Horatius travestitus - Zur Entstehung der Sammlung
Der Kommentarteil von Band III der Stuttgarter Ausgabe stellt dem Abschnitt zu Horatius travestitus eine Darstellung von Maurice Cureau voran. Sie verfolgt die Entstehung der Horaz-Travestien von den Berliner Anfängen bis zur erweiterten Auflage von 1911, klärt den Anteil Fritz Münsters, soweit er sich klären lässt, und ordnet das Werk literarisch ein. Die folgende Darstellung fasst sie zusammen. Sie folgt Cureaus Gedankengang und übernimmt seine Angaben, der Wortlaut ist eigenständig, aber mit Hilfe von KI generiert.
Berlin 1894
Morgenstern kam im April 1894 nach Berlin, ohne Rückhalt. Das Elternhaus war zusammengebrochen, er sei auf die Straße gesetzt worden, schrieb er im Herbst 1894 an Kayssler. Von der Lungenkrankheit, die im Juni 1893 sein juristisches Studium in München beendet hatte, war der Vierundzwanzigjährige nur notdürftig wiederhergestellt.
Ganz mittellos war er nicht. Geheimrat Jordan, ein Freund des Vaters, verschaffte ihm eine Halbtagsstelle an der Nationalgalerie. Das Gehalt wurde allerdings erst im Dezember 1894 ausgezahlt, und zusammen mit der Rente von dreißig Mark, die der Vater bewilligte, reichte es nicht zum Leben. Noch in Breslau hatte Morgenstern deshalb an Heinrich Hart (1855–1906) geschrieben und Proben seiner Arbeiten geschickt. Die Antwort erreichte ihn kurz nach der Ankunft und war ermutigend. Über Heinrich und Julius Hart (1859–1930) kam er rasch in die literarischen Kreise der Hauptstadt, im Haus der Brüder lernte er auch Georg und Julius Hirschfeld kennen, die späteren Galgenbrüder.
Neben Artikeln, Berichten und Gedichten für Zeitschriften studierte er Kunst und Psychologie an der Universität. Berlin wurde die Wiege seiner drei frühesten Dichtungen: In Phantas Schloß, in Bad Grund begonnen, Horatius travestitus und etwas später die Galgenlieder.
Der Horaz verdankt der Stadt sein Personal an Ortsnamen. Kreuzberg, Viktoriapark, Tiergarten, Spree und Panke, Rixdorf, Halensee, dazu die Weinlokale Dressel und Kempinski. Ohne diese Kulisse wäre die berlinisierte Fassung der Oden nicht denkbar.
Die Entstehung und der Anteil Fritz Münsters
Über die Entstehungszeit ist wenig bekannt, über die Urheberschaft noch weniger. Morgenstern selbst hat eingeräumt, dass die Grundidee nicht von ihm stammte, sondern von seinem Jugendfreund Fritz Münster (s. Einleitung zum Kommentarteil, S. 542).
Die Bekanntschaft geht auf die Breslauer Zeit zurück, als der Arzt Morgenstern zu Stubenarrest für den ganzen Winter verurteilte ( T 1892-93, Bl. 45). Zum ersten Mal fällt Münsters Name in einem Brief an Kayssler vom 18.11.1893. Morgenstern nennt ihn belesener und scharfsinniger als sich selbst, sieht ihn zu sehr im Bann Nietzsches und Stirners, während er selbst zu Schopenhauer neige, und schließt: Münster ist auch sonst ein sehr lieber Mensch und ich hoffe, wir werden uns immer enger befreunden. Ähnlich schreibt er am 2.12.1893 an Marie Goettling.
Von gemeinsamer Arbeit ist zu diesem Zeitpunkt noch keine Rede. Erst im Oktober 1894 taucht eine Stelle auf, die darauf hindeuten könnte. An Marie Goettling schreibt er am 13.10.1894, er arbeite neben beständiger lyrischer Nebenarbeit (meist humoristischer Art) an seiner großen Dichtung weiter. Die große Dichtung ist In Phantas Schloß, die Nebenarbeit dürfte ganz oder teilweise der Horaz sein.
Deutlicher wird es am 8.11.1894 im Brief an Oskar Bie:
- Zur Zeit arbeite ich so nebenbei an einer Neubearbeitung Horazischer Oden in humoristisch-modernisiertem Sinne, ein kleines Unternehmen, das ich mit einem Freunde zusammen begonnen habe und zu dem ein dritter geschmackvolle Federzeichnungen liefern wird.
