Einführung zu Mein Gastgeschenk an Berlin und Berlin, ein Zyklus
Morgenstern lebte von 1894 bis 1906 mit Unterbrechungen in Berlin. Er tauchte zunächst begeistert in die Berliner Boheme ein und sah die Stadt dann zunehmend kritisch, vor allem ihr Gründerzeit-Gehabe und den Umgang mit dem Stadtbild. Losgelassen hat ihn Berlin trotzdem nie. Noch im November 1908 schrieb er an Margareta, Berlin heimele ihn an. Zu Berlin hat Morgenstern zwei größere Vorhaben begonnen. Keines davon hat er abgeschlossen.
Das Epos Mein Gastgeschenk an Berlin
Im Herbst 1897 begann Morgenstern eine lyrisch-epische Dichtung, mit der er sich bei der Stadt bedanken wollte. Zwei Gesänge entstanden rasch hintereinander. Dann musste er Strindbergs „Inferno“ übersetzen und kam nicht mehr zu dem Epos zurück. Im Tagebuch 1902 und im autobiographischen Entwurf von 1913 erinnert er sich an die Entstehung und bedauert den Abbruch. 1902 spricht er von drei Gesängen, ausgeführt sind zwei.
Inzwischen hatte sich sein Blick auf Berlin verändert. Als er 1899 nach längerer Abwesenheit zurückkam, stieß ihn das Stadtbild ab. 1904 nahm er das Fragment noch einmal vor, fand aber die Stimmung nicht wieder, und die begonnene Fortsetzung blieb liegen.
Der Zyklus Berlin
An die Stelle des Epos trat der Plan eines Zyklus aus einzelnen Gedichten. Morgenstern hat das nicht ausdrücklich so benannt. Veröffentlichungen und Briefe belegen den Plan aber:
- Im Band Melancholie (1906) stehen sieben Gedichte unter der Überschrift Aus einem Zyklus: Berlin.
- In der „Neuen Rundschau“ erschienen 1906 zwei Gruppen von je drei Berliner Gedichten.
- Alfred Kerr bat im Januar 1906 um den Zyklus. 1908 erwog Morgenstern eine Ausgabe beim Berliner Verlag Dr. Wedekind & Co.
Der Zyklus lag demnach um 1906/1908 weitgehend vor.
Um die Jahreswende 1911/12 bot Morgenstern dem Verleger Reinhard Piper ein Büchlein Berlin an. Es sollte ernste und groteske Gedichte, Sprüche, Szenen und ein mehr episches Fragment enthalten, dazu die Gedichte aus Melancholie. Morgenstern spricht von zehn, es sind sieben. Piper zeigte sich interessiert, wollte die Melancholie-Gedichte aber nicht übernehmen. Morgenstern hielt das Buch ohne sie kaum für möglich. Es erschien nicht.
Morgenstern wollte also alles zusammenführen, was er zu Berlin geschrieben hatte. Das epische Fragment ist das Gastgeschenk. Zu den grotesken Stücken gehört nach Michael Bauer die Moritat Der Mord, die ursprünglich für die Bühne „Schall und Rauch“ entstand. Mit der Szene könnte der Einakter Das Orakel gemeint sein. Weitere Themen notierte Morgenstern 1904 im Tagebuch, führte sie aber nicht aus.
Inhalt und Absicht
Die Gedichte zeigen Großstadt, Vorstadt, die Randzonen, in denen Morgenstern mehrfach wohnte, und die märkische Landschaft. Düstere Bilder stehen neben heiteren und privat Erlebtem. Einen großen Teil machen kulturkritische Gedichte mit ironischem Ton aus. Die letzten Stücke stehen den Galgenliedern nahe.
Was er damit wollte, schrieb Morgenstern 1905 an den Kunstschriftsteller Karl Scheffler. Berlin biete mehr Möglichkeiten als jede andere deutsche Stadt. Bürger und Intellektuelle sollten die Entwicklung der Stadt bis in den einzelnen Hausbau selbst in die Hand nehmen und sie nicht dem Zufall überlassen. Er dachte auch an eine eigene Zeitschrift zur Entwicklung Berlins. Mit satirischen Gedichten wie Im Bayrischen Viertel wollte er gegen den Abriss alter Bauten zugunsten neuer, protziger Straßen Stellung nehmen.
Zur Zusammenstellung
Den Zyklus in der vorliegenden Form haben die Herausgeber der Stuttgarter Ausgabe zusammengestellt. Sie haben die verschiedenen Gruppen von Berlin-Gedichten vereint, Stücke aus den Tagebüchern ergänzt und alles neu angeordnet. Morgenstern selbst hat diese Folge nicht festgelegt. Sie versteht sich als Versuch, das Geplante annähernd zu rekonstruieren. Wie Melancholie, in deren Entstehungszeit fast alle Berlin-Gedichte fallen, vereint der Zyklus sehr verschiedenartige Stücke. Einige Gedichte stehen in der Stuttgarter Ausgabe auch in Melancholie oder in Band III (Humoristische Lyrik) und werden dort kommentiert.
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