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Unter all den Plänen für zyklische Dichtungen, die in den neunziger Jahren für Morgenstern eine Rolle spielten, ragt einer besonders hervor, und über ihn Konkretes mitzuteilen ist besonders schwierig. Es handelt sich um eine Dichtung mit dem Titel {{Kap|Symphonie}}. Sie wird auffallend oft und mit Nachdruck vom Dichter erwähnt; Notizen, die sie betreffen, sind zahlreich vor allem im T 1895 zu finden, aber gerade von ihr selber ist so gut wie nichts vorhanden, so daß es schwer ist, sich ein Bild zu machen, was Morgenstern eigentlich im Sinn hatte. So konnte es sogar geschehen, daß Martin Beheim-Schwarzbach in seiner Monographie (S. 45) von dieser Dichtung als von einem Roman spricht, aber gerade das ist sie nicht. Es muß sich vielmehr wieder um eine lyrisch-epische Dichtung oder jedenfalls um ein Gedichtwerk gehandelt haben; lyrisch schon deshalb, weil es Morgenstern nicht gegeben war, eine Handlung zu erfinden, er sich dagegen immer wieder in Stimmungen, Gefühlen, Reflexionen erschöpfte. Und das wieder ist der Grund dafür, daß diese weitausgreifende Dichtung keine Gestalt gewinnen konnte. Der Titel {{Kap|Symphonie}} ist eine musikalische Bezeichnung. Morgenstern ist u. a. von Beethovens Symphonien, besonders der Neunten, angeregt worden; bei Gelegenheit sprach er von seiner Dichtung als von seiner Neunten: ''Ich gab Gena'' [Eugenie Leroi] ''mein Buch für die "Neunte Symphonie", daß sie mir’s durch ein Wort von ihr weihe"'' (mit Datum 3. März 1895 in einem nicht mehr vorhandenen Tagebuch, zitiert nach Bauer, Chr. Μ. (1985) S. 92f.). Das musikalische Orchesterwerk gestattet dem Hörer von einer Handlung abzusehen und sich ganz dem Eindruck der Töne hinzugeben. Der klassische Bau der Symphonie wieder ist durch die Abfolge der Sätze bestimmt, und die sind in ihrem Ausdrucksgehalt ganz verschieden. Morgenstern plante ein Wortkunstwerk in vier Sätzen, die denen der klassischen Symphonie in der Musik entsprechen sollten. Ein Übersichtsschema entwarf er in T 1895, Bl. 125: ''Liebe durch alle IV Sätze der ''S''[''ymphonie''] heißt es da; Liebe also als durchgängiges Leitmotiv. Dazu werden die Sätze genannt: | Unter all den Plänen für zyklische Dichtungen, die in den neunziger Jahren für Morgenstern eine Rolle spielten, ragt einer besonders hervor, und über ihn Konkretes mitzuteilen ist besonders schwierig. Es handelt sich um eine Dichtung mit dem Titel {{Kap|Symphonie}}. Sie wird auffallend oft und mit Nachdruck vom Dichter erwähnt; Notizen, die sie betreffen, sind zahlreich vor allem im T 1895 zu finden, aber gerade von ihr selber ist so gut wie nichts vorhanden, so daß es schwer ist, sich ein Bild zu machen, was Morgenstern eigentlich im Sinn hatte. So konnte es sogar geschehen, daß Martin Beheim-Schwarzbach in seiner Monographie (S. 45) von dieser Dichtung als von einem Roman spricht, aber gerade das ist sie nicht. Es muß sich vielmehr wieder um eine lyrisch-epische Dichtung oder jedenfalls um ein Gedichtwerk gehandelt haben; lyrisch schon deshalb, weil es Morgenstern nicht gegeben war, eine Handlung zu erfinden, er sich dagegen immer wieder in Stimmungen, Gefühlen, Reflexionen erschöpfte. Und das wieder ist der Grund dafür, daß diese weitausgreifende Dichtung keine Gestalt gewinnen konnte. Der Titel {{Kap|Symphonie}} ist eine musikalische Bezeichnung. Morgenstern ist u. a. von Beethovens Symphonien, besonders der Neunten, angeregt worden; bei Gelegenheit sprach er von seiner Dichtung als von seiner Neunten: ''Ich gab Gena'' [Eugenie Leroi] ''mein Buch für die "Neunte Symphonie", daß sie mir’s durch ein Wort von ihr weihe"'' (mit Datum 3. März 1895 in einem nicht mehr vorhandenen Tagebuch, zitiert nach Bauer, Chr. Μ. (1985) S. 92f.). Das musikalische Orchesterwerk gestattet dem Hörer von einer Handlung abzusehen und sich ganz dem Eindruck der Töne hinzugeben. Der klassische Bau der Symphonie wieder ist durch die Abfolge der Sätze bestimmt, und die sind in ihrem Ausdrucksgehalt ganz verschieden. Morgenstern plante ein Wortkunstwerk in vier Sätzen, die denen der klassischen Symphonie in der Musik entsprechen sollten. Ein Übersichtsschema entwarf er in T 1895, Bl. 125: ''Liebe durch alle IV Sätze der ''S''[''ymphonie''] heißt es da; Liebe also als durchgängiges Leitmotiv. Dazu werden die Sätze genannt: | ||
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Version vom 27. Dezember 2025, 00:41 Uhr
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Einleitung
- Aus tausend Bechern trinkt der Dichter den Wein der Welt.
- Christian Morgenstern
- (T 1894 II, Bl. 122)
Morgensterns Entwicklung als Lyriker
Christian Morgenstern war seiner dichterischen Natur nach Lyriker, und nichts als das. Die Epik war nicht sein Gebiet; erzählerische Fülle, fest umrissene und ausgeprägte Gestalten von Eigenart wird man vergeblich bei ihm suchen. Der Ansatz zum Erzählen verebbt bei ihm sofort in Bildern, Stimmungen, Reflexionen; kurz: in Lyrismen. In T 1898/99 I, Bl. 86 gesteht er selbstkritisch: :Ich habe offenbar nicht viel vom Erzähler in mir, und als sein größtes dichterisches Manko bezeichnet er den Mangel an Kompositionstalent. Stimmungen waren von jeher meine Force, schreibt er am 11.11.1893 an Marie Goettling, Gedanken und Stimmungen sind mein Element am 31.8.1894 an Kayssler - das aber charakterisiert den Lyriker. Kaum hat er mit einem Roman begonnen, muß er kapitulieren und zugeben, der Faden der Handlung sei ihm ausgegangen; die ist überhaupt meine schwache Seite (11.11.1893 an Marie Goettling), und eine Woche später an Friedrich Kayssler: Es ist eben keine Handlung darin (18.11.1893). Daß der geplante Roman nicht zur Ausführung kam, zur Ausführung kommen kοnnte, hat also tiefere Gründe und ist nicht oder doch keineswegs allein durch sein physisches Leiden oder die relativ kurze Lebenszeit zu erklären. (Zu Morgensterns Romanplänen vgl. auch Abt. Episches.)