- Ich habe bis dato acht Oden fertig daliegen (im ganzen werden es kaum mehr wie zwanzig) und glaube, ohne mir zu schmeicheln, daß die lustigen Lieder (im Originalversmaß übersetzt, d. h. natürlich selten wörtlich, sondern dem Charakter des Ganzen nach) überall, wo gemütliche Männer mit Gymnasialvergangenheit sich finden, durchschlagenden Lacherfolg haben müssen.
- Die Geschichte macht mir selbst einen Riesenspaß, helfen Sie mir, daß auch andere sich dran freuen mögen.
- (Briefe. Auswahl 1952, S. 59)
Das Perfekt in begonnen habe legt nahe, dass die Zusammenarbeit im November 1894 bereits beendet war. Kurz zuvor war es zum Bruch gekommen. Münster hatte das Vertrauen eines Freundes des Dichters verletzt, Morgenstern brach die Beziehung ab. Am 5.12.1894 schreibt er Kayssler, man besuche sich nicht mehr und begegne einander nur noch bei bestimmten Gelegenheiten an dritten Orten, höflich und für Fremde kaum merklich verändert.
Daraus folgt, dass Münsters Beitrag höchstens acht der achtzehn Oden der ersten Auflage betreffen kann. Worin er bestand, ist nicht bekannt. Ob Münster für die übrigen Carmina vorgearbeitet hatte, ebenso wenig. Auch wann Morgenstern die Sammlung abschloss, ließ sich nicht ermitteln, eine Lücke in den Tagebüchern zwischen Januar und Mai 1895 verhindert das.
Die erste Auflage 1897
Ende 1895 bot Morgenstern die Parodien dem politisch-satirischen Witzblatt Kladderadatsch an, das sie ablehnte. 1896 erschien dann eine größere Zahl der Travestien vorab in der Zeitschrift Jugend (zu dieser Zeitschrift s. Abteilung Kritische Schriften, S. 592 f.).
Im Februar 1896 starb Fritz Münster (s. Bauer, Christian Morgenstern, Ausgabe 1985, S. 94). Zur Jahreswende 1896/97 kam der Vertrag mit Schuster und Loeffler zustande. Er sah vor, dass das Werk bis auf Widerruf des Verfassers ohne Namensnennung erscheinen sollte. Mitte Februar 1897 erschien es anonym, mit der Widmung Der Erinnerung an F. M.. Ende Juni oder Anfang Juli folgte die zweite Auflage, wieder ohne Verfassernamen und ohne Umschlagzeichnung.
Kurz davor bat Morgenstern den Verlag, in den Anzeigen den Schwerpunkt auf den Titel und den Ausdruck Studentenscherz zu legen, nicht auf seinen Namen. Es solle nicht der Eindruck entstehen, hier liege ein neues Werk vor, das in seiner künstlerischen Entwicklung etwas bedeute, und auf In Phantas Schloß solle gar nicht Bezug genommen werden. Da wo das Buch Horatius travestitus überhaupt wirkt und gekauft wird, kommt es fast nur auf den Titel, fast gar nicht auf den Verfasser an. Er bitte darum, ihn namentlich möglichst wenig in die Debatte ziehen zu wollen (Briefentwurf vom 22.6.1897 im Nachlass).
Die Neuauflage von 1911 und der Anhang
Jahrelang blieb das Bändchen unverändert. 1910 erwarb Reinhard Piper von Schuster und Loeffler die Rechte an In Phantas Schloß, Horatius travestitus, Auf vielen Wegen und Ich und die Welt. Am 14.12.1910 teilte er Morgenstern mit, man werde sich zunächst des Horaz und des In Phantas Schloß annehmen, weil diese beiden die ausgeprägteste Physiognomie hätten und sich am leichtesten wiederbeleben ließen, die anderen sollten folgen.
Morgenstern lag nur an der Neuauflage seiner ernsten Gedichte, und er wusste, dass er einen Tausch eingegangen war. Nach dem Erscheinen schrieb er Cassirer, er habe die Jugendsünde Horaz nolens volens neu herauskommen lassen müssen und eine verkürzte Fassung von Ich und die Welt und Auf vielen Wegen teuer erkaufen (Brief vom 12.6.1911).
