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in T 1911/12, Bl. 11 taucht der Gedanke noch einmal auf: Jetzt spricht er von einem II.Teil ''Wiederkehr'' oder ''Gottesträume'' und einem III.Teil, dem er, wenn die Eintragung richtig gedeutet ist, nach einem Versbuch von Julius Hart den alten lateinischen Titel ''Media in vita'' (Mitte des Lebens) geben wollte. Später scheint er den Titel ''Media in vita'' für eine eventuelle Auswahl aus {{Kap|Sommer, Kranz}} und {{Kap|Melancholie}}, die sich zwischen {{Kap|Auf vielen Wegen}} und {{Kap|Einkehr}} ''als harmonisches Bindeglied stellen würde'', reservieren zu wollen (T 1911/12, Bl. 73). In einem Briefentwurf (vermutlich an Piper), enthalten in T 1910 IV. Bl. 25, sieht er allerdings von einer Vermehrung des Textbestandes ab: {{Kap|Phanta}} ''wird nicht zu erweitern sein. Erscheint es dennoch in einer wesentlich neuen Redaktion: Honorarverhältnisse wie bei'' {{Kap|Horaz}}.
in T 1911/12, Bl. 11 taucht der Gedanke noch einmal auf: Jetzt spricht er von einem II.Teil ''Wiederkehr'' oder ''Gottesträume'' und einem III.Teil, dem er, wenn die Eintragung richtig gedeutet ist, nach einem Versbuch von Julius Hart den alten lateinischen Titel ''Media in vita'' (Mitte des Lebens) geben wollte. Später scheint er den Titel ''Media in vita'' für eine eventuelle Auswahl aus {{Kap|Sommer, Kranz}} und {{Kap|Melancholie}}, die sich zwischen {{Kap|Auf vielen Wegen}} und {{Kap|Einkehr}} ''als harmonisches Bindeglied stellen würde'', reservieren zu wollen (T 1911/12, Bl. 73). In einem Briefentwurf (vermutlich an Piper), enthalten in T 1910 IV. Bl. 25, sieht er allerdings von einer Vermehrung des Textbestandes ab: {{Kap|Phanta}} ''wird nicht zu erweitern sein. Erscheint es dennoch in einer wesentlich neuen Redaktion: Honorarverhältnisse wie bei'' {{Kap|Horaz}}.


Das Buch führt den Untertitel ''Humoristisch-phantastische Dichtungen''. Die Phantasie erscheint personifiziert. Sie ist zugleich so etwas wie eine Naturgottheit, ein kosmisches Wesen und die Muse des Dichters. (Ob Morgenstern Rückerts Verse "Phantasie, das ungeheure Riesenweib. / saß zu Berg" aus der Parabel "Die Zwei und der Dritte" gekannt hat, ist eine Frage, die den Motiv-Forscher angeht.) Schalkhaft nimmt er das Wort auseinander in zwei Bestandteile des Namens: Phanta Sie, so als träte zum Vornamen ein Nachname hinzu. Eppelsheimer interpretiert die Benennung Humoristisch-phantastische Dichtungen als fröhliche Dichtungen. setzt sie in Analogie zu Nietzsches "Fröhlicher Wissenschaft" und betont ihre Grundhaltung einer dionysischen Lebensbejahung und Weltliebe (S. 150). Das Buch erscheint ihm (S. 140) "wie ein vorweggenommener Penegal-Einfall" (s. Anm. zu Der vergessene Donner S.858 f.).
Das Buch führt den Untertitel ''Humoristisch-phantastische Dichtungen''. Die Phantasie erscheint personifiziert. Sie ist zugleich so etwas wie eine Naturgottheit, ein kosmisches Wesen und die Muse des Dichters. (Ob Morgenstern Rückerts Verse "Phantasie, das ungeheure Riesenweib. / saß zu Berg" aus der Parabel "Die Zwei und der Dritte" gekannt hat, ist eine Frage, die den Motiv-Forscher angeht.) Schalkhaft nimmt er das Wort auseinander in zwei Bestandteile des Namens: Phanta Sie, so als träte zum Vornamen ein Nachname hinzu. Eppelsheimer interpretiert die Benennung ''Humoristisch-phantastische Dichtungen'' als fröhliche Dichtungen. setzt sie in Analogie zu Nietzsches "Fröhlicher Wissenschaft" und betont ihre Grundhaltung einer dionysischen Lebensbejahung und Weltliebe (S. 150). Das Buch erscheint ihm (S. 140) "wie e)in vorweggenommener Penegal-Einfall" (s. Anm. zu {{Kap|Der vergessene Donner}} S. 858 f..


