Memento vivere (εϊς εαυτόν)/Volltext
Memento vivere (εϊς εαυτόν)
Lieg nicht so lang auf dem Rücken, fauler Gesell! Trüb ist dein Aug’ wie das Auge des Tals, drüber die Regenspinne schaukelnde Netze wob. Träge qualmt dein Gedanken-Schacht, kein Vulkan! ein ärmlicher Schornstein nur.
Funken wolltest du regnen, Geist, großer Versprecher, und du, mein Herz, wolltest sie malen blut-feuerrot, daß sie, ein köstlich Spiel, über den Landen ständen, Augenfreude nächtlichen Wandrern und ein Entsetzen allem Stroh in Scheunen und Hirnen.
Und nun schläfst du, verschläfst dein Leben! Memento vivere!
Mögen andre ihr Sein vergähnen, du, der du auf einen Tag Phantas strahlende Sonnenrosse über die Himmel zügeln darfst, lieber ein Phaeton sei! denn ein schläfriger Lenker, der dem herrlichen Wagen unfreiwillige Rast befiehlt.
Dunkle Gefilde harren dein, tausend Augen harren wie Spiegel, daß deiner Seele sonnige Geisterwelt ihnen als (reifes) Bild sich entgegenwölbe. Und du säumst und du schläfst Auf! Entlade dich wieder, schlummernde Wolke, und mit feurigen Zungen predige in den Schlaf der Erde hinab deinen gewaltigen Weckruf: Memento vivere!