Parodien und dichterische Spiele
Morgensterns erste Parodien entstanden wie seine ersten humoristischen Gedichte in der Schulzeit am Maria-Magdalena-Gymnasium in Breslau. A la Friederike Kempner und die Klapphornverse stehen in den Schulheften, in die er zwischen 1884 und 1886 seine frühen Gedichte eintrug. Die Parodie Ritter Toggenburg erschien 1886 in der Angra-Pequeña-Baudenzeitung, die er selbst gegründet hatte.
Danach ist zwölf Jahre lang keine Parodie in Versen überliefert. Erst aus der Zeit zwischen Mai und Oktober 1898 stammt Was spricht die Nacht. Zwei weitere Parodien, eine auf Rilke und eine auf Heine, nennt Morgenstern im Inhaltsentwurf zu seinem geplanten Lustigen Buch (Tagebuch 1898/99). Beide sind offenbar verloren. Wann die übrigen Parodien entstanden, ist meist unklar. Von etwa sechs weiß man nur, dass sie vor Ende März 1903 geschrieben wurden, weil ihre Handschrift oder die Liste, auf der sie stehen, noch das kurze „z“ zeigt, das Morgenstern bis dahin schrieb. Vermutlich stammen die meisten aus den Jahren 1898 bis 1901. In dieser Zeit schrieb Morgenstern parodistische Szenen für die Kabarettbühnen „Schall und Rauch“, „Überbrettl“ und die Münchner „Elf Scharfrichter“. Seine Parodien wollte er zusammen mit solchen Einaktern in einem Buch sammeln. Auf das Lustige Buch folgten weitere Pläne dieser Art, Das Orakel und Der grüne Leuchter. Die Listen dazu nennen Titel, für die keine Texte gefunden wurden. Wahrscheinlich sind also auch Parodien verloren gegangen.
Unter einer Parodie versteht man meist eine komische Nachahmung, die die Form eines Werkes übernimmt und ihr einen unpassenden Inhalt gibt. Oft dient sie dazu, die Eigenheiten und Schwächen des Vorbilds bloßzustellen. Fritz Mauthner schrieb 1897: „Parodie müsse Kritik sein, oder sie dürfe gar nicht sein“. Robert Neumann beschrieb die Parodie später als Angriff auf einen Dichter mit den Mitteln seiner eigenen Form.
Diese Angriffslust fehlt bei Morgenstern. Er verspottet keinen zeitgenössischen Dichter. Margareta Morgenstern hat das im Nachwort zur Schallmühle so beschrieben: Die Parodien seien kaum je Karikaturen, sie machten im nachahmenden Spiel das Verhältnis von Inhalt und Form sichtbar. Schon die drei Parodien aus der Schulzeit zeigen diesen versöhnlichen Zug. 1913 erzählte Morgenstern in einem Briefentwurf an Siegfried Jacobsohn, wie er einem Verehrer des George-Kreises eine eigene Nachahmung als angeblich unveröffentlichtes Gedicht Wolfskehls oder Georges vorlas. Der Zuhörer hielt es für echt und fand es sehr schön. Das, so Morgenstern, sei Parodie. Für ihn bedeutete Parodie eine spielerische, möglichst genaue und kunstvolle Nachahmung eines Stils, ohne polemische Absicht.
Auf die Parodien folgen Gedichte, in denen Morgenstern an die alte Tradition des Spiels mit der Dichtung anknüpft. Er zeichnet den feierlich auftretenden Dichter in Terzinen ebenso wie den Poeten, der in seiner Dachstube verhungert. Er spielt mit Reimen und mit Gattungen wie Rondel und Rhapsodie und verspottet die Butzenscheibenlyrik einer heimattümelnden Zeitschrift. Manche Leser werden Anklänge an Hofmannsthal, Dehmel oder Arno Holz hören. Vielleicht sind auch Parodien auf Heine, den jungen Rilke oder heute fast vergessene Zeitgenossen wie Ernst von Wildenbruch, Franz Evers oder Carl Busse darunter. Feststellen ließ sich das nicht.
Nach dem Kommentar von Maurice Cureau in Band III der Stuttgarter Ausgabe.