Amor der Zweite: Unterschied zwischen den Versionen

Aus CMO

Die Seite wurde neu angelegt: „<poem> (Sommerabend im Park des Fürsten. Um eine Marmorbank zu Füßen der Medicëischen Venus versammelt sich eine kleine Ge- sellschaft, den Dichter in ihrer Mitte bittend, sie mit neuen Versen zu erfreuen. Er beginnt unter einigen galanten Entschuldigun- {{Zeile|5}} gen, während die Schönen und ihre Kavaliere sich aufund um die Bank erwartend gruppieren. Verstecktes Lachen, Flüstern und Fächerschlagen begleiten den leichten Vortrag, nach dessen Be…“
 
Keine Bearbeitungszusammenfassung
 
Zeile 133: Zeile 133:
| Werkgruppe = Lyrik
| Werkgruppe = Lyrik
| Werkbereich = Auf vielen Wegen
| Werkbereich = Auf vielen Wegen
| Zyklus = GvI
| Zyklus = Gedichte vermischten Inhalts
| Zyklusnummer =
| Zyklusnummer =
| Titel = Amor der Zweite
| Titel = Amor der Zweite

Aktuelle Version vom 7. Februar 2026, 00:51 Uhr

(Sommerabend im Park des Fürsten. Um eine Marmorbank zu
Füßen der Medicëischen Venus versammelt sich eine kleine Ge-
sellschaft, den Dichter in ihrer Mitte bittend, sie mit neuen Versen
zu erfreuen. Er beginnt unter einigen galanten Entschuldigun-
5 gen, während die Schönen und ihre Kavaliere sich aufund um die
Bank erwartend gruppieren. Verstecktes Lachen, Flüstern und
Fächerschlagen begleiten den leichten Vortrag, nach dessen Be-
endigung man sich lebhaft plaudernd und scherzend wieder in
den hohen dämmrigen Laubgängen des Parks zerstreut, nicht
10 ohne den Poeten mit zweien seiner liebenswürdigsten Verehre-
rinnen einer anmutigen Einsamkeit zu überlassen.)

Das Schloß liegt unbewohnt seit Jahr und Tag,
der Park verwildert, pfadlos, unzugänglich,
dicht eingestrüppt von wirrem Weißdornhag.

15 Wo Grotten, Treppen. Hügel uranfänglich:
Verfall nun: Stämme, Schutt, gesunkner Grund...
des Friedens Stätte einst, nun wüst und bänglich.

In dieses Parkes Tiefe birgt ein Rund
von Birken zweier Götter Steingebilde,
20 den Alten hochberühmt durch ihren Bund -:

Den Gott des Krieges, mit zerbrochnem Schilde,
und sie, der Liebe hohe Königin,
in wohl gewahrter Lieblichkeit und Milde.

Sie blicken zärtlich gen einander hin.
25 und bunte Falter tragen ihre Grüße, -
doch kennt ihr auch des Spiels geheimen Sinn?...

In einer Sommermondnacht Wundersüße,
in einer Nacht, da eine Nachtigall
tot niederstürzte vor der Göttin Füße,

30 so wild war ihrer Sehnsucht Überschwall,
in einer solchen Nacht des Drangs der Säfte
geschah der dunkle, unerhörte Fall,

daß aus dem Übermaß der Lebenskräfte
ein Strom in jenes Paar hinüberrann
35 und es mit trügerischem Leben äffte -:

Herab zur Erde springen Weib wie Mann...
Und stürmisch, wie sich Glut und Flut umfassen,
vergessen sie den langen, kalten Bann...

Doch schon beginnt die Lippe zu erblassen,
40 versagt das Blut den weitern tollen Lauf - :
Sie müssen schaudernd von einander lassen...

Nach ihren Säulen streben sie hinauf -
allein umsonst -: Sie sinken, wo sie stehen:
Und wieder nimmt sie Steines Starrheit auf.

45 Zwölf Monde gingen hin, seit dies geschehen,
als gleicher Frist das Gleiche sich begab:
Man wachte auf, doch Venus - lag in Wehen!

Und alsobald erscheint ein muntrer Knab',
zum Leben sichtlich denn zum Tod bereiter,
50 und bricht sich schon ein Birkenreislein ab...

Und während Mars und Venus innig heiter
ihm zusehn. zielt er schon nach links und rechts
auf Mäuse, Hummeln. Vögel und so weiter.

Und merkt es nicht im Eifer des Gefechts,
55 daß seine Eltern still und stiller werden, -
bis plötzlich er der Letzte des Geschlechts.

Er springt hinzu mit kindlichen Geberden,
er ruft und tastet, -: Stein und nichts als Stein!
Und eben erst entrückt dem Schoß der Erden,

60 von niemandem belehrt als sich allein,
verwirft er endlich all die eitlen Fragen
und richtet sich in seinem Reiche ein.

Ein freundlich Heer von ungetrübten Tagen,
so schien es, war dem losen Schelm beschert...
65 Wie manches Tierherz mußte ihn verklagen:

Denn ach wie manches ward von ihm versehrt!
Wenn früher schon die Liebe hoch hier blühte,
so war ihr jetzt kein Herz mehr abgekehrt.

Bis eines Tags ein Paar bekränzter Hüte,
70 seit Jahr und Tag das erste Menschenpaar,
sich kreuz und quer den alten Park durchmühte.