Versöhnt hat ihn der Anhang: sechs neue Oden, die er in Sizilien dem alten Horaz angehängt hatte (Brief an Amélie Morgenstern vom 17.7.1911) und die zuerst in der Jugend erschienen. Nur daran lag ihm. An Marie Goettling schrieb er am 30.8.1911, seine Sonette und der Horaz-Nachlass sollten im Herbst die große Seereise antreten, wobei er nur auf den Nachlass Wert lege und das Übrige ein wenig verwünsche. Noch deutlicher gegenüber Karl Walser am 21.6.1911: der eigentliche Horatius travestitus liege ihm heute so fern, dass er ihn wenigstens in jeder "besseren" Stunde lieber begraben als neu herausgegeben sähe (Briefentwurf in T 1911, Bl. 18 ff.).
Den Anhang wollte er sogar zu einem eigenen Buch ausbauen. Piper wich dem Vorschlag am 11.3.1911 diplomatisch aus: Wenn man für den Horaz stark werbe, wirke es sonderbar, wenn dasselbe Buch später wieder schmaler erscheine. Besser sei es, alles in einem Band zu belassen, dessen Preis und Honorar mit dem Umfang steigen könnten. Dabei blieb es.
Im September 1911 erschien der Horaz mit dem Anhang als fünfte, vermehrte Auflage, diesmal mit dem Namen des Verfassers und einer Umschlagzeichnung von Karl Walser. Piper hatte Papier, Druck und Format den erfolgreichen Galgenliedern angeglichen, wofür sich Morgenstern bei Cassirer entschuldigte, er sei unschuldig daran, für den Verleger sei es wohl das Nächstliegende gewesen (Brief vom 24.9.1911). Kayssler dankte am 30.11.1911 und nannte das Buch mehr als einen Studentenscherz, nämlich einen echten Künstlerscherz, der nicht veralten könne.
Horaz
Quintus Horatius Flaccus wurde am 18.12.65 v. Chr. in Venusia in Apulien geboren und starb am 27.11.8 v. Chr. in Rom. Er stammte aus niedrigem Stand, der Vater war ein Freigelassener. Sorgfältig erzogen, kam er früh nach Rom und erhielt eine Bildung, die sonst den höheren Ständen vorbehalten war. Um das zwanzigste Lebensjahr studierte er in Athen Philosophie, Rhetorik und griechische Literatur.
Nach der Ermordung Cäsars 44 v. Chr. stellte er sich auf die Seite des Brutus und wurde Militärtribun. Die Niederlage bei Philippi 42 v. Chr. überlebte er knapp, kehrte nach Rom zurück und schlug sich als Staatsschreiber durch. Nebenher begann er zu dichten. Varius und Vergil führten ihn in den Kreis des Maecenas ein, der ihm 32 v. Chr. ein Landgut im sabinischen Vorland schenkte, das Sabinum. Damit war er materiell gesichert. Augustus nannte ihn seinen Freund und wollte ihn zum Privatsekretär machen, was Horaz ablehnte, um frei zu bleiben.
Aus dem Gesamtwerk mit Satiren, Epoden und Sermones heben sich die vier Bücher der Oden ab, zwischen 23 und 15 v. Chr. entstanden. Sie gehörten jahrhundertelang zum Pflichtstoff der deutschen höheren Schulen.
Latein am Gymnasium
Der preußische Lehrplan von 1882 sah in den Unterklassen neun, in den Oberklassen acht Wochenstunden Latein vor. In der Prima des Gymnasiums in Sorau wurden die Oden gelesen. Das Reifezeugnis vom 31. März 1892 bescheinigt Morgenstern befriedigende Kenntnisse in Grammatik, Stilistik und Phraseologie, verständige Auffassung beim Übersetzen und gute Kenntnisse im Horaz. Was manche Mitschüler langweilte, machte ihm Freude. An Kayssler schrieb er am 1.5.1891: Wie gefällt Dir der Horaz? Er ist nächst Homer das einzig Wahre.
Die erste komische Bearbeitung entstand noch auf der Schule: die Pauker-Ode, frei nach Horaz, Carm. I, 1, in fragwürdigem Latein verfasst und Ostern 1892 in der Bierzeitung des Sorauer Gymnasiums gedruckt.
Was hier Travestie heißt
Als Travestie bezeichnet man üblicherweise eine satirische Dichtung, die ein anderes Werk verspottet, indem sie dessen Inhalt beibehält und ihm eine unpassende Form gibt (Der große Brockhaus 1957, Band 11, S. 606). Verspotten wollte Morgenstern den Horaz nicht. Die erste Ode, Hoher Protektor und Freund, enthält zwar einige Spitzen gegen Agrarier, Nutznießer der Kolonialpolitik, Geldmacher und Politiker des Kaiserreichs, aber sie bleiben harmlos. Morgenstern nennt die frühen Oden deshalb selbst humoristisch.