Auch wo sich Morgenstern auf dramatisches Gebiet begibt (und er hat es getan), fällt sofort trotz oft lebendiger und schlagkräftiger Dialoge der Mangel an zielstrebig-gespannter Handlung auf, und die Neigung zum Atmosphärischen und zur Reflexion überwiegt auch hier. Als der Dichter mit einem dramatischen Plan beschäftigt war, warnte ihn Friedrich Kayssler (am 13.6.1902): "Hüte dich vor dem Übermaß von Gedankeninhalt auf Kosten der dramatischen Handlung." Wie sehr anfangs bei ihm alles im Ungewissen schwankte, zeigen einander widersprechende Äußerungen. Einmal glaubt er das Dramatische als sein eigentliches Zukunftselement entdeckt zu haben (26.5.1904 an Kayssler), dann wieder muß er dem Freund gestehen: Ich bin eben kein Dramatiker (14.9.1906). Für ein groß geplantes Savonarola-Drama gilt daher dasselbe wie für den Roman: es konnte nicht geschrieben werden. In seiner ersten poetischen Prosa-Skizze Eine humoristische Studie von 1893 sagt der Held der Erzählung, der ein dramatisches, dann, als er mit diesem scheiterte, ein Opernwerk schaffen wollte, resigniert von sich: Gedanken habe ich übergenug [...], aber der Stoff, die Handlung - da habe ich noch nichts Rechtes gefunden... Das klingt wie ein kaschiertes Selbstbekenntnis Morgensterns - und ist es wohl auch. Der Dichter hat später auch hier seine Grenzen deutlich gesehen: Zum Drama werde ich nie gelangen, ich habe von Natur nicht das Zeug dazu, und mich aufs Drama hin zu disziplinieren, dazu fehlt [...] Zeit und Energie [...] Daran wird auch mein Roman scheitern (T 1906/07, Bl. 64, datiert 14.10. [1906], Aphorismen Nr.126).
Die aufgezeigten Grenzen von Morgensterns dichterischer Begabung werden in der literarischen Forschung vor allem von Otto Glatz gesehen: es fehle dem Dichter "sowohl an dramatischer Begabung wie auch am notwendigen episch-realistischen Sinn, um irgendeine Idee in eine Begebenheit umzusetzen und als Geschehnis in der Zeit auszuspinnen" (S.225).
Ist dem Dichter die literarische Großform versagt, so ist ihm die Kleinform des lyrischen Gedichts gemäß. ("Kleinform" kennzeichnet hier die Gattung, nicht etwa den Wert.) Damit hängt es wohl auch zusammen, daß Morgenstern meist Versbände geringen Umfangs herausgab, ein Umstand, den sein Verleger Piper (wie schon früher S. Fischer, der ansehnliche Bände wünschte, T 1911, Bl. 141) einmal beanstandet hat und doch nicht ändern konnte. Morgenstern begründete allerdings, warum er nicht warten könne, bis er ein dickes Buch Verse vor sich habe: Dazu gehören [...] andre Lebensläufe, andre Temperamente und schließlich andre Lebensaufgaben als die meinen. Ich konnte nicht warten, weil ich seit 20 Jahren nicht weiß, ob ich das nächste Jahr noch erlebe, ich durfte nicht warten, weil ich keine andre Möglichkeit hatte, nach und nach zu wenn auch noch so bescheidenen Existenzbedingungen zu gelangen, ich wollte nicht warten, weil ich (meistens wenigstens) etwas zu sagen hatte, wovon ich glaubte, daß es den Mitlebenden dienen, ja vielleicht sogar helfen könnte. Deshalb habe ich meine Produktion, wie Sie sagen - bisher - vertröpfeln und verzetteln müssen (T 1911, Bl. 142).
Noch kurz vor seinem Tode setzte er sich energisch zur Wehr, als ihm Piper das System einer Vertröpfelung vorhielt: [...], da [...] ich mich den Kuckuck darum schere, ob etwas dick oder dünn ist, was ich [...] meinen Mitmenschen mitteilen möchte (Briefentwurf an R. Piper vom März 1914 auf Tagebuchseiten). Allerdings wußte er sehr genau, daß die literarischen Kleinformen seine Domäne waren: Ich bin der Gefangene der Lyrik und etwa noch der kurzen und unverbindlichen persönlichen Aufzeichnung geworden und werde vermutlich nicht mehr freikommen (T 1906/07, Bl.65, vgl. Abt. Aphorismen, Kommentar zu Nr. 126).
Der Drang zur lyrischen Äußerung tritt früh hervor. Die ältesten erhaltenen Verse stammen vom dreizehn- und vierzehnjährigen Breslauer Gymnasiasten. Es sind vorwiegend Scherzgedichte, wie sie unter aufgeweckten Schülern früher im Schwange waren; Motive aus dem Schul- und Familienleben werden in ironisch-satirischen Versen geschildert.