Weh, Amor! nun ereilt dich die Gefahr! -:
Denn, kaum daß jene durchs Gebüsch gedrungen, -
der kleine Gott schon Stein geworden war.

75 "O sieh doch! sieh!" so jubeln sich die jungen
Entdecker zu - "Ein Fund! ein Schatz! ein Hort!"
Das Mädchen ist zu Amorn hingesprungen -:

Der spielt noch, steinern, seine Rolle fort
und steht mit trotzig aufgespanntem Bogen -
80 und treibt den Jüngling so zum rechten Wort...

Von jäher Röte Flammen überflogen,
bekennt sein Lieb sein Werben ihm zurück -
und fühlt sich schon an seine Brust gezogen...

Wer glaubte nicht der beiden reinem Glück?
85 So laßt uns nur die Frage noch beschwichten,
wie sich beschließt das wunderliche Stück.

Man wollte auf den Kleinen nicht verzichten
und nahm ihn mit, er war ja "herrnlos Gut"!
Die Eltern glückt’ es wieder aufzurichten.

90 Sie ließ man wieder in der Wildnis Hut.
Sie blicken immer noch voll Zärtlichkeiten,
doch ewig nun erloschen schweigt ihr Blut.

Indessen steht vor Amor man, (dem Zweiten),
als allbekanntem "Raub", bewundernd da...
95 Man glaubt, er stamme aus Canovas Zeiten...

Ich aber lächelte, als ich ihn sah.


Lyrik | Auf vielen Wegen
Meinem Freunde Friedrich Kayssler

Träume: Hirt Ahasver | Die Irrlichter | Mensch und Möwe | Der Schuß | Der gläserne Sarg | Der Stern | Der Besuch | Das Bild | Malererbe | Das Äpfelchen | Rosen im Zimmer | Kinderglaube
Vom Tagwerk des Todes: Der Säemann | Vöglein Schwermut | Der Tod und das Kind | Der Tod und der Müde | Der Tod und der einsame Trinker | Der fremde Bauer | Der Tod in der Granate | Im Nebel | Am Ziel | Die Gedächtnistafel | Am Moor | Im Fieber
Eine Großstadt-Wanderung: Eine lange Gasse war mein Nachtweg oT | Und ich sah, erstarrt oT | Und ich ging die lange Gasse oT | Und mich zog die lange Gasse oT | Und ich floh die trübe Gasse oT | Und ich wanderte mechanisch oT | Und ich setzte meine Schritte oT
Vier Elementarphantasien: Meeresbrandung | Erdriese | Der Sturm | Die Flamme
Gedichte vermischten Inhalts: Kleine Geschichte | Das Häuschen an der Bahn | Amor der Zweite | Der zeitunglesende Faun | Goldfuchs, Schürz’ und Flasche | Die Brücke | Der Tag und die Nacht | Der Schlaf | Pflügerin Sorge | Legende | Die apokalyptischen Reiter | Parabel | Das Ende | Der Born | Der Urton | Der einsame Turm
Waldluft: Aufforderung | Krähen bei Sonnenaufgang | Das Häslein | Mittag-Stille | Der alte Steinbruch | Beim Mausbarbier | Elbenreigen | "Ur-Ur" | Geier Nord
Zwischenstück: Fusch-Leberbrünnl | Vor einem Gebirgsbach | Dunkel von schweigenden Bergen oT | Hinaus in Nebel und Regen oT | Spät von Goethe und andrem Wein oT | Morgen | Und doch! | Schwerer Nebel dunkle Lasten oT | Vor zurückgeschickten Versen | Schlechte Wittrung trägt sich gut oT | Möcht’es wohl hier oben wagen oT | Abendliche Wolkenbildung | Wer doch den trüben Wahn oT | Abendbeleuchtung | "Dichter"? | Briefe | Vor einem Wasserfall | "Leberbrünnl"-Schlucht | Freundin Phanta hat unzweiflich oT | Natur spricht | Ich antworte | Nebel ums Haus | Zum Abschied, an F.-L.
Anmutiger Vertrag | Die beiden Nonnen | Am See | Auf dem Strome | Frage | Sehnsucht | Friede | Bestimmung
Neue Gedichte der 2. Auflage (1911): Bergziegen | Mattenrast | Nebel im Gebirge | Sommernacht im Hochwald | Der vergessene Donner
Zur Textgestalt der Stuttgarter Ausgabe | Auf vielen Wegen - Ich und die Welt - Eine Einführung


Werkgruppe Lyrik
Werkbereich Auf vielen Wegen
Zyklus Gedichte vermischten Inhalts
Zyklusnummer
Titel Amor der Zweite
Textanfang Sommerabend im Park des Fürsten
Zitiert aus SA Band I Lyrik 1887-1905, S. 151, 152, 153, 154
Kommentar aus SA Band I Lyrik 1887-1905, S. 826
Überlieferung
Datierung
Erstdruck Auf vielen Wegen (1897) S. 71-75
Gemeinfrei ja
Rezeptionen: künstlerisch
Rezeptionen: wissenschaftlich
Rezeptionen: Buchausgaben
Rezeptionen: weiteres
Kommentar
Volltexterfassung siehe Unterseite
ID LYR-SA-01-03-0039