Bei alledem darf man nicht außer acht lassen, daß in Morgenstern von früh an so etwas wie ein pantheistisches Weltgefühi lebendig war, und so deutet Michael Bauer zweifellos richtig, wenn er von "übermütigen Vermenschlichungen" spricht, durch die "die Welt in die Heimat des Menschen" umgedichtet werde (S. 82).
Bei alledem darf man nicht außer acht lassen, daß in Morgenstern von früh an so etwas wie ein pantheistisches Weltgefühi lebendig war, und so deutet Michael Bauer zweifellos richtig, wenn er von "übermütigen Vermenschlichungen" spricht, durch die "die Welt in die Heimat des Menschen" umgedichtet werde (S. 82).


Kommen wird eine Zeit, da wir wieder Poly- und Pantheisten werden, da der Mensch in die entgöttlichte Welt wieder sich selber hineintragen wird, da die Außenwelt ganz Innenwelt geworden sein wird. Und dann werden wieder die Saiten der Menschheitslyren in Dithyramben aufklingen von einer Weihe und Größe, wie sie selbst von den höchsten religiösen Poesien der Vergangenheit nicht erreicht worden sein werden (T1894/95, BI·?1· Abt. Aphorismen Nr. 1522).
''Kommen wird eine Zeit, da wir wieder Poly- und Pantheisten werden, da der Mensch in die entgöttlichte Welt wieder sich selber hineintragen wird, da die Außenwelt ganz Innenwelt geworden sein wird. Und dann werden wieder die Saiten der Menschheitslyren in Dithyramben aufklingen von einer Weihe und Größe, wie sie selbst von den höchsten religiösen Poesien der Vergangenheit nicht erreicht worden sein werden'' (T 1894/95, Bl. 71· Abt. Aphorismen Nr. 1322).


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Version vom 27. Dezember 2025, 19:48 Uhr

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In Phantas Schloß

Einführung. Gedichte gemacht hat Christian Morgenstern seit seinen ersten Gymnasiastenjahren. Daß Dichten für ihn aber mehr war als ein heiteres Spiel, nämlich notwendiger Lebensausdruck aus schicksalhafter Berufung heraus, hat er bald empfunden. Sein Erstlingswerk In Phantas Schloss bedeutet jedoch noch etwas anderes: Es ist Zeugnis eines Durchbruchs jugendlich-schöpferischer Energien von außerordentlicher Intensität, wie er ihn in gleicher Heftigkeit vielleicht gar nicht wieder erlebt hat.

Ausgelöst w urde dieser Durchbruch durch zweierlei. Da ist zuerst das Erlebnis Nietzsche im Breslauer Winter 1893/94. Morgensterns Nietzsche-Lektüre war alles andere als ein reines Bildungserlebnis; das Erlebnis Nietzsche hatte für den jungen Dichter elementare Bedeutung. Morgenstern war bei seiner weichen, empfänglichen Natur zeitlebens für Einflüsse von außen offen. Jetzt war es der zwischen Pathos und Ironie schwankende Zarathustra-Ton, der seiner eigenen Art entgegenkam, so daß er sich als Jünger Nietzsches empfand; es war der tänzerische Übermut sowohl als das feierliche Firnenlicht, das in Nietzsches Hochgebirgsvisionen aufglänzt. Und es waren formal der dithyrambische Schwung, die hochgestimmte Hymnensprache und die freien Rhythmen, in denen er seine Empfindungen auszudrücken vermochte.