Das satirische Moment ist also von vornherein da. Daß es über das schülerhafte Vergnügen an Spaß und Spott hinausgeht, zeigen die Verse, mit denen der Vierzehnjährige Friederike Kempner witzig und höchst sachverständig parodiert. Auch die Leichtigkeit im Verseschmieden, die Schmiegsamkeit der Sprache erheben die frühen poetischen Versuche über den konventionellen Durchschnitt und deuten auf Späteres. Sinn für komische und groteske Situationen verbindet sich mit Freude am freien und geistreichen Spiel mit der Sprache. So unbeholfen natürlich vieles anmutet, ist doch in den frühen Versen ein wesentliches Stück des späteren Morgenstern in nuce vorgebildet. Wenige Seiten einer Vergil-Übersetzung in Hexametern weisen auf den Dichter des Horatius Travestitus und den begabten Übersetzer voraus. Ein gereimtes, bei flüchtigem Blick parodistisch gemeintes Volapük-Gedicht scheint auf Das grosse Lalula der Galgenlieder vorauszudeuten. Das Vergnügen an einer Geheimsprache war Morgenstern von Kindheit an gegeben und ist ihm zeitlebens geblieben. Aber gerade hier verrät genaueres Hinsehen Morgensterns Lust auch an sprachlichem Versteckspiel: die Volapük-Verse sind, soweit übersetzbar, von emphatischem Ernst erfüllt und rufen die Menschen auf, Mut und Kraft, Ausdauer, Hoffnung und Glaube zu verbreiten. Sie gipfeln in Worten, die der späte Morgenstern geschrieben haben könnte: Gott ist Liebe! Freundschaft, Liebe, Friede (Übersetzung von Maurice Cureau). In diese Jugendperiode gehört auch das eine oder andere Gedicht in lateinischer Sprache, gehören die wenigen Stücke in bayrischer Mundart (s.S. 505 ff.), wie sie Morgenstern durch seine Kindheit in München und Oberbayern vertraut war, und diese zählen zu den liebenswürdigsten Hervorbringungen seiner frühen Jahre.
Mit dem entwicklungsbedingten geistigen Durchbruch treten in den Versen, die Morgenstern etwa von seinem siebzehnten Jahre an schreibt, die für ihn charakteristischen Züge eines verantwortungsbewußten Ethos, einer umfassenden Menschenliebe, eines zielbewußten Höherstrebens (Ad astra sei die Losung ( = Zu den Sternen, lat.) schreibt er auf einem mit 24.6.1888 datierten Einzelblatt) und ein didaktisches Moment von mitunter missionarischem Eifer hervor: Schon als kleiner Junge fühlte ich den inneren Drang in mir, das Volk zu belehren, heißt es in der Vorrede der noch aus den Schülertagen stammenden humoristischen Mineralogia Popularis (Gedichte aus meiner Jugend, Bl. 40) und Einzelblatt 1888:
Schenk, Muse, mir die rechte Kraft,
Zu sagen, wie ich ’s denke,
Und daß das, was mein Geist erschafft,
'Auch andre Geister lenke.
In der frühen Prosaarbeit Eine humoristische Studie von Anfang Januar 1893 hat der Held der Erzählung nach Morgensterns Angabe manchen Zug von mir bekommen (T 1892/93, Bl. 14).-Er schwankte beständig zwischen tiefem Ernste über die Jämmerlichkeit alles Irdischen und einer unbezähmbaren Lachlust über ebendasselbe. Und Hand in Hand mit diesen beiden extremen Stimmungen ging ein ungewöhnlich starker Trieb zum Reformieren, zum Erziehen. [...] Ich hatte von jeher Neigung zum Dozieren, zum Erziehen. (Eine humoristische Studie, Abt. Episches).
Aus demselben Jahr stammt ein Brief an Elisabeth Reche, die die dritte Frau seines Vaters werden sollte und das Weib wurde, das ihn mit Hasse schlug (vgl. Kommentar zu Meinem Freunde Friedrich Kayssler, S. 818). Morgenstern spricht in diesem Brief (vom 22. August 1893) von einem Grundzug seiner Natur. Es ist der heißeste Trieb in mir, den Schein zu entlarven, die Nuß in ihrer Hohlheit aufzuzeigen und das Gift auszubrennen, wo ich es finde.
Im Grunde ist Morgensterns Lyrik von Anfang an ein großes monologisches Selbstgespräch, ein Kreisen um das eigene Ich, das der Dichter zu erkennen sucht. Am 26.8.1912 schreibt er an Margareta Morgenstern: Ich bin kein Schriftsteller in summa, kein Bildner aus dem Vollen, sondern nur ein nach dem Dichterischen hin veranlagter Aufzeichner meines Menschen, vom Nichtigsten bis zum Wichtigsten. Ein Tagebuchschriftsteller, ein Notizeur. Julius Bab nennt in diesem Sinne Morgensterns Gedichtbände "eigentlich eine lückenlose poetische Tagebücherei" und "Notizen eines Dichterlebens" (Christian Morgenstern. "Die Hilfe" 20 (1914) S.292). Bernhard Martin spricht seinen Dichtungen "weithin das Gepräge eines Tagebuchs in Versen" zu (S. 14), und auch im Du, im Freund und in der geliebten Frau, sucht er das alter ego. Bezeichnend dafür ist die auffallend große Zahl Gedichte, die mit "Ich" beginnen (Martin, S.85) oder in denen das erste persönliche Fürwort zentrale Bedeutung hat. Beginnen die Gedichte mit dem zweiten Personalpronomen "Du", dann ist mit diesem in nicht wenigen Fällen das erste gemeint: der Dichter redet sich selber an. "Wer bin ich?" - diese große Grund- und Rätselfrage unseres Lebens ist vor allem die Frage des Heranreifenden, dem die eigene Existenz erstmalig bewußt wird. Für Morgenstern bleibt sie die Grundfrage, wenn auch das solipsistische Selbstverständnis später zum Weltverständnis wird. Sehr früh schon ist ihm die Gleichung Mensch-Gott vertraut, wenn sich auch die Hybris des Nietzscheschen Übermenschen bei ihm zur Demut der von Rudolf Steiner erschlossenen kosmischen Christologie wandelt.
Wie jeder geistig lebende Mensch hat auch Morgenstern fremdes Ideengut aufgenommen und sich angeeignet. Die Frage der Einflüsse und ihr Niederschlag im Werk (mit den Namen Schopenhauer, Nietzsche, Dostojewski, Lagarde, Steiner sind die wichtigsten Einflußsphären angedeutet) ist vorzugsweise eine Frage der inneren Biographie. Die Entwicklung des Lyrikers läßt mannigfache Einflüsse auf Stil und Sprache erkennen, ja, es ist leicht, stilistische Vorbilder aufzuzeigen. Morgenstern war eine weiche, schmiegsam-anpassungsfähige Natur; das Sich-in-an-dere-Hineinfühlen fiel ihm leicht. Daher seine Begabung für Sprachen und für das Übersetzen. Bezeichnend ist aber auch ein mehr oder weniger bewußtes oder unbewußtes Sichanverwandeln fremder Formen. Bei seiner Fähigkeit zur Selbstbeobachtung und Selbsterkenntnis hat er auch das gewußt. In einem seiner Tagebücher (T 1907 II, Bl. 42) findet sich der Vierzeiler:
Da ich leicht beweglich bin,
geb ich gern mich manchen hin,
singe gern, wie jene sangen,
und das Herz mir just bezwangen.
