Mit einem Mal, ich weiß nicht, wie’s gekommen oT

Aus CMO

Mit einem Mal, ich weiß nicht, wie’s gekommen,
fand ich als jungen Wandersmann mich wieder.
Ein fernes Licht hatt’ ich zum Ziel genommen
und stieg nach ihm den Felspfad hurtig nieder.
5Mir war so eigen. Alles wie verschwommen.
Vorüber rauschte eines Aars Gefieder.
Das ist der Tod, so schrie’s in mir, und lachend
rief ich zugleich: Du Sinnbild meines Mutes,
und rief’s noch nicht, als ich gleichsam erwachend
10hinwarf: Ein dummer Vogel! Und des Blutes
Kreiswelle trug, mir Leib und Seel’ erschwachend.
die drei Gedanken durchs Gehirn. Nichts Gutes
bedeutet dieses Tier, oh Menschenleben,
was kann dir überhaupt denn Glück bedeuten,
15du tief in Leid getauchtes!... Menschenstreben,
vernimmst du nicht der Zukunft Osterläuten?
O Daseinsglück!... Ob Adler Braten geben?
Wohl kaum, sonst würd ich gern das Vieh erbeuten.
Und weiter schritt ich. Jeder Schritt dem Grabe
20mich nähernd, jeder Schritt dem Ruhm, der Liebe,
ein jeder Schritt ersehnter Magenlabe.
Ein Schloß am Wege - Diebe seid ihr, Diebe,
die frech ihr dort verpraßt die reiche Habe.
Den Armen stahlt ihr sie!... Die zarten Triebe
25der Künste pflegt ihr. gütige Mäzene,
dem Leben gebt ihr Färb' und Pracht und Hoheit!...
Das Schloß versperrt mir nur den Weg. Die Lehne
des Bergs lag hinter mir. -: Der Großstadt Roheit
stinkt mir entgegen... Oh wie ich mich sehne,
30du lichtdurchjauchzte Stadt, nach deiner Froheit.
Die Bürger könnten wohl Asphalt sich leisten.
Oh süßes Lieb! da steht dein Haus! Ich weiß es,
du bist mir treu geblieben!... Ach, die meisten,
was sag’ ich: alle Weiber haben heißes,
35sündhaftes Blut. Wo Tausende entgleisten,
da solltest Du? Sei stark, mein Herz! Verbeiß es!
Ob Kätchen noch so schöne Brühkartoffel... ?
Ich klingelte im Hausflurlampenschimmer - :
Mein erstes Omen: schlürfende Pantoffel. -
40Oh süßes Füßchen, ja so gingst du immer! -
Ihr Bruder öffnet wohl die Tür, der Stoffel. -
Ich küßte sie und trat mit ihr ins Zimmer.
Weil du nur wieder da bist! rief das Mädchen. -
Wie hab' ich lang den Klang entbehren müssen,
45sie blieb mir treu! Nein, bestes Kätchen,
dein Willkomm klingt nicht echt, dein Küssen
tut so verbraucht. Schau, schau, dein Spinnerädchen
ist auch noch da.


Lyrik | Nachlese zu In Phantas Schloß
"Phanta" und sein Publikum | Trösterin oT | Nächtliche Feier | Kosmogonie | Kosmogonie (Mondlose Sternennacht) | Heimatlos? | Auf grauem Felsblock sitz’ ich oT | In Adlers Krallen | Unnütz der Mann oT | Theomachie | Memento vivere (εϊς εαυτόν) | Und dann um Mitternacht oT | Am stillen Waldteich oT | Gestern Abend gab mir Phanta oT | An den Augen lasest du mir’s ab oT | Sternschnuppenfall | Johannisfeuer | Der Hexenkessel | Mit einem Mal, ich weiß nicht, wie’s gekommen oT | Venus Urania | Der Regenbogen | Wo Erd und Himmel oT | Mondaufgang I | Mondaufgang II | Mondaufgang III | Das rabenschwarze oT | Liebeslied an Phanta | Es lieben die Götter oT | Die nächtliche Fahrt | Oh Nacht, wie bist du tief oT | Die Sonne der Toten | Der Friedhof | Tragik alles Seins | Himmel, Erde und Meer… | Poseidon und Selene | Anadyomene | Nun weil’ ich bei dir schon manchen Tag oT | Allzulang auf Bergeszinnen oT

Epilog-Fragmente: Auf Höhen mußt’ ich steigen oT | Die Ferne ist es nicht oT | Ich versuche ein Höchstes oT | Die Strafe war hart oT | Strafe war hart für den Vorwitz oT | Willst du mich nun entzaubern oT | Endsegen Phantas
Epilog I | Epilog II | Ad Phantas Schloß
Zur Textgestalt der Stuttgarter Ausgabe | In Phantas Schloß - Eine Einführung


Werkgruppe Lyrik
Werkbereich Nachlese zu In Phantas Schloß
Zyklus
Zyklusnummer
Titel
Textanfang
Zitiert aus SA Band I Lyrik 1887-1905, S. 88, 89
Kommentar aus SA Band I Lyrik 1887-1905, S. 788
Überlieferung T 1894-II, Bl. 110f.
Datierung September bis Dezember 1894
Erstdruck SA Band I Lyrik 1887-1905
Gemeinfrei ja
Rezeptionen: künstlerisch
Rezeptionen: wissenschaftlich
Rezeptionen: Buchausgaben
Rezeptionen: weiteres
Kommentar
Volltexterfassung siehe Unterseite
ID LYR-SA-01-02-0019