Das neben Nietzsche zweite auslösende Moment war das Künstler- und Literatenmilieu der Berliner Boheme, in das der junge Student 1894 mit einer leidenschaftlichen Glücksempfindung eintauchte. In dem Kreis der Brüder Hart, Bruno Willes. Otto Julius Bierbaums, Otto Erich Hartlebens, Paul Scheerbarts, Caesar Flaischlens u. a. wurde er mit offenen Armen aufgenommen. Hier fand er das, was seiner Natur entgegenkam: Freizügigkeit, Ungebundenheit, Leichtigkeit, Unbürgerlichkeit. Hier lernte er Konventionen abstreifen (auch die eines tradierten und erstarrten Kirchenchristentums), lernte sich ungezwungen bewegen und der muffigen Bürgerwelt mit übermütigem Spott begegnen. Und so konnte der Durchbruch einer überschäumenden und doch dichterisch geformten Lebenslust geschehen.

Von daher hat Morgensterns Erstling, so viel Mängel und Schwächen er im einzelnen haben mag, etwas von jugendlichem Charme und ursprünglicher Frische. Das hebt die Mängel nicht auf, trägt aber über sie hinweg.

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Den Berliner Großstadtsommer 1894 unterbrach Morgenstern im August durch einen Erholungsaufenthalt in dem Harzstädtchen Bad Grund. Die Berliner Beschwingtheit brachte er mit. Er trat in einem sogenannten "Dilettanten-Abend" mit dem Vortrag eigener Gedichte auf und erntete Applaus. Dort lernte er die ebenfalls debütierende, aus Ems gebürtige Sängerin Eugenie Leroi kennen. Morgenstern war schnell entflammt, und dieses Erlebnis war das letzte, unmittelbar auslösende Moment: In Bad Grund begann er im September 1894, wenige Tage nach Eugenies Abreise, mit den ersten Phanta-Gedichten, zunächst mit dem Prolog.

Bald darauf schossen mir eine Fülle von Ideen zu, weit, weit mehr, als Sie hier ausgefuhrt sehen (an Eugenie Leroi, 27.2.1895. Briefe. Auswahl (1952) S.63). Über Entstehung und Absicht seines ersten Buches äußert sich Morgenstern in einem Brief vom 12. Mai 1895 aus Berlin an Marie Goettling: Hier hast Du also mein erstes Buch. Ich begann es um die Wende August-September 1894 in Grund im W[est-]Harz, und Grund ist das winklige Städtchen, in dem ich, von den Höhen darauf herabblickend, in der Stimmung des Moments "ein Stück Vergangenheit" symbolisierte. Das Alte, was ich nicht mehr sagen will, ist jene Lyrik, welche sich heute langsam überlebt hat, weil in ihr schon alles klassisch gesagt ist: das Liebeslied in der bekannten Heineschen etc. Form... (Ich bin nicht gegen das "Liebeslied" - es muß nur auch so gesungen werden, daß es wieder selbständiger Gefühlsausbruch und nicht nur als die tausendste Wiederholung eines Schemas auftritt) (ich hatte nämlich damals gerade viel derartiges verbrochen)... das Schmachten und Sich-nicht-Losreißenkönnen aus Ideenlabyrinthen, an deren Pforte ich doch schon lange stand, kurz, das Halbe in mir- das wollte ich energisch zurückweisen -: darum die Zerstörung des Gewesenen und die erlösende Flucht zu mir selbst, in die Einsamkeit, in die Natur.