Nach der ersten, der naiven Phase seiner Lyrik strömt in der zweiten Phase Welt auf den Dichter ein, und das bedeutet bei Morgenstern auch: Literatur. Die Schmiegsamkeit seines Naturells bedingt das ständig sich wandelnde Hineinfühlen in enthusiastisch aufgenommene gedankliche und formale Strömungen innerhalb des ihm bekannt werdenden Schrifttums. In seiner pubertären Lyrik sind durchaus epigonale Anklänge auffindbar: an den Vormärz, an die dünnblütige Nachromantik eines Geibel, an den aufkommenden naturalistischen Ton bei Holz und Schlaf. Morgenstern will dichten, weil er nicht anders kann. Dichten ist seine Art, sich zu äußern, ja man ist versucht zu sagen: zu leben. Er tat das jederzeit aus heißem Herzen (so nannte er bezeichnenderweise eine Sammlung seiner Jugendlyrik, die er 1892 seinen Eltern zu Weihnachten schenkte), aber dabei tastet er nach Ausdrucksmitteln und -formen, die er vorfand - keinem jungen Dichter wird es, wenigstens in seinen Anfängen, anders gehen. Von diesen Jugendversen hat Morgenstern nichts in die von ihm veröffentlichten Bücher aufgenommen.
Das tiefste, ihn vorübergehend ganz erfüllende und verwandelnde Erlebnis seiner jungen Jahre heißt Nietzsche und trifft den dreiundzwanzigjährigen Studenten während des Breslauer Winters 1895/94. Der Einfluß Nietzsches auf Morgenstern ist gar nicht zu überschätzen. Der Dichter bekennt, daß Nietzsche mein eigentlicher Bildner und die leidenschaftliche Liebe langer Jahre wurde (Abt. Aphorismen Nr. 1). Morgenstern ist später über Nietzsche hinausgewachsen, hat ihn verneint, aber ganz überwunden und abgetan war er für ihn wohl nie. Von Nietzsche her wurden Form und Sprache seines gedruckten Erstlings In Phantas Schloss (1895) bestimmt, den er Dem Geiste Friedrich Nietzsches widmete und der Mutter des Philosophen verehrungsvoll zusandte. Von Nietzsche stammt der hymnisch-dithyrambische, vielfach freirhythmische Vers. Von Nietzsche aber wurde noch etwas anderes in Morgenstern nicht so sehr angeregt als vielmehr als eigene, ursprüngliche Anlage freigelegt, bewußt gemacht und von da ab gepflegt: das blitzartig erhellende aphoristische Denken, das sich dem systematischen Denkprozeß widersetzt. In seinem Werk heißt das: die beiden nachgelassenen, aber von ihm bei Lebzeiten geplanten Sammlungen Stufen (der aphoristische Denker) und Epigramme und Sprüche (der aphoristisch-didaktische Lyriker).
In der knappen, epigrammatisch zugespitzten Form hat Morgenstern sein Bestes an ernster Lyrik gegeben. Da ihm das folgerichtige Entwickeln von Gedanken nicht gemäß war, war ihm auch nicht gemäß die große Form. Wo er weit Ausgreifendes unternimmt, mißlingt es oder bleibt Fragment. Der hymnische Stil ist Stil jugendlicher und jugendgemäßer Selbstäußerung. Er wandelt sich naturgemäß später zu schlichteren Formen und Aussageweisen; das liedhafte Gebilde und kürzere lyrische Stimmungsbild treten hervor. Der Jugend gemäß ist aber das Greifen nach großartigen, weitgespannten Projekten, selbst und gerade dort, wo sie die vorhandene Schöpferkraft übersteigen. Das maßlose Wollen und Planen, das meist ungestaltet verlodert und verglüht, hat hier seinen Grund. Es spricht aber auch für Morgensterns Neigung zu zyklischen Zusammenschlüssen (vgl. den Abschnitt Zyklen-Pläne, S. 711 ff.). Wichtig war ihm die Anordnung der Gedichte in Gruppen und diese Gruppenreihe wiederum zu einem größeren Komplex zu vereinigen (14.9.1906 an Friedrich Kayssler). In den Berliner Jahren, in denen Phanta erscheint, trägt er sich mit allerlei weitgespannten zyklischen Plänen, hochgetürmten lyrisch-hymnischen Monumenten, lyrischen Kosmiaden und Kosmogonien, Symphonien und Gesängen. Ein kosmisches, naturhymnisches Grundgefühl dominiert, verbindet aber den pathetischen Überschwang gemäß seiner Doppelbegabung mit grotesken und humoristischen Zügen. Schon der Phanta-Erstling hieß ja im Untertitel Ein Zyklus humoristisch-phantastischer Dichtungen, und das Wort humoristisch war hier in einem ausgesprochen weiten und tiefen Sinne gemeint: ein durch den unendlichsten Schmerz jubelndes Jasagen zu dieser Welt (T 1894 II, Bl. 112, Abt. Aphorismen Nr. 15). Zur gleichen Zeit, als Phanta entsteht, trägt sich der Dichter mit dem Gedanken einer Kosmiade vom Weltkobold, er plant einen Zyklus Sonnenaufgänge, eine lyrisch-epische Symphonie, die in vier musikalisch empfundenen Sätzen seine gesamte Welt- und Lebenserfahrung einfangen sollte (Abt. Aphorismen Nr. 1724-1875), Meergesänge im Stil der gemalten Meeres-Mythologie von Böcklin (Poseidon und Selene). Bei der Durchsicht der Nachlaß-Masse mit ihren zahlreichen Entwürfen und Fragmenten läßt sich im einzelnen oft nicht ausmachen, welches Bruchstück zu welcher Konzeption gehört, ja inwieweit nicht manche der verschieden benannten Pläne miteinander identisch sind. Was von alledem ausreifte, hat Morgenstern schließlich zum Teil an ihm geeignet erscheinenden anderen Stellen eingereiht. Unsere Ausgabe versucht, diese Zyklen, wenigstens andeutungsweise, wiederherzustellen und geschlossen darzubieten. Dadurch ergeben sich einige Überschneidungen insofern, als einzelne Gedichte zweimal erscheinen, einmal in dem Buchzusammenhang, in den sie Morgenstern gestellt hat, und dann noch einmal innerhalb des Zyklus, für den sie ursprünglich gedacht waren.
