Himmel, Erde und Meer…: Unterschied zwischen den Versionen
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Aktuelle Version vom 19. September 2026, 23:53 Uhr
Eine Rhapsodie
Hört, was ich träumte!
Himmel, Erde und Meer
spielten Hasard.
In den Fischerhütten
5 glomm verlorener Lichtschein...
Hier und dort
sang eine Mutter ihr Kind in Schlaf...
Nicht lange - da waren
die letzten Bettdecken
10 über die letzten Nasen gezogen.
Ich aber
schlug den getreuen Mantel um -
und im prasselnden Regen
schritt ich das dunkle Dorf hinab
15 dem Meere zu.
Und ich liebte den großen Zorn der Natur.
Empor klomm ich das Strandkliff,
dran sich prankend
die Brandung hinaufwarf.
20 An einen alten Zaun geklammert,
lauscht' ich und späht' ich ins tobende Chaos.
Himmel, Erde und Meer
spielten Hasard-:
"Herz-As!"
25 Schwoll's hohl aus anrollender Flut,
und ein langer Schaum-Arm
schleppte aufs bleiche Gestade
ein junges ertrunkenes Blut,
ein Weib, noch rosig und lebenswarm.
30 Aber der Himmel in heller Wut
hob seine Blitzes-Hand,
und nahe dem Strand
riß einen Eichbaum er aus
und schmetterte ihn mit Sturm-Fingern
35 zur Jungfrau auf den nassen Sand,
und aus hohnlachenden Donnern scholl es mit tiefsten Baß:
"Treff-As!"
Da spliß drüber dem Kliff die Brust -
40 und von Blöcken und Schollen ein wirbelnder Wust,
brach's, die Nacht mit Krachen durchbrüllend.
Luft und Strand und Brandung
mit Erde füllend,
nieder mit Sausen und Dröhnen -
45 und dumpf
schlitterte es empor:
"Trumpf!"
Ich lag am Boden,
die Augen geschlossen,
50 die Brust erstickt,
und rang nach Atem.
Aufwankend endlich
sah ich:
das Spiel war zu Ende.
Und der Himmel wischte den Schweiß sich ab,
55 daß er in langen Streifen herniederlroff,
und das Meer schlug sich den Busen
mit vorwurfsvollen Wellenhänden,
und die Erde haderte ächzend mit sich,
schüttelte, sträubte verstört ihr Wälderhaar...
60 Schüchtern schielte durch Wolkenfetzen der Mond;
und als er mich sah,
erschien er ganz
und begrüßte mich achselzuckend -
und achselzuckend deutete er
65 auf das dunkle Chaos am Strande.
Und schaudernd schaut' ich
aus einer Lawine
Äste starren
und eine weiße Hand
70 stumm winken.
Und wir nickten uns zu,
der Mond und ich...
Hier lagen die Karten,
hier übertrumpfte die Erde
75 das Meer und den Himmel!
| Werkgruppe | Lyrik |
| Werkbereich | Nachlese zu In Phantas Schloß |
| Zyklus | – |
| Zyklusnummer | – |
| Titel | Himmel, Erde und Meer… |
| Textanfang | Hört, was ich träumte |
| Zitiert aus | SA Band I Lyrik 1887-1905, S. 103, 104, 105 |
| Kommentar aus | SA Band I Lyrik 1887-1905, S. 795, 796, 797, 798, 799, 800, 801 |
| Überlieferung | handschriftlich auf losen Blättern |
| Datierung | 1893 |
| Druck | SA Band I Lyrik 1887-1905 |
| Gemeinfrei | ja |
| Volltexterfassung | siehe Unterseite |
| ID | LYR-SA-01-02-0034 |