Ein Dutzend Galgenlieder, die in Norwegen oder nach dem norwegischen Zwischenspiel entstanden waren, kreisen um das Zentralproblem der Heirat oder der verratenen Liebe (Igel und Agel und Bim, Bam, Bum). Sie sind bittere Zeugnisse des gescheiterten Liebesidylls mit Dagny Fett, Bruchstücke einer maskierten Konfession.
Diesen bekenntnishaften Charakter verloren die Galgenlieder in den folgenden Jahren, in denen übrigens die humoristische Produktion stark nachließ. Die Erlebnisdichtung wurde zur Gedankenlyrik. Eine meist pessimistische Anschauung über das Leben bildete den Ausgangspunkt des poetischen Spiels. Die Weltanschauung des Dichters hatte sich verdüstert. Gedichte wie Das Lied vom blonden Korken oder das rätselhafte, schopenhauerisch anmutende Wer denn? waren wohl Früchte der Skepsis oder des Nihilismus. Die humoristische Dichtung spiegelte die seelische und geistige Verwirrung eines Menschen wider, der den festen Halt des Idealismus seiner Jugend verloren hatte (Die Weste, Der Purzelbaum).
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2.Schaffensperiode (1905— 1908)
Anfang November 1905 überwand Morgenstern diese Zeit des Grübelns und Zweifelns. Der nun zum Mystiker gewordene Dichter entdeckte die Grundeinheit von Gott und Welt, von Gott und Mensch. Die folgenden Jahre widmete er der Reifung dieses ungeheuren Gedankens (B an Kayssler, 14.9.1906) und arbeitete eine »theomonistische« Konzeption des Alls aus, die schon zum Teil in dem Pantheismus seiner Jugend vorgebildet war. Die neugewonnene Einstellung zum Leben versuchte Morgenstern durch die Formel heitere Skepsis zu definieren (B an Luise Dernburg, 23.2.1906). Damit bezeichnete er eine ganz andere Skepsis als die nihilistische Weltanschauung der vorigen Jahre. Er meinte den Geist des Allumfassens, Alldurchdringens, des Glaubens an nichts und alles, und zwar zugleich an restlos nichts und an restlos alles. (ebd.) Alles wesentlich, alles unwesentlich (s. Abt. Aphorismen Nr. 1560). Von dem Standpunkt des Unendlichen aus ist der Tod der endlichen Kreatur eine lächerlich unbedeutende Episode, deren Ursache selbst nur lächerlich unbedeutend sein kann (Der zarte Greis). Die Angst vor dem Tode war von Morgenstern gewichen. Dementsprechend wechselte das Bild der Galgenwelt. Das Tageslicht drang in ihren Bereich ein und verscheuchte die Gespenster und die Ungeheuer. Dort, wo die theriomorphen Motive noch erschienen, standen sie nicht mehr mit der Angst in Zusammenhang, sondern erfüllten eine satirische Funktion — so zum Beispiel in Der Hecht oder Das Huhn — oder spielten die Rolle von grotesken Ornamenten im Dienste einer höheren Bedeutung. Denn zwangsweise mußte das geistige Erlebnis von Birkenwerder in den Galgenliedern seinen Niederschlag finden. Nicht etwa, daß Morgenstern darin seine Bekehrung zu einer mystischen Weitsicht grotesk inszeniert hätte (außer vielleicht in Der Konvertit oder Der Gingganz), sondern die philosophische und religiöse Meditation klang in der humoristischen Dichtung nach. Durch eine Art Resonanz tauchten in den Galgenliedern Motive auf, die aus der Lektüre der Bibel und insbesondere des Johannes-Evangeliums stammten, so zum Beispiel das Motiv der Sintflut in Der Sündfloh oder das des Wunders in Der Hecht oder St. Expeditus. Die Galgenpoesie umspielte, in Anlehnung an Kant und Schopenhauer, metaphysische Probleme, das Problem des Dings an sich (Der Meilenstein. Das Grab des Hunds) oder das Problem des Bösen wie in Das Löwenreh. Anthropomorph ist und muß »alles« bleiben, notierte Morgenstern in einem Aphorismus ( T 1907-08, Bl. 5, Abt. Aphorismen Nr. 1598); das Galgenlied Der Würfel greift diese Betrachtung auf,