Jugend ist Zeit der Fülle. Lyrische Produktion quillt meist am stärksten in der Jugend. Die auf Phanta folgenden Gedichtbände Auf vielen Wegen (1897) und Ich und die Welt (1898), also noch immer Jugendwerke, sind die, umfangreichsten, die Morgenstern überhaupt veröffentlicht hat, und Phanta selbst stellt nur eine Auswahl aus einer weitaus größeren Menge poetischer Hervorbringungen zum Thema dar (vgl. Μ an Eugenie Leroi am 27.2.1895. Briefe. Auswahl (1952) S.63 f.). So war es möglich, aus dem bisher ungedruckten Nachlaß so etwas wie einen zweiten Phanta-Band zusammenzustellen. Einiges aus der Phanta-Zeit ist bereits in die genannten beiden folgenden Bücher eingegangen; Morgenstern wollte selbst das dritte Buch als Ergänzung des ersten und mehr noch des zweiten verstanden wissen (vgl. Ms Vorwort zu Ich und die Welt, S. 210). Dabei wäre vor allem an Gedichte aus dem Umkreis kosmischer oder phantastisch-visionärer Vorstellungen zu denken (Vier Elementarphantasien, Der Urton, Wohl kreist verdunkelt oft der Ball, Bahn frei!, Machtrausch). Friedrich Kayssler verstand Ich und die Welt als einen "Ergänzungsband", "eine Art Nachtrag" zu Auf vielen Wegen (an Μ am 27.1.1899).
Das zweite Buch ist Friedrich Kayssler, dem "Urfreund", gewidmet. Freundschaft, und zwar zu Männern und Frauen, tritt jetzt überhaupt stark und lebensbestimmend in Erscheinung; zahlreiche Widmungen einzelner Gedichte bezeugen es.
Von jetzt ab beginnt auch die äußere Umwelt (die, durch die Lebensumstände bedingt, häufig wechselt) sich in Morgensterns Lyrik zu spiegeln. Die Berliner Jahre, in denen die dortige Künstler-Boheme stark auf ihn wirkt, geben ihm das Erlebnis der Großstadt: ein Zyklus Berlin wird geplant. Er lernt das Meer und die nordische Landschaft, später, durch notwendige Kur- und Erholungsaufenthalte bedingt, die Schweizer und Tiroler Bergwelt und Italien kennen. Für wohl alle Stationen seines unrastigen Lebens lassen sich poetische Bildskizzen in seiner Lyrik auffinden. Dem euphorischen Lebenstrieb des Lungenkranken begegnet er durch die ernste Auseinandersetzung mit dem immer mehr andringenden Gedanken an den Tod; der Tod wird eines der Bild- und Gedankenmotive seiner Dichtung, das ihn nie mehr verläßt.
Die erotische Sphäre hat Morgenstern jederzeit intensiv erlebt. In frühen Versen spiegelt sie sich naturgemäß mehr als Spielerei, als "Liebelei" im Vorfeld. Hinter dem vierten Buch des Dichters Ein Sommer (1900) steht aber ein Liebeserlebnis, noch nicht das "eigentliche" (das wird erst in dem Buch Ich und Du durchscheinen), aber doch eine sehr innige Beziehung (in Norwegen, wo er im Frühling und Sommer 1898 an seiner Ibsen-Übersetzung arbeitete). Er nannte das Buch (und meinte das Erlebnis) ein Intermezzo, das er durchschritten hat, ohne sich binden zu lassen, empfand aber, daß die Gefühlstiefe seinen lyrischen Tonfall schlichter werden ließ. Das Einfachste von allem Bisherigen nannte er dieses Buch (Μ an Marie Goettling am 26.8.1898).
Eine Ergänzung dieses Buches ist das folgende schmale Bändchen Und aber ründet sich ein Kranz (1902), das wie schon Ein Sommer von dem prominenten Berliner Verleger S. Fischer in Verlag genommen wurde. Es war sinnvoll, beide Bücher Ein Sommer und Und aber ründet sich ein Kranz später zu vereinigen, doch geschah diese Zusammenfügung ziemlich willkürlich nach dem Tode des Dichters unter dem Titel Ein Kranz und hat zur Konfusion der Morgenstern-Editionen beigetragen. Das Buch Und aber ründet sich ein Kranz enthält als letztes Stück eines der berühmtesten Gedichte Morgensterns: Erster Schnee (Aus silbergrauen Gründen/tritt ein schlankes Reh).
Morgensterns "Jugenddichtung" reicht bis zum Jahre 1906, dem Jahr, das eine bedeutsame Zäsur im Leben des Dichters signalisiert: den Durchbruch seiner "mystischen" Periode. Diese bedeutet aber keineswegs, wie auch die literarische Forschung gezeigt hat, eine neue Lebens-und Erkenntnisweise, sondern Ausgestaltung und Verdeutlichung von etwas in ihm von vornherein Angelegtem und auch schon Wirkendem, war doch Morgenstern "seiner Wesensveranlagung nach von Natur ein Mystiker" (Giffei, S. 6). Morgenstern nannte seine mystische Periode später Episode; Giffei sieht in ihr den bedeutendsten Teil seines Lebens (S. 4). Allerdings hat die mystische Phase erst durch die Begegnung mit Rudolf Steiners Anthroposophie und (diese Begegnung vorwegnehmend und für Morgenstern anbahnend) mit seiner späteren Frau Ziel und Richtung (den Pfad) gefunden.