Kennzeichnend ist schon die Auswahl. Ihn fesselte nicht der Satiriker Horaz und nicht der Verkünder der augusteischen Erneuerung, sondern der heitere Genießer, der Sänger des Weins und der Freundschaft, der Anakreontiker. Unter dem Scherz bleibt gleichwohl erhalten, was auch bei Horaz darunter liegt: das Wissen um die Brüchigkeit des Lebens und das unentrinnbare Altern.
Der Inhalt ist beibehalten, jede Ode entspricht thematisch einer horazischen. Der Unterschied liegt in der Behandlung. Es ist keine groteske Verzerrung wie in den frühen Galgenliedern, sondern eine Verschiebung in Zeit und Raum, die Verpflanzung römischer Themen in die Berliner Gegenwart. Daraus entsteht die Komik. Die Mythologie geht dabei burlesk unter: Gambrinus löst Bacchus ab (II, 19), Cupido wird zum Leutnant degradiert (III, 12), der dionysische Rausch zur torkelnden Betrunkenheit (III, 25), das Gesetz des Eros zur Liebelei.
Der Anhang: aus Humor wird Satire
Genau diese nach Alkohol duftende Großstadtstimmung verwünschte der ältere Dichter 1911. Die berlinische Färbung verschwindet im Anhang, dafür wird der Ton angriffslustig. Die frühen Oden waren humoristisch, die neuen nennt Morgenstern zeitsatirisch (Brief an Amélie Morgenstern vom 17.7.1911).
Für die frühen Oden gab es eine lateinische Vorlage. Für den Anhang erfand Morgenstern ein fünftes Buch, das Horaz nie geschrieben hat. Das gab ihm freie Themenwahl. Der Anhang wird zur pazifistischen Tribüne, vor die die Tiermörder aus Snobismus (V, 5), die Kriegshetzer und Hurrapatrioten (V, 8) und die Bismarckschwärmer (V, 11) geladen werden. Selten wird Morgensterns Satire auf die Kriegspolitik Wilhelms II. so scharf wie in der Ode Lass sie Dreadnoughts bauen.
Wie im frühen Horaz trägt der Anachronismus. Die Grenzen zwischen Antike und Gegenwart verwischen (V, 5 und V, 17), aus der Mischung von Maschinenzeitalter und alter Kultur entsteht eine burleske Wirkung (V, 17). Hinter der Komik steht allerdings der Ernst einer Dichtung, die über einen Bierulk weit hinausgeht. An Präzision, Bündigkeit und Eleganz steht die deutsche Fassung dem lateinischen Vorbild nicht nach, und wo das schnoddrige Berlinisch durchklingt, fügt es sich als zusätzlicher Reiz. Die Formkunst ist von der Kritik einhellig gelobt worden (s. S. 903 ff.). Selbst ein strenger Beurteiler wie Alfred Liede spricht den Travestien Anmut und Grazie zu und rückt sie in die Nähe des Rokoko und des besten Biedermeier (Dichtung als Spiel, Band 1, S. 291).
Zum Versmaß
Zur Qualität gehört die meist mustergültige Beherrschung der antiken Versform. Morgenstern hat sich bemüht, das Metrum der Vorlage wiederzugeben, und es ist ihm fast ausnahmslos gelungen, worauf er stolz war. Wo eine Vorlage fehlte, etwa in mehreren Gedichten des Anhangs, hat er alkäische, asklepiadeische und sapphische Strophen auf Deutsch nachgebildet.
Die antike Metrik misst die Länge der Silben, die deutsche wägt die Betonung. Lange Silben werden deshalb durch betonte, kurze durch unbetonte ersetzt. Ganz geht das nicht auf, etwa wenn im Lateinischen drei lange Silben aufeinanderfolgen. Der Kommentarteil stellt der lateinischen Grundform deshalb jeweils das deutsche Versschema gegenüber.
Die im Kommentar nach den Texterläuterungen abgedruckten Übertragungen der Oden folgen: Horaz, Sämtliche Werke. Lateinisch und deutsch. Nach Kayser, Nordenflycht und Burger, herausgegeben von Hans Färber. München: Heimeran 1967. Die Zählung der Versmaße und Strophenformen folgt: Q. Horatii Flacci Opera, herausgegeben von Friedrich Klingner. Leipzig: Teubner, 5. Auflage 1970.