Das Kreuz/Volltext
Das Kreuz
Die gestürzten Engel schweben um den Berg. Mit weißen, bleiernen Riesenfittichen schleicht ihr Flug aus den Talen, daß er die Höhen der Erde auch todeskältend überfinstere, daß im Schweigen der Nacht endlich das Leben sterbe.
Lebendige Flammen entrief ich dem Fels zum Schutze. In goldenem Zorn leuchtet das Berghaupt. Aber die heißeste Stirn, das glühendste Aug’ ist nicht lange gefeit, wo solcher Flügel grabkalte Bahrtücher der Vernichtung eisige Schauer ins Haupt schatten.
Und fahles Grauen würgt mir die Kehle und reißt einen Schrei mir aus der Brust und wirft ihn hinaus in die Finsternisse ... vom grauen Fittichgewölbe fällt er ohnmächtig in mich zurück.
Im Schein der mühsam kämpfenden Lohe trete ich, halb von Sinnen, zum Rande des Abgrunds und breite, wie prüfend, die Arme aus.
Da zucken die Nebelgespenster grausengepackt zusammen. Ihr schnürender Reigen löst sich, zerstreut sich. In wildem Entsetzen rasen heulend die Satane um den Gipfel. Ich aber erkenne auf der zitternden Wand ihrer Flügelflucht ein mächtiges, schwarzes Kreuz.
Meines Körpers kreuzförmiger Schatte quält triumphierend die Engel des Todes hinweg, hinab, zurück in ihr trauriges Reich.
Ich stehe noch lange, die Arme gebreitet, doch nicht mehr in Angst noch als Wehr, nein! jetzt als Gruß und heilige Ehrung den tausend lächelnden Lichtaugen des unsterblichen Alls.