In Anbetracht der relativ kurzen Lebens- und Schaffenszeit Morgensterns bildet die "Jugendlyrik" die Hauptmasse seiner lyrischen Produktion überhaupt. Zu den in Büchern gedruckten Gedichten tritt eine überaus große Zahl Gedichte, die aus seinem Nachlaß bereits publiziert wurden, unbeachtet in heute vergessenen Zeitschriften stehen oder überhaupt noch nie gedruckt wurden. Unsere Ausgabe erschließt zum ersten Mal den gesamten umfangreichen Nachlaß.
Den Abschluß der ersten großen Lebens- und Schaffensepoche bildet das Buch Melancholie von 1906 (ab hier s. Band II. Lyrik 1906-1914). Es als "Jugendwerk" zu bezeichnen, wäre verfehlt. Im Gegenteil: Friedrich Kayssler spricht ihm "Mittelpunktcharakter" innerhalb des Gesamtwerks zu. Schon der Titel (der sich auf Dürers berühmten Kupferstich bezieht) deutet auf den Ernst des nachdenklichen und bewußten Mannesalters, in dem sich Selbstgefühl des Erreichten mit Resignation über alle Vergeblichkeit zu einem schwermütigen, wenn auch nicht eindeutigen Gesamtton vereinigt. Der Titel meint den Ernst des Augenblicks, wo das schwingende Pendel seinen höchsten Punkt erreicht hat und sich anschickt, zurückzufallen. O Zeit und Ewigkeit, so schließt das erste Gedicht des Buchs. Dann folgen aber thematisch sehr unterschiedliche Abschnitte: lyrische Gebilde im bisherigen Stil, Niederschlag neuer Liebesbegegnungen, Stücke aus dem vergeblich geplanten Berlin-Zyklus, Gedichte aus Italien, Ritornelle, Epigramme, Kindergedichte.
Die mystische Phase, von der die Rede war, wird ausgelöst durch die Lektüre mystischer Schriften (Meister Eckhart), der Romane Dostojewskis, in denen er die Religiosität der russischen Volksseele fand, und am Ende (schon weiter weisend) durch das Johannes-Evangelium. Der erkenntniskritische Gewinn ist ein neues Ich-Verständnis, durch das ihm die große Einheit alles Seienden, die Identität Gott-Welt-Mensch aufgeht. Der Mensch tritt nicht mehr zur Welt und zu Gott in ein Subjekt-Objekt-Verhältnis, sondern versteht sich als ein Teil der pantheistisch aufzufassenden Gottheit, ja als diese selbst. Niederschlag solcher Gedanken ist in dem folgenden Buch Einkehr (1910) zu finden. Morgenstern sucht jetzt auch nach einem neuen Christus-Verständnis. In Christi Wort "Ich und der Vater sind eins" glaubt er eine Bestätigung der von ihm gemeinten Einheit zu finden. In dieser Zeit trägt er sich lange mit dem Plan eines Christus-Zyklus, den er 1907 beginnt und von dem sich verstreute Bruchstücke finden; die ausgereiftesten Stücke stehen als letzte Gedichtgruppe in Einkehr.
Kaum ist aber das Einkehr-Manuskript abgeschlossen, beginnt sich Morgensterns Denkweise zu verändern, zu erweitern und zu vertiefen. In seiner Biographie ist jetzt von der Begegnung mit seiner späteren Frau und mit Rudolf Steiner zu sprechen. Was in dem Dichter jetzt vorgeht, läßt ihn sein gesamtes bisheriges Werk als etwas Vorläufiges ansehen; das "Eigentliche" ruft ihn jetzt zur Gestaltung. Zunächst spiegelt sich die Liebeserfüllung in dem Sonettenkranz, den Ritornellen und Liedern des Folgebandes Ich und Du (1911). Persönlichstes wird vernehmbar, wenn auch formal streng gebunden, aber die Grundprobleme seines Lebens: die Frage nach dem Ich und nach dem Du, nach der Welt und aller Kreatur. lassen ihn nicht los. Das neue Buch zeigt die wachsende Sicherheit im Gebrauch lyrischer Formen, sie zeigt, wichtiger, wie neues Erleben neue Verse entbindet. Aber sehr schnell empfindet er die beiden Bücher Einkehr und Ich und Du als etwas Vorläufiges, Episodisches, will sie als Stationen verstanden wissen, dem die eigentlichen dichterischen Würfe aus neuer Erkenntnis heraus folgen sollen: Ich und Du ist in einem gewissen Sinne ein Schlußpunkt. Was an Gedichtbüchern jetzt noch heranreifen dürfte, schlägt andere Pfade ein, wie Sie seinerzeit selbst sehen werden (Briefentwurf an Reinhard Piper, T 1911, Bl. 144).
Nun aber geschieht in der dichterischen Entwicklung etwas durchaus Tragisches, das nicht aus falscher Verehrung in eine Apotheose uminterpretiert werden sollte. Je sicherer er durch geistige Bemühung in sein neues Weltbild, das anthroposophische, hineinwächst, je reifer er im Geiste wird, um so rascher schreitet der physische Verfall voran, der auch eine dichterische Ermattung und Schwächung mit sich bringt. (Das gilt übrigens auch für die letzten Palmström-Verse, die teilweise mehr auf willentlichen Vorsatz als auf das Geschenk der Eingebung zurückgehen. Im letzten Palmström-Fragment versucht er sogar den grotesk-geistreichen Palmström in seine ernste, ganz einem hohen Ethos verpflichtete Lyrik hineinzuziehen.) Morgenstern mochte fühlen, während er das Bedürfnis hatte, das Letzte zu sagen, wie sich ihm das Letzte auszusagen ver-sagt. Freilich will er jetzt auch ganz schlicht, ganz unprätentiös sprechen, will mehr Verkünder als Dichter sein. So mögen die Aussagen seiner letzten Zeit als ein Vermächtnis verstanden werden, das ein Begnadeter seinen Brüdern hinterläßt. Es gibt da einige Stücke von großer Dichte und Aussagekraft (Die Fusswaschung; Julius Bab meinte, sie sei "eines der schönsten deutschen Gedichte", in: "Die Schaubühne", 12 (1916) Bd. 1, S. 452). Anderes, vor allem auch die aus dem Nachlaß bekannt gewordenen Verse, die unter dem Eindruck Steinerscher Vorträge entstanden sind, wirken mehr wie rhythmisierte Prosa und sind mindestens als unfertige Fragmente zu werten. In dem letzten Buch, das dem Dichter zu vollenden vergönnt war, Wir fanden einen Pfad (postum 1914), findet sich aber auch eine Spätlese aus der Einkehr- und Ich und Du-Zeit oder aus einem anderen Zusammenhang, wie das herzliche Brüder-Lied aus dem nicht zustande gekommenen Liederbuch studentischer Jugend.
