Humoristische Gedichte - aus Kindheit und Jugend
Morgenstern hielt es für ein Missverständnis, Humor mit dem Lachhaften gleichzusetzen. Für ihn kam die Heiterkeit des Humoristen aus dunklen Tiefen. 1895 verglich er das Lachen mit weißem Schaum auf dunklem Meer, und in einem Aphorismus heißt es, Humoristen schrieben ihre besten Sachen in ihren traurigsten Stunden. In seinem eigenen Leben fallen die fruchtbarsten humoristischen Phasen tatsächlich mit Zeiten tiefer Niedergeschlagenheit zusammen. 1893, krank und bedrückt vom Zerfall seiner Familie, wunderte er sich in einem Brief an Friedrich Kayssler selbst darüber, dass er gerade jetzt so viel Humoristisches schreibe.
Ähnlich war es schon in seiner Schulzeit. Mit dem Tod der Mutter 1880 endete die glückliche Kindheit. Es folgten trübe Jahre in Hamburg und im Internat in Landshut. 1884 fand Morgenstern in Breslau wieder ein Zuhause, beim geliebten Vater und dessen zweiter Frau Amelie von Dall'Armi. Die Stiefmutter brachte dem empfindsamen Jungen wenig Verständnis entgegen. Später warf er ihr vor, sie habe sein Denken nie gelten lassen und ihn so in Stolz, Kälte und Spott getrieben. Dazu kamen Misserfolge am Maria-Magdalenen-Gymnasium. Morgenstern war ein schlechter Schüler, musste die Untertertia und die Untersekunda wiederholen und fürchtete jedes Jahr vor Ostern um seine Versetzung. Im Tagebuch beklagte er, dass er sich durch die ständigen Misserfolge von einem heiteren, aufgeweckten Jungen in einen verschlossenen und mürrischen verwandle.
Einen Ausweg fand er im Spiel und in der Dichtung. Mit Freunden baute er eine Hütte, die Angra-Pequeña-Baude, benannt nach der deutschen Handelsstation in Südwestafrika, der heutigen Lüderitzbucht. Dazu erfand er eine Geheimsprache, vermutlich nach dem Vorbild des Volapük, und eine Baudenzeitung, deren Witze fast alle von ihm stammten. Unter den Mitschülern hatte er als Spaßmacher großes Ansehen. Sie nannten ihn Bessos, nach einem persischen Satrapen. Seine humoristischen Gedichte setzte er gezielt ein, damit die Klassenkameraden ihn für faul hielten und nicht für dumm. Weil Morgenstern den Humor früh als Mittel gegen sein Gefühl der Unterlegenheit entdeckt hatte, sind seine ersten Gedichte überwiegend humoristisch.
Die meisten stehen in einem blau eingebundenen Schulheft mit dem Titel Gedichte aus meiner Jugend. Das Inhaltsverzeichnis nennt folgende Stücke:
- An einen gewissen Primaner, Breslau 1885
- Seufzer eines Gymnasiasten, Breslau 1884
- Eine Kriminalgeschichte (Nach einer wahren Begebenheit), Breslau 1885
- Cäsars Überfahrt nach Britannien, Breslau 1884
- Stoßseufzer eines Untertertianers, Ullersdorf 1885
- Allerlei Unsinn
- Über Cäsar und sein Werk "De bello Gallico", Breslau 1884
- Eine Landpartie, Ullersdorf in der Grafschaft Glatz, Sommer 1885
- Fahrt der 3b I nach Kamerun und Erlebnisse derselben, Breslau 1884
- Afrika, Breslau, 1. November 1886
- Aus der Turnstunde
- A la Friederike Kempner
- Auf die Briefbeförderung "Hammonia"
- Mineralogia popularis
- A la Klapphorn
Die Reihenfolge ist nicht chronologisch. Ein Zeichensystem, mit dem Morgenstern erfundene von wirklichen Begebenheiten unterscheiden wollte, gab er bald auf. Mineralogia popularis ist ein Prosastück. Ein zweites Schulheft enthält zwei Gedichte von 1886, Der hiesige Krokettklub und die Klapphornverse. Die Klapphornverse und A la Friederike Kempner stehen in CMO unter „Parodien und dichterische Spiele“. Weitere frühe Gedichte sind auf Einzelblättern überliefert, etwa Medea, Sensationeller Roman, Morgenstern salutem dicit amico suo und Der kloane Voat. Die Parodie Ritter Toggenburg erschien in der Baudenzeitung, das Mulus-Lied 1892 in der Bierzeitung zum Abiturientenkommers.
Hauptthema dieser Gedichte ist die Schule, genauer ihre verkehrte Welt. Schüler, Lehrer und Gestalten aus den Lehrbüchern werden ulkig verzerrt, aber ohne Bosheit. Cäsar und Medea, die Morgenstern aus mühsamen Übersetzungsstunden kannte, behandelt er mit Nachsicht und gönnt ihnen sogar ein kleinbürgerliches Glück. Die Definition des Humors, die Morgenstern Ende 1907 im Anschluss an Jean Paul formulierte, trifft auf diese Verse noch nicht zu. Auch das Spiel mit dem Wortklang ist selten, Wortungetüme oder „Lautgrimassen“, wie Leo Spitzer sie nannte, fehlen ganz. Doch manches weist schon auf die Galgenlieder voraus: die Gewandtheit im Vers, der Sinn für Komik und groteske Einfälle, die reiche Phantasie und vor allem die knappe Form, die in Sensationeller Roman bereits die Dichte der späteren Galgenlieder erreicht.
Nach dem Kommentar von Maurice Cureau in Band III der Stuttgarter Ausgabe.