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groß geplantes {{Kap|Savonarola}}-Drama gilt daher dasselbe wie für den Roman: es konnte nicht geschrieben werden. In seiner ersten poetischen Prosa-Skizze {{Kap|Eine humoristische Studie}} von 1893 sagt der Held der Erzählung, der ein dramatisches, dann, als er mit diesem scheiterte, ein Opernwerk schaffen wollte, resigniert von sich:
:''Gedanken habe ich übergenug'' [...], ''aber der Stoff, die Handlung - da habe ich noch nichts Rechtes gefunden...''
Das klingt wie ein kaschiertes Selbstbekenntnis Morgensterns - und ist es wohl auch. Der Dichter hat später auch hier seine Grenzen deutlich gesehen:
:''Zum Drama werde ich nie gelangen, ich habe von Natur nicht das Zeug dazu, und mich aufs Drama hin zu disziplinieren, dazu fehlt'' [...] ''Zeit und Energie'' [...] ''Daran wird auch mein Roman scheitern'' (T 1906/07, Bl. 64, datiert 14.10. [1906], Aphorismen Nr.126).


Die aufgezeigten Grenzen von Morgensterns dichterischer Begabung werden in der literarischen Forschung vor allem von Otto Glatz gesehen: es fehle dem Dichter "sowohl an dramatischer Begabung wie auch am notwendigen episch-realistischen Sinn, um irgendeine Idee in eine Begebenheit umzusetzen und als Geschehnis in der Zeit auszuspinnen" (S.225).
Ist dem Dichter die literarische Großform versagt, so ist ihm die Kleinform des lyrischen Gedichts gemäß. ("Kleinform" kennzeichnet hier die Gattung, nicht etwa den Wert.) Damit hängt es wohl auch zusammen, daß Morgenstern meist Versbände geringen Umfangs herausgab, ein Umstand, den sein Verleger Piper (wie schon früher S. Fischer, der ansehnliche Bände wünschte, T 1911, Bl. 141) einmal beanstandet hat und doch nicht ändern konnte. Morgenstern begründete allerdings, warum er nicht warten könne, bis er ein dickes Buch Verse vor sich habe: Dazu gehören [...] andre Lebensläufe, andre Temperamente und schließlich andre Lebensaufgaben als die meinen. Ich konnte nicht warten, weil ich seit 20 Jahren nicht weiß, ob ich das nächste Jahr noch erlebe, ich durfte nicht warten, weil ich keine andre Möglichkeit hatte, nach und nach zu wenn auch noch so bescheidenen Existenzbedingungen zu gelangen, ich wollte nicht warten, weil ich (meistens wenigstens) etwas zu sagen hatte, wovon ich glaubte, daß es den Mitlebenden dienen, ja vielleicht sogar helfen könnte. Deshalb habe ich meine Produktion, wie Sie sagen - bisher - vertröpfeln und verzetteln müssen (ebd., Bl. 142). Noch kurz vor seinem Tode setzte er sich energisch zur Wehr, als ihm Piper das System einer Vertröpfelung vorhielt: [...], da [...] ich mich den Kuckuck darum schere, ob etwas dick oder dünn ist, was ich [...] meinen Mitmenschen mitteilen möchte (Briefentwurf an R. Piper vom





Version vom 25. Dezember 2025, 00:37 Uhr

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Einleitung

Aus tausend Bechern trinkt der Dichter den Wein der Welt.
Christian Morgenstern
(T 1894 II, Bl. 122)

Morgensterns Entwicklung als Lyriker

Christian Morgenstern war seiner dichterischen Natur nach Lyriker, und nichts als das. Die Epik war nicht sein Gebiet; erzählerische Fülle, fest umrissene und ausgeprägte Gestalten von Eigenart wird man vergeblich bei ihm suchen. Der Ansatz zum Erzählen verebbt bei ihm sofort in Bildern, Stimmungen, Reflexionen; kurz: in Lyrismen. In T 1898/99 I, Bl. 86 gesteht er selbstkritisch:

Ich habe offenbar nicht viel vom Erzähler in mir,

und als sein

größtes dichterisches Manko

bezeichnet er den

Mangel an Kompositionstalent. Stimmungen waren von jeher meine Force, schreibt er am 11.11.1893 an Marie Goettling,
Gedanken und Stimmungen sind mein Element am 31.8.1894 an Kayssler

- das aber charakterisiert den Lyriker. Kaum hat er mit einem Roman begonnen, muß er kapitulieren und zugeben, der Faden der Handlung sei ihm ausgegangen;

die ist überhaupt meine schwache Seite (11.11.1893 an Marie Goettling),

und

eine Woche später an Friedrich Kayssler: Es ist eben keine Handlung darin (18.11.1893).