Die Entwicklung der Morgensternschen Lyrik verläuft also von jugendlich-pathetischem Schwung und Überschwang (auch wo sie humoristisch getönt ist), über schlichte, liedhafte Formen zur Meisterung anspruchsvoller lyrischer Formen (Stanze, Sonett, Ritornell) zu einer ohne Anspruch auftretenden lyrischen Aussage, die auf den Schmuck des Rhetorischen weitgehend verzichtet, um nur im Dienste der Verkündung zu stehen. So gilt Rudolf Steiners Urteil: "Das Einfache findet man selten bei ihm; er braucht klingende Worte, um zu sagen, was er will" in erster Linie für seine frühe und mittlere Periode, es sei denn, man denke daran, wie oft in seiner Aussage, auch wo er ganz einfach sein will, etwas Angestrengtes, ja manchmal Forciertes mitschwingt. Dagegen gilt Rudolf Steiners späteres Urteil: "Diese Dichtungen haben Aura" besonders für die Verse der Spätzeit. Tritt zuletzt das didaktische Moment stärker hervor, so schwächt sich die Bildkraft ab, so wie bei den meisten Menschen im Alter die Fähigkeit des Bildersehens zugunsten einer blaß-abstrakten Gedank-lichkeit zurücktritt. Gemeint ist mit Bildkraft das, was Morgenstern selbst als sein Malererbe empfand.
Zyklen-Pläne: Sonnenaufgänge - Symphonie - Römische Dithyramben. Die Neigung zu zyklischer Gestaltung, zum Zusammenfassen, Kom-ponieren von Motiven und Motivgruppen unter einem höheren Gesichtspunkt zieht sich durch Morgensterns gesamtes Schaffen. Er sieht das Einzelne als Teil eines Ganzen, es steht nicht für sich allein, sondern hat eine Funktion innerhalb einer übergreifenden Ordnung. So ist das erste Buch In Phantas Schloss ein durchkomponiertes Werk mit Prolog und Epilog und dazwischen thematisch geschlossenen Gedichtgruppen wie Wolkenspiele (die wieder von Sonnenaufgang und Sonnenuntergang umschlossen sind) und Mondbilder. Auf vielen Wegen ist ein polyphones Geflecht verschiedenartiger Melodien, innerhalb deren sich Zyklen wie Träume, Vom Tagwerk des Todes, Vier Elementarphantasien, Waldluft (s. u.), Zwischenstück Fusch-Leberbrünnl deutlich abheben. Ähnlich bei Ich und die Welt, in dessen Mitte der Sommerabend-Zyklus steht; andere Gruppierungen geringeren Umfangs treten hinzu; mehrfach sind es Zweiergruppen wie Stimmungen vor Werken Michelangelos, Schicksale der Liebe u. a. oder Dreiergruppen wie Lebens-Sprüche und Mitmenschen. Das Buch Ein Sommer enthält den Zyklus Skizzenbuch I und II; der Aufbau dieses Buches zeigt einen zu beruhigter Resignation absinkenden Erinnerungsbogen. Das Norwegen-Erlebnis gibt zu dem Folgeband Und aber ründet sich ein Kranz den Nordstrand-Zyklus; das ganze Buch zerfällt in deutlich voneinander abgesetzte Teile. In Melancholie werden die acht Teile des Buches, die recht unterschiedlichen Charakter aufweisen, z.T. durch Ziffern bezeichnet, und auch im Folgeband Einkehr wird es so gehalten. Ich und Du hat eine strenge symmetrische Ordnung: Sonettenkränze am Anfang und Schluß, dazwischen die Gruppen der Ritornelle und Lieder, und im letzten Buch Wir fanden einen Pfad wird die Bezifferung der fünf Teile vollständig durchgeführt.
Ein so einheitliches, unter ein Thema gestelltes Werk wie In Phantas Schloss hat Morgenstern nicht wieder geschaffen, doch hat er gerade in den frühen Jahren mehrfach Ähnliches geplant (vgl. dazu den Abschnitt Morgensterns Entwicklung als Lyriker), aber davon ist nichts vollendet. Einiges ist als großer Torso erhalten und wird hier erstmals vollständig wiedergegeben: Der Weltkobold und Mein Gastgeschenk an Berlin. Anderes wurde zu rekonstruieren versucht, wie der Berlin- und der Christus-Zyklus; anderes ist über Anläufe nicht hinausgekommen oder kaum über die Pläne hinausgelangt. Bei der Durchsicht der Nachlaß-Masse und der Tagebücher fällt immer wieder auf, daß Morgenstern Gedichte in einen größeren Zusammenhang stellen wollte, den auszuführen ihm aber nicht vergönnt war. Solche Vorhaben tragen Obertitel wie: Winter-Idyll oder Elbenreigen oder Im zoologischen Garten oder auch Etudes Domestiques bzw. Häusliche Szenen. Jedem dieser Titel kann man ein oder mehrere Gedichte zuordnen, ohne daß aber ein ganzer Zyklus vorläge oder nachträglich zusammengestellt werden könnte.
Die Stoffe, um die in frühen Jahren die Zyklen-Pläne Morgensterns kreisten, sind fast durchweg einer groß gesehenen Natur, der elementaren Welt entnommen: Meer, Nacht, Sonne heißen die Leitworte. So hatte der Dichter einen Zyklus Sonnenaufgänge im Sinn. Michael Bauer nennt den Zyklus Sonnenhymnen (Chr.M. (1985) S. 312) und gibt dazu eine Notiz Morgensterns: Sonne. Sie glüht ewig. Sie leidet unsäglich. Wir leben von ihrem Leiden. Sie verzehrt sich in ihrer Liebe Tag und Nacht. Vom Tode lebt das Leben. Ein Opfertod macht die Welt erst möglich. - Beziehungen auf Menschliches (Aphorismen Nr. 1808). Der Plan wird in T 1895, Bl. 168, skizziert: Etwa 12 Gesänge. Jedesmal ist in einen Sonnenaufgang einer Menschenseeie aufringender Kampf verflochten. Aus diesem Zyklus existiert ein einziges von Morgenstern veröffentlichtes Gedicht. Es ist Sonnenaufgänge überschrieben und ausdrücklich als Aus einem Zyklus bezeichnet. Es erschien in der Zeitschrift "Das Deutsche Dichterheim" (1896) Nr. 1, S. 30. In T 1898/99 I, Bl. 22, findet sich noch ein Sonnenaufgangs-Lieder überschriebenes Bruchstück:
Siehe, die Sonne
lodert über die Berge -
und deine reine Stirn
glüht blutübergoldet.