Fortgeführt und beendet hat er das Werk nach seiner Rückkehr in Berlin bis Weihnachten 1894 (vgl. Brief an Friedrich Gaus, s. u. S.741). Die Phanta-Dichtung ist ein ausgedehnter Komplex von Gedichten, Fragmenten, Entwürfen, von denen nur ein Teil in das Buch eingegangen ist. Einige schon vollendete Gedichte habe ich in das Ganze nicht aufgenommen, schreibt er im Februar 1895 an Eugenie (27.2.1895, s. o.). Aus der Masse des Verworfenen konnte so etwas wie ein Phanta-Folgeband zusammengestellt werden, der in unserer Ausgabe an das von Morgenstern veröffentlichte Buch anschließt. Das ist auch von Morgensterns Intention her zu rechtfertigen: offenbar hatte er eine Fortsetzung des Buches geplant. In T1902/03 1, Bl. 61 vermerkte er als Stichwort: Heimkehr. Eine Fortsetzung von In Phantas Schloss;

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in T 1911/12, Bl. 11 taucht der Gedanke noch einmal auf: Jetzt spricht er von einem II.Teil Wiederkehr oder Gottesträume und einem III.Teil, dem er, wenn die Eintragung richtig gedeutet ist, nach einem Versbuch von Julius Hart den alten lateinischen Titel Media in vita (Mitte des Lebens) geben wollte. Später scheint er den Titel Media in vita für eine eventuelle Auswahl aus Sommer, Kranz und Melancholie, die sich zwischen Auf vielen Wegen und Einkehr als harmonisches Bindeglied stellen würde, reservieren zu wollen (T 1911/12, Bl. 73). In einem Briefentwurf (vermutlich an Piper), enthalten in T 1910 IV. Bl. 25, sieht er allerdings von einer Vermehrung des Textbestandes ab: Phanta wird nicht zu erweitern sein. Erscheint es dennoch in einer wesentlich neuen Redaktion: Honorarverhältnisse wie bei Horaz.

Das Buch führt den Untertitel Humoristisch-phantastische Dichtungen. Die Phantasie erscheint personifiziert. Sie ist zugleich so etwas wie eine Naturgottheit, ein kosmisches Wesen und die Muse des Dichters. (Ob Morgenstern Rückerts Verse "Phantasie, das ungeheure Riesenweib. / saß zu Berg" aus der Parabel "Die Zwei und der Dritte" gekannt hat, ist eine Frage, die den Motiv-Forscher angeht.) Schalkhaft nimmt er das Wort auseinander in zwei Bestandteile des Namens: Phanta Sie, so als träte zum Vornamen ein Nachname hinzu. Eppelsheimer interpretiert die Benennung Humoristisch-phantastische Dichtungen als fröhliche Dichtungen. setzt sie in Analogie zu Nietzsches "Fröhlicher Wissenschaft" und betont ihre Grundhaltung einer dionysischen Lebensbejahung und Weltliebe (S. 150). Das Buch erscheint ihm (S. 140) "wie e)in vorweggenommener Penegal-Einfall" (s. Anm. zu Der vergessene Donner S. 858 f..

Bei alledem darf man nicht außer acht lassen, daß in Morgenstern von früh an so etwas wie ein pantheistisches Weltgefühi lebendig war, und so deutet Michael Bauer zweifellos richtig, wenn er von "übermütigen Vermenschlichungen" spricht, durch die "die Welt in die Heimat des Menschen" umgedichtet werde (S. 82).

Kommen wird eine Zeit, da wir wieder Poly- und Pantheisten werden, da der Mensch in die entgöttlichte Welt wieder sich selber hineintragen wird, da die Außenwelt ganz Innenwelt geworden sein wird. Und dann werden wieder die Saiten der Menschheitslyren in Dithyramben aufklingen von einer Weihe und Größe, wie sie selbst von den höchsten religiösen Poesien der Vergangenheit nicht erreicht worden sein werden (T 1894/95, Bl. 71· Abt. Aphorismen Nr. 1322).

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