Daß der geplante Roman nicht zur Ausführung kam, zur Ausführung kommen kοnnte, hat also tiefere Gründe und ist nicht oder doch keineswegs allein durch sein physisches Leiden oder die relativ kurze Lebenszeit zu erklären. (Zu Morgensterns Romanplänen vgl. auch Abt. Episches.)

Auch wo sich Morgenstern auf dramatisches Gebiet begibt (und er hat es getan), fällt sofort trotz oft lebendiger und schlagkräftiger Dialoge der Mangel an zielstrebig-gespannter Handlung auf, und die Neigung zum Atmosphärischen und zur Reflexion überwiegt auch hier. Als der Dichter mit einem dramatischen Plan beschäftigt war, warnte ihn

Friedrich Kayssler (am 13.6.1902): "Hüte dich vor dem Übermaß von Gedankeninhalt auf Kosten der dramatischen Handlung."

Wie sehr anfangs bei ihm alles im Ungewissen schwankte, zeigen einander widersprechende Äußerungen. Einmal glaubt er

das Dramatische als sein eigentliches Zukunftselement

entdeckt zu haben (26.5.1904 an Kayssler), dann wieder muß er dem Freund gestehen:

Ich bin eben kein Dramatiker (14.9.1906).

Für ein

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groß geplantes Savonarola-Drama gilt daher dasselbe wie für den Roman: es konnte nicht geschrieben werden. In seiner ersten poetischen Prosa-Skizze Eine humoristische Studie von 1893 sagt der Held der Erzählung, der ein dramatisches, dann, als er mit diesem scheiterte, ein Opernwerk schaffen wollte, resigniert von sich:

Gedanken habe ich übergenug [...], aber der Stoff, die Handlung - da habe ich noch nichts Rechtes gefunden...

Das klingt wie ein kaschiertes Selbstbekenntnis Morgensterns - und ist es wohl auch. Der Dichter hat später auch hier seine Grenzen deutlich gesehen:

Zum Drama werde ich nie gelangen, ich habe von Natur nicht das Zeug dazu, und mich aufs Drama hin zu disziplinieren, dazu fehlt [...] Zeit und Energie [...] Daran wird auch mein Roman scheitern (T 1906/07, Bl. 64, datiert 14.10. [1906], Aphorismen Nr.126).

Die aufgezeigten Grenzen von Morgensterns dichterischer Begabung werden in der literarischen Forschung vor allem von Otto Glatz gesehen: es fehle dem Dichter "sowohl an dramatischer Begabung wie auch am notwendigen episch-realistischen Sinn, um irgendeine Idee in eine Begebenheit umzusetzen und als Geschehnis in der Zeit auszuspinnen" (S.225).

Ist dem Dichter die literarische Großform versagt, so ist ihm die Kleinform des lyrischen Gedichts gemäß. ("Kleinform" kennzeichnet hier die Gattung, nicht etwa den Wert.) Damit hängt es wohl auch zusammen, daß Morgenstern meist Versbände geringen Umfangs herausgab, ein Umstand, den sein Verleger Piper (wie schon früher S. Fischer, der ansehnliche Bände wünschte, T 1911, Bl. 141) einmal beanstandet hat und doch nicht ändern konnte. Morgenstern begründete allerdings, warum er nicht warten könne, bis er ein dickes Buch Verse vor sich habe: Dazu gehören [...] andre Lebensläufe, andre Temperamente und schließlich andre Lebensaufgaben als die meinen. Ich konnte nicht warten, weil ich seit 20 Jahren nicht weiß, ob ich das nächste Jahr noch erlebe, ich durfte nicht warten, weil ich keine andre Möglichkeit hatte, nach und nach zu wenn auch noch so bescheidenen Existenzbedingungen zu gelangen, ich wollte nicht warten, weil ich (meistens wenigstens) etwas zu sagen hatte, wovon ich glaubte, daß es den Mitlebenden dienen, ja vielleicht sogar helfen könnte. Deshalb habe ich meine Produktion, wie Sie sagen - bisher - vertröpfeln und verzetteln müssen (ebd., Bl. 142). Noch kurz vor seinem Tode setzte er sich energisch zur Wehr, als ihm Piper das System einer Vertröpfelung vorhielt: [...], da [...] ich mich den Kuckuck darum schere, ob etwas dick oder dünn ist, was ich [...] meinen Mitmenschen mitteilen möchte (Briefentwurf an R. Piper vom



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