Die Lebens-Sonne
flammt über die Felsen
<und rötet dich, blasses Mädchen>
und [bricht ab]
Michael Bauer teilt (S. 101) eine Prosa-Skizze von 1895 mit, die zu einem "lyrischen Chorwerk" gehöre und in dem sich Nietzschesche Gedanken von der Wiederkunft des Gleichen mit der Gewißheit von der Wiedergeburt des Ich verbinden. Sie lautet: Eingang: Wilde undfassungslose Klage der Geliebten um den verlorenen Geliebten. In ihr Schluchzen, ihre Anklagen hinein die Chöre der All-Natur, die ihren Sohn frohlockend nun wieder zurück in ihren Schoß empfängt. Zuerst fangen der Fels, die Schluchten zu reden an, dann die Wälder, die Wasser. Sie läßt sich trösten, aber doch genügt ihr der Trost nicht.
Mitternacht; tiefste Verzweiflung, Leere, Nächte der Nachtgeister. Ende, Nichts. Chor der Verzweiflung. Langsam naht der Morgen heran. Der aufgehenden Sonne vorauf die Boten der Frühe: Ewig jung und unsterblich bleibt das Leben, nur die Formen wechseln. Des Toten Seele wird vielleicht schon wieder im Keim einer neuen vollkommeneren Form schlummern.
Die Sonne geht auf. Jauchzende Sonnenchöre. (Vgl. auch Eine moderne Totenmesse, Abt. Dramatisches.)
Ein zu dieser Skizze gehöriges Bruchstück findet sich in T 1894/95, Bl. 65. Die Schlußworte in Skizze und Bruchstück Die Sonne geht auf. Jauchzende Sonnenchöre lassen vermuten, daß diese Texte und das lyrische Chorwerk ebenfalls zu dem Zyklenplan Sonnenaufgänge gehören.
Unter all den Plänen für zyklische Dichtungen, die in den neunziger Jahren für Morgenstern eine Rolle spielten, ragt einer besonders hervor, und über ihn Konkretes mitzuteilen ist besonders schwierig. Es handelt sich um eine Dichtung mit dem Titel Symphonie. Sie wird auffallend oft und mit Nachdruck vom Dichter erwähnt; Notizen, die sie betreffen, sind zahlreich vor allem im T 1895 zu finden, aber gerade von ihr selber ist so gut wie nichts vorhanden, so daß es schwer ist, sich ein Bild zu machen, was Morgenstern eigentlich im Sinn hatte. So konnte es sogar geschehen, daß Martin Beheim-Schwarzbach in seiner Monographie (S. 45) von dieser Dichtung als von einem Roman spricht, aber gerade das ist sie nicht. Es muß sich vielmehr wieder um eine lyrisch-epische Dichtung oder jedenfalls um ein Gedichtwerk gehandelt haben; lyrisch schon deshalb, weil es Morgenstern nicht gegeben war, eine Handlung zu erfinden, er sich dagegen immer wieder in Stimmungen, Gefühlen, Reflexionen erschöpfte. Und das wieder ist der Grund dafür, daß diese weitausgreifende Dichtung keine Gestalt gewinnen konnte. Der Titel Symphonie ist eine musikalische Bezeichnung. Morgenstern ist u. a. von Beethovens Symphonien, besonders der Neunten, angeregt worden; bei Gelegenheit sprach er von seiner Dichtung als von seiner Neunten: Ich gab Gena [Eugenie Leroi] mein Buch für die "Neunte Symphonie", daß sie mir’s durch ein Wort von ihr weihe" (mit Datum 3. März 1895 in einem nicht mehr vorhandenen Tagebuch, zitiert nach Bauer, Chr. Μ. (1985) S. 92f.). Das musikalische Orchesterwerk gestattet dem Hörer von einer Handlung abzusehen und sich ganz dem Eindruck der Töne hinzugeben. Der klassische Bau der Symphonie wieder ist durch die Abfolge der Sätze bestimmt, und die sind in ihrem Ausdrucksgehalt ganz verschieden. Morgenstern plante ein Wortkunstwerk in vier Sätzen, die denen der klassischen Symphonie in der Musik entsprechen sollten. Ein Übersichtsschema entwarf er in T 1895, Bl. 125: Liebe durch alle IV Sätze der S[ymphonie] heißt es da; Liebe also als durchgängiges Leitmotiv. Dazu werden die Sätze genannt:
I. Illusion
II. Höchster Frieden
III. Venus Kobold
IV. Große Leidenschaft.
Das entspricht nicht ganz den Sätzen in Beethovens Neunter. Am ehesten gilt es für I und IV, die man als Allegro maestoso, allerdings auch mit schwerblütig-dumpfen Klängen, und als heroisch-pathetisches Finale auffassen könnte. Schreie gequälter Kreatur werden vernommen (T 1895, Bl. 112); das Chaos brodelt empor (T 1895, Bl. 129); trübes Sinnen (T 1895, Bl. 116) über die Vergeblichkeit, das Nichthinauskönnen aus sich (T 1895, Bl. 108) - das sind einige der Motive für den ersten Satz.
Unter II müßte man sich ein Adagio cantabile wie im dritten Beethoven-Satz vorstellen, während in zweifellos Scherzo-Charakter tragen sollte. (Die gesamte Fragmenten-Sammlung vgl. Abt. Aphorismen Nr. 1724-1875 ·) üen Charakteren der vier Sätze könnte man auch die vier Motti unterlegen, die Morgenstern unter der Überschrift Vor die vier Sätze
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